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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 18
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel

Wie der Kaiser von Utopien den Schildbürgern seine bevorstehende Ankunft bei ihnen anzeigt und sie in Eil einen Schultheißen wählen.

Der Schildbürger frühere Weisheit war zwar weit und breit durch die ganze Welt bekannt geworden, so daß Jedermann davon zu sagen wußte; allein es hatte dazu langer Zeit bedurft. Das Gerücht von ihrer neuangenommenen Thorheit erscholl dagegen in kurzer Zeit noch viel weiter, so daß schier Niemand mehr war, der nicht gewußt hätte, was sich bei ihnen zugetragen. Welches uns jedoch, wenn wir Menschen uns nur selber recht erkennten, kein Wind erscheinen dürfte, denn weil wir Alle zu Narren geworden sind, indem wir rechte Weisheit verloren haben, und zwar muthwilliger Weise, so pflegen wir allzeit mehr der Narrheit nachzufragen und der Thorheit nachzuforschen als der Weisheit. Also erging es hier auch, denn der Schildbürger Weisheit hatte viel Jahre gebraucht, bekannt zu werden, dagegen ihre Thorheit durch die Welt erscholl, eh sie nur recht angefangen hatte.

Wie nun der Kaiser von Utopien, welchem Etliche nur den Königtitel geben, in Reichsgeschäften in diese Gegend gelangte, ward ihm viel gesagt von denen zu Schilde und von ihren seltsamen, abenteuerlichen, närrischen Possen. Darob verwunderte sich der Kaiser sehr, und um so mehr, als er sich zuvor auch in wichtigen Sachen ihrer Weisheit bedient und ihres Rathes gepflogen hatte. Weil er nun ohnedies verziehen mußte, bis die Stände des Reichs, welche er berufen hatte, versammelt wären, so begehrte er selbst zu ihnen zu ziehen, um an Ort und Stelle zu erkundigen, ob sich die Dinge gänzlich so verhielten, wie von ihnen gesagt wurde, oder ob es ein nichtiges Geschrei wäre, vielleicht auch die Sache befiedert und aufgestutzt würde. Wie Solches gemeiniglich zu geschehen pflegt, wovon ein guter Geselle, der die Erfahrung machen wollte, bald überzeugenden Beweis gewann. Denn als er seinem Weibe unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut hatte, sein Nachbar habe ein Ei gelegt, sagte sie es, ehe eine halbe Stunde verlaufen war, ihrer Gespielin, welche gleichfalls still zu schweigen versprechen mußte, machte aber zwei Eier daraus. Diese sagte es unter derselben Bedingung einer dritten, welche noch ein Ei zulegte: und also ging es weiter, bis er, ehe es Nacht geworden, mehr als ein Dutzend Eier gelegt hatte, da es doch anfänglich nur Eins gewesen.

Um solcher Ursachen willen fertigte der Kaiser alsbald seine Gesandten zu ihnen ab, sie von seiner Ankunft zu verständigen, damit sie sich darauf rüsteten und gefaßt machten. Er ließ ihnen auch dabei anzeigen und vermelden (ohne Zweifel, sie zu versuchen, und ob sie recht närrisch seien zu erfahren), er wolle sie bei allen ihren von Alters hergebrachten Privilegien, Freiheiten und Gnaden nicht nur schirmen und handhaben, sondern sie auch, wo es die Nothdurft erforderte, noch fernerweit befreien und begnaden, wenn sie ihm auf seine Rede, die er zuerst zu ihnen sprechen würde, so antworten könnten, daß sein Gruß und ihre Antwort sich auf einander reimten. Darauf sollten sie bedacht sein, und ihm, wenn er käme, halb geritten und halb gegangen zum Empfang entgegen kommen.

