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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Herr von Sarkow blieb ganz betrübt und niedergeschlagen nach der so unfreundlichen Entfernung des alten Herrn im Zimmer stehen; er liebte seinen Vater, der ihm stets so viel zärtliche und treue Sorgfalt bewiesen, von ganzem Herzen, und wenn er sich auch vollkommen bewußt war, bei den Rechnungen, die er über den Betrag seiner ihm reichlich zugemessenen Einnahmen gemacht hatte, nicht über die Grenzen seiner Verhältnisse hinausgegangen zu sein und seinem Vater keine ernsten Verlegenheiten bereitet zu haben, so war es ihm doch schmerzlich, daß er den alten Herrn, der ungemein auf Ordnung und Pünktlichkeit hielt, betrübt hatte und daß der Besuch der Seinigen in Heidelberg nun mit einer unangenehmen Erinnerung verknüpft sein sollte. Ein Ausweg war indes nicht zu finden, er durfte seinem Vater jetzt, da dieser einmal gefragt hatte, nichts mehr verschweigen und verwünschte in halblautem Selbstgespräch Nürnberger, Lieber, den roten Schiffer und Schreckenberger, die ihm durch ihre indiskreten Besuche die Verlegenheit bereitet hatten, zu allen Teufeln.

»Während er so ratlos und verstimmt im Zimmer auf und nieder ging, kamen die beiden Mädchen wieder zurück und erzählten ihm lachend von den Scenen, die sich bei den Besuchen zugetragen hatten, so daß er nicht umhin konnte, trotz seiner peinlichen Verstimmung in ihre Heiterkeit mit einzustimmen.

»Der Vater ist böse,« sagte er, »die verwünschten Philister haben ihn mit ihrem Geschwätz auf die Spur von einigen kleinen Rechnungen gebracht.«

»Kleine Rechnungen?« sagte Fräulein Marie, mit dem Finger drohend, »sie werden wohl nicht ganz so klein sein, wenn man sich Sammlungen von Dolchen und Türkensäbeln und ich weiß nicht was noch für Merkwürdigkeiten hält. Hier diesen allerliebsten Dolch hat jener merkwürdige Antiquar, der die ganze Weltgeschichte wie in einem Sieb durcheinanderschüttet, zurückgelassen, Agnes möchte ihn so gern haben, aber der Papa war übler Laune und hat ihn ihr verweigert, doch gleichviel, er wird auch wieder gut werden, Agnes muß ihn dann bitten, ihr kann er nicht widerstehen. Ich bin schon recht oft eifersüchtig darüber gewesen, daß er meine Freundin beinahe lieber hat als mich. Nicht wahr, Agnes, du wirst bei dem Papa, wenn er nur ein Fünkchen guter Laune hat, ein Wort für diesen verschwenderischen Studenten einlegen, obgleich er es eigentlich gar nicht verdient!«

»Wirklich, Agnes,« fragte Herr von Sarkow, die Hand des jungen Mädchens ergreifend, »willst du für mich sprechen? – Ja, ja, ich weiß, daß du schon als Kind bei dem Vater alles durchsetzen konntest und daß er dich oft von den Deinigen immer noch länger zum Besuch bei uns erbat.«

»Ich weiß nicht,« sagte Agnes verwirrt, »ob ich mich in eine solche Sache mischen darf, ob es dein Vater nicht übelnehmen wird, wenn eine Fremde –«

»Eine Fremde!« rief Herr von Sarkow, »sind wir fremd, sind wir nicht wie Geschwister aufgewachsen, sind nicht unsre Eltern schon von ihrer Jugend auf befreundet?« »Ja,« sagte Agnes leicht zitternd – »aber die Zeit der Kindheit ist vorbei; man geht auseinander, je älter man wird.«

»Agnes!« rief Herr von Sarkow halb bittend, halb vorwurfsvoll.

