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Die Schatzkammer

Edgar Wallace: Die Schatzkammer - Kapitel 2
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typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleTöchter der Nacht
titleDie Schatzkammer
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
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Diese Geschichte beginnt eigentlich mit einem Mann, der wenig Vertrauen in die Stabilität des Aktienmarktes setzte und es deshalb vorzog, seine Schätze in bar anzuhäufen. Mr. Lane Leonard war zwar kein Geizhals im engeren Sinn dieses Wortes, aber er hielt viel von der Realität des Reichtums, und praktisch ist nichts so real wie Gold. Und Gold hortete er in erstaunlichen Mengen. Aber es hätte ihn nicht befriedigt, das Gold in Kisten eingraben zu lassen; sein Gold mußte sichtbar und erreichbar sein – vor allem sichtbar. Deswegen häufte er seinen Reichtum in großen Behältern aus verstärktem Glas, die ihrerseits wieder in Stahldrahtkörbe eingelassen waren, denn Gold ist sehr schwer.

An der New Yorker Börse behauptete man, daß Lane Leonard ein Glückspilz sei, aber dieser Meinung konnte er sich nicht anschließen. Er war nicht Mitglied dieses illustren Kreises, sondern hatte ursprünglich begonnen, an der schwarzen Börse zu spekulieren und sich ein sehr bescheidenes Vermögen zu erwerben, das weniger durch sein eigenes Können als vielmehr durch einen glücklichen Zufall über Nacht rapide angewachsen war. Um ein Haar hätte dieses Ereignis seinen Bankrott bedeuten können. Drei Teilhaber, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, verloren bei einer Baisse die Nerven und ließen ihn im Stich. Bevor er sich noch entscheiden konnte, ob er ihrem Beispiel folgen und alles abstoßen sollte, wurde von anderer, ihm unbekannter Seite die Baisse gestoppt. Der sensationelle Kursanstieg machte Mr. Lane Leonard zu einem reichen Mann. Er war zwar noch kein Millionär, aber es dauerte nicht mehr lange, bis ein weiterer Glückstreffer ihn auch diese Stufe erklimmen ließ. Hätte er Sinn für Humor besessen, dann wäre ihm klargeworden, wieviel Dank er Ereignissen schuldete, die von ihm nicht zu beeinflussen waren; da ihm dieser Charakterzug aber abging, führte er seinen Erfolg vor allem auf seinen eigenen Scharfsinn zurück. Es gab viele Leute, die die Illusion, daß er Verstand und Weitblick eines großen Finanziers besaß, nährten. Sein Schwager, Digby Olbude, erwies sich als einer seiner wortreichsten und vehementesten Schmeichler.

Lane Leonard stammte aus England, und er hatte auch eine Engländerin geheiratet, die New York haßte und sich nach Hamstead, einer netten Kleinstadt, zurücksehnte. Sie sah das Ziel ihrer Sehnsucht jedoch nie wieder, denn sie starb drei Jahre, nachdem ihr Mann seine Reichtümer und ein heimliches Begehren nach der amerikanischen Staatsbürgerschaft erworben hatte.

Zu dieser Zeit war John Lane Leonard bereits eine Autorität in allen Finanzangelegenheiten. Er schrieb Artikel für eine Londoner Wirtschaftszeitung, die nie veröffentlicht wurden, weil sie sich grundlegend von den Ansichten all derer unterschieden, die auch nur minimale Kenntnisse vom Wirtschaftsleben besaßen. Was immer Digby auch von ihnen halten mochte, er pries sie in den höchsten Tönen. Er trank damals sehr viel und spekulierte. Wenn er verlor, was häufig vorkam, bezahlte John Lane Leonard.

Sie trennten sich schließlich wegen einer Kleinigkeit von hunderttausend Dollar, und obwohl der Millionär auch diese Summe hatte aufbringen müssen, hätte er seinem Schwager am liebsten verziehen, weil er nie vergaß, daß Digby ihn bewunderte und ihm auch bei der Abfassung einer Broschüre über das Problem der Doppelwährung Hilfestellung geleistet hatte. Diese Broschüre wurde von den Experten der Wallstreet so lächerlich gemacht, daß Mr. Lane Leonard den Staub New Yorks von den Füßen schüttelte, sein Vermögen auf die Bank von England überwies, nach Kent zurückkehrte, Sevenways Castle kaufte und sich daranmachte, seine Theorien in die Praxis umzusetzen.

Er lernte eine hübsche Witwe mit Kind kennen und heiratete sie. Nach wenigen Jahren starb auch seine zweite Frau. Er änderte den Namen ihrer kleinen Tochter urkundlich von Pamela Dolby auf Pamely Lane Leonard und setzte sie als seine Erbin ein. Es war unbedingt nötig, daß eine Erbin vorhanden war, obwohl er einen männlichen Erben lieber gesehen hätte.

Zu dieser Zeit hatte er einen Fahrer namens Lidgett, einen jungen, vom Lande stammenden Mann mit scharf geschnittenem Gesicht, dessen Haupteigenschaften Intelligenz, Schlauheit und Gewissenlosigkeit waren. Aber davon wußte Mr. Lane Leonard natürlich nichts. Lidgett brachte ihm eine Verehrung entgegen, die ihn sehr erfreute. Es fehlte eigentlich nur noch, daß sich Lidgett jedesmal vor seinem Herrn zu Boden geworfen hätte. Er wurde erster Chauffeur und vertrauter Diener. Mr. Lane Leonard pflegte ihm Vorträge über den Goldstandard zu halten, während er sich anzog, und Lidgett schüttelte stets in hilfloser Bewunderung den Kopf.

