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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Vierunddreißigstes Kapitel

Die Kneipe war ungemein vollzählig, alle Mitkneipanten der verschiedenen Nationalitäten waren anwesend, ebenso viele Offiziere der preußischen Besatzung, auch Luiz Antonio war zu Ehren des Vaters seines Freundes erschienen, und der Anblick so vieler jungen, frischen, fröhlichen Gesichter in dem so einfachen und doch so vornehmen und zugleich so traulich behaglichen Raum übte sichtlich seine erheiternde Wirkung auf den alten Herrn von Sarkow, der seinen Platz zur Rechten des Grafen Kronau, des präsidierenden Seniors, einnahm. Nachdem das erste Lied in üblicher Weise gesungen war, ließ Graf Kronau einen Salamander auf die preußische Armee und ihren siegreichen Feldherrn, den Prinzen von Preußen, reiben, und obgleich der alte Herr bei diesem so ungewohnten Salamanderexerzitium in ganz uncommentmäßiger Weise vor- und nachklappte, so verbesserte sich doch seine noch immer etwas gedrückte Stimmung durch diese dem Ueberwinder der Revolution dargebrachte begeisterte Huldigung, die so ganz mit seinen Gesinnungen übereinstimmte, immer mehr. Freudig und eifrig kam er all den Ganzen nach, die ihm aus der Gesellschaft, einer nach dem andern, zugetrunken wurden; die Fäxe hatten von dem Grafen Kronau die strenge Weisung erhalten, dem alten Herrn immer nur sogenannte Naturalschoppen zu bringen, die im Gegensatz zu den bis an den Rand gefüllten Kriminalschoppen immer etwa fünf Sechstel Schaum enthielten; trotz dieser Vorsicht aber übten die zahlreichen, schnell nacheinander getrunkenen Schoppen eine immer steigende, erheiternde Wirkung, so daß bald alle Wolken von der Stirn des Kammerherrn verschwanden und er immer fröhlicher und unbefangener mit seinen Nachbarn plauderte, immer mehr lustige Geschichten, die er einst als Fähnrich und junger Offizier erlebt und verübt hatte, erzählte, und immer lebhafter die Versicherung wiederholte, daß er seit langer Zeit sich nicht in so vortrefflicher und liebenswürdiger Gesellschaft befunden habe und so von Herzen vergnügt gewesen sei wie an diesem Abend.

Graf Kronau gebot Silentium.

»Es ist eine alte deutsche Sage,« sprach er, während alle, seinem Beispiel folgend, sich erhoben, »daß die Geister der Helden in den Gefilden der Götter ihre Schlachten weiter schlagen, um dann nach der Lust des edlen Kampfspiels in Walhallas Sälen an himmlischem Met aus goldnen Trinkhörnern sich zu laben und stolz herabzublicken auf die Taten ihrer Nachkommen auf Erden. Ein schöner Sinn liegt in der alten Sage: wir, meine Freunde, stärken uns in jugendfrohem Gelage und in frischen, mutigen Kampfspielen, unsrer Vordern würdig zu werden im Ringen des Lebens, und unsre Väter dürfen nicht erst von den Walküren aufwärts getragen werden zu den Hallen der Unsterblichen, um herabblickend sich zu freuen, daß wir ihrer würdig dem Kampf des Lebens entgegentreten – hier auf Erden schon können sie die Freude der Walhalla genießen, wenn sie rückwärts blicken von ihrer Lebenshöhe auf ihre vorwärts und aufwärts strebenden Söhne, über deren Treiben, so toll und wild es auch scheinen mag, stolz und hoch, rein und unbefleckt die Fahne der Ehre, der Treue und des siegesstolzen Mutes in des Lebens frischem Morgenhauch weht. Solche Freude muß heute der verehrte Vater unsers lieben Corpsbruders Sarkow empfinden, der uns die Ehre erweist, ihn als Gast begrüßen zu dürfen. Was wir treiben in brausendem, überwallendem Jugendmut, was wir wünschen, hoffen und ersehnen für das Leben, das liegt offen vor seinem Blick da – und er darf diesen Blick nicht scheuen; es ist das gleiche Palladium, dessen unversiegbare Kraft auch sein junges Herz einst höher schlagen ließ und sein Haupt stolz und aufrecht erhielt in allen Mühen und Gefahren des Lebens: das Palladium der Ehre, der Wahrheit, des Rechts und der Treue, zu dem wir uns bekennen in unserm Wahlspruch: Virtus sola bonorum corona, zu dem wir geschworen haben auf die weißgrün-schwarzweißen Schläger unsers edlen Corps, dem wir treu bleiben werden bis zum Tode in allen Mensuren, auf die das Leben uns stellen mag.