Fräulein Marie aber schüttelte lachend den Kopf und sagte:

»Kinder, seid nicht närrisch und spielt keine Komödie, die Kinderschuhe habt ihr freilich ausgezogen, und es hängt nur von euch ab, ob ihr nun mit einer feierlichen Verbeugung auseinandergehen und jedes seine eignen Wege verfolgen will. Dazu habt ihr aber gar keine Lust, das lese ich ganz deutlich in euren Augen – du nicht, Karl, und Agnes auch nicht.«

»Marie!« rief Agnes erschrocken, indem sie die Hand ausstreckte, um der Freundin den Mund zu verschließen; diese aber wehrte sie ab und fuhr, ohne auf ihre bittenden Blicke zu achten, fort:

»Geschwister könnt ihr nun freilich nicht mehr sein, also wenn ihr nicht auseinandergehen wollt, dann müßt ihr etwas andres werden – was – das überlasse ich euch selbst, und ihr wißt es ganz gut, darauf will ich wetten, ich sehe das Wort schon auf Karls Lippen schweben und aus den Augen meiner kleinen Freundin schimmern, so sehr sie sich auch Mühe gibt, es zu verbergen.«

»Marie, Marie, ich bitte dich!« rief Agnes.

Karl aber trat zu ihr heran, faßte ihre beiden Hände, sah ihr innig in die Augen und sagte:

»Sie hat recht, Agnes, sie hat recht – auseinander können wir nicht, ich kann nicht von dir gehen, und da wir nun einmal nicht Geschwister sind – weißt du noch, wie wir als Kind zuweilen Hochzeit spielten, du warst die kleine Braut und ich war der Bräutigam, und Marie mit einem schwarzen Mantel war der Pastor, der uns traute – es war kindisch, aber es war doch schön – und wenn es Ernst wäre, müßte es nicht noch schöner sein! Sie hat ganz recht, das Wort schwebt auf meinen Lippen, es heißt: Agnes, meine Agnes, willst du meine liebe Frau sein im langen, ernsten Leben, wie du es warst im flüchtigen kindischen Spiel? – Habe ich recht, war dies das Wort?« fragte er. zu Marie gewendet, die leuchtenden Blicks mit dem Kopf nickte. »Nun denn,« fuhr er fort, »hat sie auch in deinen Augen richtig gelesen, Agnes, hat sie richtig die Antwort erkannt?«

Fräulein Agnes sprach kein Wort, in ihren Augen sollte ja die Antwort stehen, und Herr von Sarkow mußte diese Antwort auch wohl deutlich lesen, denn er breitete seine Arme aus und zog das errötende, zitternde Mädchen an seine Brust; sie widerstrebte ihm nicht, er beugte sich zu ihr herab, und während ihre Lippen sich zueinander fanden, sprang Fräulein Marie jubelnd und händeklatschend im Zimmer umher.

Es wurde an die Tür geklopft.

Herr von Sarkow und Agnes fuhren auseinander. Der Kellner trat ein und meldete, daß der Graf Kronau dem Herrn Kammerherrn von Sarkow und den Damen seine Aufwartung zu machen wünsche.

Herr von Sarkow befahl dem Kellner, seinen Vater zu rufen, und während er selbst den Freund von dem Korridor in das Zimmer führte, schienen die beiden Mädchen ihre Rollen gewechselt zu haben, denn nun warf Agnes der Freundin lächelnd einen neckischen Blick zu, und Fräulein Marie, die eben noch so ausgelassen gewesen, neigte errötend den Kopf.

Nach einigen Augenblicken flüchtiger Unterhaltung erschien der alte Herr von Sarkow. Er empfing trotz seiner immer noch sichtlichen Verstimmung den Grafen Kronau mit der liebenswürdigsten Artigkeit, und nahm auch bereitwillig den von den beiden Mädchen eifrig unterstützten Vorschlag desselben an, den merkwürdigsten Punkten, auf denen sich das studentische Leben in Heidelberg konzentrierte, einen Besuch abzustatten. Ein Wagen wurde bestellt, der Kammerherr mit den beiden Damen und dem Grafen Kronau nahmen darin Platz; der junge Sarkow schwang sich auf den Bock, nahm dem Kutscher die Zügel ab, und man begann die Entdeckungsreise, der der alte Herr nach den soeben gemachten Erfahrungen mit einiger Unruhe, Fräulein Marie und Fräulein Agnes aber mit ungeteiltem Vergnügen entgegensahen.

