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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Einunddreißigstes Kapitel

Als Herr von Sarkow ernst bewegt durch seine Unterredung mit dem vortrefflichen Oberst und zugleich in hohem Grade erleichtert durch die Zustimmung, die der so biedere und gerade Soldat und der so loyale preußische Edelmann seiner Handlungsweise hatte zu teil werden lassen, das Hotel verließ, fand er trotz der frühen Morgenstunde, zu der man sonst kaum einen Studenten auf den Straßen sah, den Grafen Kronau, Fritz und Franz von Helmholt und Edward Howkins vor der Tür des Walzschen Lokals, wo sie auf dem Trottoir einen gedeckten Tisch aufgestellt hatten, an dem sie zum ganz besonderen Ergötzen der auf dem Wege zur Schule befindlichen Nachkömmlinge der Heidelberger Philister und der hinter den Gardinen der umliegenden Fenster hervorlauschenden alten und jungen Damen in äußerst komfortabler Weise sich ihren Tee vermittelst eines russischen Samowars bereiteten, indem sie zugleich über einem Becken mit glühenden Kohlen sich ihre Toastschnitten kunstgerecht rösteten. Es verstand sich von selbst, daß auf dem Tisch, dessen weiße Leinendecke bis zum Straßenpflaster herabhing, außer dem Tee und den Toasts auch einige substanziellere Elemente eines empfehlenswerten Frühstücks, wie kaltes Roastbeef, Bayonner Schinken, dampfende Frankfurter Würstchen sowie auch einige Karaffen mit Sherry, Portwein und Brandy nicht fehlten, und alle diese vorzüglichen Dinge verschwanden mit bemerkenswerter Geschwindigkeit unter dem tadellosen Appetit, der im Alter von zwanzig Jahren zu jeder Tageszeit gleich bereit ist, die Körperkräfte zu ersetzen, mit denen die Jugend so verschwenderisch umgeht.

Im Innern des Ladens stand der rote Schiffer, vor ihm befand sich ein ungeheurer Teller voll großer Butterbrote mit kaltem Fleisch belegt, die er mit großem Behagen und ebenso großer Schnelligkeit vertilgte, indem er sich während der Pausen seiner anstrengenden Arbeit mit einer der Menge der Butterbrote entsprechenden Anzahl von Schoppen Affenthaler stärkte und zugleich zuweilen Herrn Walz hilfreiche Hand leistete, der damit beschäftigt war, in einen großen Deckelkorb unter möglichst geschickter Verteilung des Raumes eine Menge von Flaschen nebst kalter Küche aller Art zu verpacken.

Herr von Sarkow mußte laut auflachen, als er diesen merkwürdigen, mitten auf der Straße aufgeschlagenen Frühstückstisch erblickte, an dem seine Freunde so unbefangen und harmlos Platz genommen hatten, als ob dies die natürlichste Sache von der Welt wäre, indem sie von den vielen beobachtenden Blicken, die auf sie gerichtet waren, nur dadurch Notiz nahmen, daß sie hin und wieder einen der gaffend umherstehenden Schulknaben heranwinkten, um ihm einen Toast, ein Stück Schinken oder Roastbeef oder auch ein Glas Sherry zu geben. Der also Beschenkte hatte dann seine Gabe gegen die neidischen Angriffe der übrigen zu verteidigen, was meist zu einer allgemeinen Rauferei der heranwachsenden Philistergeneration führte, durch die die Mannigfaltigkeit der Situation und die Heiterkeit der Frühstücksgesellschaft nicht wenig erhöht wurde.