»Mit diesem freudigen, stolzen Bewußtsein, mit diesem Gelöbnis reiben wir einen Salamander auf das Wohl des Vaters unsers lieben Freundes und Bruders, des verehrten Gastes der Saxoborussia!«

Der Salamander donnerte in musterhafter Präzision. Kaum war der letzte Schlag verhallt, da rief Graf Kronau:

»Wir singen das Lied: ›Was blasen die Trompeten? Husaren, heraus.‹«

Laut erbrauste das Lied vom Feldmarschall Blücher, und der alte Herr von Sarkow fiel jedesmal voll jubelnder Begeisterung, wenn auch mit unmusikalischer Stimme in den Refrain ein:

»Juchheirassassa, und die Preußen sind da,
Und die Preußen sind lustig und rufen Hurra!«

Dann drückte er dem Grafen Kronau wiederholt die Hand und stand auf, um sich für den auf sein Wohl geriebenen Salamander zu bedanken. Er sprach mit herzlichen, warmen Worten seinen Dank und seine Freude über den herrlichen Geist des Corps aus, dem sein Sohn anzugehören die Ehre habe, aber bald wurden seine Augen feucht, seine Stimme begann zu zittern, die Worte, die er sprach, waren nicht mehr völlig verständlich, allein der Ausdruck seines von tiefer Bewegung zuckenden Gesichts ließ keinen Zweifel über die guten Wünsche, die er der Saxoborussia in dem von ihm bis auf die Nagelprobe geleerten Schoppen entgegenbrachte.

Die Heiterkeit wurde immer allgemeiner, es wurden verschiedene Bierskandale nach allen Regeln des Komments zum höchsten Vergnügen des Kammerherrn ausgemacht, die Füchse und Mitkneipanten rieben unzählige Salamander auf alle möglichen und unmöglichen Dinge, und der alte Herr wurde immer froher, glücklicher und gesprächiger, obgleich Graf Kronau die Weisung um den Tisch herumgehen ließ, daß niemand ihm mehr zutrinken dürfe.

»Nicht wahr, Herr Kammerherr,« sagte Graf Kronau in halb leisem, vertraulichem Gespräch, »es ist doch ein schönes Leben in Heidelberg und in der Saxoborussia? Wohl kommt es nur einmal vor, wohl geht es schnell vorüber, aber der Eindruck bleibt für immer, diese schimmernde, duftige Jugendblüte trägt ihre edle Frucht in alle Zukunft.«

»Ja, bei Gott, das wird sie tun!« rief der alte Herr, kräftig auf den Tisch schlagend, indem er den Rest seines Schoppens leerte, den ihm der Fax dann, bis an den Rand mit Schaum gefüllt, wieder hinstellte.

»Ja,« sagte Graf Kronau, »man ist nur einmal jung, nur einmal Saxoborusse – freilich geht es auch wohl ein bißchen wild und unordentlich zu, wir haben keine Zeit, nachzudenken und zu rechnen und uns den Jugendtraum zu verkümmern mit materiellen Sorgen und Rücksichten.«

»Das tut nichts, mein junger Freund, das tut nichts!« rief der Kammerherr, dem Grafen kräftig auf die Schulter klopfend, »je besser der Most durchgärt, um so edler wird der Wein.«

»Damit tröste ich mich auch,« sagte Graf Kronau, »denn ich muß Ihnen im Vertrauen sagen, Herr Kammerherr, ich habe hier in Heidelberg mich nicht viel um meine Rechnungen gekümmert, ich fürchte, es ist ein böses Defizit da, und ich werde meinem Vater eine Beichte ablegen müssen, die ihn vielleicht nicht erfreuen wird.«

»Ah bah,« sagte der Kammerherr, »was tut das, wenn der Alte auch ein wenig brummt, er muß sich ja doch freuen, daß Sie eine solche Schule durchgemacht haben. Wer macht keine Schulden in seiner Jugend? Wenn sie nicht über die Grenzen der Verhältnisse gehen, so hat das nichts zu sagen, einmal muß der Mensch austoben. Ich,« sagte er, ganz vergnügt vor sich hin lachend, »hatte auch als junger Offizier einen ziemlich langen Speisezettel, mein Vater war auch nicht ganz zufrieden und schalt ein wenig, aber ich bin doch ein ganz tüchtiger Mensch geworden und habe immer auf Ordnung gehalten, denn Ordnung,« sagte er, plötzlich wieder eine strenge, ernste Miene annehmend, »hält die Welt zusammen, und Ordnung muß überall sein, überall, im Hause wie im Staat.«

Graf Kronau hatte dem jungen Sarkow einen Wink gegeben, und dieser hatte den Platz an der andern Seite seines Vaters eingenommen.

»Da hörst du es,« sagte Graf Kronau, sich zu seinem Freunde wendend, »ich wußte es ja ganz genau, daß dein Vater keine engherzigen Gesinnungen haben konnte, solche Herren wie er bleiben immer jung im Herzen und werden niemals Philister.«

»Niemals Philister!« rief der alte Herr, auf den Tisch schlagend, »nein, Karl,« fügte er hinzu, seinen Sohn, der sich vorher den ganzen Abend über fern gehalten hatte, ein wenig verwundert an seiner Seite erblickend, »ich bin jung im Herzen und verstehe die Jugend, Gott segne dich, daß du das herrliche Band da auf der Brust trägst.« Er drückte kräftig seines Sohnes Hand.

»Nun, siehst du wohl,« sagte Graf Kronau lachend, »ich wußte es ja und sagte es dir gleich; ich kannte deinen Herrn Vater besser als du. Wie konntest du es nur für möglich halten, daß er wegen der kleinen Schulden, die du hier gemacht hast, auch nur eine Miene verziehen würde?«

»Ja, wie konntest du das für möglich halten, Karl?« fragte der alte Herr, indem er mit etwas starrem Blick verwundert den Kopf schüttelte, »ich begreife das nicht – niemals Philister – niemals – niemals.«

»Also morgen früh«, sagte Graf Kronau, »bringst du die Liste von deinen Rechnungen, dann wird kein Wort weiter darüber gesprochen, und die Sache ist abgemacht.«

»Kein Wort drüber gesprochen, die Sache ist abgemacht – abgemacht – abgemacht,« sagte der alte Herr, indem er wie zur Bekräftigung dreimal mit seinem Schoppen auf den Tisch schlug.