Die Gesellschaft begab sich auf ihrer Tour zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Heidelberg zunächst zu Herrn Walz, wo das beliebte Frühstücksgetränk der Saxoborussen, der sogenannte Knickebein, ein zwischen Rosoglio und Maraschino geschlagenes Eigelb, allgemeinen Beifall fand. Dann fuhr man nach dem Riesenstein, wo auch die jungen Damen auf das Kommando des Grafen Kronau einen freilich ziemlich unkorrekten Salamander mitrieben. Von dort ging es nach der Hirschgasse, wo die auf dem Boden sichtbaren Blutflecke das schaudernde Entsetzen der jungen Mädchen hervorriefen, und dann endlich verlangte Fräulein Marie, von Fräulein Agnes mehr durch Blicke als durch Worte unterstützt, mit großer Entschiedenheit, die Wohnung des Bruders zu sehen. Da auch der alte Herr, der wohl wieder etwas heiterer geworden war, auf dessen Stirn aber noch immer eine düstere Wolke des Unmuts lagerte, diesem Wunsch sich kategorisch anschloß, so führte Herr von Sarkow die Seinigen nach dem Treubergschen Hause, obwohl seine Miene eine gewisse zögernde Verlegenheit ausdrückte, die Fräulein Agnes nicht entging.

Als die Gesellschaft das Haus betrat, war die Tür des Wohnzimmers geöffnet; Dorchen, die nicht mehr durch die regelmäßige Pflege des fast ganz wiedergenesenen Langenberg in Anspruch genommen wurde, saß auf ihrem Platz am Fenster, Evchen Meier spielte, mit der Freundin plaudernd, leichthin wechselnde Melodien auf dem Klavier; beide erhoben sich verwundert und verwirrt bei dem unerwarteten und unbekannten Besuch.

Herr von Sarkow führte die Seinigen in das Zimmer und stellte seinen Vater und seine Schwester vor, indem er über die Nennung des Namens von Fräulein Agnes so flüchtig hinwegglitt, daß die ohnehin verwirrten Mädchen diesen kaum verstehen mochten. Dann nahm er Dorchens Hand und sagte:

»Dies ist Fräulein Dorchen Treuberg, die Tochter meines vortrefflichen Hauswirts und eine brave Freundin, die musterhaft für mich gesorgt und mich so treu gepflegt hat, als ich einmal ein wenig geritzt war.«

Der Kammerherr sagte dem hocherglühenden Dorchen, die schnell ihre Hand aus der des jungen Mannes zurückzog, einige herzlich dankende Worte; Fräulein Marie drückte ihr innig die Hand, Fräulein Agnes aber stand sinnend seitwärts, Dorchen mit forschenden Blicken betrachtend. Die ganze Unterhaltung dauerte nur wenige Augenblicke, dann stieg man hinauf in Herrn von Sarkows Wohnung, während Dorchen und Evchen allein zurückblieben.

»Wie schön sind seine Schwestern,« sagte Evchen, »und wie herzlich und freundlich, obgleich sie doch so vornehme Damen sind – o, es muß doch besser sein dort oben im Norden; unsre großen Damen hier von Mannheim und Karlsruhe haben kaum einen Blick für uns.«

»Ja, sie sind schön,« sagte Dorchen, »und freundlich und herzlich – und doch – wie fremd habe ich mich ihnen gegenüber gefühlt, wie hat sich plötzlich der Abgrund so recht weit vor mir geöffnet, den ich einen Augenblick vergaß, weil er von schnell verwelkenden Blumenranken bedeckt schien.« Seufzend nahm sie ihre Arbeit zur Hand, während Evchen heiter weiter plauderte.

