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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel

Wie das Salz wuchs und zeitig ward und wie es die Schildbürger nicht abschneiden konnten.

Das Salzkraut, wofür es die Schildbürger hielten, wuchs heran, blühte und zeitigte nicht anders, als ob es Unkraut gewesen wäre, von welchem man sagt, daß es nicht verdürbe, und wenn ein Feuerregen darauf fiele. Indessen begab es sich, daß Einer von der Gemeinde, durch die Nothdurft, welche den Bauern die Hosenknöpfe löst, getrieben, aus Eingebung seiner frühern Weisheit, welche ja nicht so leicht zu ersticken und zu unterdrücken war, sondern allzeit wie ein alter Weidenbaum, wenn er geköpft wird, wieder ausschlug, auf den Gedanken gerieth, es wäre Schade, wenn ein solcher Schatz, welchen er bei sich trüge, verloren gehen und Niemand zu Nutz kommen sollte. Darum wollte er ihn vielmehr auf den Salzacker tragen, so komme er der ganzen Gemeinde zu Gut, Jedem, der ihn brauchen wolle, unverwehrt. Welches er denn gethan, entweder in der uneigennützigen Meinung, mit diesem seinen Kleinod dem gemeinen Besten, so viel an ihm gelegen, unter die Arme zu greifen, wie es eines Jeden Pflicht ist, damit nichts verloren werde, auch das geringste Bißlein aufzuheben, oder aber um sich ein Recht auf die öffentliche Dankbarkeit zu erwerben, wie Jener mit dem Hasengarn, welches er der Gemeinde verehrt und dafür, so alt und zerrissen es auch war, großen Dank erlangte, indem sie, als verständige Leute, die von ihrer Weisheit noch einen ziemlichen Antheil an sich behalten hatten, des Gebers Willen, Herz und Gemüth viel mehr als den Werth der Gabe in Betracht gezogen.

Darum eilte dieser fromme Schildbürger behend, eilends und geschwind, ohne Verzug, als flöge er davon, auf den Acker, und schwebte in tausend Ängsten, bis er dahin kam. Denn er besorgte immer, er müßte des Gemeinwesens Einkommen fallen lassen, eh er es dahin liefern konnte, wohin er es bestimmt hatte. Doch verbiß er es sofort, daß er nichts verzettelte, bis er auf den Acker kam, wo er dann niederhockte und einen Markstein setzte, wie die Bauern zu thun pflegen, zumal wenn die Kirschen, wie zu derselbigen Zeit, wohl gerathen sind.

Als er nun seine Sache so gut gemacht hatte, daß er vermeinte, sein Bestes gethan und nichts dahinten gelassen zu haben, erwischte er von ohngefähr eine Hand voll des Salzkrautes (gedenkend, der Nutz, der von ihm dahinkomme, übertreffe den Schaden weit), dem Hans Unflat zum hintern Stern das Maul zu wischen und die Nase, in der er eine lange, tiefe Schramme hatte, zu putzen. Aber dasselbe Kraut war so scharf und riß in des Bauern Gesäß, und dabei so hitzig, dieweil er nicht gar witzig, und brannte ihm, indem er das Maul zuweit aufgethan hatte, dermaßen auf der Zunge, daß er recht als ob er thöricht wäre auf und niederlief, und mit vollhälsiger Stimme schrie: Es ist Schelmenwerk! Schelmenwerk ist es!

Doch besann er sich eines Bessern und gedachte, das Salzkraut wäre vielleicht so scharf, daß es ihn nicht anders als der Senf in die Augen gebissen hätte, freute sich und wollte sogleich der Gemeinde das Botenbrot abgewinnen. Darum lief er eilends, damit ihm nicht Jemand zuvorkäme, nach dem Flecken Schilde (denn, seit sie angefangen hatten, Narren zu seyn, wollten sie ihr Dorf nicht mehr ein Dorf heißen lassen, und warfen den, der es ein Dorf nannte, in den Brunnen, wenn er sich nicht wollte in die Flasche stoßen lassen), ließ die große Glocke stürmen, damit alle Schildbürger zusammenkämen und die gute Mär vernähmen. Da sie nun zusammengeruschelt waren, zeigte er ihnen vor Freude zitternd an, indem er sie ermahnte, fröhlich und gutes Muthes zu seyn: wie das Salz schon so scharf wäre, daß es ihn auf die hintere Zunge gebissen habe, woraus denn abzunehmen, daß es sehr gutes Salz, werden würde.

