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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 22
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Wie der Kaiser gen Schilde reiste und unterwegs einen Schildbürger fand, der Käs und Brod aß, und wie er empfangen worden sei.

Als der Kaiser auf dem Wege war nach Schilda in Misnopotamien und es fast erreicht hatte, fand er auf dem Felde einen Schäfer, sich an seinen Stab lehnend, der hatte in der einen Hand ein Stück Brod, das war ganz schwarz und grob, von rauhen Kleien gebacken. Als der Kaiser das sah, sagte er zu ihm: »Du hast rauhes, schwarzes Brod.« – »Ja,« antwortete der Schildbürger, »wenns besser wäre, so nähm ichs auch an.« – »Wie kannst du es essen,« sagte der Kaiser, »und davon leben?« – »Ich muß es halt«, sagte Jener, »mit diesem Käse«, den er in der andern Hand zeigte, »überträufeln.« Also zog der Kaiser fort und hatte gelernt, wie man das schwarze Brod sollte schmackhaft machen.

Nun habt ihr, liebe Herren, zuvor wohl gehört und verstanden, wie der Kaiser den Schildbürgern durch seine Gesandten entboten, wenn sie ihm könnten auf seine ersten Worte, die er zu ihnen sprechen würde, reimweis antworten, und ihm halb geritten und halb gegangen entgegen kämen, so wollte er ihnen ihr alten Herkommen bestätigen und noch viel mehr Freiheiten dazu geben. Solches hatte die ganze Gemeinde bei dem Wein, zu welchem, zu welchem sie der Pfaffe, wie obsteht, geführt, wohl erwogen und fleißig bedacht, wie die Sache würde anzugreifen sein.

Nun hatten sie die Frage, über welche sie rathschlagen sollten in zwei Theile abgetheilt, damit sie desto besser daraus kommen könnten, sintemal, wer recht und wohl unterscheidet und abtheilt, auch allezeit besser lehrt. Denn sie handelten erstlich davon, wie man dem Kaiser reimweis antworten sollte, darnach, wie sie ihm halb geritten und halb gegangen entgegen ziehen und ihn empfangen sollten.

Über das Erste ward abgestimmt und beschlossen, sie wollten dem Kaiser zuvorkommen und es also einleiten, daß er ihnen eine Antwort geben müßte, wie sie verlangten. Der Schultheiß sollte ihn also zuerst anreden und mit den Worten: »Nun seid uns willkommen!« empfangen. Denn darauf würde der Kaiser nothgedrungen antworten müssen: »Und du mir auch.« So das geschähe, hätten sie schon gewonnen, denn der Schultheiß müsse darauf sprechen: der Witzigste von uns ist ein Gauch: das würde sich wohl reimen in Figura, Forma und Materia.

Über den zweiten Punkt aber, wie man dem Kaiser entgegen ziehen sollte, ergaben sich unter andern sonderlich diese Meinungen: Etliche riethen, man sollte sich in zwei gleiche Haufen abtheilen, und der eine Haufen reiten, der andere zu Fuß gehen, je ein Reiter und Fußgänger in einem Glied. Andere vermeinten, es sollte ein Jeder den einen Fuß im Stegreif haben und reiten und mit dem andern auf den Boden gehen, dies wäre ja auch halb geritten und halb gegangen. Aber Andere waren der Meinung, man sollte dem Kaiser auf hölzernen Pferden entgegen kommen, denn im Sprichwort pflege man zu sagen: Steckenreiten seien halb gegangen, zu dem seien solche Pferde auch fertiger, hurtiger, musterlicher und bald gezäumt und gestriegelt.

Der letzten Meinung ward von allen Seiten Beifall gegeben und beschlossen, daß sich Jeder mit seinem Roß bereit halten sollte, welches denn geschah. Denn es war Keiner so arm, daß er sich nicht um ein weißes, graues, braunes, falbes, schwarzes, rothes, gesprenkeltes Pferd, nachdem ein Jeder gern wäre beritten gewesen, umgethan hätte. Dieselben tummelten sie und richteten sie aufs Meisterlichste ab.

Als nun der angesetzte Tag herbeigekommen und der Kaiser mit seinem Hofe heranrückte, sprengten die Schildbürger mit ihren Steckenpferden heraus ihm entgegen. Unterwegs ward es ihrem Herrn Schultheißen (welcher den Abend zuvor saure Buttermilch geschleckt) in den Hosen zu enge, weßhalb er hinter einen Misthaufen beiseit sprengte, vom Pferde absprang, dasselbe anband, und seine Sache so gut machte als er konnte.