»Sieh da, Sarkow!« rief Fritz Helmholt; »wir sind also nicht allein lüstern gewesen, der Morgenstunde ihr altberühmtes Gold aus dem Munde zu nehmen; er scheint auch den moralischen Kater, der ihn gestern abend in seinen Krallen hielt, in der Morgenluft spazieren geführt zu hauen – komm her, setz dich zu uns, nimm eine Tasse Tee mit Sherry oder einen tüchtigen Schluck Brandy, es gibt nichts Besseres, um das Gleichgewicht des tierischen Organismus, in dem nun einmal unsre Seele eingesperrt ist, wiederherzustellen.« »Aber um Gottes willen,« sagte Herr von Sarkow. immer noch lachend, indem er eine von Fritz Helmholt ihm bereitete Tasse Tee schlürfte, »wie kommt ihr hierher zu dieser Stunde, was habt ihr vor?«

»Das ist sehr einfach,« erwiderte Fritz Helmholt, indem er Herrn von Sarkow eine große Schnitte Roastbeef reichte, »ihr seid alle so unerträglich langweilig, Charles Clarke liegt immer auf dem Wege zwischen hier und Weinheim, um seine Célie zu sehen, die, Gott sei Dank, heute nach Paris abreist und sich auf der Durchreise hier noch vorstellen soll; Luiz Antonio arbeitet Tag und Nacht, als ob sein Leben von dem roten Hut abhinge, und du und Steinborn,« fügte er mit wirklichem Unmut hinzu, »lauft den beiden Polinnen nach, von denen Gott allein weiß, wer sie sind –«

»Sie sind abgereist,« bemerkte Herr von Sarkow kurz.

»Gott sei Dank!« sagte Graf Kronau, forschend in Herrn von Sarkows Gesicht blickend.

»Nun,« fuhr Fritz Helmholt fort, »da haben wir denn beschlossen, uns auch auf die sentimentale Schwärmerei zu werfen, wir wollen auf den Kaiserstuhl hinauf, um dort oben einmal gründlich Natur zu kneipen –

Auf den Bergen ist Freiheit,
Der Hauch der Grüfte
Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte« –

deklamierte er pathetisch, indem er Herrn von Sarkow zutrank und ihm dann ein bis an den Rand mit Sherry gefülltes Glas reichte.

»Wahrhaftig, der Gedanke ist gut!« rief Herr von Sarkow mit blitzenden Augen, »es muß wunderbar schön sein, von dort oben weit in das Land hinaus zu blicken und hoch herabzuschauen auf das Ameisentreiben der Welt. Ich gehe mit euch, vielleicht wäre ich ohne euren tollen Einfall niemals auf den Kaiserstuhl gekommen.« Er begrüßte freudig den Gedanken an die fröhliche Bergfahrt da oben in der freien Höhe mußten ja alle die trüben Nebel weichen, die die Ereignisse der letzten Zeit auf seine Seele gesenkt hatten.

»Ich sage es ja!« rief Edward Howkins, »sowie die Frauenzimmer fort sind, ist er wieder ein ganz vernünftiger Mensch– man müßte eigentlich im Corps allen Verkehr mit den Weibern verbieten, die nur dazu da sind, die Köpfe zu verdrehen und die Gemütlichkeit zu stören.«

Herr von Sarkow seufzte bei dem Gedanken an Luiz Antonio und den Grafen Steinborn, aber er hatte keine Zeit, den Gedanken an seine beiden Freunde, deren Heilung er der Zeit überlassen mußte, weiter nachzuhängen; denn zur neuen Erheiterung der versammelten Schuljugend erschien vor dem Walzschen Hause eine Anzahl gesattelter Esel, von mehreren Treibern begleitet. Der rote Schiffer, der inzwischen sein Frühstück beendet hatte, trank Herrn von Sarkow mit Gönnermiene seinen letzten Schoppen Affenthaler zu und übernahm dann mit großer Würde das Kommando über die Eseltreiber, die die sämtlichen Ueberreste des Frühstücks zu ihrer Stärkung erhielten und deren einer schnell nach dem Stall gesendet wurde, um für Herrn von Sarkow ebenfalls einen Esel herbeizuholen, der denn auch in fünf Minuten erschien, während welcher Zeit Herr Walz die Verpackung des inhaltreichen Korbes vollendete. Die Saxoborussen aber tranken dem an dem Fenster seines Hauses erscheinenden Herrn Naumann mit freundlichen, verbindlichen Grüßen zu, und dann stiegen die sämtlichen Herren in die Sättel, deren Steigbügel fast bis auf die Erde herabreichten; der rote Schiffer hing den Korb an dem Tragbande um seine riesigen Schultern, munterte die Eseljungen durch einige freundschaftliche Püffe zur Erfüllung ihrer Pflicht auf, diese schwangen ihre Peitschen, und in kurzem Trabe ritt die Kavalkade, von dem roten Schiffer und den Treibern gefolgt, unter dem lauten Hurraruf der Schuljugend davon.

