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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Fünftes Kapitel

Herr von Sarkow hatte sich inzwischen den sämtlichen jüngeren Damen vorstellen lassen, aber alle waren bereits für die ersten Tänze versagt, und mit Mühe erhielt er noch einige Zusagen für den späteren Teil der Tanzordnung. Herr von Wartenstein hatte sich, als das Signal zum Tanz ertönte, seiner Frau genähert und sah mit zornigen Blicken und finster gefalteter Stirn auf einen jungen Dragoneroffizier, der herantrat, die schöne Frau um den ersten Tanz zu bitten; diese erhob sich von ihrer Causeuse und sagte:

»Ich bedaure sehr, ich bin bereits versagt – ich erinnere mich, daß ich diesen Tanz dem Herrn von Souza versprochen habe,« fuhr sie, die Stimme erhebend, fort, indem sie die Augen zu dem jungen Brasilianer aufschlug, der einige Schritte hinter ihrem Gemahl stand.

Der Dragoneroffizier wendete sich mit einer kurzen Verbeugung, seinen großen blonden Schnurrbart streichend, ab; ein zufriedenes Lächeln glitt über das strenge Gesicht des Herrn von Wartenstein; er nickte Luiz Antonio freundlich zu, der eifrig herantrat, um die schöne Frau in den Tanzsaal zu führen. Dies Arrangement schien sich der völligen Zustimmung des Herrn von Wartenstein zu erfreuen, denn er folgte seiner Frau nicht in den Saal, sondern blieb in der Unterhaltung mit einigen älteren Herren in dem Nebenzimmer zurück.

Herr von Sarkow hatte sich neben eine Gruppe von blühenden Myrtenbäumen gestellt, um von einer Ecke des Saales aus dem Tanze zuzusehen. Fräulein von Herbingen streifte ihn mit einem flüchtigen Blick ihrer großen, glänzenden Augen und sagte zu dem Baron von Felseneck, der um die Erlaubnis bat, sie in die eintretenden Reihen zu führen:

»Ich tanze nicht, lieber Baron, das wollen wir der Jugend überlassen – übrigens müssen wir hier in der Nähe Ihrer Königlichen Hoheit bleiben, Sie wissen, wie gern die Großherzogin sich mit Ihnen unterhält.«

Sie trat in die Nähe der Estrade, auf der die Großherzogin Platz genommen hatte – Baron Felseneck folgte ihr; er schien entschlossen, um keinen Preis den Platz an der Seite der Dame seines Herzens aufzugeben. Während der Tanz seinen Fortgang nahm und Herr von Sarkow, halb in dem grünen Schatten der Myrtenbäume verborgen, mit seinen Blicken den anmutigen Mädchengestalten folgte, die im Walzertakt an ihm vorüberschwebten, hörte er plötzlich, fast unmittelbar an seinem Ohr, dicht hinter der Blätterwand, neben der er stand, Luiz Antonios Stimme, die dieser wegen der rauschend durch den Saal klingenden Musik nicht zu dämpfen für nötig hielt, obgleich der Inhalt seiner Worte, bei dem Herr von Sarkow erschrocken zusammenzuckte, gewiß für kein fremdes Ohr bestimmt war.

»Ich ertrage es nicht länger,« hörte er seinen Freund voll feuriger Leidenschaft sagen, »ich ertrage es nicht länger, Sie zu sehen, immer wieder zu sehen, und so fremd und kalt Ihnen gegenüberstehen zu müssen, da Ihnen doch meine ganze Seele auf Flammenschwingen entgegenfliegt. Ich beschwöre Sie, Elise, haben Sie Mitleid mit mir – Sie müssen Mitleid haben, Sie müssen es möglich machen, daß wir uns, wenn auch eine Stunde nur und unbeobachtet, begegnen, damit ich all die Glut zu Ihren Füßen ausströmen kann, die mich verzehrt, die meine Brust sprengt und die in wahnsinnigem Ausbruch hervorflammen wird, wenn ich sie noch länger in meine Brust zurückdrängen muß.«

»Es ist unmöglich, mein armer Freund – unmöglich,« antwortete eine zitternde Frauenstimme, »Sie sehen, wie ich beobachtet werde, wie der eifersüchtige Blick des Mannes, der das Recht hat, sich als meinen Herrn zu betrachten, mich überall verfolgt – es ist unmöglich.«

