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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 35
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierunddreißigstes Kapitel

Wie die zu Schilde eine lange Wurst machten und sie nicht kochen konnten.

Die Schildbürger hatten auf eine Zeit eine gute schweinene Sau, die wollten sie behalten und mästen. Als aber dieselbe in einer Scheuer über den Hafer kam, fraß sie aus Trieb des Hungers etwas zu viel: darum sie denn verklagt und von der ganzen Gemeinde als ein Dieb vom Leben zum Tod verurtheilt ward. Als nun Zeter geschrien und der Stab über sie gebrochen ward, wurde sie alsbald mit dem Messer, und das von Rechtswegen, vom Leben zum Tode gebracht und fiel all ihr Hab und Gut, Haut und Haar den Richtern anheim zum Verfressen. Denn dieweil sie mit Fressen das Leben verwirkt, so schien auch billig, daß sie mit gleicher Strafe gestraft und auch sollte gefressen werden. Nun wollten die Bauern Alles nützlich verwenden, und damit nichts verloren ginge, auch Würste machen, nahmen also das Gedärm so ganz, wuschen es aus und füllte es, so lang es war, mit Speck, Blut, Leber, Lunge, Hirn und anderem, was man zu einer Wurst zu gebrauchen pflegt, und machten eine einzige Wurst, die so lang war als der ganze Darm.

Als nun der Tag kam, daß sie das Urtheil vollziehen und die Sau auffressen sollten, da wollten sie die Wurst zu einem Voressen haben, konnten aber keinen Hafen finden, welcher lang genug gewesen wäre, die Wurst der Länge nach darin zu kochen. Denn sie meinten gänzlich, der Hafen müßte so lang sein als die Wurst, wußten also nicht, wie die Sache zu thun wäre. Denn zu dem, daß sie keinen so langen Hafen bei der Hand hatten, wollte auch kein Töpfer oder Häfner sich unterstehen, ihnen einen solchen zu machen.

In solchem Zweifel und Unmuth geht der Schildbürger Einer durch das Dorf hinab, und als er vor etlichen Gänsen vorüber geht, fingen dieselben an zu schreien: Gigag, gigag! (Etliche Scribenten vermeinen, es sei ein Esel gewesen und habe geschrien – machts nicht so laut, da ich ihn nicht höre I a, I a, I a! – welches wohl sein mag.) Das hörte der Schildbürger, kehrte sich um und hatte die Gänse nicht recht verstanden, und vermeint, sie hätten gesagt zwiefach, zwiefach: ging derwegen wiederum zur Gemeinde und sprach: Es sei ihnen Allen wohl eine Schande, daß sie erst jetzund von den Gänsen sollten lernen, daß man die Wurst müsse zwiefach in den Hafen thun. Als die Gemeinde solcher vernahm, nahm sie es in fernere Überlegung und ward allda geschlossen (denn sie waren gute Logici: könne man die Wurst zwiefach kochen, so lasse sie sich auch dreifach kochen, denn was sich zweie, das dreie sich auch gern), derowegen auch vierfach und noch mehrfach. Also legten sie die Wurst so oftfach zusammen, bis sie so nahe zusammen kam, daß sie in einen gemeinen Hafen gelegt werden konnte (denn sie wollte nicht selber hineinspringen), ward also gekocht und ausgetheilt und Jedem ein Stück davon gegeben, welches ihm drei Mal um das Maul ging. Denn es mußte ein Jeder den einen Zipfel der Wurst ins Maul nehmen; mit dem andern Theil fuhren sie um den Kopf, und wenn sie das dritte Mal ans Maul kamen, so biß er es ab: das war alsdann sein Theil. Davon ist das Sprichwort noch heutiges Tages vorhanden, da die Schildischen sprechen: Man muß dir eine Wurst braten, die dir drei Mal ums Maul geht.

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