Indessen war der Kaiser näher gekommen, und die ganze Schildbürgische Ritterschaft sah sich nach ihrem Schultheißen um, welcher unterdeß hinterm Mist gehockt und Scheiter gehauen hatte. Als er solches sah, nahm er sich, aus Furcht die Gelegenheit zu versäumen, nicht so viel Zeit und Weile, daß er die Hosen zugeknöpft, den Gaul abgelöst und sich darauf geschwungen hätte, sondern seine Hosen, die er bloß herauf gezogen, in der Hand haltend, sprang er auf den Mist, den Kaiser desto förmlicher und feierlicher zu empfangen.

Da nun der Kaiser herzu kam, wußte mein Herr der Schultheiß wohl, daß er den Hut vor ihm abziehen mußte; weil er aber mit der einen Hand die Hosen hielt, die noch nicht zugeknöpft waren, die andre Hand aber dem Kaiser darreichen mußte, faßte er kurzen Rath, nahm den Filzhut ins Maul und mit der einen Hand die Hosen haltend, bot er dem Kaiser die andere dar und sprach: »Nun seid uns willkommen auf unserm Grund und Boden, vester Junker Kaiser.«

Der Kaiser sah aus den Federn wohl, was es für Vögel wären, und daß das Gerücht von der Schildbürger Thorheit nicht nichtig und leer wäre, reichte also dem Schultheißen auch die Hand und sprach: »Hab Dank, mein lieber Schultheiß, und du mir auch.« Da sollte nun der Schultheiß reimweise antworten, wie zuvor unter ihnen beschlossen war; allein er wollte es unbedachterweise nicht thun, damit er sich nicht etwa verschnappte, weßhalb alsbald ein Anderer, in der Meinung, der Schultheiß wäre verstummt, hervorwischte, reimweis antwortete und sprach:

»Der Schultheiß ist ein rechter Narr.«

Denn es war in ihrer Rathsversammlung beschlossen worden, man sollte antworten:

»Der Witzigste unter uns ist ein Gauch.«

Nun dachte dieser, Gauch und Narr wär ja eins und der Witzigste unter ihnen wär eben der Schultheiß selber, den er deßwegen ehrenhalber wohl nennen dürfe. Solchergestalten gedachte dieser Schildbürger, es gelte gleich, wenn er Eins für das Andere nehme, und reime es sich schon nicht so gar wohl, so sei doch nicht sogar viel daran gelegen, wenn es sich nur in der Worte Bedeutung und Auslegung, woran am meisten liege, reime und schicke.

Solchermaßen ward der Kaiser empfangen. Sie ritten vor ihm her bis gen Schilde, wo sie ihn erst aufs Neue empfingen. Denn der Schultheiß saß ab von seinem hölzernen Klepper, stieg auf einen Misthaufen und reichte dem Kaiser nochmals die Hand. Aber der Kaiser sagte zu ihm: »Was thust du hier auf dem Mist?« – »Ach, vester Junker Kaiser,« antwortete der Schultheiß, »ich armer Teufel bin nicht werth, daß mich der Erdboden vor euch trage.«

Also führten sie den Kaiser in sein Losoment aufs Rathhaus, dahin sie ihn gelosiert hatten. Sie erzählten ihm auch alle Geschichten, die sich damit zugetragen, daran er ein gnädiges, kurzweiliges Wohlgefallen schöpfte. Auch zeigten sie ihm an, um ihn, bis das Essen fertig wäre, aufzuhalten, was sich mit dem Salzgewächs zugetragen, mit unterthänigster Bitte und Begehren, wofern ihnen solche Kunst gerathen sollte, sie darüber gnädiglich zu privilegiren und zu befreien, damit ihnen nicht Jemand Solches nachthun möchte, zu ihrem unwiderbringlichen Schaden, wie Junker Kaiser selber wohl erachten möchte. Der Kaiser erzeigte ihnen hierin, dieweil ihr Begehren nicht unziemlich, gnädigsten Willen, mit Erlaubniß und Gestattung alles dessen, darum sie an ihn gelangen würden, und noch eines Mehrern, so es die Noth erfordern würde.

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