Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Simrock >

Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 37
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechsunddreißigstes Kapitel

Die Schildbürger haben Mitleid mit einem armen Nußbaum und was sie mit ihm vorgenommen haben.

Nicht ferne von Schilde in Misnopotamien floß ein Wasser vorüber, an dessen Gestade ein großer Nußbaum haushielt: demselben hing ein großer Ast hinab bis über das Wasser und fehlte wenig, daß ers nicht berührte. Die Schildbürger sahen einstmals solches, und dieweil sie einfältige, liebe, fromme Leute waren, dergleichen Bauern man heutiges Tages wenig findet, hatten sie herzliches Erbarmen über den guten Nußbaum und großes Mitleiden mit ihm: gingen deßhalb darüber zu Rath und bedachten, was doch der gute Nußbaum für ein Anliegen hätte, daß er sich also zum Wasser neige?

Als nun hievon mancherlei Meinungen fielen, sagte letztlich mein Herr Schultheiß: Ob sie nicht närrische Leute wären? sie sähen doch wohl, daß der Baum an einem dürren Orte stünde und sich darum auf das Wasser neige, daß er gerne trinken wollte: er gedächte auch nicht anders, denn daß derselbige niederste Ast des Baumes Schnabel wäre, welchen er nach dem Trunk ausstreckte. Die Schildbürger faßten kurzen Rath, gedachten ein Werk der Barmherzigkeit zu thun, wenn sie ihm zu trinken gäben; legten derowegen ein großes Seil oben an den Baum, stellten sich jenseits des Wassers und zogen den Baum mit Gewalt herab, vermeinend, ihm also zu trinken zu geben. Als sie ihn schier gar bei dem Wasser hatten, befehlen sie Einem, auf den Baum zu steigen und ihm den Schnabel vollends in das Wasser zu tunken. Indem nun derselbe hinaufsteigt und den Ast hinunter in das Wasser tunket, so bricht den Bauern das Seil: da schnellt der Baum wieder in die Höhe und ein harter Ast schlägt dem Bauern auf dem Baum den Kopf ab: der fällt in das Wasser, daß ihn die Bauern nicht sehen, der Rumpf aber rutscht vom Baum herab und hat keinen Kopf mehr.

Dessen erschraken die Bauern sehr, welche auf der Stelle stehenden Fußes zu Gericht saßen und Umfrage hielten: ob er auch einen Kopf gehabt, da er auf den Baum gestiegen sei? Aber es konnte Solches ihrer Keiner wissen. Der Schultheiß sagte: er glaube gänzlich, er hätte keinen gehabt, als er mit ihnen hinaus gegangen, denn er habe ihn drei oder vier Mal gerufen, aber nie keinen Antwort von ihm gehört. Daraus er denn als ein guter Logicus schließe: habe er nichts gehört, so habe er auch keine Ohren gehabt; habe er keine Ohren gehabt, so habe er auch keinen Kopf gehabt, denn die Ohren müssen ja am Kopfe stehen. Doch wisse er es nicht so ganz eigentlich: darum wäre sein Rath, man sollte Jemand heim zu seinem Weibe schicken und sie fragen lassen: ob ihr Mann auch heut Morgen den Kopf gehabt hätte, als er aufgestanden und mit ihnen hinausgegangen sei.

Die Frau sagte, sie wisse es nicht; aber das sei ihr noch wohl bewußt: als sie verwichenen Samstag ihn gewaschen, da habe er den Kopf noch gehabt und viel Unflats hinter den Ohren: seitdem habe sie nie so gute Achtung darauf gegeben. »Dort an der Wand«, sagte sie, »hängt sein alter Hut: wenn der Kopf nicht darin steckt, so wird er ihn wohl mit sich genommen oder sonst wo hingelegt haben, das ich nicht wissen kann.«

Also sahen sie unter den Hut an der Wand, aber da war nichts und kann noch heutiges Tages im ganzen Flecken Niemand sagen, wie es doch dem Schildbürger mit dem Kopf ergangen sei, ob er ihn daheim gelassen oder mit sich hinaus getragen.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.