»Was Sie für einen Kopf haben, Mr. Leonard! Ich versteh' gar nicht, wie man das alles behalten kann! Ich glaube, ich müßte den Verstand verlieren!«

Plumpe Schmeicheleien, aber nicht ohne Wirkung. Mr. Lane Leonard eröffnete Lidgett seinen großen Plan bezüglich der Schaffung einer Goldreserve. Lidgett brauchte drei Wochen, bis ihm klarwurde, daß sein Arbeitgeber über reales Geld sprach – über runde, goldene Münzen, die einen hohen Wert besaßen. Von diesem Augenblick an war er sehr aufmerksam.

Mr. Leonard ging fleißig zur Kirche, meistens abends. Wenn sie sich in London aufhielten, mußte Lidgett im Wagen vor der St.-Georgs-Kirche am Hannover-Square warten, wobei er seinen Arbeitgeber, der ihn vom Vergnügen abhielt, wild verfluchte. In Soho gab es einen Spielklub, der Mr. Lidgett als zweites Heim diente. Sobald Mr. Leonard sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, verlor Lidgett keine Zeit, zu dem mit grünem Filz bezogenen Kartentisch zu eilen.

Sein Arbeitgeber war ein nachlässiger Mann, dem der Verlust von Fünfpfundnoten nicht weiter auffiel, und Lidgett hatte Glück am Spieltisch, mehr Glück als der würdige, ältere Herr, der nur in Dutch Harrys Spielklub zu kommen schien, um sein Geld zu verlieren.

Einmal borgte er sich zwanzig Pfund von Lidgett, und es fiel ihm einigermaßen schwer, den Betrag zurückzuzahlen. Joe Lidgett lernte ihn sehr gut kennen, ja, er konnte ihn sogar recht gut leiden. »Sie sollten das Spielen aufgeben, Mister. Dafür haben Sie nicht den Kopf.«

»Schon möglich, schon möglich«, erwiderte der andere kalt.

In den frühen Morgenstunden gingen der kleine Chauffeur und sein etwas aristokratischer Freund gelegentlich in ein Speiselokal, um einen Imbiß einzunehmen, bevor jeder seine eigenen Wege einschlug. Der unglückliche Verlierer zu seinem Frühzug, der ihn in die Provinz zurückbrachte, Mr. Lidgett zu seinen Pflichten als Diener und Chauffeur.

*

Im Verlaufe der vertraulichen Unterredungen mit seinem Diener kam Mr. Leonard auch auf seinen Schwager zu sprechen.

»Er ist einer der wenigen, die meine Theorien wirklich verstehen, Lidgett«, erklärte er. »Unglücklicherweise haben wir uns wegen einer Kleinigkeit verkracht, und ich habe seit vielen Jahren nichts mehr von ihm gehört. Ein kluger Finanzmann, Lidgett, wirklich sehr klug! In letzter Zeit fühle ich mich immer wieder versucht, mit ihm in Verbindung zu treten; er ist der einzige, dem ich meine Wünsche anvertrauen kann, wenn es stimmt, was dieser alberne Arzt behauptet.«

›Dieser alberne Arzt‹ war ein berühmter Spezialist, der etwas sehr Ernstes erklärt hatte, oder vielmehr, es wäre ernst gewesen, wenn sich Mr. Leonard als gewöhnlichen Sterblichen betrachtet hätte.

Von seiner Stieftochter sah er sehr wenig. Sie war in einem Internat, kam nur in den Ferien nach Hause und lauschte Mr. Leonards Vorträgen über den Goldwert ohne Verständnis. Sie beobachtete den Bau der ersten Schatzkammer, besichtigte die Stahltüren und war der Meinung, daß das Gewölbe ein wenig unheimlich wirkte. Nebenbei hörte sie, daß das alles um ihretwillen geschehe, aber das konnte sie nie richtig glauben.

Eines Tages erlitt Mr. Leonard einen Anfall, der eine einstündige Bewußtlosigkeit hervorrief. Als er sich erholt hatte, schickte er nach Lidgett.

»Lidgett, ich möchte, daß Sie sich mit Mr. Digby Olbude in Verbindung setzen«, erklärte er. »Seine Anschrift werden Sie vermutlich im Telefonbuch finden können.«

Er verkündete im einzelnen, was er von Mr. Olbude wollte, und Lidgett hörte interessiert zu. Digby Olbude sollte die Arbeit seines Schwagers fortführen und für eine Reihe von Jahren die Kontrolle über ein unermeßliches Vermögen ausüben.

Lidgett begab sich auf seine Erkundungstour, wobei er sich fragte, auf welche Weise er von der kommenden Veränderung profitieren konnte.

Digby Olbude war nicht schwer zu finden, obwohl er zweimal den Namen gewechselt hatte.

Der schlaue, kleine Chauffeur kehrte nachdenklich nach Sevenways zurück. Hier fand er einen Brief, der ihm von London aus nachgeschickt worden war, einen pathetischen, flehenden, wirren Brief in perfektem Englisch von dem älteren Herrn aus dem Spielklub.

Joe Lidgett hatte einen Einfall. Wenige Tage später fühlte sich sein Arbeitgeber etwas besser, so daß er ihn empfangen konnte. Lidgett berichtete über seine Suche nach Digby Olbude.

»Ich hätte ihn gern gesehen«, sagte Leonard mit schwacher Stimme. »Ich fürchte, mir geht es nicht allzu gut, Lidgett wo sind Sie?«

»Ich bin hier, Sir«, erwiderte Lidgett.