Karl von Sarkow küßte gerührt seines Vaters Hand, dieser erhob sich, breitete seine Arme aus, drückte seinen Sohn lange an die Brust und rief mit feuchten Augen:

»Virtus sola bonorum coruna – es lebe, blühe und gedeihe die Saxoborussia!«

»Silentium!« rief Graf Kronau.

»Der Kammerherr von Sarkow hat auf das Wohl des Corps getrunken, wir kommen ihm alle nach in einem Ganzen auf sein spezielles Wohl.«

Die Ganzen wurden geleert, noch ein Lied wurde gesungen, der alte Herr lehnte sich ein wenig müde in seinen Stuhl zurück, und Graf Kronau schlug ihm vor, nach Hause zu gehen, da es spät geworden sei.

»Ja, es ist spät,« sagte der Kammerherr, indem er wie mechanisch seine Uhr hervorzog und einen flüchtigen Blick darauf warf, »und wenn die Herren ebenfalls aufbrechen, so könnten wir wohl nach Hause gehen – aber sonst nicht – nein, sonst nicht – wir bleiben immer jung, wir lassen uns nicht überbieten – niemals Philister – niemals – niemals.«

»Nein, niemals,« sagte Graf Kronau, »niemals – aber wir gehen alle, wir bleiben niemals länger, wir müssen ja morgen früh wieder in das Kolleg.«

»Das Kolleg, ja, ja, ins Kolleg, das ist wahr,« sagte der alte Herr, »das ist hübsch, sehr hübsch – das utile cum dulci – o, ich habe mein Latein noch behalten – utile cum dulci – virtus sola, bonarum corona – komm her, Karl, du bist ein braver Kerl, daß du so fleißig ins Kolleg gehst – kümmere dich nicht um die lächerlichen kleinen Schulden – wie konntest du nur glauben – immer jung mit der Jugend – niemals Philister – niemals – niemals.« Auf Graf Kronaus Wink erhoben sich einige der Zunächstsitzenden, als ob sie ebenfalls gehen wollten. Der Kammerherr nahm seinen Hut und stieg, auf den Grafen Kronau und seinen Sohn gestützt, mit einiger Mühe die Treppen des Riesensteins herab.

Es war eine prachtvolle, mondhelle Nacht, Graf Kronau schlug vor, noch ein wenig auf der Pariser Promenade auf und nieder zu gehen; die Bewegung in frischer Luft wirkte augenscheinlich vorteilhaft auf den Kammerherrn, denn sein anfangs schwankender Gang befestigte sich immer mehr und mehr, obgleich er fortfuhr, sich auf die Arme der beiden jungen Leute zu stützen.

»Wir haben ein wenig scharf gekneipt,« sagte er, »ich bin das nicht mehr so recht gewöhnt – aber es ist doch schön, das Herz ist jung, wenn auch die Füße nicht mehr so ganz fortwollen, und es ist eine wahre Freude für das Alter, sich auf eine so brave, edle und hoffnungsvolle Jugend zu stützen. Wie freue ich mich,« sagte er, Graf Kronaus Hand schüttelnd, »daß mein Sohn einen Freund gefunden hat wie Sie, mein lieber Graf.«

»Mehr als Freund, mehr als Freund,« sagte Graf Kronau, »das weißgrün-schwarzweiße Band macht zu Brüdern, zu Brüdern für das ganze Leben.«

Ein plötzlicher Gedanke schien ihn zu durchzucken.

»Karl ist mein Bruder für immer.« sagte er, »und wahrlich, Herr Kammerherr, ich fühle mich wie zu Ihnen gehörig, als ob ich in Wahrheit Karls Bruder wäre, als ob ich das Recht hätte, Sie wie einen Vater zu verehren.«

Der Kammerherr blieb stehen, umarmte Graf Kronau und küßte ihn auf beide Wangen.

»Ich habe mit Karl verabredet,« fuhr der Graf fort, »ihn zu besuchen, wenn wir Heidelberg verlassen haben – Fräulein Marie hat es mir erlaubt, und wenn Sie, Herr Kammerherr, mir Ihr Haus nicht verschließen –«

»Die Marie hat es Ihnen erlaubt,« sagte der Kammerherr, indem er, vor sich hin lachend, abermals stehen blieb und dem Grafen kräftig auf die Schulter klopfte – »nun, wenn meine beiden Kinder Sie eingeladen haben, dann muß ich Sie doch wohl mit Freuden in meinem Hause begrüßen, mit großer Freude, auch wenn ich nicht ohnehin schon kaum einen lieberen Gast bei mir sehen könnte als den Corpsbruder meines Sohnes.«

»Und wenn dann,« sagte Graf Kronau schnell, »meine Bitte noch größer wäre, wenn ich bäte, mit Ihrem Sohne, mit Fräulein Marie sagen zu dürfen: ›Mein lieber, mein verehrter Papa,‹ würden Sie dann wohl auch sagen –«

»Mein Sohn – mein vortrefflicher Sohn,« unterbrach ihn der Kammerherr, indem er den Arm um die Schultern des Grafen legte und ihn an seine Brust drückte.

