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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 13
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Wie die Schildbürger die Ursache der Finsterniß in ihrem Rathhaus inne werden und ihr abhelfen.

Die Schildbürger freute ihr neugebacken Rathhaus außermaßen sehr, hielten den ganzen Sommer lang immer Rath darin und handelten von wichtigen Sachen, das gemeine Wohl, das Vaterland und dessen Verbesserung anlangend. Sie hatten auch solches Glück, daß es jenen ganzen Sommer, wenn sie zu Rathe saßen, niemals regnete. Inzwischen begann aber der liebliche Sommer sein schönes, lustiges Angesicht zu verbergen, dagegen streckte der leidige Winter seinen rauhen Schnabel hervor. Das war ihnen ein sehr verdrießlicher Handel, weil sie nun fürderhin die Nase in die Kappe ziehen mußte. Darum bedachten sie denn alsobald, wie Einer unter einem großen breiten Hut (wie die sind, welche die jungen Laffen gemeinlich aus fremden Landen mitbringen, wenn sie so weit gewesen, daß sie in ihrer Heimath nicht mehr die Glocken läuten hören, und so lange ausgeblieben, daß sie ihrer Mutter Sprache vergessen sind, ihres Vaters Haus nicht mehr wissen, und darnach fragen, ja selbst die alte Katze nicht mehr kennen), wie Einer, spreche ich, unter einem großen Wetterhut sicher sein könne, also würden auch sie unterm Dach, welches dem Haus gleich wie ein Regenhut wäre, wider Schnee und Ungewitter beschirmt werden. Aus dieser Ursache machten sie das Dach in aller Eil mit gemeiner Hülfe wieder zu, mit dem Vorhaben, gleichwie sie den ganzen Sommer lang an der Sonne (wie der Schäfer auf der Heide) dem Faullenzen gedient hätten, so wollten sie sich den Winter hindurch in die Stube zum Ofen setzen und sich bei ihm um Hülfe und Rettung gegen erfrorne Glieder bewerben.

Als aber das Dach wieder gedeckt war und sie ins Rathhaus gehen wollten, siehe zu, da war es leider eben so dunkel und finster darin als es zuvor gewesen war, eh sie von dem Wanderer die Taginshauszutragenersparungskunsterfindung gelernt hatten. Da merkten sie dann erst, daß sie hinters Licht geführt und häßlich betrogen wären. Aber sie mußten es dabei bleiben lassen und als zu einer geschehenen Sache das Beste dazu reden. Es war zu spät, den Beutel zuzuhalten, da das Geld hinweg, oder den Stall zu verschließen, nachdem die Kuh bereits daraus entführt war. Dessen unangesehen saßen sie wieder mit ihren Lichtspähnen (in deren Gebrauch, so lang ihr Rathhaus stünde, sie sich schon ganz und gar gefunden hatten) auf den Hüten beisammen und hielten geschwind einen engen Rath darüber, der sich tief in den Tag hinein verzog.

Und als die Umfrage von Einem zu dem Andern ging, kam es auch zuletzt an Einen, der sich nicht den ungeschicktesten däuchte (seinen Namen lasse ich ehrenhalber verschwiegen bleiben); derselbe stand auf und sagte: er rathe eben das, was sein Vetter rathen werde; ging also mit Urlaub aus der Versammlung, vielleicht sich zu räuspern, wie denn die Bauern zuweilen so bösen Husten haben, daß Niemand um sie bleiben mag; oder um das Wasser die Berge hinab zu richten. Indem er also in der Finsterniß an der Wand (denn sein Lichtspahn war ihm erloschen) hin und her tappte, ward er von ohngefähr eines kleinen Risses oder Spaltes in der Mauer, wo es nicht recht zugemauert war, gewahr, wodurch er seinen schönen Bart einigermaßen sehen konnte. Da erinnerte er sich mit einem tiefen Seufzer seiner frühern Weisheit, auf welche sie Alle Verzicht gethan hatten, tritt wieder hinein und spricht: »Na also, ihr lieben Nachbarn, mit Urlaub ein Wort zu reden.« Als ihm Solches vergönnet worden, sprach er ferner also: »Na, sind wir aber nicht gedippelt doppelte Narren? Ich frage euch Alle darum. Es erweist sich wohl (um aus mehrerer alten hingeworfenen Weisheit hier etwas einzuflicken), welch ein kräftig Ding es sei, wenn Einer eine andere Gewohnheit an sich nimmt, als er zuvor gehabt; indem die gute Gewohnheit, die er von Natur empfangen, unterdrückt und abgethan, die angenommene aber, sonderlich, wenn sie böse ist, ganz an die Stelle tritt und so consuetudo altera natura wird. Wir haben eine närrische Weise angenommen, da wir doch von Natur weise und verständige Leute gewesen: und nun, siehe, die angenommene Weise schlägt uns recht in die Art und treibt die angeborene Art aus; so daß wir, die von Geburt und Natur weise gewesen, nun von Natur und Art Narren sein und solche Unart nimmer wieder fallen lassen werden. Wir haben so ängstliche üble Zeiten mit unserm Rathhaus, von den Kosten an, und gerathen in große Verachtung, damit wir nur den Mangel finden und verbessern, und unser Keiner ist jemals so witzig gewesen, zu sehen, daß wir an das Haus keine Fenster gemacht haben, wodurch das Licht hereinfallen könnte. Das ist doch gar zu grob, zumal im Anfang unserer Thorheit, wir hätten nicht so auf ein Mal und auf einen Stutz hereinplumpen und platschen sollen, daß es auch ein rechter geborener Narr merken könnte.«

Ob dieser Rede erschraken die Andern alle nicht anders, als ob sie Wer an den Hals geschlagen hätte, und verstummten wie die blinden Götzen, die ihr Lebenlang keinen Degen wetzen. Sie sahen aber auch einander an und schämten sich immer Einer vor dem Andern (wenn er nicht hinter ihm saß), wegen solchen großen Unverstandes und gar zu grober Narrheit. Darum fingen sie einhellig an, ohne erst Umfrage zu halten, die Mauern des Rathhauses an allen Orten zu durchbrechen, und war kein Schildbürger unter Allen, der nicht sein eigen Loch (wie jetzt die Schilde in den Stammbüchern und Glasfenstern) hätte haben wollen, von dem er sagen könnte:

Dies ist mein Loch und ist mir ein fein Loch,
und wers nicht glaubt, der küß mirs Loch,
so findet er doch, was ihn freuet noch.
O welch ein schweres Loch,
viel härter als ein Bloch!
Verzeihe mir die Kellnerin und der Koch,
so es gar zu scharf ist gewalzen
und deßhalb weniger geschmalzen.

Also ward das Rathhaus vollführt bis auf den innern Bau, von welchem aufs Baldigste zu vernehmen sein soll.

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