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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Wie die Schildbürger Rath schlugen, das Licht in ihr Rathhaus zu tragen.

Als nun der bestimmte Rathstag gekommen, erschienen die Schildbürger vollzählig, also, daß Keiner ausblieb, weil es ja ihnen gelten sollte. Es hatte aber ein Jeder einen angezündeten Lichtspahn mitgebracht und denselben, nachdem er sich nieder gesetzt, auf den Hut gesteckt, damit sie in dem finstern Rathhaus einander sahen, und der Schultheiß einem Jeden bei der Umfrage seinen Namen und Titel geben könnte. Als nun die gemeine Umfrage gethan wurde, wie man sich im vorliegenden Falle verhalten sollte, fielen viele wiederstreitende Meinungen, wie bei zweifelhaften Händeln gemeinlich zu geschehen pflegt.

Und als es schier das Ansehen gewann, als ob es sich dahin entscheiden würde, daß man den ganzen Bau wieder bis auf den Boden abbrechen und bei der neuen Aufführung besser Sorge haben sollte, trat Einer, der, wie er zuvor der Allerweiseste gewesen, sich jetzund als der Allerthörigste erzeigen wollte, hervor und sprach: Er habe während seiner Weisheit, eh er derselben Verzicht gethan, oftmals gehört, daß man durch Exempel und Beispiel viel lernen und begreifen könnte. Daher denn Aesopus seine Lehren durch Fabeln, in Gestalt kurzer Historien, vor Augen gestellt. Solchemnach wolle er auch eine Geschichte erzählen, so sich mit seiner lieben Großmutter Großvaters Bruder Sohn Frau begeben und zugetragen habe:

Meiner Großmutter Großvaters Bruder Sohn, Utis geheißen, hörte auf eine Zeit Jemand sagen: »Ei, wie sind die Rebhühner so gut!« – »Hat du deren gegessen,« sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, »da du es so wohl weißt?« – »Nein«, sagte der Andere; »aber mir hat es Einer vor fünfzig Jahren gesagt, dessen Großmutter Großvater sie in seiner Jugend hat sehen von einem Edelmann essen.« Auf Veranlassung dieser Rede fiel meiner Großmutter Großvaters Bruder Sohn ein Kindbettergelüst an, daß er gern etwas Gutes gegessen hätte. Er sprach deßhalb zu seinem Weibe, Udena geheißen, sie sollt ihm kleine Kuchen backen, denn Rebhühner könnte er nicht haben, als wüßt er nicht Besseres als Küchlein. Sie aber, der besser als ihm bewußt war, was des Buttertöpfleins Vermögen wäre, entschuldigte sich, sie könnte ihm in Ermangelung von Butter, Anken oder Schmalz, wie du willst, für diesmal kein Küchlein backen, und bat ihn derwegen, bis auf eine andere Zeit mit den Küchlein Geduld zu haben. Aber meiner Großmutter Großvater Bruders Sohn hatte hiemit keine Küchlein gegessen und sein Gelüst nicht gebüßt, wollte sich mit so schlechtem, magerm, dürrem, trockenem, ungesalzenem und ungeschmalzenem Bescheid nicht so geradezu abweisen lassen, und sprach also nochmals: wie die Sache auch mit dem Buttertöpflein beschaffen wäre, so sollte sie sehen, daß sie ihm Küchlein backte, und hätte sie nicht Butter oder Schmalz, so sollte sie es mit Wasser versuchen.