Herr von Sarkow bebte erschrocken zurück vor der unwillkürlichen Indiskretion, die er absichtslos beging; seine erste Bewegung war, seinen Platz zu verlassen, um nicht noch mehr von dem verhängnisvollen Geheimnis zu vernehmen, dessen Mitwisser er wider seinen Willen geworden: aber er dachte daran, daß dann ein andrer, ein Fremder diesen Platz einnehmen könnte; er zitterte vor dieser Möglichkeit, er mußte stehen bleiben, um das Geheimnis des Freundes zu decken, und bog sich so weit als möglich von den grünen Myrtenkronen zurück, um nichts mehr zu vernehmen; aber dennoch hörte er, wie Luiz Antonio mit noch leidenschaftlicherer Glut fortfuhr:

»Immer näher kommt die Stunde, Elise, der ich mit kaltem Schauer wie dem Tode entgegensehe, die Stunde, in der ich zurückkehren muß über das Meer in meine Heimat, die mir zur Fremde geworden ist, seit ich hier mit allen Fasern meines Wesens Wurzeln geschlagen habe; bald werde ich für Sie nichts mehr sein als ein verflogener Traum – Elise, wollen Sie es mir versagen, eine Erinnerung mitzunehmen über das Meer hin, die meinem künftigen einsamen Leben allein Licht und Wärme zu geben vermag?«

Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer war die einzige Antwort, die Herr von Sarkow vernahm.

»Es ist unmöglich,« fuhr Luiz Antonio fort, »Sie können nicht so grausam sein, mich ohne den Trost einer glückseligen Erinnerung der tödlichen Abschiedsstunde entgegengehen zu lassen – oder habe ich in vermessener Selbsttäuschung die Grüße Ihres Blickes, den Druck Ihrer Hand, Ihre holden Worte falsch gedeutet, empfinden Sie wirklich nichts für mich, Elise, nichts als kaltes Mitleid für all meine Liebe?«

Herr von Sarkow hörte nur halberstickte, flüsternde Worte, aber diese Worte mußten wohl einen beglückenden, verheißungsvollen Sinn haben; denn noch feuriger, wie in jubelnder Freude aufjauchzend, rief Luiz Antonio:

»Dank, Elise, – Dank für dieses berauschende Wort, das bis zu meinem letzten Atemzug in meiner Seele wiederklingen wird – o, nun muß es möglich sein, einen Augenblick zu finden, in dem die Flammen meines Herzens frei vor Ihnen auflodern und Sie umhüllen dürfen mit all der Glut, die ich in meiner Brust verschlossen habe – es muß möglich sein, einen solchen Augenblick zu finden, dessen Erinnerung genügt, um mein ganzes künftiges Leben auszufüllen.«

»Und dennoch ist es unmöglich,« antwortete die weiche Frauenstimme – »äußerlich unmöglich, weil ich immer und überall von spähenden Blicken umgeben bin – und auch innerlich unmöglich, weil ich meiner Pflicht treu bleiben will, die mir allein den Stolz und den Mut gibt, das Leben zu ertragen.«

»Eine Pflicht?« rief Luiz Antonio – »gibt es eine Pflicht, die höher ist als die Pflicht gegen das eigne Herz, gegen die Liebe, die den Himmel und die Erde erfüllt, und die ein Recht ist, das Gott den geschaffenen Menschen gab, um vom Staub der Erde sich zum himmlischen Licht zu erheben –«

Herr von Sarkow zuckte erschrocken zusammen, er fühlte einen leichten Schlag auf seiner Schulter, und schnell sich umwendend, sah er Fräulein von Herbingen neben sich stehen, die ihn mit der Spitze ihres Fächers berührte.

Sie hatte, neben der Estrade der Großherzogin stehend, es geschickt verstanden, Ihre Königliche Hoheit in ein Gespräch mit dem Baron Felseneck zu verwickeln; als dieser so an den Stuhl der Fürstin gefesselt war, hatte sie sich unbemerkt zurückgezogen, um, neben den tanzenden Paaren vorbeigleitend, zu Herrn von Sarkow herüberzugehen.