Fräulein Marie und Fräulein Agnes durchforschten indes mit unermüdlicher Neugier Herrn von Sarkows Wohnung; kein Bild, keine Waffe, kein Buch blieb unbemerkt und unbetrachtet, und der junge Mann hatte vollauf zu tun, um alle wißbegierigen Fragen zu beantworten. Der Türkensäbel des Sultans Suliman und der florentinische Dolch der Katharina von Medici lagen, umgeben von zahlreichen andern allerliebsten und kostbaren Raritäten aus Nürnbergers Magazin, auf dem Tisch, daneben stand ein prachtvolles Teeservice mit schön gemaltem Wappen, sowie andre ausgezeichnete Stücke aus des Porzellanmalers Lieber Atelier. Trinkhörner mit Dedikationen auf silbernen Platten und Schläger mit den Corpsfarben in Sammet auf den Körben hingen an den Wänden. Die Mädchen waren entzückt über all diese schönen und geschmackvollen Dinge, der alte Herr von Sarkow aber schüttelte wieder und immer wieder den Kopf, die Wolke auf seiner Stirn zog sich dichter zusammen, und vielleicht hätte die eigentümliche Kunstsammlung seines Sohnes ihm zu einer nochmaligen ernsten Ermahnung Veranlassung gegeben, wenn ihm nicht die Gegenwart des Grafen Kronau Schweigen auferlegt hätte; doch bemerkte der junge Mann, der mit verlegener Unruhe die Aufmerksamkeit der Mädchen von den Waffen und den Porzellangegenständen immer wieder abzulenken suchte, mit ängstlicher Unruhe die steigende Verstimmung seines Vaters. Er führte die Seinigen auch zu Luiz Antonio, der, hinter seinen Büchern und Heften begraben, dasaß, um ihnen auch seines besten Freundes Heim zu zeigen, von dem er bald scheiden sollte, um auf weit auseinandergehenden Wegen, durch das Weltmeer getrennt, dem Ernst des Lebens entgegenzutreten.

In Luiz Antonios Wohnung fand sich ebenfalls vieles, was das neugierige Interesse der jungen Damen erregte, und während der alte Herr von Sarkow sich voll Teilnahme mit dem jungen Brasilianer über dessen bevorstehende Doktorpromotion unterhielt, erklärte sein Sohn Fräulein Agnes lachend das große Pandektenbuch, das sie ganz scheu und ängstlich aufgeschlagen hatte; Graf Kronau aber ließ Fräulein Marie einige Schüsse aus einer Zimmerpistole nach einem Coeur-Aß tun, das auf einer Scheibe von starkem Eichenholz befestigt war. Sie schoß so sicher, daß Graf Kronau, ihr die geladene Pistole reichend, leise flüsterte:

»Es scheint, mein gnädiges Fräulein, daß die Herzen sich vor Ihnen in acht nehmen müssen.«

Fräulein Marie errötete und schoß mit zitternder Hand diesmal weit neben der Karte vorbei, so daß fast Luiz Antonios Wappenservice, das in der Nähe stand, in Gefahr geriet. Auch Herr von Sarkow mußte Fräulein Agnes, neben der er über das große Buch gebückt war, etwas besonders Bemerkenswertes gesagt haben, denn auch sie errötete und beugte sich noch tiefer auf die mit der Weisheit der Rechtsgelehrten Justinians bedeckten Blätter.

Luiz Antonio blickte wehmütig auf die beiden jungen Paare, er freute sich wohl dieser frischen, fröhlichen Herzen, die sich zu einander neigten, aber er gedachte auch mit bitterem Weh der eignen Liebe, die er so schmerzlich überwunden hatte und dennoch nicht vergessen konnte.

Die Stunde des Diners war gekommen, und man brach auf, um sich nach dem Hotel zum Badischen Hof zurückzubegeben. Noch saßen die beiden Mädchen unten im Wohnzimmer, höflich trat der alte Kammerherr ein, um sich zu verabschieden, Fräulein Marie drückte noch einmal Dorchens Hand, ihre Freundin war noch auf der Schwelle von Herrn von Sarkows Zimmer stehen geblieben, als ob sie mit einem letzten Blick alle Einzelheiten dieser Wohnstätte ihres Jugendgespielen sich einprägen wollte. »Komm, Agnes, wo bleibst du denn!« rief Fräulein Marie hinauf, und schnell kam Fräulein von Regenow, die Treppe herabspringend, um auch ihrerseits sich von Dorchen zu verabschieden.