»Ich sehe nicht mehr recht gut.«

*

Der Mann, den Mr. Lidgett gefunden hatte, kam am nächsten Morgen mit dem Wagen. Er stieg mit einiger Nervosität zum Schlafzimmer des Sterbenden hinauf und wurde dem Rechtsanwalt vorgestellt, den Mr. Leonard aus London hatte holen lassen. »Das ist mein Schwager, Digby Olbude ...«

Das Testament wurde unterschrieben und von den Zeugen gegengezeichnet. Es war charakteristisch für Lane Leonard, daß er nicht einmal nach seiner Erbin schickte oder eine Abschiedsnachricht hinterließ. Für ihn war sie nicht mehr als der Aufhänger für seine Theorien – dabei waren es nicht einmal seine eigenen Theorien.

Sie erfuhr in einem förmlichen Brief ihres neuen Vormunds vom Ableben Mr. Leonards, und zwar am selben Tage, als Larry O'Ryan sich entschloß, Einbrecher zu werden.

Larry O'Ryan, den man unter der Anklage, aus Mr. Farthingales Zimmer fünfundachtzig Pfund gestohlen zu haben, aus einer bekannten Schule ausgestoßen hatte, wäre nicht nur in der Lage gewesen, sich von dieser Beschuldigung reinzuwaschen, er hätte auch den wahren Schuldigen nennen können.

Er hatte keine Eltern mehr und auch keine Freunde. Wenn Creeds Bank seinem Vater gegenüber ein wenig großzügiger gewesen wäre, wenn der Panton Credit Trust ein ehrliches Unternehmen gewesen wäre, wenn die Medway und Western Bank nicht einen Verkauf erzwungen hätte, dann wäre Larry reich gewesen.

Es war kein Zufall, daß diese bedeutenden Firmen Kunden der Monarch Security Steel Corporation waren – aber davon später.

Larry haßte die Schule, haßte vor allem den hochtrabenden Lehrer, der mit Mr. Farthingale befreundet war und sein Arbeitszimmer benützte, wenn der Vorsteher ausgegangen war aber er sagte nichts. Wieviel galt schon sein Wort gegen das eines Lehrers? Er nahm also die Ausstoßung gelassen hin, weil er damit auch dem Zwang der Schule entfliehen konnte.

Außerdem wurden die fünfundachtzig Pfund zurückgegeben. Bevor Larry die Schule verließ, unterhielt er sich mit dem verängstigten Dieb und sagte ihm klar seine Meinung. »Ich gehe das Risiko ein, daß man mir nicht glaubt«, hatte er gesagt, »ich gehe zum Vorsteher und erkläre, daß ich Sie beim Öffnen der Geldkassette überrascht habe. Ich weiß nicht, wozu Sie das Geld gebraucht haben, aber das wird sich ja herausstellen.«

Der Beschuldigte hatte ihn beschimpft, aber schließlich war ihm nichts anderes übriggeblieben, als das Geld zurückzuerstatten. Die Leute glaubten, es sei Larry oder Larrys Vormund gewesen, der die Banknoten zurückgeschickt hatte, aber das stimmte eben nicht.

Larry ging in die Welt hinaus und suchte nach Arbeit. Er war Bote, Maschinenschreiber, Austräger. Keine Aussichten.

Er dachte eines Samstagabends darüber nach und beschloß, den Beruf eines Einbrechers zu ergreifen. Ein Jahr lang besuchte er eine Abendschule und lernte fleißig. Danach bekam er eine Stellung bei einer Panzerschrankfabrik in Wolverhampton.

Die Firma hatte Weltruf. Larry erfuhr alles über Schlösser und Sperrvorrichtungen, was wissenswert war. Er lernte jede Art von Schlüssel herzustellen. Im Garten hinter dem Haus, in dem er wohnte, befand sich ein kleiner Schuppen, in dem er bis in die Nacht hinein arbeitete.

Nachdem er Wolverhampton verlassen hatte, errang er sensationelle Erfolge. Creeds Bank verlor vierzigtausend Pfund in amerikanischen Banknoten. Niemand sah den Einbrecher kommen oder gehen. Die Stahltüren des großen Tresors waren mit einem Schlüssel geöffnet worden.

Dann kam der Panton Credit Trust an die Reihe. In weniger als zwei Stunden verschwanden hunderttausend Pfund.

Beim dritten Streich tappte Larry daneben. Das war vor allem auf die Vorsichtsmaßnahmen eines älteren Detektivs zurückzuführen, der die Medway und Western Bank beriet. Dieser Detektiv hatte nämlich entdeckt, welche Banken ihre Tresortüren von der Monarch Safe Corporation bezogen.

Ermittlungen bei der Panzerschrankfabrik führten auf die Spur von Larry O'Ryans.

»Es war mehr – äh – Glück als Voraussicht«, meinte Mr. Reeder entschuldigend, »daß es mir gelungen ist, diesem jungen Mann – äh – zuvorzukommen.«

Er konnte Larry vom ersten Gespräch an in einer Zelle im Bow-Street-Gefängnis gut leiden. Er hatte so gar nichts mit den anderen Verbrechern gemeinsam, die Mr. Reeder in seinem Leben kennengelernt hatte. Larry winselte und log nicht, er prahlte nicht, und er wich nicht aus. Mr. Reeder kannte seine Vergangenheit nicht, und er konnte auch nichts darüber herausfinden.