Man ritt an dem Schlosse vorbei dem schattigen Waldwege zu, der, ziemlich steil aufsteigend, nach der unmittelbar über Heidelberg emporragenden Spitze des Kaiserstuhls hinaufführt. Die Esel verweigerten bald die schnelle Gangart, in der man ausgeritten war, und wenn auch der schattige Weg und der auf der Höhe immer frischer wehende Wind die Hitze des Tages milderte, so fühlten die jungen Leute doch bald eine müde Abspannung als natürliche Folge der außergewöhnlich frühen Stunde, in der sie ihren Schlaf unterbrochen hatten. Die anfänglich lustige und laute Unterhaltung wurde stiller und stiller, bis endlich ein jeder gesenkten Hauptes, halb träumend, weiter ritt, und vielleicht mochte der eine oder der andre im stillen den kühnen Entschluß dieser romantischen Bergfahrt zu bereuen beginnen.

Auch der rote Schiffer, der anfangs unermüdlich in lustigen Einfällen und ebenso belehrenden als erheiternden Gesprächen mit den Eseltreibern gewesen war, wurde still und schweigsam; er trocknete sich den von seiner Stirn rinnenden Schweiß und kam endlich zu dem Entschluß, den über seine Schultern hängenden Korb zu öffnen, vorsichtig eine Flasche daraus hervorzuholen und aus ihr von Zeit zu Zeit einen stärkenden Trunk zu nehmen, wobei er es in ehrerbietiger Rücksicht unterließ, durch eine Anfrage über die von ihm als notwendig empfundene Stärkung seiner Kräfte das beschauliche Nachdenken zu stören, dem sich die Saxoborussen in ihren Sätteln überließen.

Nach etwa zwei Stunden langte die Gesellschaft auf der Spitze des Kaiserstuhls an, wo sie der alte Wärter des hohen Aussichtsturmes freudig begrüßte. Die frische Luft, die über den hohen Berggipfel hinstrich, verscheuchte mit ihrem reinen Hauch alle Müdigkeit. Die Saxoborussen stiegen auf die Plattform des Turmes und genossen den wunderbar schönen, durch seine großartige Ausdehnung und seine malerische Mannigfaltigkeit fast berauschenden Ausblick in das weite, weite Land, von dem man mit fast ebensoviel Recht wie der Neapolitaner von seiner Vaterstadt sagen könnte: es sei ein auf die Erde herabgefallenes Stück des Himmels. Im Vordergrunde die dunkeln Wälder und die Abhänge der Bergkette, unmittelbar unten am Fuß der Höhe die prachtvolle Schloßruine mit der freundlichen, langgestreckten Stadt und den lieblichen Ufern des grünen Neckars; dahinter die weite, weite Ebene mit Dörfern, Feldern und Weinbergen, durchzogen von den hin und her fahrenden Eisenbahnzügen mit ihren dumpfschnaubenden Lokomotiven, die, von hier oben gesehen, wie kleines Spielzeug erschienen; weiterhin der breite, glänzende Rhein und die Türme von Mannheim, und dann endlich die Hardtberge in ihrem grauen, violett angehauchten Duft – das alles lag vor den Blicken der jungen Leute da wie ein lebendig aufgeschlagenes Bilderbuch der großen, herrlichen Natur.