Den armen Schildbürgern war mit solcher Botschaft die Angst in den Busen geschoben, daß sie nicht anders erschraken als eine miauende Katze vor dem Kürschner oder eine arme meckernde Geiß vor einem Schneider, wenn sie sich unversehener Dinge vor ihm befinden; denn obschon sie Bauern waren, welche gemeinlich für simple, schlichte, einfältige Leute gehalten werden, so fürchteten sie dennoch, daß etwa der Kaiser (welcher mit seinen Augen, ob sie gleich nicht größer als andrer Leute Augen, viel weiter als andere sehen könne, wie denn die Herren auch lange Hände haben und Einen über viele Meilen Wegs beim Haar erwischen und greifen können) ihre künstlich angenommene Narrheit merken möchte, wodurch sie denn nicht nur in allerhöchste Ungnad und Strafe fallen, sondern auch vielleicht gezwungen werden möchten, wieder witzig und verständig zu werden und es allda anzufangen, wo sie es zuvor gelassen hatten.

Und in der That, sie hatten wohl Grund und Ursache zu solcher Besorgniß, denn es ist ja nicht ein Geringes, sich selbst zum Narren zu machen, sintemal hiedurch dem allgemeinen Besten, dem wir auch unser Leben, so fern es sich erstrecken mag, schuldig sind, das Seinige geraubt und entzogen wird. Man sollte vielmehr die Zeit abwarten, daß Einer entweder von selbst ein Narr oder durch Andere zu einem Narren gezimmert, gemeißelt, gesäget, gehobelt, gebohrt, genetzt und geschworen wird, in welchem Fall sich Einer ohne Furcht und Scheu, auch ohne Verweis und Aufrücken, einen Narren mag schelten lassen von Jedem, und wäre er schon ein größerer Narr als du bist.

In solchem Schrecken, wie obgemeldet, suchten die Schildbürger bei ihrer alten abgelegten Weisheit Rath und Hülfe, wo sie dann bald fanden, was in der Sache zu thun wäre. Darum ordneten sie Alles, was nöthig, im Stall für die Pferde und in der Küche für sich und den Kaiser aufs Fleißigste an, damit Nichts vergessen würde und sie den Kaiser aufs Stattlichste in ihrem Dorf empfangen möchten.

Weil aber eine ganze Herde Schweine ohne Hirten eben so wenig anfangen kann als ein ganzer Leib ohne Haupt, und sie zu allem Unglück eben damals keinen Schultheiß hatten, indem ihnen der Erste, welchen sie beim Anfang ihrer Thorheit gehabt, M. O. R. U. S. (schau zu, daß du es nicht seist) genannt, aus lauter Eifer gar zum Narren und deßhalb zu solchem Amt untauglich geworden, sie aber, nach ihrem hohen Verstand, wohl erkennen und erachten konnten, daß sie nothwendigerweise einen haben mußten, auf welchen sie Alle nicht anderes sähen als lose Mücken auf einen geschälten Apfelschnitze: also gingen sie zu Rath und ließen herumrathen, wie Einer, ohne daß Unwillen erregt würde, zu erwählen wäre; wie sonst gemeinlich zu geschehen pflegt, wo man Ämter, sonderlich den Adel austheilt, daß Jeder gern der Erste und Vorderste wäre.

Solchem Ungemach, woraus gemeinlich nichts Gutes erfolgt, zu begegnen und zuvorzukommen, ward nach gehaltener Umfrage der Beschluß gefaßt: sintemal man dem Kaiser auf sein erstes Wort reimweise antworten müsse, so wolle es das Beste scheinen, daß derjenige Schultheiß werde, welcher am folgenden Tag den besten Reim hervorbringen würde. Darauf sollten sie sich nur wohl bedenken und es die Nacht über beschlafen. Also gingen die Schildbürger von einander und war Keiner unter ihnen, welcher nicht gedacht hätte, Schultheiß zu werden; zerstudirten und zerspintisirten sich also die ganze liebe lange Nacht, daß sie Morgens kaum wußten, wo ihnen der Kopf stünde.