»Es ist sehr bedauerlich, daß Sie so schlau sind, Mr. Reeder. Das hätte mein drittes und letztes Auftreten als Einbrecher sein sollen – ich hatte eigentlich vor, als wohlhabender, ordentlicher Bürger zu leben, und im Lauf der Zeit hätte ich es sicherlich zum Friedensrichter gebracht!«

Mr. Reeder lächelte selten, aber jetzt konnte er ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

»Die anderen beiden geglückten Versuche als Einbrecher richteten sich doch wohl gegen – äh – Creeds Bank und den Panton Trust?«

Larry grinste. »Darüber wollen wir lieber nicht sprechen«, erklärte er höflich.

Mr. Reeder war jedoch nicht ohne weiteres bereit, das Thema zu wechseln, denn es galt, hundertundvierzigtausend Pfund wiederzubeschaffen.

»Ich würde Ihnen nicht empfehlen, Mr. O'Ryan«, sagte er sanft, »diese wichtigen Dinge zu verschweigen, vor allem den Verbleib einer beträchtlichen Summe, die diesen beiden Firmen entwendet wurde. Ein offenes Geständnis kann Ihnen sehr viel weiter helfen, wenn Sie – äh – vor einen Richter Ihrer Majestät gebracht werden. Ich verspreche durchaus nichts«, fügte er vorsichtig hinzu, »ich beziehe mich nur auf ähnliche Fälle, aber gewöhnlich sind die Richter bereit, bei der Urteilsverkündung die Ehrlichkeit des – äh – Beschuldigten bezüglich seiner früheren Missetaten in Betracht zu ziehen.«

Larry O'Ryan lachte. »Das ist ein hübsches Wort – Missetaten! Nein, Mr. Reeder – in aller Freundlichkeit, nein! Mit den beiden Einbrüchen, von denen Sie gesprochen haben, kann mich niemand in Zusammenhang bringen. Ich habe darüber gelesen und kenne natürlich die Tatsachen, soweit sie in der Zeitung veröffentlicht wurden. Darüber hinaus bin ich jedoch nicht bereit, auch nur das Geringste zuzugeben.«

J. G. Reeder gab sich noch nicht geschlagen. Er wisse, so erklärte er, daß O'Ryan bei einer gewissen Panzerschrankfabrik angestellt gewesen sei, er wisse ferner, daß die betroffenen Kreditinstitute ihre Tresore von der genannten Fabrik bezogen hätten, weshalb es gar keinem Zweifel unterliegen könne, daß O'Ryan auch für die beiden anderen Einbrüche verantwortlich sei. Aber Larry schüttelte den Kopf.

»Die Beweislast liegt bei der Anklagebehörde«, meinte er mit gespielter Ernsthaftigkeit. »Ich würde Ihnen sehr gerne helfen, Mr. Reeder. Übrigens habe ich schon sehr viel von Ihnen gehört. Sie wohnen in der Brockley Road, Sie halten Hühner, Sie besitzen einen Schirm, der immer geschlossen bleibt, damit er nicht durch Regen Schaden erleidet, und Sie rauchen miserable Zigaretten.«

Mr. Reeder lächelte wieder. »Sie haben ja Anlage zum Detektiv«, sagte er. »Jetzt wollen wir einmal über Creeds Bank sprechen –«

»Reden wir lieber übers Wetter«, meinte Larry.

Ganz Scotland Yard, die Staatsanwaltschaft, Mr. Reeder, Spitzel, Zuträger und auch eine Anzahl lichtscheuer Gestalten machten sich auf die Suche nach den verschwundenen hundertvierzigtausend Pfund, aber es gelang nicht, genügend Beweise herbeizuschaffen, um Larry auch dieser beiden Einbrüche anzuklagen.

Nach geraumer Zeit erschien er vor einem Richter im Old Bailey und gab zu, mit Einbrecherwerkzeugen im Bankgebäude angetroffen worden zu sein. Nach einer ziemlich scharfen Verhandlung wurde er für schuldig befunden und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Verhandlung wurde vor allem deshalb sehr scharf geführt, weil sich der Staatsanwalt in eine persönliche, deutlich spürbare Abneigung gegen den Angeklagten hineinsteigerte. Ein Grund dafür war nicht ersichtlich; es handelte sich um eines jener Vorurteile, die gelegentlich das Urteilsvermögen intelligenter Menschen trüben. Vielleicht hatte Larry irgendeine lässige Bemerkung beim Verhör von sich gegeben, die der Ankläger als persönliche Beleidigung betrachtete. Jedenfalls bezog er sich in seinem Abschlußplädoyer auf den Raubüberfall auf Creeds Bank und den Einbruch im Panton Trust. Bei der erstmaligen Erwähnung dieser Ereignisse unterbrach ihn der Richter und warnte ihn vor den Folgen seines Verhaltens, aber der Ankläger ließ sich nicht beirren. Obwohl kein Beweismaterial in dieser Hinsicht vorgelegt und dementsprechend auch keine Anklage erhoben war, zog er ständig Parallelen zu den beiden ersten Einbrüchen, betonte die Tatsache, daß der Angeklagte in jener Firma gearbeitet hatte, von denen die Banken ihre Tresore bezogen hatten. Währenddessen saß Larry mit verschränkten Armen auf der Anklagebank, und er konnte ein schwaches Lächeln nicht unterdrücken, denn er wußte, welche Chancen sich ihm hier boten.

Er legte Berufung ein; das Urteil wurde auf Grund von Verfahrensmängeln aufgehoben, und Larry O'Ryan mußte freigesprochen werden.

Sein erster Besuch führte ihn zu Mr. J. G. Reeder, nachdem er vorher schriftlich angefragt hatte, ob sein Erscheinen angenehm sei. Reeder bat ihn zum Tee, eine Ehre, die nur wenigen Menschen zuteil wurde. Larry erschien allerbester Laune.