»Wie schön!« rief Franz von Helmholt. »Liegt die Welt nicht vor uns, als ob sie uns gehörte, der sonnenlichten Zukunft unsers Lebens gleich, und als ob dies freundliche, lichtstrahlende Bild niemals verhüllt werden könnte von den dunkeln Schatten der Wolken, die dort weit hinter dem Rhein zusammengeballt liegen, lauernd der Stunde, in der sie mit dem Sturme verbündet gegen das Sonnenlicht aufsteigen dürfen!«

»Mein Bruder Franz beginnt zu schwärmen,« sagte Fritz lachend, aber doch selbst bewegt von der Schönheit des weiten Rundbildes. »Die glückliche Jugend,« fügte er mit komischem Ernst und einem schweren Seufzer hinzu, »er kann sich leicht und lustig seines Lebens freuen, er hat sich um nichts zu kümmern, während auf mir alle Sorgen der Familie ruhen, und die schwerste von allen – die Sorge um einen leichtsinnigen jüngeren Bruder, der alle Lehren und Ermahnungen des reifen und erfahrenen Alters in den Wind schlägt.«

»Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen,« sagte Franz, »da verhöhnt er mich noch, weil ich mit meiner kleinen Apanage von der Hand in den Mund leben muß, während er als großer Herr auf seinem Majorat sitzt – drückt dich übrigens die Sorge, so bin ich bereit zu tauschen.«

»Was das Schicksal uns auflegt, muß getragen werden,« sagte Fritz mit feierlicher Würde, »ich werde meine Pflicht erfüllen und so gut ich es vermag, meinen armen, unmündigen Zögling auf den Weg der Tugend zu führen suchen.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow lachend, »wenn er sich nach deinen Worten richtet und vor deinem Beispiel hütet, so wird die Erziehung vortrefflich gelingen. – Seht doch dort!« rief er, tief aufatmend in die Ferne schauend, »seht dort hinten, wie das Sonnenlicht sich in den Nebeln spiegelt, die wie leichter Duft über dem Rhein aufsteigen; hier begreift man, wie die alten Sagen sich bildeten von den Nixen und Nymphen, mit etwas Phantasie kann man wirklich glauben, dort hinten eine Märchenwelt vor sich zu sehen, in der die Töchter des Flußgottes mit den lichten Geistern der Luft ein neckisches Spiel treiben! Wie klein kommt man sich selbst vor m dieser großen Natur, hinter deren dämmerndem Horizont die Unendlichkeit sich öffnet, immer neuen Raum bietend für immer neues Leben. Und doch wieder fühlt man sich so groß auf dieser Höhe, fast scheint es, als müßte man das alles beherrschen können, was da unter uns liegt, als müßte man auf flüchtigen Schwingen dem Blick folgen können immer weiter und weiter in die Ferne hinaus, als könne es keine Schranke geben, die den siegreichen Flug des Geistes einengen möchte. Rudolf von Habsburg soll hier Gericht gehalten haben – er hatte Recht, wenn er hier auf dieser Höhe seinen Kaiserstuhl aufrichtete, hier gewinnt der Blick die Klarheit, um das Treiben der Menschen im Staube zu durchschauen, und hier, so hoch über dem ringenden Kampf der niederen Welt, so nahe dem Himmel, der verklärend die irdische Welt umspannt, ergießt sich in das Herz die Liebe und Demut, die fremde Schuld und fremden Irrtum an der Schwäche des eignen Herzens mißt.«