»Du hast es gehört, Karl, du hast es gehört, dein Vater erlaubt mir, ihn Papa zu nennen, und wenn deine Schwester es auch erlaubt –«

»So ist alles in Ordnung!« siel Karl fröhlich ein.

»Alles in Ordnung,« sagte der alte Herr, »wie war das, was heißt das?« fügte er stutzend und sich besinnend hinzu.

»Karl ist mein Bruder!« rief Graf Kronau, »Sie haben mir erlaubt, Sie Vater zu nennen, und Fräulein Marie wird nichts dagegen haben, daß das Familienverhältnis geordnet werde. Mein Vater wünscht, daß ich bald eine eigne Heimat gründe, er will mir eines seiner Güter übergeben und mich zur Uebernahme unsers Majorats vorbereiten, seine Gesundheit erfordert längeren Aufenthalt in einem südlichen Klima.«

»Herr Graf,« sagte der alte Herr kopfschüttelnd, »was ist das, was sagen Sie da? Darüber müssen wir morgen sprechen.«

Sie waren in der Nähe des Hotels angekommen.

»Ja,« rief Graf Kronau, »ganz gewiß, darüber müssen wir morgen sprechen, ganz ernsthaft und ausführlich sprechen, dann wird alles gut sein, alles in Ordnung kommen.«

Der alte Herr antwortete diesmal nicht, er ging mit gesenktem Kopfe weiter, als bemühe er sich zunächst, seine eignen Gedanken in klare Ordnung zu bringen. Der Hausknecht öffnete das Tor, die beiden Saxoborussen führten den Kammerherrn nach seinem Zimmer, er wurde mit ihrer Hilfe schnell entkleidet. Als er in den Kissen seines Bettes ruhte, küßte Karl seine Hand und wünschte ihm herzlich gute Nacht; Graf Kronau tat dasselbe, ehrerbietig und liebevoll sagte er: »Gute Nacht, Papa, auf morgen also.«

»Auf morgen,« sagte der alte Herr halblaut – schon hatten sich seine Augen geschlossen, und im nächsten Augenblick versank er in tiefen Schlummer.

»Mein Bruder, mein Bruder!« rief Graf Kronau jubelnd, als die beiden jungen Leute wieder auf die Straße hinabgestiegen waren, »mein Bruder fürs Leben!«

Lange Zeit gingen sie noch in der hellen Mondnacht auf und nieder, von der Zukunft sprechend, die vor beiden im Rosenschimmer glücklicher Hoffnung dalag. Als Herr von Sarkow endlich nach Hause zurückkehrte, trat er in Luiz Antonios Zimmer. Der Freund ruhte bereits schlafend auf seinem Lager, wehmütiger Ernst lag auf seinem Gesicht. Als Herr von Sarkow mit liebevollen Blicken ihn ansah, bewegte er leise die Lippen, und mit einem schmerzlichen Seufzer klang es wie ein Hauch aus seiner Brust hervor: »Elise!«

Herr von Sarkow faltete die Hände und flüsterte:

»Du ewiger Gott der Gnade und Barmherzigkeit, laß ihn in der fernen Heimat das Glück finden, das er hier vergeblich gesucht hat.«

Leise ging er hinaus, den Schlaf des Freundes nicht zu stören.


Am nächsten Morgen warteten die beiden Mädchen bereits ziemlich lange am Frühstückstisch, ehe der Kammerherr von Sarkow erschien. Als er sich endlich einfand, war er blasser als sonst, strich sich häufig mit der Hand über die Stirn und zeigte eine so auffallende, ihm sonst nicht eigentümliche Neigung für Sodawasser, daß er bereits zwei Flaschen dieses nervenbelebenden, kohlensauren Getränkes geleert hatte, ehe er sich zögernd dem Tee, den Eiern und dem Schinken, den sonst besonders bevorzugten Bestandteilen seines Frühstücks, zuwendete. Die jungen Mädchen fragten mit unermüdlicher Neugier nach seinen Erlebnissen auf dem Riesenstein – aber der alte Herr blieb so wortkarg, daß Fräulein Marie scherzend den Verdacht aussprach, es müsse dort wohl eine Art von geheimer Freimaurerei stattfinden, über die jedem Teilnehmer eidlich Stillschweigen auferlegt werde. Nur über die Liebenswürdigkeit und den vortrefflichen Ton der jungen Leute sprach sich der Kammerherr wiederholt mit höchster Anerkennung aus. »Besonders Graf Kronau ist ein ganz ausgezeichneter junger Mann,« betonte er mehrmals, während Fräulein Marie zur ganz ausnehmenden, stillen Freude von Fräulein Agnes sich dann stets herabbückte, als ob sie irgend etwas von der Erde aufnehmen wolle, – »ein ganz ausgezeichneter junger Mann – wir haben gestern noch im wunderschönen Mondschein einen Spaziergang gemacht, – wir haben ihn zu seiner Wohnung begleitet, – die Sitzung dauerte lange und war sehr vergnügt, – ja, ja,« fügte er wohlgefällig lächelnd hinzu, »die jungen Leute sind nicht so fest wie wir Alten!«

Leicht zusammenschauernd leerte er den Rest seines Sodawassers.