»Darf ich Ihnen sagen«, meinte Mr. Reeder, »daß Sie ein großer Glückspilz sind?«

»Und wie!« erwiderte Larry. »Wer hätte schließlich gedacht, daß der Staatsanwalt einen solchen Fehler machen würde! – Mein Besuch ist Ihnen bestimmt nicht unangenehm?«

Mr. Reeder schüttelte den Kopf. »Wenn Sie nicht von selbst bei mir erschienen wären, hätte ich Sie eingeladen«, sagte er. Mit der Silberzange legte er ein Stück Kuchen auf Larrys Teller. »Es wäre Zeitverschwendung, Mr. O'Ryan, und sogar eine Verletzung des – äh – Gastrechts, wenn ich mich weiterhin auf diese unglückseligen Vorfälle bei Creeds Bank und dem Panton Trust beziehen würde. Als Detektiv und Beamter wäre ich äußerst glücklich, wenn ich einen Hinweis finden könnte, der Sie mit diesen – äh – Missetaten – dieses Wort gefiel Ihnen doch wohl – in Verbindung bringt.«

»Missetaten ist mein Lieblingswort«, murmelte Larry mit vollem Mund.

»Irgendwie habe ich jedoch das Gefühl, daß man Sie nicht überführen wird, und in gewisser Beziehung bin ich froh darüber. Das ist natürlich eine sehr unmoralische Feststellung«, fügte er hastig hinzu, »und gegen alle meine – äh – Prinzipien. Wie werden Sie sich jetzt Ihren Lebensunterhalt verdienen, Mr. O'Ryan?«

»Ich lebe von meinen Zinsen«, erwiderte Larry gelassen. »Mein Kapital im Ausland bringt mir jährlich rund siebentausend Pfund ein.«

Mr. Reeder nickte langsam. »Mit anderen Worten, fünf Prozent von hundertvierzigtausend Pfund«, murmelte er. »Eine hübsche Summe – eine sehr hübsche Summe.« Er seufzte.

»Sie scheinen sich nicht besonders darüber zu freuen«, meinte Larry belustigt.

Mr. Reeder schüttelte den Kopf. »Nein, ich denke an die armen Aktionäre von Creeds Bank –«

»Die gibt es nicht. Die Familie Creed besitzt sämtliche Anteile. Sie hat meinen Vater um hunderttausend Pfund geprellt – es war sogar noch ein bißchen mehr. Die genauen Einzelheiten sind mir nicht bekannt, aber ich weiß, daß es mindestens hunderttausend waren.«

J. G. Reeder sah zur Decke empor. »Das war also eine Art ausgleichender Gerechtigkeit!« sagte er langsam. »Und Pantons Trust?«

»Sie kennen die Firma doch«, entgegnete Larry ruhig. »Seit fünfundzwanzig Jahren wird dort durch Zusammenarbeit mit Schwindelfirmen Geld verdient. Der Trust schuldet mir weit mehr, als – er verloren hat.«

Mr. Reeder lächelte freundlich. »Beinahe wäre Ihnen herausgerutscht ›als ich genommen habe‹«, sagte er vorwurfsvoll.

»Wo denken Sie hin?« erwiderte Larry. »Nein, Sie brauchen Ihr Mitgefühl nicht an diese Banken zu verschwenden. Ich könnte Ihnen im übrigen auch über die Medway und Western Bank interessante Dinge mitteilen, aber ich verzichte darauf.«

»Wieder ausgleichende Gerechtigkeit, wie? Sie sind ja ein Romantiker!«

Mr. Reeder richtete sich auf, ergriff die Teekanne und goß seinem Gast ein.

»Ich werde Ihnen etwas versprechen. Wir reden nie mehr über diese Angelegenheit, aber es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mich besuchen würden, sobald Ihnen das Leben ein bißchen langweilig vorkommt. Gleichzeitig möchte ich Sie jedoch – äh – warnen, daß diese Besuche ein Ende haben, wenn Sie erneut den Wunsch haben sollten, bei anderen Banken, die – äh – ausgleichende Gerechtigkeit zu spielen. Dann müßte ich mein Bestes tun, Sie hinter Schlösser und Riegel zu bringen, die nicht von der bewußten Panzerschrankfabrik angefertigt wurden!«

Larry wurde regelmäßiger Gast im Hause an der Brockley Road. Wäre er ein anderer Mensch geworden, dann hätte er sicher Mr. Reeder verdächtigt, er kultiviere diese Bekanntschaft nur, um etwas über die beiden Einbrüche herauszubringen. Aber er kam gar nicht dazu, und Mr. Reeder freute sich sehr darüber.

Nur einmal kamen sie auf Larrys Vergangenheit zu sprechen. Sie hatten miteinander einen Abend in der Stadt verbracht. Mr. Reeder war es kurz vorher gelungen, das Beweismaterial über den Einbruch in der Zentralbank zu vervollständigen, und er fühlte sich müde. Sie saßen in einem kleinen Restaurant in Soho beim Abendessen, als Larry die Frage stellte: »Wissen Sie etwas über das Lane-Leonard-Vermögen?«

Mr. Reeder nahm sein Pincenez ab und polierte die Gläser.