Schweigend blickten alle von der Brüstung des Turmes in die Ferne hinaus. Herr von Sarkow versank in jene tiefe Träumerei, die so leicht in die Seele einzieht, wenn das Auge auf die weite, lebensvolle Welt aus stiller, einsamer Höhe herabblickt – es schien ihm, als öffne sich hinter den dämmernden Bergen die Aussicht weiter und weiter, als schwebe er fort über die leuchtende Erde hin bis zu der fernen Heimat am Strande der Ostsee, aus der violetten Dämmerung des Horizonts stieg das Bild seines Vaterhauses vor ihm auf, er sah die Gestalten der Seinigen, er sah ein liebliches Mädchenbild, das mit allen Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend verwebt war; eine weiche, wehmütige Sehnsucht erfüllte sein Herz, er breitete die Arme aus, als wollte er das Bild festhalten und zu sich heranziehen – da erweckte ihn der eigentümliche Ton eines lauten, lang gezogenen Gähnens aus seiner Träumerei.

Es war Edward Howkins, der, die Arme hoch über seinen Kopf ausreckend, auf diese äußerst prosaische Weise die stumme Bewunderung der übrigen unterbrach.

»Es ist ein unangenehmer Zug hier oben,« sagte er, »und außerdem habe ich Hunger nach dem Ritt auf dem verwünschten Esel; laßt uns herabsteigen und sehen was der kleine Walz uns mitgegeben hat.«

So materialistisch dieser Vorschlag war und so wenig er zu Herrn von Sarkows Empfindungen paßte, wurde doch seine Berechtigung auch von ihm und den übrigen anerkannt. Man stieg herab. Der rote Schiffer hatte den Inhalt des Korbes auf den Boden ausgebreitet, nachdem er vorsichtig die von ihm geleerte Flasche weit hinaus in das Gebüsch geschleudert hatte. Man ließ dem Frühstück volle Gerechtigkeit widerfahren, dessen Reste dann der rote Schiffer mit den Eseltreibern teilte; auch die Esel wurden mit Brot gefüttert, der Turmwächter reichlich dafür belohnt, daß er heute keinen Absatz für das bräunliche Getränk gefunden hatte, das er sonst den Touristen, die den Kaiserstuhl bestiegen, unter dem Namen Kaffee zu kredenzen pflegte, und nachdem so jedermann zufrieden gestellt war, wurde der Rückweg angetreten, um noch zur Zeit des Diners in Heidelberg eintreffen zu können.

Der absteigende Weg machte die Esel zu schnellerer Gangart geneigt, der Eindruck der herrlichen Aussicht und die Wirkung der vortrefflichen Getränke, die Herr Walz in seinen Korb gepackt hatte, belebte die Stimmung der Gesellschaft, und man kam in der fröhlichsten und übermütigsten Laune am Fuße des Schloßberges an, wo sich der Stall der Esel befand.

Die Tiere hielten hier von selbst an, aber Edward Howkins wehrte dem Eseltreiber, der ihm den Bügel halten wollte, ab und rief:

»Nein, nein, ich habe keine Lust, noch zu Fuß zu gehen, ich will nach dem Hotel zum Badischen Hof reiten bis vor mein Couvert.«

»Bravo!« rief Herr von Sarkow, »bravo, das ist ein vortrefflicher Gedanke – wenn der Großmeister von Calatrava das Recht hatte, in alle Kirchen der Christenheit gewappnet einzureiten, so dürfen die Saxoborussen wohl einem Hotel in Heidelberg die Ehre erzeigen, zu Esel in seinen Speisesaal zu reiten. »Vorwärts!« rief er, den Treibern winkend. Diese gebrauchten ihre Peitschen, und in lustigem Trabe ging der Zug weiter durch die Hauptstraße hin zum grüßten Erstaunen und zu ebenso großer Erheiterung des Publikums. Die Esel jagten, unablässig angetrieben, bald in der schärfsten Gangart, die ihnen möglich war, der rote Schiffer folgte, seine Mütze schwingend und zuweilen in eigentümlichen, unartikulierten Tönen seinem Vergnügen über diesen außergewöhnlichen Ritt Ausdruck gebend. Man erreichte das Hotel zum Badischen Hof. Die Esel wurden mit einiger Mühe die wenigen Stufen zum Erdgeschoß emporgezogen, der rote Schiffer öffnete weit die Türen des Speisesaals, und einer nach dem andern trabten die Saxoborussen herein; jeder hielt vor seinem Couvert an der bereits vollständig besetzten Table d'hôte und stieg ruhig, mit der unbefangensten Miene von der Welt aus dem Sattel, worauf dann die Esel von den Treibern hinausgeführt wurden, während der rote Schiffer auf der Schwelle noch einmal ein lautes »Hurra!« ertönen ließ.