»Das viele Gehen und Bergsteigen macht durstig,« sagte er aufstehend, um die Glocke zu ziehen und bei dem Kellner noch eine weitere Flasche zu bestellen. – »Was war doch das,« – flüsterte er vor sich hin, – »wir haben da noch etwas gesprochen, was mich besonders interessierte und worüber ich noch im Bett nachgedacht habe, – Kronau war freilich ein wenig verwirrt, und Karl schien es mir auch zu sein – aber mein Gott, was war es nur – sowie ich den Gedanken zu fassen glaube, so entschlüpft er mir wieder.«

Er rieb sich heftig die Stirn und ging, halblaute Worte vor sich hin murmelnd, auf und nieder, alle weiteren Fragen der neugierigen Mädchen überhörend.

Karl trat ein. Er begrüßte seinen Vater und fragte teilnehmend nach seinem Befinden.

»Vortrefflich geht es mir, vortrefflich!« rief der alte Herr, indem er eine Miene des Wohlbehagens annahm, die ihn einige Mühe zu kosten schien, – »aber ihr werdet wohl etwas Kopfschmerzen haben – wie?«

»Durchaus nicht, lieber Vater – wir sind noch längere Zeit spazieren gegangen, nachdem wir dich hierher begleitet hatten.«

»Ich glaubte vom Papa verstanden zu haben,« sagte Fräulein Marie schalkhaft, »daß er mit dir den Grafen Kronau nach Hause begleitet hätte.«

»Ja, ja!« rief der alte Herr – »Kronau war nicht ganz sicher, – aber,« fuhr er, schnell abbrechend, fort – »es war eine wunderschöne Nacht, – man sollte es nicht versäumen, Heidelberg im Mondschein zu sehen, – das Schloß macht einen herrlichen Effekt.«

»Und da habt ihr uns zu Hause gelassen!« rief Fräulein Marie vorwurfsvoll, während ihr Bruder einen listig vergnügten Blick auf die dritte Flasche Sodawasser warf, die der Kellner soeben zu den beiden andern, bereits geleerten auf den Tisch stellte.

Er begrüßte Agnes mit einigen so nahe zu ihr hin geflüsterten Worten, daß seine Lippen ihre errötende Wange streiften – dann wendete er sich wieder zu seinem Vater und sagte mit gleichgültig ruhigem Ton, aus dem dennoch eine gewisse Befangenheit hervorklang, indem er ein ziemlich voluminöses Schriftstück aus seiner Tasche zog:

»Ich habe dir hier auch die Zusammenstellung der kleinen Rechnungen gebracht, lieber Vater, die meinen Etat überschreiten, – wie du es gestern abend befohlen hast – ich danke dir nochmals recht herzlich, daß du meine kleinen finanziellen Unordnungen so gütig verziehen hast.«

»Kleine Rechnungen – Etat übersteigen – finanzielle Unordnungen,« sagte der Kammerherr mürrisch – »Teufel – es scheint, mir steigt eine Erinnerung auf, die ich vorher nicht finden konnte.«

Er nahm das Schriftstück etwas heftig aus seines Sohnes Hand und schlug die Bogen auseinander.

»Walz,« las er, »sechshundert Gulden, – Lieber tausend Gulden, – Nürnberger fünfzehnhundert Gulden – Junge, bist du toll, – das nennst du kleine finanzielle Unordnungen? Das ist ja ein Vermögen – davon will ich nichts wissen – sieh, wie du damit fertig wirst!«

Er warf die Papiere zornig auf den Tisch. »Aber, Papa,« sagte Karl bestürzt, »du meintest gestern –« »Ich meine, daß du ein heilloser Verschwender bist – nichts werde ich von diesen unsinnigen Rechnungen bezahlen, – du bist minorenn – die Leute haben kein Recht, etwas von dir zu fordern! Richte dich damit nach deinen Einnahmen ein, du sollst selbst die Folgen solcher unverzeihlichen Torheit empfinden!«

»Onkel Sarkow,« sagte Fräulein Agnes bittend, »seien Sie nicht so böse – sehen Sie, wie traurig Karl dasteht, – wir sind doch hierhergekommen, um vergnügt zu sein.« »Das verdirbt mir alle Freude!« rief der Kammerherr aufbrausend, »ich reise heute ab – packt eure Koffer –«

»Graf Kronau bittet um die Erlaubnis, den Herrschaften guten Morgen zu sagen,« meldete der Kellner, und durch die offen gehaltene Tür trat der Graf ein.

Er begrüßte die jungen Damen und trat dann, während Fräulein Marie sich errötend zum Fenster wendete, auf den alten Herrn zu, dessen zornig erregte Miene er gar nicht zu bemerken schien.

»Ah,« sagte er, mit heiterer Unbefangenheit auf das zerknitterte Schriftstück deutend, »Sie haben da die kleine Angelegenheit, die dem armen Karl so viel sorgenvolle Stunden bereitete, weil er fürchtete, Sie zu betrüben, schon in Ordnung gebracht! Bei Gott, Herr Kammerherr, das ist schön, sehr schön von Ihnen – ein Mann ein Wort – die alte Zeit muß uns wahrlich immer zum Vorbild dienen.«

»Kleine Angelegenheit!« rief der alte Herr, »es sind Tausende, Herr Graf –«

»Es mag wohl ein wenig aufgelaufen sein,« fiel Graf Kronau mit unzerstörbarer Heiterkeit ein – »und doch,« sagte er, bewundernd in das zornige Gesicht des Kammerherrn blickend, »und doch haben Sie das gleich so glatt und liebenswürdig abgemacht – wahrhaftig, das ist schön – freilich, Sie hatten ja Ihr Versprechen gegeben.«

»Mein Versprechen gegeben?« rief der alte Herr, aus dessen Blicken eine Erinnerung aufzublitzen schien.