Nun ward der Schweinehirt, welcher auch ein guter Gesell war, eben auch unter ihre Zahl gerechnet. Dieser, ob er gleich schon in anderer Weise Schultheiß war, indem er mit seinem Stabe unter die Schweine warf, so wäre er doch gern höher gestiegen und hätte seine Probstei gern um eine Abtei vertauscht: darum studirte er auch vorgemeldeten Handel und ging mit schweren Gedanken solchermaßen schwanger, daß er die ganze Nacht über unruhig lag, und indem er sich hin und her wälzte, sein Weib mehr als einmal an solchen Orten entblößte, wo ich ungern hinblasen möchte. Woraus denn sie, die von der alten aufgegebenen Weisheit etwas, das sonst verloren gegangen wäre, zurückgelegt hatte (wie denn die Weiber gemeinlich haushälterisch sind und allzeit gern in der Küche sparen, damit sie in der Zeit der Noth zu naschen haben), leichtlich vermerkte, daß ihm etwas hart und beschwerlich aufliege. Sie fragte ihn also, warum er so unruhig sei, das solle er ihr sagen, vielleicht könne sie ihm darin helfen und rathen. Aber er wollte es ihr nicht sagen, weil er es für unziemlich erachtete, aus dem Rath zu schwatzen. Sie lag ihm aber so hart an (wie denn die Weiber so vorwitzig sind, daß sie Alles gern wissen möchten, was allenthalben geredet und gethan wird), daß er es ihr, wenn er sie nicht ganz unerbittlich finden wollte, nicht länger verhalten durfte, sondern ihr Alles offenbarte, wie die Sache beschaffen wär und wie er damit umginge, Schultheiß zu werden; jedoch mit dem Beding, daß sie es Niemand sagen sollte, daß er aus dem Rath geschwätzt habe.

Als sie solches gehört, wäre sie eben so gern Frau Schultheißin gewesen als ihr Mann Schultheiß, fand also bald Rath, was zu thun sei. »Ach, mein lieber Mann,« sprach sie, »bekümmere dich um diesen Handel nicht zu sehr und laß dir keine grauen Haare am Arm darum wachsen. Was willst du mir geben, wenn ich dich einen Reim lehre, daß du Schultheiß wirst?« – »Wenn du das thust,« sprach der Sauhirt, »und ich Schultheiß werde, so will ich dir einen schönen neuen Pelz kaufen.« – Die Frau, die in ihrem Sinne schon Frau Schultheißin gewesen, war das wohl zufrieden und fing als an, ihm diese Reime vorzusprechen:

»Ihr lieben Herrn, ich tret herein,
Meine Hausfrau heißet Katharein,
Sie hat ein Maul, wüst wie ein Schwein,
Und trinkt gern guten kühlen Wein.«

Diesen Reim sprach sie ihm neunundneunzig Mal vor, und er ihr eben so oft nach, bis er endlich vermeinte, es hätt ihn gar gefressen und verschluckt; käute ihn deßwegen die ganze Nacht, wie jener Bäurin Sohn seinen Stolzreim, bis es Tag wurde, was er kaum erwarten konnte, so schwanger ging er mit einem Schultheißen. Deßgleichen geschah auch von den andern Schildbürgern. Denn sie bekamen Alle dicke Köpfe, und war Keiner unter ihnen, der nicht die ganze Nacht wär Schultheiß gewesen.

Als nun der angesetzte Tag erschien, an welchem sie zusammenkamen, und zur Wahl eines Schultheißen schreiten und greifen sollten, da sollt einer Wunder über Wunder gehört haben, was zierlicher, wohl geschlossener und vollgestoßener Reime von ihnen vorgebracht wurden, also daß es höchlich zu verwundern gewesen, woher ihnen doch solche Kunst angeflogen sei; falls sie solche nicht vielleicht bei ihrer alten abgelegten Weisheit gesucht und hervorgelangt haben.

Und es ist immer Schade, daß nicht alle ihre Reime aufgefangen und in Schrift verfaßt worden sind; wir müssen uns aber mit den nachfolgenden, welche noch vorhanden, trösten und behelfen.