Der Oberst von Ehrenstein lachte, daß ihm die Tränen in seinen Schnurrbart liefen, die übrigen Mitglieder der regelmäßigen Tischgesellschaft klatschten Bravo, und fast sämtliche anwesende Fremde schlossen sich dieser Beifallsbezeigung an, während man hier und dort das durch einen so außergewöhnlichen Vorgang wohl erklärliche »Shocking!« aus dem Munde einzelner Engländerinnen hörte.

Die fröhliche Stimmung der von dem Kaiserstuhl zurückkehrenden Saxoborussen wurde aber noch vermehrt, als sie am Tisch ihre Weinheimer Freunde erblickten. Miß Maggins und Fräulein Célie hatten ihre Plätze neben dem Obersten von Ehrenstein erhalten, und dieser hatte bereits in aufopfernder Galanterie verschiedene, nicht eben erfolgreiche Versuche gemacht, eine zusammenhängende Unterhaltung mit den Damen zu führen. Der Colonel und Charles Clarke strahlten vor Glück an der Seite ihrer Erwählten, und Mr. Willis gab seiner freudigen Stimmung dadurch einen unverkennbaren Ausdruck, daß er mit lächelnder Miene jeden aus der Gesellschaft der Reihe nach um die Erlaubnis bat, ein Glas Wein mit ihm trinken zu dürfen.

So erfreulich und befriedigend dies alles auch war, so mußte doch um so mehr Herrn von Sarkows eigentümliches Benehmen auffallen. Er war von seinem Esel abgestiegen und wollte, nachdem er die Weinheimer Gäste herzlich begrüßt hatte, sich auf seinen Platz niedersetzen, als er wie durch einen Zauber gebannt stehen blieb und mit weit geöffneten Augen über den Tisch hinstarrte, während zugleich eine helle Röte sein Gesicht färbte. Der Gegenstand dieses grenzenlosen Erstaunens, dem bald der Ausdruck lebhafter Freude folgte, war eine Gesellschaft, aus einem Herrn und zwei Damen bestehend, die unmittelbar neben der regelmäßigen Tischgesellschaft Platz genommen hatte und Herrn von Sarkow fast schrägüber saß. Der große, kräftig gebaute und etwas starke Herr mochte fünfzig Jahre alt sein, hatte aber trotz seines Alters und seiner Fülle in seiner Haltung und in seinen Bewegungen noch jugendliche Elastizität und vornehme Eleganz bewahrt. Sein Gesicht zeigte kräftige, edle und regelmäßige Züge und die frische Farbe der Gesundheit. Seine blauen Augen blickten freundlich und heiter und doch stolz, ja zuweilen fast hochmütig abwehrend. Sein blondes Haar und sein dichter, rötlicher Schnurrbart waren noch kaum ergraut, in seinem ganzen Wesen mischte sich die freie Ungezwungenheit des Landmannes und die Festigkeit des früheren Militärs mit der ruhigen Sicherheit des vornehmen Mannes, der sich seiner Stellung in der Welt völlig bewußt ist. Neben ihm saßen zwei junge Damen, auffallend durch Schönheit und distinguierte Erscheinung. Das junge Mädchen zu seiner Rechten mochte etwa siebzehn Jahre alt sein; der Schnitt ihres Gesichts zeigte einige Aehnlichkeit mit dem älteren Herrn, doch war sie zum Unterschied von diesem völlig brünett, und ihre fast schwarzen Haare sowie ihre tiefdunklen, feurigen und lebhaft blitzenden Augen ließen jene Aehnlichkeit der Züge beim ersten Anblick kaum bemerken. Auf der andern Seite saß eine junge Dame in gleichem Alter, aber von so durchaus verschiedener Erscheinung, daß die Schönheit der beiden jungen Mädchen durch den Gegensatz noch schärfer und eigentümlicher hervorgehoben wurde, und es einem völlig unparteiischen Beobachter schwer geworden wäre, der einen von ihnen den Preis zuzuerkennen. Diese junge Dame war eine zarte Blondine, deren reiches Haar von rötlich goldenem Schimmer überhaucht war; ihr edles, vom Reiz der erwachenden Jugend umflossenes Gesicht erinnerte in seinen fast noch kindlichen Zügen an die Madonnenbilder der italienischen Schule und wurde besonders anziehend durch die dunkelblauen Augen, die ganz im Gegensatz zu dem rötlichen Haar und dem überaus zarten Teint von dunklen Brauen überwölbt und unter langen dunklen Wimpern träumerisch sinnend und doch wieder frisch und lebensfroh hervorblickten. Beide junge Damen waren fast ganz gleich in Kostüme von roher Seide mit schottisch gemustertem Seidenbesatz und gleichen Schleifen gekleidet; sie glichen in dieser so einfach geschmackvollen und zugleich malerischen Toilette den anmutigen Gestalten, die Walter Scott in seinen Dichtungen den alten Hochlandssagen entlehnt, und die Blondine hätte einem Maler zum Vorbild für die Darstellung des Fräuleins vom See mit den goldenen Locken dienen können.