Dorchen war bei Mariens Ruf totenbleich geworden, mit großen, starren Augen sah sie Agnes traurig fragend an, zögernd nur nahm sie die Hand, die diese ihr zum Abschied bot, und schnell trat sie, als ob die Berührung sie schmerze, zurück. Fräulein Agnes bemerkte diese Bewegung, auch sie zitterte und wendete sich verwirrt ab, um den übrigen zu folgen. Auf der Schwelle wendete sie sich noch einmal um und sah, wie Dorchen auf ihren Sessel niedersank.

Flüchtig eilte sie davon, Mariens wiederholtem Ruf folgend, aber wie träumend ging sie an ihrer Seite und hatte nur kurze und unzusammenhängende Antworten auf die Worte ihres Jugendfreundes.

Evchen Meier hatte, sich aus dem Fenster beugend, den Fremden nachgeblickt.

»Mein Gott, was hast du?« rief sie, in das Zimmer zurücktretend, als sie Dorchen ganz zusammengesunken, das Gesicht mit den Händen bedeckt, in ihrem Stuhl sitzen sah.

Dorchen hob langsam ihr von Tränen überströmtes Gesicht auf. »Hast du nicht gehört?« sagte sie traurig – »Agnes – dieses schöne blonde Mädchen war Agnes, die er im Fiebertraum rief – wie glücklich muß sie sein, daß er sie so sehr liebt.«

»Kind, Kind, welche Torheit!« sagte Evchen fast unwillig, »man muß das flüchtige Spiel des Lebens nicht so ernst nehmen, man muß vergessen, was nicht zu ändern ist.«

»Vergessen – ja, ja – vergessen – wenn es möglich ist!« hauchte Dorchen leise.

Einen Augenblick saß sie, die Hände gefaltet, stumm da.

»Singe mir das Lied vom Mailüfterl,« sagte sie dann; »das Lied löst des Herzens starres Leid.«

Evchen küßte ihre Stirn, dann setzte sie sich an das Klavier und sang mit gedämpfter Stimme:

»Die Vöglein, sie ziehen fort,
Sie kommen wieder her;
Der Mensch, wenn er fortgeht,
Er kommt nimmermehr.«

Dorchen bedeckte wieder ihr Gesicht mit den Händen, und durch ihre Finger quollen die heißen Tränentropfen bei den Tönen des alten Volksliedes, in dessen schlichten Worten des Menschenherzens altes und immer wieder neues Liebesweh wiederklingt. –

Das Diner verlief heiter wie immer. Der Oberst von Ehrenstein war voll ausgezeichneter Laune und teilte der Gesellschaft ganz fröhlich mit, daß er bald von dem lästigen und unangenehmen Posten des Kommandanten erlöst sein werde, um mit seinem Regiment nach Karlsruhe abzugeben. Der Colonel Coombe, Miß Maggins und Mr. Willis wollten am Nachmittage nach England abreisen, ebenso der Professor Rotin mit Fräulein Célie nach Paris – Charles Clarke sollte sie bis Straßburg begleiten, und so entwickelte sich ein kleines Abschiedsfest, bei dem alle diese Menschen, die, vom Zufall zusammengeworfen, sich so nahe getreten waren und nun sich vielleicht niemals wieder begegnen sollten, einer freundlichen und fröhlichen Zeit wehmütig und doch wieder voll froher Hoffnungen den letzten Scheidegruß zuriefen und manche Flasche Oeil de perdrix auf ihr gegenseitiges Wohl, auf freundliche Erinnerung und besonders auf ein frohes Wiedersehen leerten, – diesen warmen Wunsch, der bei jeder Trennung im Leben und endlich in der letzten Scheidestunde aus dem Menschenherzen hervorquillt und doch so oft auf Erden unerfüllt bleibt.

Der Kammerherr von Sarkow entzog sich der allgemeinen Heiterkeit nicht, doch blieb aber immer noch die Wolke des Unmuts und der Verstimmung auf seiner Stirn; auch Fräulein Agnes war einsilbig und schweigsam, und nur Fräulein Marie plauderte so heiter und fröhlich, daß selbst der träumerisch sinnende Luiz Antonio und der finstere, in sich versunkene Graf Steinborn von ihrer munteren Laune mit fortgerissen wurden.