»Da geht es Karl besser,« fuhr Graf Kronau mit etwas gedämpfter Stimme fort, »als es Ihnen selbst gegangen ist, – Ihr Herr Vater brummte ein wenig, ehe er das Defizit ausglich, das Sie als junger Offizier gemacht.«

Der Kammerherr winkte ihm mit einem scheuen Seitenblick auf die Mädchen Schweigen zu.

»Du erzähltest gestern abend, lieber Vater.« sagte Karl zögernd.

»Ich erzählte – ich erzählte – ja, ja, das war es – ich wußte es doch, daß da noch ein dunkler Punkt war,« – sagte der Kammerherr, seine Stirn reibend; – »nun, ihr habt mich da auf euren Riesenstein gelockt,« fuhr er unwillig fort, »wie in eine Räuberhöhle.«

»Utile cum dulci,« flüsterte Graf Kronau, »das Herz bleibt immer jung – niemals Philister – niemals – niemals,« – und leise summte er, zu dem alten Herrn geneigt: »Juchheirassassa, und die Preußen sind da.«

Der Kammerherr lachte, schüttelte ihm die Hand und sagte, zu seinem Sohn:

»Nimm die verdammten Rechnungen fort, ich will mir jetzt nicht damit den Humor verderben, schicke sie meinem Banquier nach Berlin – ich werde ihm Anweisung geben, sie zu bezahlen, aber vergiß mir nichts, damit die ganze Suppe auf einmal ausgegessen wird.«

»Und die Preußen sind lustig und rufen Hurra!« sang Graf Kronau ebenso leise wie vorhin, während Karl ganz glücklich seines Vaters Hand küßte.

»Geheimnisse und immer Geheimnisse,« sagte Fräulein Marie, indem sie zu den Herren herantrat, – »der Papa hat uns nichts von gestern abend erzählen wollen, soviel wir ihn auch gebeten haben – und nun beginnen die Herren wieder eine geheime Unterhaltung – das ist nicht liebenswürdig gegen uns.«

»Der Herr Kammerherr hat Ihnen nichts erzählt?« erwiderte Graf Kronau – »das ist in der Tat unrecht, – denn es war doch noch etwas zu erzählen,« fügte er hinzu. Während Karl, mit Agnes flüsternd, zur Seite stand, – »etwas sehr Schönes und sehr Reizendes, wenn Sie es gern hören, mein gnädiges Fräulein.«

»Wenn ich es gern höre?«

»Der Herr Kammerherr hat mir nämlich erlaubt, ihn Papa zu nennen, da ich doch Karls Corpsbruder bin, – und da ich so gern mehr – noch mehr wäre, – wenn Fräulein Marie es erlaubt.«

Das junge Mädchen stand in glühender Verwirrung da. Der alte Herr aber sagte sinnend:

»Ja – ja – das taucht alles wieder in mir auf – das war bei der Promenade im Mondschein.«

»Nicht wahr – Sie haben mir gestattet, Sie Papa zu nennen, und ich habe es auch getan, von ganzem Herzen getan – wenn Fräulein Marie es erlaubt.«

»Aber was bedeutet dieser Scherz?« fragte der Kammerherr – »ich begreife nicht –«

»Es ist kein Scherz,« erwiderte Graf Kronau – »und es bedeutet,« fuhr er fort, Mariens Hand ergreifend und mit dem zitternden Mädchen vor ihren Vater hintretend, – »es bedeutet, daß ich Marie liebe und in Wahrheit meines Freundes Bruder und Ihr Sohn sein möchte, – wenn Marie es erlaubt, – aber sie wird es erlauben – nicht wahr? – mein Herz sagt ja, und ich weiß, daß das ihre mich nicht Lügen strafen wird.«

»Herr Graf,« sagte der alte Herr ernst, – »eine solche Frage, auf die ich in der Tat nicht vorbereitet war, läßt sich nicht so schnell beantworten – Ihr Herr Vater –«

»Mein Herz ist mein Eigentum!« rief der Graf, »und was meine Wahl und Ihre Familie betrifft, so wüßte ich nicht, was mein Vater daran auszusetzen haben könnte.«

»In der Tat,« sagte der Kammerherr, stolz den Kopf emporrichtend, – »das ist wahr – und was sagst du, Marie?«

Marie sagte nichts, aber sie widerstrebte nicht, als Graf Kronau sie in seine Arme schloß und, ihren Vater frei anblickend, sagte:

»Ich wußte es, sie erlaubt mir, Ihr Sohn zu sein.«

»Nun,« – sagte der alte Herr kopfschüttelnd, aber mit freundlichem Lächeln, – »dann kann ich ja wohl die Erlaubnis meiner Tochter nicht zurückziehen, – ich habe mich ja meines neuen Sohnes nur zu freuen, lieber Graf – aber,« fügte er ernst hinzu – »alles bleibt Geheimnis – kein Wort darf davon gesprochen werden, bevor die Zustimmung Ihres Vaters da ist, den ich persönlich zu kennen nicht die Ehre habe.«

Die jungen Leute umarmten glücklich den Vater, der sie herzlich an seine Brust drückte.

Karl zog Agnes heran.