Der junge Mann sah sie mit dem Ausdruck tiefen Entsetzens an; er dachte an das Geheimnis seines Freundes, das auf diesem Platze so dringend gefährdet war, und zog sich in einer hastigen, erschrockenen Bewegung so weit als möglich von der grünen Blätterwand zurück.

»Nun, Herr von Sarkow,« sagte Fräulein Antonie, ebenso verwundert als belustigt durch den Ausdruck jähen Schreckens, den sein Gesicht zeigte und den sie seiner Verlegenheit zuschreiben mochte, »Sie sind so erschreckt beim Anblick einer Dame, die einen Augenblick mit Ihnen plaudern will, da sie nicht mehr das Glück hat, einen Tänzer zu finden – Sie machen Miene, mir zu entfliehen, ist das galant? Doch es soll Ihnen nicht gelingen, Sie sollen mir Stand halten, – ich interessiere mich für die Jugenderziehung und traue mir einiges pädagogische Talent zu; also vertrauen Sie sich immer meinen Händen an, wenn Sie gelehrig und gehorsam sind, so hoffe ich, Ehre mit Ihnen einzulegen.«

Er fühlte sich wie eingehüllt in den Feuerstrom, der aus ihren großen Augen hervorbrach, während sie mit spöttischem Lächeln, aber doch mit herzlich vertraulichem Ton zu ihm sprach; die leise flüsternden Stimmen aber, die durch die Myrtenkronen an sein Ohr drangen, machten ihn unempfindlich für den Zauber ihrer Blicke, und immer noch ängstlich, immer noch bemüht, sich ein wenig weiter von den grünen Zweigen zu entfernen, sagte er mit zitternder Stimme:

»O, Sie sind zu gütig, mein gnädiges Fräulein – gar zu gütig, ich habe kaum so viel liebenswürdige Freundlichkeit verdient.«

»Die Freundlichkeit einer Dame verdient man nicht,« sagte Fräulein von Herbingen, wohlgefällig sein jugendfrisches, durch innere Bewegung verschöntes Gesicht betrachtend, »sie ist ein freies Geschenk, das wir nach unsrer Laune verteilen, dessen man sich aber würdig zeigen muß, um es nicht zu verlieren, und ich hoffe, daß Sie sich meiner Huld würdig zeigen werden, denn ich habe Neigung, mich ein wenig mit Ihrer Erziehung zu beschäftigen. Haben Sie wohl,« fragte sie, sich auf den Polstersitz an der Wand des Saales niederlassend, während er seinen Platz vor ihr so wählte, daß niemand andrer sich der Baumgruppe nähern konnte – »haben Sie wohl jemals die Geschichte von dem kleinen Jehan de Saintré und der Dame des belles cousines gelesen?«

Herr von Sarkow verneinte, ganz erstaunt über diese eigentümliche Unterhaltung, während er zugleich ängstlich auf die Stimmen hinter der Blätterwand lauschte, die zu seiner großen Beruhigung zu immer leiserem Geflüster herabsanken.

»Nun dann,« fuhr Fräulein von Herbingen fort, »Jehan de Saintré war ein Edelknabe am Hofe des Königs von Frankreich und die Dame des belles cousines war eine Prinzessin, des Königs Verwandte, die dem Edelknaben die Gunst erwies, ihn zu einem vollendeten Ritter zu erziehen – eine große Gunst, mein Herr, deren sich der kleine Jehan würdig erwies, so daß er ohne Fehl und Makel aus den Händen seiner Erzieherin hervorging. Nun, ich bin keine Prinzessin, aber ich kenne die Welt – ich habe sie kennen gelernt, als Sie noch ein Kind waren – als ich Sie sah, erinnerte ich mich jener romantischen Geschichte, es ergriff mich die Laune, Ihnen dieselbe Gunst zu erweisen, denn Sie müssen wissen, daß es keinen vollendeten Kavalier gibt, an dessen Erziehung nicht eine Dame die letzte Hand gelegt hat.«

»O, mein gnädiges Fräulein,« sagte Herr von Sarkow, der kaum noch auf die leisen Stimmen hinter der Myrtenwand achtete, »Sie überhäufen mich mit zu viel Güte, befehlen Sie über mich, ich werde glücklich sein, Ihnen in allem zu gehorchen.«