Nachdem man endlich von den Abreisenden Abschied genommen, folgte der Kammerherr von Sarkow mit den Seinigen dem Vorschlage der Saxoborussen, noch einmal den Sonnenuntergang auf der Schloßterrasse zu genießen, und bald war man auf jener herrlichen Höhe angelangt, die die freigebige Natur an jedem Tage mit neuer und immer wieder verschiedenartiger Schönheit bekleidete. Auf dem Plateau vor der Schloßwirtschaft saßen an einem der dort aufgestellten Tische die Gräfin Waldburg, die Baronin von Starkenburg, Fräulein von Herbingen und der Kammerherr von Felseneck. Fritz Helmholt war bereits zu der Gesellschaft herangetreten, Herr von Sarkow zuckte zusammen, aber es war unmöglich, der Begegnung auszuweichen, er flüsterte seinem Vater einige Worte zu und führte diesen dann an den Tisch heran, um ihn und die beiden Mädchen mit den Mannheimer Damen und dem Baron Felseneck bekannt zu machen. Fräulein von Herbingen reichte dem jungen Mann herzlich und natürlich wie einem alten Bekannten die Hand, der Baron Felseneck erschöpfte sich in liebenswürdigen Komplimenten gegen den alten Herrn von Sarkow, er bezeichnete sich sogleich selbst als den glücklichen Bräutigam des Fräuleins von Herbingen, und wurde zugleich nicht müde, die vortrefflichen Eigenschaften seines Sohnes zu loben. Die Miene des alten Herrn hellte sich sichtlich auf, er mochte wohl ein wenig gefürchtet haben, daß sein Sohn sich gar zu sehr in das wilde Studentenleben der Kneipe und des Paukbodens versenkt habe, und war nun äußerst angenehm überrascht, diesen in solch untadelhaft guter Gesellschaft so vortrefflich aufgenommen zu sehen.

Man setzte den Spaziergang nach der Terrasse gemeinsam fort. Während der alte Herr von Sarkow sich mit der Gräfin Waldburg und der Frau von Starkenburg unterhielt und der Baron von Felseneck sich gegen die beiden jungen Damen in einer Flut von liebenswürdigen Worten erschöpfte, blieb Fräulein von Herbingen, das mit Herrn von Sarkow ein gleichgültiges Gespräch begonnen hatte, scheinbar zufällig ein wenig hinter den andern zurück.

»Was ist es mit dieser schönen Blondine?« fragte sie fast heftig, indem sie den jungen Mann durchdringend ansah.

»Eine Freundin meiner Schwester,« erwiderte er verwirrt – »Fräulein von Regenow.«

»Ich habe ihren Namen wohl gehört,« unterbrach sie ihn scharf und schneidend – »Sie lieben sie, keine Ausflüchte, sagen Sie mir die Wahrheit!«

»Sie war meine Jugendgespielin – und –«

»Ich verstehe, da ist denn aus dem Puppenspiel die Liebe, aus den Kinderschuhen das Ideal des Herzens hervorgewachsen; ich wußte es, auch wenn Sie es mir nicht gesagt hätten. Sie lieben sie, und sie liebt Sie wieder – nun, das ist alles recht, so muß, es ja sein, die Kinder gehören zu den Kindern. – es gibt ein Alter, in dem das Herz seine Rechte verliert.«

Sie hatte die letzten Worte zu sich selbst gesprochen.

»Gretchen,« sagte sie dann, der mit Felseneck voranschreitenden Agnes nachblickend – »ganz Gretchen und doch ein wenig mehr, mehr Stolz und Willen – Gott gebe, daß es gut geht,« fuhr sie fort, ihre Hand auf Herrn von Sarkows Arm legend; »ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie finden mögen, was jedes Herz sucht und so selten auf Erden erreicht; seien Sie ihr stets alles, was Sie ihr heute sein möchten, und hüten Sie sich, sie jemals heruntersteigen zu lassen von dem Postament des Ideals, auf dem sie heute vor Ihnen steht; wir armen Frauen haben ja in den Augen der Männer unsern Wert nur in der Illusion, unsern wahren Wert versteht man so selten – vielleicht weil er wirklich selten ist. Nun, wenn es uns nicht vergönnt ist, zu begeistern und Helden erstehen zu lassen, so müssen wir beherrschen und Sklaven an der Kette führen. Vergessen Sie meine Lehren nicht,« sagte sie halb lächelnd – »aber wenden Sie sie immer nur bei der einen an; ist sie Ihrer Liebe wert, so verdient sie Ihr ganzes Herz und Ihre ganze Seele.«