Hiemit beredete er die Schildbürger, daß sie allzumal mit einander und er mit ihnen hinaus auf den Acker gingen, wo sie ihm dasjenige, was er ihnen an seiner rauhen Tafel gezeigt, wie sie es von ihm gesehen hatten, in aller Ehrbarkeit nachthaten, der Schultheiß vor allen andern, seine Geschworenen hernach und zuletzt die übrigen, je nachdem Einer eine größere oder kleiner Blöße hatte. Und als sie Alle Gleichmäßiges erfuhren, wurden sie sehr froh also, daß Keiner darunter war, der nicht in seinem Sinne schon jetzt und allbereits ein mächtiger Salzherr gewesen wäre.

Als aber die Zeit herbeigekommen war, daß man das aufgewachsene Salz, damit es nicht abfalle, schneiden und einsammeln sollte, rüsteten sie sich Alle, und bereiteten Alles aufs Beste und Fleißigste, was sie vermeinten, daß zu dem vorhabenden wichtigen Werk nothwendig erfordert würde. Etliche hatten sich mit Sicheln versehen, das Salz zu mähen; andere hielten Pferde und Wagen bereit, um es als Hanf heimzuführen, etliche Flegel aber hatten Flegel gerüstet und hingebracht, selbiges auszudreschen.

Wie sie aber Hand anlegen und ihr gewachsenes Salz abschneiden wollten, siehe, da war es so scharf, herb und hitzig, daß es ihnen die Hände ganz und gar verbrannte und verwüstete. So weit aber hatten die Schildbürger nicht gedacht, daß sie Handschuhe angezogen hätten, denn sie vermeinten, weil es Sommer wäre, würde an ihrer spotten, wenn sie sich derer bedienten. Etliche waren der Meinung, man sollte es abmähen, wie das Gras, Andere widerriethen das, weil zu besorgen war, der Samen möchte abfallen. Wieder Andere vermeinten, es wäre vielleicht gut, wenn man es mit einer Armbrust abschösse; weil sie aber keine Schützen unter sich hatten, auch besorgten, die Kunst des Salzbauens käme aus, wenn sie nach fremden Leuten schickten, so blieb Solches unterwegen. Summa Summarum, die Schildbürger konnten eben nicht weiter kommen mit ihrem Salz und mußten es auf dem Felde stehen lassen, bis sie bessern Rath fänden, was damit zu thun wäre. Und hatten sie zuvor wenig Salz gehabt, so hatten sie jetzt noch weniger, denn was sie nicht verbraucht, das hatten sie versäet; litten also großen Mangel an Salz, zumal am Salz der Weisheit, welches ihnen ganz dünne geworden war.

Es wäre ihnen wohl zu wünschen gewesen, daß sie Einer die Kunst gelehrt hätte, den Schnee des Winters hinterm Ofen zu dörren und als Salz zu gebrauchen; wie das vor Zeiten Einer gethan, dem es jedoch, weil er die Kunst mißbrauchte, übel ausschlug. Was sage ich aber viel? der Schildbürger Keiner konnte die Ursache errathen, warum ihr Salz so scharf wäre. Sie gedachten, das Feld wäre vielleicht nicht recht gebaut, zu viel oder zu wenig gedüngt gewesen, wollten es ein ander Mal besser machen und ihre Observationes darüber sammeln und aufzeichnen. Ich wußte zwar wohl, daß es Nesseln waren, was die Schildbürger für Salzkraut hielten, weil sie so scharf brannten; wollte es ihnen aber nicht sagen, sondern sie in ihrer Thorheit belassen, damit sie den Lohn derselben empfingen, so gut als wir von der unsern. Auch gedachte ich in meinem närrischen Kopf, es sei den Schildbürgern eben zu Muth wie mir und dir, die wir auch nicht leiden mögen, daß man uns unsern Kolben zeige und unsere Fehler und Mängel offenbare; denn kein Esel soll den andern Langohr nennen.

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