»Nun, ich sehe,« sagte sie, mit der Miene einer Königin den Kopf neigend, »daß ich mich nicht in Ihnen getäuscht habe – Sie treffen sogleich den wichtigsten Punkt, denn der Gehorsam ist in der Tat die erste Bedingung, durch die Sie sich der Erziehung einer Dame würdig machen müssen, geloben Sie mir also unbedingten Gehorsam.«

Sie streifte den Handschuh ab und reichte ihm ihre weiße Hand, durch die die feinen, bläulichen Adern hervorschimmerten. Er hielt diese schöne Hand einen Augenblick in der seinen, indem er mehr mit Blicken als mit Worten den verlangten Gehorsam versprach, und hätte dieselbe an seine Lippen geführt, wenn Fräulein Antonie sie nicht nach einem flüchtigen Druck zurückgezogen hätte.

»Gut,« sagte sie. »Ihr Gelübde ist angenommen. Nun hören Sie meine erste Lehre: ein junger Mann wie Sie muß nicht einsam in einem Winkel des Saales stehen – das Alter der Einsamkeit kommt später,« fügte sie hinzu, indem ein Anflug von ernster Wehmut über ihr Gesicht zog.

»Ich fand keine Tänzerin mehr,« sagte er – »und habe ja überreichen Ersatz für meine Einsamkeit gefunden,« fügte er mit feuriger Galanterie hinzu.

»Das ist mein Verdienst, nicht das Ihre,« antwortete sie kopfschüttelnd; »ein junger Mann muß immer den Damen seine Dienste widmen, und wenn die jungen versagt sind, muß er sich zu den alten wenden.«

Herr von Sarkow machte ein so verwundertes, fast erschrockenes Gesicht, daß sie herzlich auflachte.

»Ja, ja, sagte sie, »ich meine es ganz ernst; im Verkehr mit den alten Damen lernt man die jungen gewinnen, und der Mann wird am sichersten die jungen Herzen erobern, der sich die Mühe gibt, zu lernen, wie man die alten Damen bezaubert.«

»Oder,« fuhr sie fort, tragen Sie etwa irgend eine Liebe im Herzen, die Ihren Blick in die Vergangenheit zurückzieht? Sie sind ja fast noch ein Kind, Sie dürfen noch nicht in die Vergangenheit blicken – auch das kommt später, jetzt gehören Sie noch der Gegenwart und der Zukunft – Wie – habe ich recht? Leiden Sie an der Krankheit der eingebildeten Liebe, war es der jugendliche Weltschmerz, der Sie so trübe und starr auf den an Ihnen vorüberschwebenden Reigen so vieler jugendlichen Schönheiten blicken ließ?«

Herr von Sarkow schüttelte errötend den Kopf.

»Nun, das ist gut,« sagte sie, mit dieser stummen Antwort zufrieden, »denn es gibt nichts Törichteres und Lächerlicheres, als einen unglücklichen, melancholischen Liebhaber, der nach der Ferne hin schmachtet und die Blumen nicht sieht, die neben ihm blühen und duften – auch die Liebe muß gelernt sein, – die Gefühle des Herzens sind ein Instrument, das man zu spielen verstehen muß, um es in schöner Harmonie melodisch erklingen zu lassen; die vorzüglichste Harfe wird unter ungeschickten Händen ohrzerreißend kreischen in häßlichem Mißklang, während sie, von ihrem Meister gespielt, diesen selbst und alle Hörer entzückt. So ist es auch mit den Herzen,« fuhr sie fort, während Herr von Sarkow ihr mit großgeöffneten Augen zuhörte, »man muß sein Herz zu behandeln wissen, um die zarten Saiten der Gefühle zur Harmonie des wahren Glücks erklingen zu lassen; die harte Hand des Lebens greift später schon rauh genug in diese armen Saiten, und sie müssen in schrillem Mißton zerspringen, wenn wir nicht gelernt haben, sie immer wieder zu harmonischem Einklang zu stimmen. Sie verstehen mich jetzt wohl kaum, aber Sie werden mir später dankbar sein, wenn ich Sie in der Harmonielehre des Lebens unterrichte. Beginnen wir also unsre Schule: nehmen Sie an, Sie wären verliebt, nehmen Sie an, ich wäre die Dame, der die Saiten Ihres Herzens entgegenklingen; ich werde mich dann bemühen, Sie die Harmonien und Melodien der Liebe zu lehren, damit Sie künftig im stande sind, alle Dissonanzen der Eifersucht, des Mißtrauens, der Empfindlichkeit und so weiter harmonisch aufzulösen und vor allem die falschen Quinten und Septimen der Langeweile und Ermüdung zu vermeiden. Nun, sind Sie bereit, den Kursus zu beginnen?«