Sie hatte, während sie sprach, fortwährend den Blick ihrer großen, strahlenden Augen auf Fräulein Agnes geheftet; das junge Mädchen schien diesen Blick wie durch magnetische Kraft zu fühlen, sie blickte, schnell sich umwendend, zurück, und dunkle Röte übergoß ihr Gesicht, als sie Herr von Sarkow mit dem schönen Fräulein von Herbingen erblickte, deren Hand noch vertraulich auf seinem Arm ruhte. Fräulein von Herbingen verdoppelte ihren Schritt, bald hatte sie die übrigen wieder eingeholt, und in leichter, scherzender Unterhaltung wendete sie sich zu Fritz von Helmholt.

Die Gesellschaft verteilte sich. Graf Kronau war mit Fräulein Marie weit vorausgegangen, Herr von Sarkow blieb mit Agnes zurück.

»Karl,« sagte sie mit leicht zitternder Stimme, »was war es mit dem Mädchen in deinem Hause?«

»Es war die Tochter meines Wirts – was meinst du?« antwortete er.

»Ich habe wohl kein Recht zu fragen,« sagte sie unmutig und vorwurfsvoll – »verzeihe, wenn ich indiskret war.«

»Agnes!« rief er feurig, »welche Worte! Welches Recht hättest du nicht mir gegenüber, früher schon – und jetzt – heute – wie magst du so etwas sagen!«

»Nun denn,« sagte Agnes, »so will ich nicht fragen – ich will dir sagen: jenes Mädchen liebt dich!«

»Sie hat gern mit mir gesprochen,« erwiderte er, »wir sind gute Freunde gewesen, aber,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »mich lieben – nein, nein, das ist es nicht, das darf es nicht sein, es wäre zu traurig.«

»Es ist traurig,« sagte Agnes seufzend, »ich habe es gesehen, mein Blick täuscht sich nicht darin.«

Er drückte zärtlich ihre Hand, indem er glücklich in ihre Augen sah.

»Karl?« fragte sie ernst, »hast du Schuld daran, daß sie an dich denkt, hat sie ein Recht zu glauben, daß –«

»Nein, Agnes, nein, bei Gott nicht!« rief er; »ich habe mit ihr gescherzt und gelacht, ich habe sie von Herzen gern, sie ist ein gutes Kind, aber bei Gott, ich habe nur keinen Vorwurf zu machen, und als ich zu fürchten begann –«

»Ah, du begannst zu fürchten –«

»Da habe ich ihr keinen Zweifel gelassen – und ich weiß, sie hat mich verstanden,« fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu.

»Und dieses schöne Fräulein von Herbingen?« fragte Agnes weiter.

»Sie,« erwiderte Herr von Sarkow mit einem Lächeln, das trotz aller Mühe, die er sich gab, ein wenig gezwungen erschien, »sie ist eine Bekanntschaft aus der Mannheimer Gesellschaft, sie ist die Braut des Herrn von Felseneck, ich bin ein Kind gegen sie, und darum hat sie mir auch Unterricht gegeben, wie man sich den Damen gegenüber zu benehmen habe.«

»Und hast du auch zu fürchten begonnen?« fragte Agnes ein wenig boshaft; »mir scheint deine Schule m dem Verkehr mit den Damen ein wenig mannigfaltig zu sein; es ist doch wohl gut, daß dein Vater dich zurückruft.«

Sie wendeten sich seitwärts nach einer Steinbank, von der man unter dem Schatten der Bäume hervor die vom violetten Abendschimmer beleuchtete Landschaft übersehen konnte, und Herr von Sarkow mußte wohl überzeugende Worte gefunden haben, um seiner Jugendfreundin alle Besorgnisse zu nehmen, die ihr das arme Dorchen und das stolze Fräulein von Herbingen eingeflößt hatten, denn mit glücklichem Lächeln lauschte sie seinen Worten, und beiden schien ihr flüsterndes Gespräch interessanter zu sein als der zauberisch schöne Blick in das weite Neckartal.