»Und wir?« fragte er, lächelnd zu seinem Vater aufblickend.

»Was soll das heißen, – was wollt ihr noch?« fragte der Kammerherr, während Graf Kronau und Marie lächelnd zur Seite traten.

»Nun – sind wir weniger wert wie die beiden da?« erwiderte Karl, – du hast einen Sohn gewonnen – willst du die Tochter zurückweisen, die ich dir zuführe?«

»Junge!« rief der alte Herr in aufjubelnder Freude,– »ist das wahr – wirklich wahr? Das ist ja mein Herzenswunsch seit Jahren – mein Wunsch und der Wunsch meines alten Freundes Regenow. – Komm her, – komm an mein Herz – jetzt mögen die verwünschten Rechnungen noch einmal so groß sein, – ich bezahle sie gern – von Herzen gern!«

Er umarmte stürmisch seinen Sohn – Agnes schmiegte sich lächelnd an seine Seite und sagte: »Onkel Sarkow – ich darf Sie also jetzt auch Papa nennen?«

»Ja, ja!« rief der alte Herr, »das darfst du – wo ist der Dolch, den der Nürnberger hier gelassen und den du dir wünschtest? – Nimm ihn – nimm ihn, – er ist dein, und wir wollen ausgehen, – die Luft in dem engen Zimmer hier erdrückt mich, – wir wollen zu Nürnberger gehen und zu dem Porzellanmaler, – ihr alle sollt auswählen, was ihr haben wollt – kommt – ich bin so glücklich, daß ich die Sonne sehen will am blauen Himmel und die freie Luft der Berge atmen.«

Sie gingen fort, Karl mit Agnes voraus, der alte Herr folgte mit Marie und dem Grafen Kronau, der einen Augenblick in das Bureau des Oberkellners getreten war.

Nürnberger empfing sie mit dem Ausdruck gekränkter Würde, aber er erklärte ihnen dennoch ausführlich den historischen und künstlerischen Wert seiner Waren, und als die Mädchen verschiedene allerliebste Sachen gewählt und der Kammerherr sie in klingenden Friedrichsdor bezahlt hatte, da wurde der vortreffliche Handelsmann ganz versöhnt mit der unfreundlichen Aufnahme, die ihm gestern zu teil geworden. Er geleitete den alten Herrn mit tausend verbindlichen Dankesworten und aufrichtigen Wünschen für sein ganzes Haus auf die Straße hinaus.

Er zupfte Karl am Aermel.

»Herr Baron,« flüsterte er ihm zu, »wann kommt der Prinz Mirza Schaffi, und wie ist es mit dem Kislar Aga?«

»Warten und schweigen!« sagte Herr von Sarkow, indem er den Finger auf den Mund legte.

Nürnberger ahmte diese Gebärde nach und blickte so, den Finger auf seine Lippen gedrückt, den Davongehenden noch lange nach.

Ebenso leicht wurde Lieber versöhnt, als der Kammerherr ein vollständiges Wappenservice bei ihm bestellte und die schönsten Stücke seines Vorrats zu Geschenken für Agnes und den Grafen Kronau auswählte.

Die Table d'hôte hatte schon begonnen, als die Gesellschaft in das Hotel zum Badischen Hof zurückkehrte.

Man hatte eben den Obersten von Ehrenstein und die andern Herren begrüßt und die gewohnten Plätze eingenommen, als ein Bote des Telegraphenamtes erschien und dem Grafen Kronau eine Depesche überbrachte.

Er erbrach mit unruhig zitternder Hand das blaue Couvert, durchflog die Depesche und reichte dieselbe über die Tafel hin dem Kammerherrn von Sarkow.

Dieser las halblaut:

»Für mich genügt der Name des Herrn von Sarkow. Das übrige ist deine Sache. Gott segne deine Wahl! Meine herzlichsten Grüße in der Hoffnung baldiger persönlicher Bekanntschaft dem Kammerherrn und Fräulein Marie.«

Der alte Herr faltete, still vor sich hin lächelnd, die Depesche zusammen – dann schlug er mit dem Messer an sein Glas und sprach:

»Ich bitte den Herrn Obersten und die Freunde und Corpsbrüder meines Sohnes, mit mir auf das Wohl von zwei Brautpaaren zu trinken, die sich heute unter die weißgrün-schwarzweiße Fahne stellen und sich für ihr ganzes Leben zu dem Wahlspruch bekennen wollen: › Virtus sola bonorum corona!‹ Graf Kronau und meine Tochter, – mein Sohn und Fräulein Agnes von Regenow – vivant, floreant, crescant

»In saecula saeculorum!« rief Fritz Helmholt jubelnd. Alle leerten ihre Gläser, der Oberst kam, mit den Glücklichen anzustoßen und flüsterte, indem er Karl von Sarkow die Hand drückte:

»So, mein junger Freund – das ist besser als die polnischen Verschwörungen.«

Dankbar erwiderte der junge Mann den Händedruck des alten Soldaten – der Keller des Hotels spendete abermals reichliche Vorräte seines vortrefflichen Oeil de perdix, und abermals richteten sich die verwunderten und teilnehmenden Blicke von allen Seiten der langen Tafel her auf die fröhliche Ecke, an der der gestrenge Kommandant den Vorsitz führte und von der das den Touristen so überraschende und unbegreifliche Rasseln der in ununterbrochener Reihenfolge geriebenen Salamander durch den Saal tönte. Auch Moses, der kleine Corpshund, wurde von George Howkins mit einem Bouquet aus den Blumen der Tafelaufsätze geschmückt und als Gratulant herangeführt, – er zeigte sich zwar ein wenig ungehalten über die ungewohnte Rolle, die man ihm zumutete, aber als die beiden jungen Damen sich um den Vorzug stritten, ihn auf dem Schoße zu halten und mit Konfekt vom Dessert zu füttern, wurde er freundlicher und ließ sich sogar herbei, durch ein flüchtiges, wohlwollendes Schwanzwedeln seine Zustimmung zu den für das Corps so erfreulichen Ereignissen zu erkennen zu geben.