»Bevor ich Ihnen antworte, hätte ich gern gewußt, was Sie mit dieser Frage bezwecken?«

Larry grinste. »Es besteht kein Grund zur Vorsicht. Ich werde Ihnen sagen, wie ich darauf komme – durch dieses Eisengitter da drüben vor der Kasse. Es hat beinahe dasselbe Muster wie jenes Gitter, das wir für Lane Leonard anfertigten. Vermutlich werden dort Pfandbriefe aufbewahrt. Die Firma besitzt jedenfalls einen der stärksten Tresore, die jemals an Unternehmen geliefert wurden, bei denen es sich nicht um eine Bank handelt.«

Mr. Reeder winkte einem Kellner und bestellte Kaffee.

»Sie meinen wahrscheinlich das Vermögen des verstorbenen John Lane Leonard. Ein Millionär, der vor drei Jahren das Zeitliche segnete und seiner Stieftochter ein riesiges Vermögen hinterließ – der genaue Betrag ist mir nicht bekannt, aber er muß zwischen einer und zwei Millionen Pfund liegen.«

»Und er war kein Bankier?« erkundigte sich Larry neugierig.

Mr. Reeder schüttelte den Kopf. »Nein. Soviel ich weiß, war er Börsenmakler in Amerika. Er scheint sehr viel spekuliert zu haben, und offensichtlich war er intelligent genug, das dabei verdiente Geld zusammenzuhalten. Sie sagen, daß er sich einen Tresor bauen ließ?«

Larry nickte. »Den stärksten, den ich je gesehen habe. Nicht sehr groß, aber dreifach verstärkte Stahlwände, zwei Türen sowie sämtliche Sicherungen, die es für Geld zu kaufen gab. Ich hab' ihn mir nach der Fertigstellung angesehen und auch mit den Fachleuten darüber gesprochen.« Er überlegte einen Augenblick. »Das muß übrigens kurz vor dem Tod von Lane Leonard gewesen sein. Ich erinnere mich jetzt, daß der Tresor nur wenige Monate vorher fertiggestellt worden war. Leonard muß eine Menge Wertpapiere besessen haben, aber warum hinterlegte er sie nicht bei einer Bank?«

Mr. Reeder sah ihn vorwurfsvoll an. »Es gibt viele Gründe, warum man Wertpapiere nicht bei der Bank beläßt«, meinte er, »und einer davon – äh – sind Sie.«

Mr. Reeder dachte auf dem Heimweg über diese Neuigkeit nach. Er versuchte, sich die Einzelheiten von Leonards Testament ins Gedächtnis zu rufen. Er hatte damals in der Zeitung davon gelesen, konnte sich aber nicht entsinnen, irgend etwas Bemerkenswertes daran gefunden zu haben.

Zu Hause zog er ein Nachschlagewerk zu Rate. Miss Lane Leonard, die Erbin, wohnte im Sevenways Castle, Grafschaft Kent. Mr. Reeders Pflichten hatten ihn noch nie in diese Gegend geführt, aber er erinnerte sich dunkel, eine Photographie des Schlosses gesehen zu haben, das früher einmal in königlichem Besitz gewesen sein mußte.

Kurze Zeit nach dem Gespräch mit Larry O'Ryan machte Mr. Reeder die Bekanntschaft von Mr. Buckingham. Dieses Zusammentreffen ergab sich in der Öffentlichkeit, was Mr. Reeder äußerst unangenehm war. Am gleichen Tage hatte er eine kleine Auseinandersetzung mit dem stellvertretenden Staatsanwalt gehabt.

»Ich möchte Sie nicht belästigen, Mr. Reeder«, hatte der Beamte erklärt, »nachdem ich weiß, daß Sie Ihre eigenen Methoden haben, aber es ist uns zu Ohren gekommen, daß Sie sich häufig mit einem Mann treffen, der im Old Bailey unter Anklage gestanden hat und dessen Verurteilung leider wieder aufgehoben wurde. Ich teilte den verantwortlichen Stellen mit, daß Sie wahrscheinlich versuchen, Informationen über die beiden anderen Einbrüche zu erhalten. Das trifft doch zu, nicht wahr?«

»Nein, Sir«, erwiderte Mr. Reeder, »das trifft ganz und gar nicht zu.« Mr. Reeder konnte sehr energisch sein. »Ich bemühe mich nicht einmal, diesen jungen Mann auf dem rechten Weg zu halten. Ein Detektiv gleicht in mancher Beziehung einem Journalisten, Sir. Er kann sich in jeder Gesellschaft sehen lassen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ich kann Mr. O'Ryan sehr gut leiden. Er ist ein interessanter Mensch, und ich treffe mich mit ihm so oft, wie es mir paßt. Wenn man der Meinung ist, daß ich das Ansehen Ihrer Behörde belaste, bin ich jederzeit bereit, sofort meinen Rücktritt anzubieten.«

Das war ein Reeder, den der stellvertretende Staatsanwalt noch nicht kannte, von dem er aber gehört hatte – Mr. Reeder als Diktator.

»Ich verstehe gar nicht, warum Sie in diesem Ton –« begann er.

»Das ist genau der Ton, den ich Personen gegenüber anwende, die sich in mein Privatleben einmischen«, meinte Mr. Reeder.

Der stellvertretende Staatsanwalt telephonierte mit seinem Chef, der sich in der Provinz aufhielt, und der leitende Staatsanwalt sagte kurz und bündig: »Lassen Sie ihn um Himmels willen in Ruhe. Reeder ist durchaus in der Lage, auf sich selbst aufzupassen.«

Mr. Reeder machte sich also triumphierend auf in die Queen's Hall, wo Larry ihn erwartete, und gemeinsam lauschten sie einem Konzert klassischer Musik, die J. G. Reeder völlig unverständlich blieb, die er aber über sich ergehen ließ, um seinen Begleiter nicht zu beleidigen.

»Herrlich!« sagte Larry, als die letzten Geigentöne im stürmischen Applaus untergingen.