Diese Gruppe war es, die Herrn von Sarkows Erstaunen in so hohem Grade erregte, und der Anblick des jungen Mannes schien bei den Fremden ein gleiches Interesse zu erwecken. Der alte Herr blickte kopfschüttelnd und mit leichtem Stirnrunzeln auf den von seinem Esel herabspringenden jungen Mann, die Brünette lachte fröhlich und herzlich, und die zarte Blondine blickte tief errötend und mit einem glücklichen Lächeln voll lieblicher Freude unter ihren halb gesenkten Wimpern hervor. Einen Augenblick aber nur dauerte Herrn von Sarkows Erstaunen, im nächsten Augenblick verließ er seinen Platz, eilte um den Tisch herum und umarmte herzlich den alten Herrn, der sich ebenfalls von seinem Platz erhoben hatte.

»Du hier, Vater!« rief er, »welch unerwartete Freude; du hast mir nichts von deinem Besuch geschrieben –«

»Wir wollten dich überraschen,« erwiderte der Vater. »Ich wollte mich,« fügte er mit etwas sarkastischem Ton hinzu, »ohne Vorbereitung überzeugen, was du hier treibst und wie es mit deinen Studien steht – du kamst wohl aus dem Kolleg geritten?«

»Herr von Vangerow hat heute nicht gelesen, wir hatten einen Ausflug in die Berge gemacht,« erwiderte der junge Mann ein wenig verlegen.

Dann küßte er die noch immer lachende Brünette.

»Willkommen, Marie.« sagte er, »das ist ein vortrefflicher Gedanke, daß ihr mitgekommen seid. Und du auch, Agnes,« sagte er, während die Schwester ihn neckend der Blondine zuwendete; »wie hätte ich das erwarten können,« fügte er, dem noch tiefer errötenden Mädchen die Hand reichend, hinzu, »dich hier zu sehen – ich habe heute noch,« sagte er, mit leuchtenden Blicken in ihre Augen schauend, »an dich gedacht – an euch gedacht,« fügte er sich verbessernd hinzu, »oder,« fragte er, ihre Hand festhaltend, »ich darf dich wohl nicht mehr so nennen, wie ich es bisher in alter Kindergewohnheit tat – ich muß wohl 'Sie' sagen und ›Fräulein von Regenow‹.