Endlich erschien der rote Schiffer in höchster Gala. Ob sein Instinkt ihn herführte, oder ob Graf Kronau, der vorher dem Oberkellner einen leise geflüsterten Befehl gab, ihn hatte rufen lassen, – gleichviel – er war da – ein schneeweißes Hemd fiel in weiten Falten um seine offene Brust – die S. C.-Mütze bedeckte seinen Kopf, und in der Hand hielt er zwei große Blumensträuße, die er den beiden jungen Damen überreichte, indem er mit väterlicher Würde sprach:

»Der rote Schiffer wünscht den schönen Fräulein Glück – Sie haben zwei Herren Saxoborussen bekommen, – das will etwas sagen – so gut wird's nicht jeder, – nun, ich sehe, Sie verdienen's – es wird einen guten Nachwuchs fürs Corps geben,« fügte er hinzu, während die Mädchen ihre errötenden Gesichter auf die tellergroßen Bouquets herabneigten.

»Einen Schoppen!« befahl er dem Oberkellner, – aber ehe dieser ihm auf Fritz Helmholts Befehl ein großes Wasserglas voll Oeil de perdix brachte, hatte der Kammerherr von Sarkow ihn herangewinkt und aus seiner geöffneten Börse eine nicht geringe Anzahl von funkelnden Goldstücken in seine riesige Hand geschüttet.

Der rote Schiffer betrachtete diese einen Augenblick schmunzelnd, ehe er sie in seine Tasche gleiten ließ. Er neigte sich zu Karl von Sarkow und flüsterte diesem, mit der Hand über die Schulter nach dem Kammerherrn deutend, zu:

»Er ist nicht so schlimm, wie er aussieht – ich wußte es wohl – es ist ja der Vater von einem Saxoborussen – das liegt im Blut – der Stamm wächst ja nicht weit vom Apfel.«

Dann nahm er das große Glas mit dem schäumenden Purpurwein, blinzelte dem Kammerherrn mit freundlicher Gönnermiene, die vollkommenes Vergessen und Vergeben ausdrückte, zu und brachte endlich mit seiner durch den ganzen Saal dröhnenden Stimme ein dreifaches donnerndes »Hoch!« auf die beiden Brautpaare aus. Nachdem er dann das von Fritz Helmholt schnell wieder gefüllte Glas noch einmal geleert hatte, schwang er seine S. C.-Mütze über dem Kopf und eilte schnell hinaus, um noch auf der Straße seiner Zufriedenheit in lauten Rufen Ausdruck zu geben.

Heute abend war keine Kneipe, und alle Saxoborussen waren die Gäste des Kammerherrn von Sarkow in dem großen Salon des ersten Stockwerks, und selten wohl ist ein fröhlicheres Verlobungsfest gefeiert, selten sind zwei jungen Paaren herzlichere und aufrichtigere Wünsche entgegengebracht worden.

Graf Steinborn führte vor dem Souper Karl von Sarkow einen Augenblick beiseite.

»Sie hat mich dennoch betrogen!« sagte er bitter.

»Du glaubst es jetzt endlich?«

»Ich muß wohl – ich wollte es nicht glauben, – ich kannte Ihre Adresse in Paris, – ich habe ihr geschrieben.«

»Wie töricht!« rief Herr von Sarkow erschrocken und unruhig – »und was hat sie geantwortet?«

»Sieh da,« – erwiderte Graf Steinborn, – »da ist mein Brief, – auf dem Couvert steht: ›Refusé‹ – deutlich von ihrer eignen Hand geschrieben.«

Herr von Sarkow atmete erleichtert auf.

»Sie fürchtet meine Drohung,« flüsterte er leise vor sich hin – »sie hat Wort gehalten!«

»Nun,« sagte er dann, dem Freunde herzlich die Hand drückend, – »ich wünsche dir Glück – der tolle Zauber ist von dir gewichen, du wirst Ersatz finden.«

Graf Steinborn schüttelte den Kopf.

»Ein Narr, wer sich zweimal betrügen läßt!« murmelte er, sich abwendend, während Herr von Sarkow seine Braut aufsuchte, um sie zu Tisch zu führen. Noch einige Tage blieb der Kammerherr mit den beiden Mädchen in Heidelberg, und wie ein duftig süßer Rausch verflog die schöne Zeit, die für den Grafen Kronau und Karl von Sarkow alles Glück in sich schloß, das die holde Jugend in ihrem vollen und doch so schnell erschöpften Füllhorn vereint.

Der Abschied wurde vergoldet durch die Hoffnung baldigen Wiedersehens, die diesmal nach menschlicher Berechnung nicht täuschen sollte, und das Leben in Heidelberg kehrte wieder in sein gewohntes, wenn auch nicht immer ruhiges Geleise zurück.

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