»Und wenn das Spiel Ernst würde, mein gnädiges Fräulein,« sagte Herr von Sarkow zitternd, indem er kaum wagte, den Blick zu ihren strahlenden Augen aufzuschlagen – »wenn dieser Ernst dann vielleicht den schlimmsten, unheilbaren Mißklang in den zerrissenen Saiten meines Herzens zurückließe?«

»Das überlassen Sie mir,« sagte sie, stolz den Kopf emporwerfend, »ich bin Meisterin auf dem Saitenspiel des Menschenherzens und weiß jede Dissonanz zu lösen. Abgemacht,« sagte sie wieder in heiter scherzendem Ton. »ich bin von nun an Ihre Dame, ich verlange Gehorsam und unbedingte Ergebenheit – Sie werden mir den Hof machen, wie es einem eifrigen Schüler der Minnegelahrtheit geziemt, ich nehme Sie in meinen Dienst und werde Sie nicht eher freigeben, als bis Ihre Erziehung vollendet ist! Tanzen Sie nun mit den jungen Mädchen oder machen Sie den alten Damen Ihre Cour, ich werde scharf beobachten. Zum Souper erwarte ich Sie als meinen Kavalier, ich werde dann Gelegenheit haben, meine Erziehung theoretisch und praktisch zu beginnen.«

Der Tanz war beendet, Fräulein von Herbingen schwebte davon, um sich wieder dem Kreise anzuschließen, der den Sessel der Großherzogin umgab. Herr von Sarkow blieb einen Augenblick noch ganz betäubt stehen; als er seinen Platz verließ, um sich der Weisung des Fräuleins von Herbungen gemäß den älteren Damen zu nähern, trat unmittelbar vor ihm Luiz Antonio mit Frau von Wartenstein hinter den Myrtenbäumen hervor. Die schöne junge Frau war bleich, ihre Augen schimmerten in feuchtem Glanz, und Luiz Antonios Gesicht zuckte unter der gewaltsamen Anstrengung, mit der er seine Bewegung zu verbergen suchte.

»Frau von Wartenstein!« flüsterte Herr von Sarkow, indem er traurigen Blickes dem Paare nachsah – »der arme Luiz Antonio.«

Herr von Wartenstein war auf die Schwelle des Tanzsaales getreten, seine Frau näherte sich ihm und sagte:

»Ich fühle mich angegriffen und will nicht mehr tanzen; ich bitte dich, mich darin zu unterstützen und den Herren allen zu sagen, daß du wünschest, ich möge mich schonen.«

»In der Tat, du siehst blaß aus,« erwiderte Herr von Wartenstein, »und du tust recht, den Tanz zu meiden; ich werde dafür sorgen, daß man dich nicht bestürmt.«

Er trat mit seiner Gemahlin in den Kreis vor der Estrade der Großherzogin und erklärte laut, daß ihre Gesundheit die Zurückhaltung vom Tanze nötig mache. Auch Luiz Antonio tanzte nicht wieder, was bei der überwiegenden Zahl der Herren nicht auffiel; er unterhielt sich hier und dort mit seinen Freunden und Bekannten, wobei er stets seinen Platz so wählte, daß er Frau von Wartenstein im Auge behielt, die jedesmal ihr Gesicht hinter den Federn ihres Fächers verbarg, sobald sie fühlte, daß seine glühenden Blicke auf ihr ruhten.