»Außerordentlich«, stimmte Mr. Reeder zu. »Die Melodie habe ich zwar nicht wiedererkannt, aber er scheint sein Instrument schon zu beherrschen.«

»Sie sind ein Philister, Mr. Reeder«, stöhnte Larry, der Musik sehr liebte. Mr. Reeder schüttelte wehmütig den Kopf.

»Ich fürchte, daß ich mich dafür nie begeistern kann«, meinte er. »Ich habe für alte Lieder etwas übrig, zum Beispiel –«

»Gehn wir was trinken«, sagte Larry verzweifelt. Sie benützten die Pause, um den Erfrischungsraum aufzusuchen. Und hier trat Mr. Buckingham in Erscheinung.

Er war ein großer, breitschultriger Mann, mit rotem Gesicht, ungebändigtem Haarschopf und ziemlich kleinen Augen. Er schien getrunken zu haben, weil er Mr. Reeder glasig anstarrte und ihm dann eine große, häßliche Hand entgegenstreckte.

»Sie sind Mr. Reeder, nicht wahr?« meinte er heiser, »Ich wollte Sie schon besuchen, aber ich bin sehr beschäftigt. Und ausgerechnet hier trifft man sich! Ich habe Sie oft bei Gericht gesehen.«

Mr. Reeder nahm die Hand und ließ sie sofort wieder los. Er haßte feuchte Hände. Soweit er sich erinnern konnte, war er mit diesem Mann noch nie zusammengetroffen.

Der andere fuhr fort: »Ich heiße Buckingham. Ich war früher bei der Londoner Polizei.« Er beugte sich vor und fragte vertraulich: »Haben Sie schon jemals so etwas Gräßliches gehört?«

Offensichtlich bezog sich diese Bemerkung auf das Konzert. »Ich wäre ja nie hierhergekommen, aber meine Braut hat mich mitgeschleppt. Sie ist sehr intellektuell!« Er blinzelte. »Ich bring' sie her.«

Er tauchte in der Menge unter und kehrte kurze Zeit später mit einem blassen, häßlichen Mädchen zurück, das jedoch nicht so intellektuell zu sein schien, daß es Mr. Buckinghams Trostmittel verschmähte, denn auch die Augen des Mädchens waren glasig.

»Ich werde Sie jetzt demnächst mal besuchen und mich mit Ihnen unterhalten«, sagte Buckingham. »Ich weiß nicht, ob ich das tun muß, aber es kann sein. Wenn es dazu kommt, haben wir jedenfalls allerhand zu besprechen.«

»Ich bin überzeugt davon«, meinte Mr. Reeder.

»Man soll zur rechten Zeit stolz und zur rechten Zeit bescheiden sein«, fuhr Buckingham geheimnisvoll fort. »Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

Kurz darauf sah Mr. Reeder ihn mit einem kleinen Mann mit hartem, unsympathischem Gesicht sprechen. Auch dieser trug einen dunklen Anzug, darüber einen Mantel. Offensichtlich gehörte er nicht zu den Konzertbesuchern, weil ihn Mr. Reeder später hinausgehen sah.

»Wer war denn das?« fragte Larry.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, erwiderte Reeder, und Larry lachte.

*

Zwei Tage später sah Mr. Reeder die beiden Männer wieder. Gegenüber dem Parlament, an der Nordseite der Westminster Bridge, hatte sich der Verkehr gestaut.

Mr. Reeder, der die Straße überqueren wollte, betrachtete die langsam vorbeifahrenden Fahrzeuge. Er sah einen grauen Lieferwagen mit Plane. Am Steuer saß der schmalgesichtige Mann, der ihm im Erfrischungsraum des Konzertsaals aufgefallen war, neben ihm Buckingham.

Die beiden Männer bemerkten ihn nicht. Der Lieferwagen schien schwer beladen zu sein, weil die Brücke nach unten durchhing. Seltsam, dachte Mr. Reeder, Kraftfahrer und ihre Helfer erscheinen gewöhnlich nicht elegant gekleidet in Konzertsälen, aber es gab eben viele merkwürdige Dinge.

*

Als Larry vierzehn Tage später bei Mr. Reeder erschien, hatte er über ein Abenteuer zu berichten.

»Sie sehen einen Helden vor sich«, erklärte er überschwenglich, als er seinen Mantel an einen Haken hängte. »Ich habe eine junge Dame gerettet! Mit jener seltenen Geistesgegenwart, die den O'Ryans angeboren ist, gelang es mir –«

»Es war nicht so sehr Geistesgegenwart, als vielmehr ein Laternenpfahl«, murmelte Mr. Reeder, »obwohl ich zugebe, daß Sie – äh – sehr schnell reagiert haben.«

Larry starrte ihn an. »Woher wissen Sie das denn?« fragte er.