Der Vierte (denn der drei Ersten Reime sind verloren) trat hinein und reimte nach gethaner Reverenz also:

»Ich bin ein rechtschaffner Bauer
Und lehne meinen Spieß an die Wand.«

»Oho!« sprach der Fünfte, »kannst du es nicht besser, so bleibst du wohl draußen wie Pletz. Laß mich Schultheiß werden! Vide:

Ich heiße Meister Hildebrand
Und lehne meinen Spieß an die Mauer.«

»Ei ja,« sprach der Siebente, denn der Sechste mangelt im rothwälschen Exemplar, »du wärst eben der rechte Schultheiß. Wie wärs aber, wenn ichs noch besser machte, und dich abstäche? Audi:

Ich bin genannt der Hänslein Stolz
Und führ einen Wagen mit Scheitern.«

»Wie wär der«, sagte der Achte, »so gern Schultheiß, wenn er nur dran kommen könnte. Aber ists möglich, daß ichs werden kann, so wirds Nichts mit Jenem. Audi conveni:

Man sagt, ich hab einen schweren Kopf
Und sei ein arger loser Schelm.«

»Sobald werd ich nicht Schultheiß«, lachte der Zehnte; »aber laßt hören, was ich könne:

Mit Namen heiß ich Hänslein Beck,
Dort steht mein Haus an jenem Ort.«

»Du mußt es grade werden«, sagte der Elfte; »ja, hinter sich tragen wir Bauern die Spieße. Wie aber wenn ichs würde?

Was soll ich viel reimen oder sagen,
Eh ich hab einen vollen Hals.«

»Noch hat mirs Keiner zuvorgethan«, sprach der Dreizehnte; »merkt auf, was ich sagen will:

Wer nicht wohl kann reimen und renken,
Den sollte man an den Galgen knüpfen.«

»Auf Seite mit allen diesen Reimern, auf Seite!« sprach der Vierzehnte. »Ich wollte, daß es einen guten Käse geben sollte, wenn ich nicht Schultheiß würde; wer will wetten?

Ich Herr ich möcht gern Schultheiß sein,
Darum kam ich zu Euch hieher.«

Viel andere Reime wurden da noch vorgebracht, die aber in dem Originale, das von Würmern und Buchschaben arg zerfressen, nicht zu lesen gewesen. So viel ist aber gewiß, daß, während sich die Vorgemeldeten, und noch viel Andere, gedachtermaßen hören und vernehmen ließen, indeß der arme Sauhirt in höchsten Ängsten nicht weit davon stand, immer fürchtend, daß etwa ein Andrer seinen Reim vorbrächte, der noch Schultheiß würde und ihn somit verkürzte. Und so oft Einer der Andern nur ein einziges Wörtlein sagte, das in seinen Reimen (die er bis dahin wohl tausendmal repetirt und wiederholt) auch vorkam, erschrak er solcher Maßen, daß ihm das Herz hätte mögen in die Hosen fallen. Da nun die Ehre der Ordnung nach auch an ihn kam, daß er reimen sollte, trat er herfür und sprach:

»Ihr lieben Herrn, ich tret hieher,
Meine Hausfrau, die heißt Katharein,
Sie hat wie eine Sau ein Maul
Und trinkt gern guten kühlen Most.«

Das lautet nach etwas, das möcht es thun und ausrichten, sprachen die Rathsherren. Da nun die Umfrage gethan wurde, fiel das Urtheil auf den Sauhirten, der einhelliglich zum Schultheißen erwählt und angenommen ward. Denn sie hielten gänzlich dafür, er würde dem Kaiser wohl können reimweis antworten und gute Gesellschaft leisten. Zudem sei er ein Handwerksmann, da sonst die andern alle Bauern wären.

Unser Sauhirt nahm solche Ehre gern an, denn er war lange damit schwanger gegangen, und erfuhr in der That jetzt selber, wie weit Glück und Unglück von einander wären: nämlich nur so weit als Tag und Nacht. Denn welcher die vergangene Nacht ein Sauhirt gewesen, ward jetzt ein gewaltiger Schultheiß zu Schilde.

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