Herr von Sarkow unterhielt sich, mit Ausnahme der wenigen Tänze, für die er noch ein Engagement gefunden hatte, eifrig mit den alten Damen, indem er häufig fragend zu Fräulein von Herbingen hinüberblickte, das ihm dann jedesmal durch ein freundliches Kopfnicken oder ein huldvolles Lächeln ihre Zufriedenheit zu erkennen gab; die Folge davon war, daß der junge Mann, der heute sein erstes Debüt in der Gesellschaft machte, von allen Müttern für ein Muster von Geist und Liebenswürdigkeit erklärt wurde, wovon wiederum die Folge war, daß alle Töchter voll Neugier auf den vorher kaum von ihnen beachteten Fremden blickten und daß er endlich bei dem Kotillon mit Schleifen überschüttet wurde – die erste Regel, die seine schöne Lehrerin ihm gegeben, hatte sich also vollständig bewährt.

Als der Graf Schwertheim der Großherzogin meldete, daß das Souper bereit sei, näherte sich Herr von Sarkow der schönen Antonie von Herbingen, der bereits der Baron von Felseneck seinen Arm bot.

»Nein, mein lieber Baron,« sagte sie lachend, »Sie sind den ganzen Abend über mein Kavalier gewesen, die Abwechslung ist die Würze des Lebens, ich wähle jetzt Herrn von Sarkow – doch ich erlaube Ihnen, an meiner andern Seite Platz zu nehmen.«

Sie gab Herrn von Sarkow ihren Arm, und der Baron Felseneck folgte ihr, indem er seine großen blauen Augen noch weiter als sonst öffnete und ohne daß er Worte fand, seinem Unmut über diese summarische Abweisung Ausdruck zu geben, die indes nicht im stande war, das unverwüstlich freundliche und verbindliche Lächeln von seinen Lippen verschwinden zu lassen.

Während des Soupers, dem die Großherzogin mit liebenswürdigster Heiterkeit präsidierte, übte Fräulein von Herbingen, wie sie es versprochen hatte, mit unübertroffener Meisterschaft ihren praktischen und theoretischen Unterricht. Sie wußte Herrn von Sarkow durch reizend vertrauliches Geplauder bis zum höchsten Entzücken zu berauschen, so daß er, den Blick in ihre strahlenden Augen getaucht, alles um sich her vergaß; dann wendete sie sich wieder zu dem Baron Felseneck und zeigte ihm eine solche Menge kleiner, zarter Aufmerksamkeiten, daß Herr von Sarkow sich erbleichend auf die Lippen biß und Mühe hatte, seinen Unmut zu verbergen, während der Baron vor Glück strahlte und kaum eine Ahnung davon hatte, daß er seiner übermütigen Nachbarin als erotisches Unterrichtsmittel diente. War die Dissonanz der Eifersucht bei Herrn von Sarkow dann aufs höchste gestiegen, so wußte die schöne Antonie immer wieder eine harmonische Lösung zu finden, die ihn mit neuem Entzücken erfüllte, so daß er sich endlich ganz betäubt von so viel wechselnden Empfindungen von der Tafel erhob und beim endlichen Abschiede von der Gebieterin, der er gehorsame und gelehrige Ergebenheit geschworen hatte, kaum wußte, ob das Spiel nicht dennoch zum Ernst werden würde.

Mit dem frühen Morgenzuge kehrten die Saxoborussen nach Heidelberg zurück. Herr von Sarkow fand seine neue Wohnung bereits behaglich eingerichtet. Luiz Antonio kam zu ihm herüber, streckte sich auf dem Diwan aus und sagte:

»Laß uns noch eine Zigarre rauchen, ich vermag nicht sogleich zu schlafen, wenn ich den Abend in Gesellschaft war.«

Bald durchdufteten bläuliche Rauchwolken das Zimmer, man plauderte von diesem und jenem, von der Liebenswürdigkeit der Großherzogin Stephanie, von dem so freundlichen Interesse, das diese in Frankreich geborene Prinzessin an dem deutschen Studentenleben bewies, von den einzelnen Persönlichkeiten der Gesellschaft – endlich trat Herr von Sarkow, der lange mit sich gekämpft hatte, zu seinem Freunde heran, ergriff dessen Hand und sagte:

»Höre, Luiz Antonio, ich muß dir etwas gestehen, es ist besser, ich sage es dir, damit du vorsichtiger bist und nicht etwa einmal ein andrer als ich dich belauscht. Ich stand hinter den Myrtenbäumen und hörte dein Gespräch mit –«

Er konnte den Namen nicht aussprechen, denn schnell wie der Blitz fuhr Luiz Antonio empor, legte die Hände auf seine Schulter und sah ihn drohend, mit wildblitzenden Augen an.