»Ich war interessierter Zuschauer«, erklärte Mr. Reeder. »Das Ganze spielte sich in der Nähe des Büros ab, und ich sah zufällig aus dem Fenster. Ich fürchte, daß ich überhaupt sehr viel Zeit damit verschwende, aus dem Fenster zu sehen. Ein Wagen kam ins Schleudern und geriet auf den Gehsteig. Die junge Dame wäre sicherlich schwer verletzt worden, wenn es Ihnen nicht gelungen wäre, sie zur Seite zu reißen, bevor der Wagen auf den Laternenpfahl prallte. Ich habe natürlich applaudiert, aber stumm, weil im Büro absolute Ruhe verlangt wird. Ich glaube aber trotzdem, daß der Laternenpfahl fast ebensoviel –«

»Selbstverständlich, aber die junge Dame hätte verletzt werden können. Haben Sie sie gesehen?« fragte Larry eifrig. »Sie ist wunderschön!«

Mr. Reeder meinte, er finde sie interessant. Larry schnaubte. »Interessant! Sie ist einfach überwältigend. Ich war so begeistert, daß sie glaubte, ich hätte mich verletzt.«

Mr. Reeder nickte. »Ich hab' sie mir sogar ziemlich genau angesehen. Wer ist sie?«

Larry schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Heutzutage ist es ziemlich schwer, so etwas festzustellen, weil alle Frauen elegant gekleidet sind. Ich habe sie natürlich nicht nach ihrem Namen gefragt. Sie war ziemlich aufgeregt und hastete gleich davon. Ich sah sie in einen Rolls Royce einsteigen, der offensichtlich auf sie gewartet hatte –«

»Mit dem Kennzeichen ZU 2918«, sagte Mr. Reeder. »Ich habe den Wagen gesehen. Es ist sehr bedauerlich.«

»Das kann man wohl sagen. Wenn ich bei Verstand gewesen wäre, hätte ich ihr meinen Namen genannt. Zumindest könnte sie dann ihrem Retter brieflich danken.

»Nein, nein, so hab' ich das nicht gemeint.« Die Haushälterin betrat das Zimmer und deckte den kleinen Tisch. Erst als sie gegangen war, fuhr Mr. Reeder fort: »So hatte ich das nicht gemeint. Wenn Sie sich ihr vorgestellt hätten, wäre es Ihnen möglich gewesen, die junge Dame zu fragen, warum ein derart massiver Tresor bestellt worden war.«

Larry sah ihn verständnislos an. »Tresor? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Mr. Reeder lächelte. »Die junge Dame war Miss Lane Leonard«, sagte er.

Larry runzelte die Stirn. »Sie kennen Sie?«

»Ich habe sie noch nie zuvor gesehen.«

»Wie zum Teufel wissen Sie dann, daß Sie Miss Lane Leonard ist? Haben Sie ihr Bild gesehen?«

Mr. Reeder schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Wieso wissen Sie dann Bescheid?« fragte Larry ziemlich ungeduldig.

Mr. Reeder lachte. »Das Kennzeichen des Rolls Royce genügte mir. Ich rief bei Scotland Yard an, und man teilte mir mit, wem der Wagen gehört. Miss Lane Leonard, 409 Berkeley Square und Sevenways Castle in Kent. 409 Berkeley Square ist übrigens ein elegantes Appartementhaus, so daß Sie ihr einen Brief schreiben können, wenn Sie wünschen, daß die junge Dame den Namen ihres Retters kennenlernen sollte.«

»Merkwürdig«, meinte Larry nachdenklich. »Erinnern Sie sich, daß wir erst vor ein paar Wochen über Lane Leonards Tresor gesprochen und uns gefragt haben, warum wohl jemand eine so teure Anlage erwirbt? – Die junge Dame ist also ein paar Millionen wert.«

»Es tut mir leid.« Mr. Reeder lächelte. »Ich habe Ihnen Ihre Romanze verdorben. Sie hätten es lieber gesehen, wenn es sich um ein armes, aber ehrliches Mädchen gehandelt hätte, dem Ihre Hilfe willkommen gewesen wäre.«

Larry wurde rot. Er wechselte das Thema.

Zum erstenmal erfuhr J. G. Reeder etwas über Larry O'Ryans Kindheit und die Umstände, die ihn zum Einbrecher hatten werden lassen.

»Ich bin froh, daß Sie mir das erzählt haben, Mr. O'Ryan. Es trägt zum Verständnis bei. Sie hätten natürlich zum Vorsteher der Schule gehen und die Wahrheit sagen sollen. Wenn Sie einmal älter sind, werden Sie mir recht geben.«

Larry nickte.

»Haben Sie den Mann, der das Geld genommen hat, seither gesehen?«

»Nein«, meinte Larry verächtlich. »Aber er sitzt sicher im Gefängnis. Nur ein minderwertiger Mensch konnte Farthingale, der selbst nicht viel besaß, Geld stehlen. Ich habe ihm übrigens letzte Woche fünfhundert Pfund geschickt, weil seine Frau im Krankenhaus liegt.«

»Fünfhundert Pfund?« sagte Mr. Reeder. »Nun, es ist ziemlich leicht, mit dem Geld anderer Leute großzügig zu sein, aber lassen wir das.« Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Einmal ein Gauner, immer ein Gauner – ist das Ihre Meinung, Mr. O'Ryan? Aber bei Ihnen trifft das wirklich nicht zu. Sie glaubten im Recht zu sein, als Sie auf eigene Faust das Unrecht ausgleichen wollten. Wenn jeder so dächte wie Sie – aber –«

Das Telephon schrillte. Mr. Reeder ging zu seinem Schreibtisch, nahm den Hörer ab und lauschte. Nur von Zeit zu Zeit stellte er kurze Fragen. Als er wieder aufgelegt hatte, sagte er: »Ich fürchte, aus unserem geselligen Abend wird nichts werden, O'Ryan. Man braucht mich im Amt.«

»Am Sonntagabend?« fragte Larry.

»Allerdings«, erwiderte Mr. Reeder. Er blätterte im Telefonbuch, wählte eine Nummer und gab genaue Anweisungen.

»Wenn Sie einen Wagen bestellen, dann muß es allerdings wichtig sein«, meinte O'Ryan.

»Gewiß«, sagte Mr. Reeder. »Es handelt sich um einen Mord.«

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