»Es thuts nicht, bester Utis,« sprach Frau Udena; »ich selbst wollte sonst nicht so lange ohne Küchlein geblieben sein, denn das Wasser hätte ich mich nicht dauern lassen.« – »Du weißt es nicht,« sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, »weil du es noch niemals versucht hast. Versuche es erstlich, und wenn es nicht wohl geräth, hernach magst du wohl sprechen, es thuts nicht.« Mit einem Wort, wollte meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau Ruhe haben, so mußte sie dem Begehren ihres Mannes willfahren, rührte also einen Kuchenteig an, ganz dünn, als wollte sie Sträublein backen, setzte eine Pfanne mit Wasser übers Feuer und that den Teig darein. Aber mit nichten schickte es sich, es wollte sich eben gar nicht zusammen ballen, daß Küchlein daraus würden, indem der Teig im Wasser zerfloß und ein Brei daraus wurde; darob die Frau zornig, der Mann aber verdrießlich ward, denn sie sah, daß Arbeit, Holz und Mehl, der Wasserbutter ungeachtet, verloren waren. Nun stund meiner Großmutter Großvaters seligen Bruders Sohn dabei, hielt einen Teller dar und wollte das erstgebackene Küchlein so warm aus der Pfanne gegessen haben, sah sich aber betrogen. »Potz Wetter, schäm dich!« sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau, »guck, hab ich dir nicht gesagt, es thuts nicht? Allzeit willst du Recht haben und weißt doch nicht einen Deut darum, wie man Kuchen backen muß.« – »Schweig, meine Udena,« sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, »lasse dichs nicht gereuen, daß du es versucht hast. Man versucht ein Ding so lange, bis es zuletzt gerathen muß. Ist es schon diesmal nicht gerathen, so geräths vielleicht ein ander Mal. Es wäre ja eine sehr nützliche Kunst gewesen, wenn es von ohngefähr gerathen wäre.« »Das will ich meinen,« sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau; »ich wollte selbst alle Tage Küchlein gegessen haben.«

»Daß ich aber«, sprach der gemeldete Schildbürger, »diese Geschichte auf unser Vorhaben anwende: Wer weiß, ob die Luft und der Tag sich nicht in einem Sack tragen ließe, gleichwie das Wasser in einem Eimer getragen wird. Unser Keiner hat es jemals versucht, darum, wenn es euch gefällt, so wollen wir dran gehen. Geräth es, so haben wir allzeit Vortheil davon und werden als Erfinder dieser Kunst großes Lob erwerben. Gelingt es aber nicht, so ist es doch zu unserm Vorhaben, der Narrheit wegen, ganz dienstlich und bequem.«

Dieser Rath gefiel allen Schildbürgern solchermaßen, daß sie beschlossen, ihm eilends nachzuleben. Sie kamen also nach Mittag, als die Sonne am heißesten schien, unfehlbar Alle vor das neue Rathhaus, Jeder mit einem Geschirre, damit er den Tag zu fassen und hineinzutragen vermeinte. Etliche brachten auch Picken, Schaufeln, Karsten, Gabeln und anderes Geräthe mit, zur Fürsorge, damit ja kein Fehler begangen würde.

Sobald nun die Glocke Eins geschlagen, da sollte Einer sein Wunder gesehen haben, wie sie Alle anfingen zu arbeiten. Etliche hatten lange Säcke, darein ließen sie die Sonne scheinen bis auf den Boden, knüpften ihn dann eilends zu und liefen damit ins Haus, den Tag auszuschütten. Ja sie beredeten sich selbst, sie trügen jetzt an den Säcken viel schwerer, als da sie leer gewesen. Andere thaten deßgleichen mit andern verdeckten Gefäßen, als Häfen, Kesseln, Zubern, und was dergleichen ist. Der Eine lud den Tag mit einer Heugabel in einen Korb, der andere mit einer Schaufel; etliche gruben ihn aus der Erde hervor. Ein Schildbürger soll sonderlich nicht vergessen werden, welcher den Tag in einer Mausfalle vermeinte zu fangen, und also mit Gewalt zu bezwingen und ins Haus zu bringen. Daß ich's kurz mache, Jeder hielt sich, wie sein närrischer Kopf es ihm an- und eingab.

Solches trieben sie jenen ganzen Tag, so lange die Sonne schien, mit solchem Eifer und Ernst, daß sie Alle darob ermüdeten und vor Hitze schier verlechzten und erlagen. Aber sie richteten mit solcher Arbeit eben so wenig aus, als vor Zeiten die ungeheuren Riesen, da sie viel große Berge zu Hauf trugen und den Himmel zu stürmen vermeinten. Daher sie denn zuletzt sprachen: Nun wäre es doch eine feine Kunst gewesen, wenn es gerathen wäre. Also zogen sie ab, und hatten wenigstens so viel gewonnen, daß sie aufs gemeine Gut hin zu Wein gehen und sich wieder erquicken und laben durften.

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