»Du hast gehört?« rief er zitternd – »alles gehört?«

»So ziemlich alles,« sagte Herr von Sarkow – »ich mußte ja auf meinem Platze bleiben, damit ihn nicht ein andrer einnahm – bei mir, davon wirst du überzeugt sein, ist dein Geheimnis sicher wie im Grabe.«

»Mein Gott, mein Gott!« sagte Luiz Antonio verzweiflungsvoll, »wie konnte ich so unvorsichtig sein – Sarkow, du wirst schweigen, schwöre mir, daß du schweigen wirst!«

»Ist das nötig,« sagte Herr von Sarkow mit vorwurfsvollem Ton, »fürchtest du Verrat von einem Saxoborussen?«

»Nein, bei Gott, nein!« rief Luiz Antonio, indem er ihn stürmisch an seine Brust drückte – »nein, das ist unmöglich – o, ich wußte es wohl, daß wir Freunde werden würden, jetzt sind wir es für das Leben. Es ist ein Glück, daß es so gekommen ist, das Geheimnis dieser so schmerzvollen und doch so seligen Liebe hätte mich verzehrt, wenn ich all seine Glut, all seine Wonne und all seinen Jammer noch länger in meiner Brust hätte tragen sollen; jetzt kann ich davon sprechen, mit dir davon sprechen, das ist eine Wohltat des Himmels.«

»Sprich, mein armer Freund, sprich,« sagte Herr von Sarkow innig, »ich werde immer bereit sein, zu hören.«

»Ja,« rief Luiz Antonio, »ja, es mußte so kommen, ich mußte einen Vertrauten finden, – jede Qual wird leichter, wenn man sie aussprechen kann vor dem Freunde, der mit uns fühlt – aber mehr noch,« rief er, Herrn von Sarkow noch einmal in seine Arme schließend, »mehr noch, du wirst mir beistehen, für mich denken und für mich handeln, jetzt sind wir zwei – zwei mutige Herzen sind allmächtig gegen alle Schwierigkeiten und Hindernisse; mit dir werde ich alle Schranken überwinden, ich werde sie sehen, ich werde die Erinnerung mitnehmen über das Meer an eine glückliche, selige Stunde wenigstens – Sarkow, Sarkow, dich hat mein guter Stern hierhergeführt!«

»So sehr liebst du diese Frau!« sagte Herr von Sarkow kopfschüttelnd – »ist das nicht Torheit – Wahnsinn?«

»Ja,« rief Luiz Antonio in wildem Ausbruch – »ja, es ist Wahnsinn, ich weiß es, aber dennoch halte ich diesen Wahnsinn fest als den höchsten Schatz meines Lebens, dennoch möchte ich nicht erwachen zu kalter, vernünftiger Ruhe! – O, mein Freund, du kannst es kaum verstehen, was in mir vorgeht, euer Blut ist Eis hier im kalten Norden, ihr vermögt es, eure Leidenschaft zu beherrschen, wie der Reiter das feurige Pferd im Zügel hält – aber wir, das ist etwas andres, unser Blut ist durchglüht von den Sonnenstrahlen des Südens, wenn es flammend aufwallt, so reißt es in seinem Feuerstrom alle Dämme der Vernunft nieder. Sieh, mein Freund,« fuhr er, sich in die Kissen des Diwans werfend, schmerzlich fort, »es gibt schöne Frauen in meinem Vaterlande, ihre Augen funkeln und leuchten wie die Sterne des tropischen Himmels, ihre Wangen schimmern wie die Wunderblüten des Urwalds; ich habe mit ihnen gespielt und getändelt, und mein Herz blieb ruhig und fröhlich, warum habe ich dort nicht die Liebe kennen gelernt, dort, wo ich die Blüten hätte pflücken können, die sich freundlich zu mir neigten? – Aber nein, ich mußte hierherkommen, ich mußte diese Frau sehen, deren bleiche Schönheit schimmert wie der Mondschein des Nordens, und sie, die mir ewig unerreichbar ist, von der ich hinwegziehen muß in die weite Ferne, sie muß die Glut meines Herzens erwecken zu wilden, unbezähmbaren Flammen!«

Einen Augenblick starrte er finster vor sich hin, während Herr von Sarkow schweigend seine Hand drückte.