Die Sonne war herabgesunken, die Mannheimer Gesellschaft rüstete sich zum Aufbruch. Fräulein von Herbingen war zu Agnes herangetreten und hatte ein lebhaftes Gespräch mit ihr begonnen. Graf Kronau nahm Herrn von Sarkows Arm und sagte ihm, das freudig erregte Gesicht zu seinem Ohr beugend:

»Ich werde dich im Herbst auf eurem Gut in Pommern besuchen, deine Schwester hat es mir erlaubt.«

»Bedarfst du ihrer Erlaubnis,« fragte Herr von Sarkow lächelnd, »um mich zu besuchen?«

»Das nicht,« erwiderte Graf Kronau, »und doch, und doch möchte ich kaum gekommen sein, wenn sie es nicht erlaubt hätte – und was würdest du sagen?«

Herr von Sarkow drückte die Hand des Freundes und erwiderte: »Was ich sagen würde – du hast ja keine Frage gestellt – und dennoch würde ich sagen: sind wir nicht bereits Brüder durch das weißgrün-schwarzweiße Band?«

»Und dein Vater?« fragte Graf Kronau.

»Was sollte er gegen den Besuch eines Freundes seines Sohnes einzuwenden haben, namentlich.« fügte er neckend hinzu, »wenn meine Schwester diesen Besuch erlaubt hat? – Freilich,« fuhr er dann ernster mit einem leichten Seufzer fort, »heute ist er nicht sehr freundlich gegen die Freunde seines Sohnes gestimmt, ich werde noch eine kleine Auseinandersetzung mit ihm haben – Nürnberger und Lieber sind bei ihm gewesen und der rote Schiffer, das muß freilich sehr komisch gewesen sein, aber er hat Verdacht gefaßt, daß in meiner Finanzverwaltung eine flottierende Schuld und ein Defizit vorhanden sein möchten, und da muß ich ihm denn nun eine vollständige Beichte ablegen. Ich wollte das schriftlich tun, dann wäre es glatter abgegangen, und es tut mir recht leid, daß ihm nun sein Besuch hier in Heidelberg verdorben wird; er liebt die Ordnung und ärgert sich, wenn ihn die Sache auch weiter nicht geniert; das tut mir weh, ich liebe ihn so von ganzem Herzen und möchte gern, daß er von meinem lieben Heidelberg eine ganz ungetrübte Erinnerung mitnimmt.«

»Da laß mich machen,« sagte Graf Kronau, »er muß uns ja ohnehin auf dem Riesenstein besuchen, heute abend haben wir Kneipe, überlaß ihn mir, ich nehme es auf mich, das alles zu ordnen.«

»In der Tat, das ist ein vortrefflicher Gedanke,« sagte er nach kurzem Besinnen, »wir werden alle zufrieden sein.«

Man war am Ausgange des Schloßhofes angekommen. Baron Felseneck und seine Damen verabschiedeten sich, um den ihrer harrenden Wagen zu besteigen; Fräulein von Herbingen reichte Herrn von Sarkow flüchtig die Hand, und selbst das scharfe Auge der schönen Agnes hätte in dem unbefangenen und fast gleichgültigen Blick, mit dem sie den jungen Mann beim Abschied streifte, keine Spur entdecken können, daß er ihr mehr sei als eine flüchtige Salonbekanntschaft.

Graf Kronau brachte bei dem Kammerherrn von Sarkow die Einladung an, daß der alte Herr der Kneipe auf dem Riesenstein die Ehre seines Besuches schenken möge. Trotz einigen Widerstrebens und trotz einiger schmollenden Bemerkungen der beiden jungen Mädchen wurde die Einladung auf das dringende Bitten der sämtlichen Saxoborussen angenommen, und nachdem man die Damen nach dem Hotel zurückgebracht hatte, begab sich die ganze Gesellschaft auf den Riesenstein.

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