»Aber ich will nicht fortgehen,« rief er dann aufspringend und die Hand ausstreckend, »ich will nicht fortgehen, ohne die Erinnerung mit mir zu nehmen, nach der meine Seele lechzt – sie liebt mich, o, sie liebt mich, ich habe das berauschende Wort leise wie einen Hauch von ihren Lippen gehört, und doch hat es mich erfaßt mit der Gewalt eines flammenwirbelnden Wettersturms – ist das ein Glück? Ich weiß es nicht, vielleicht wäre ich Herr über mich selbst geworden, wenn sie mich kalt und stolz zurückgewiesen hätte, nun aber ist es um mich geschehen – nun kann ich so nicht scheiden – du mußt mir beistehen, du mußt mir helfen, sie zu sehen, du bist kalt und ruhig, du kannst denken, du wirst Mittel finden, um mir den Weg zu öffnen.«

»Ich verspreche es, ich will für dich denken.« sagte Herr von Sarkow, erschrocken über die wilde Fieberglut, die aus des Freundes Augen flammte. »Aber jetzt sei ruhig, ich beschwöre dich, sei ruhig und vergiß nicht, daß ihr Leben und ihre Ehre in der strengen Bewahrung deines Geheimnisses eingeschlossen ist.«

»Ich will ruhig sein,« sagte Luiz Antonio, »ich will ruhig sein – jetzt kann ich's, da du mir zur Seite stehst, da ich das überschäumende Gefühl in deine Freundesbrust ergießen kann.«

Er streckte sich wieder auf den Diwan aus, und lange noch sprach er, während Herr von Sarkow geduldig zuhörte, von seiner Liebe.

»Aber du,« sagte er dann endlich, »wie ist's mit dir, – Fräulein von Herbingen hat ihr Netz nach dir ausgeworfen, bist du gefangen?«

»Sie ist schön, wunderbar schön.« erwiderte Herr von Sarkow, »aber sie wird mir schwerlich das antun was Frau von Wartenstein dir getan.«

»Nimm dich in acht,« sagte Luiz Antonio, »sie ist gefährlich, in ihren Augen soll ein böser Zauber liegen – sie war Ehrendame bei einer Fürstin, mit der sie in Jugendfreundschaft aufgewachsen ist – sie ist plötzlich zurückgekommen, man flüstert viel von einer unglücklichen Leidenschaft des Gemahls ihrer Freundin – nimm dich in acht vor ihr.«

»Ich habe einen Talisman gegen allen bösen Zauber,« sagte Herr von Sarkow – »wir sind Freunde, du hast mir dein Herz geöffnet, du sollst auch in das meine blicken. Sieh her,« sagte er, ein kleines Medaillon an seiner Uhrkette emporhebend – »hier ist mein Talisman, diese kleine Kapsel schließt zwei Vergißmeinnichtblüten ein, eine Freundin gab sie mir beim Abschiede, ich spielte mit ihr als Kind, und aus dem kindlichen Spiel wuchs eine frische, duftige Herzensblüte empor.«

»Wie glücklich seid ihr, ihr kalten Menschen des Nordens, das ist alles bei euch so klar, so frisch, so rein und wohl auch so kühl – wie glücklich seid ihr! Doch jetzt laß uns schlafen, ich bin ruhiger, seit ich mit dir habe sprechen können, ruhiger als seit langer Zeit. Gute Nacht!« sagte er leise, indem er sich schnell abwendete und in sein Zimmer ging.

Auch Herr von Sarkow war tief erschüttert, die ermüdete Natur verlangte ihr Recht. In seinem Schlafzimmer fand er eine Schale mit frischen Veilchen: überrascht durch diese freundliche Aufmerksamkeit seiner Wirtsleute beugte er sich auf die kleinen Blüten herab und sog deren lieblichen Duft ein, – es war ihm, als ob plötzlich das Gesicht des kleinen Dorchen Treuberg mit den braunen Rehaugen ihn lächelnd anblickte, und das freundliche Bild begleitete ihn in den rasch auf sein Haupt herabsinkenden Schlummer.

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