Das junge Mädchen antwortete nicht, ihr Blick aber schien zu beweisen, daß die Kindererinnerung, von der er sprach, m ihrem Herzen wie in dem seinen ihr Recht behalten hatte.

»Das müßt ihr miteinander abmachen!« rief der alte Herr von Sarkow lachend, »jetzt aber genug der Begrüßung, wir sind heute vormittag angekommen, und ich fühle in der Tat das Bedürfnis, mich mit unserm Diner zu beschäftigen.«

»Ich bitte dich, mir zu erlauben, lieber Vater,« sagte Herr von Sarkow, »dich mit meinen Freunden bekannt zu machen.«

Der alte Herr machte eine Miene, als ob ihm nicht so gar überaus viel daran liege, die Bekanntschaft der Freunde seines Sohnes zu machen, mit denen dieser so extravagante Reitübungen ausführte; doch da er bemerkte, daß alle Blicke der heiteren Tischgesellschaft, die vorher schon seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, neugierig auf ihn gerichtet waren, so neigte er mit verbindlicher Artigkeit den Kopf und folgte seinem Sohne, während Fräulein Marie aus dem Winkel ihrer Augen nach den Studenten hinübersah, auf deren Brust sie sogleich die wohlbekannten Farben ihres Bruders erkannt hatte.

Herr von Sarkow stellte seinen Vater zunächst dem Obersten von Ehrenstein vor. Der Oberst begrüßte den pommerschen Gutsbesitzer und preußischen Kammerherrn äußerst artig und zugleich mit landsmannschaftlicher Herzlichkeit.

»Ich freue mich aufrichtig,« sagte er, die Hand des alten Herrn von Sarkow schüttelnd, »den Vater meines jungen Freundes kennen zu lernen. Ihr Herr Sohn ist ein vortrefflicher junger Mann, fleißiger Student, wie ich wohl bemerkt habe, und dabei immer lustig und vergnügt, er hat das Herz auf dem rechten Fleck, ein fester Royalist, ritterlich und loyal, ich habe Gelegenheit gehabt, das zu erproben,« fügte er hinzu, mit herzlichem Wohlwollen dem jungen Mann auf die Schulter klopfend. »Er hat mich aus einer sehr peinlichen Verlegenheit befreit – aus einer sehr peinlichen Verlegenheit, und ich werde ihm immer dafür dankbar sein.« Auf den alten Sarkow machte dies Lob seines Sohnes aus dem Munde des preußischen Stabsoffiziers einen großen Eindruck, obwohl er ziemlich erstaunt aufblickte und nicht zu begreifen schien, wie es möglich sei, daß ein junger Student den Kommandanten von Heidelberg aus irgendwelcher Verlegenheit befreien könne; seine immer noch etwas bewölkte Miene klärte sich zu heller Freude auf, und er begrüßte mit liebenswürdigster Artigkeit Miß Maggins und Fräulein Célie Rotin. Der Colonel Coombe schüttelte ihm enthusiastisch die Hand und rief:

»Ich bin ganz glücklich, ganz glücklich, mein teurer Herr, den Vater kennen zu lernen von meinem vortrefflichen jungen Freund, dem ich das Glück meines Lebens verdanke; aus seiner Hand habe ich hier meine Braut, Miß Maggins, empfangen, und niemals, niemals, solange ich lebe, wird meine Dankbarkeit für ihn enden.«

Ganz verwundert blickte der alte Sarkow den Colonel und Miß Maggins und dann wieder seinen Sohn an.

Der Professor Rotin reichte ihm die Hand und sagte in französischer Sprache:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, wenn ich nicht aufstehe, ich bin ein wenig gelähmt, vor kurzem noch konnte ich meinen Rollstuhl gar nicht verlassen, jetzt kann ich wenigstens schon an zwei Stöcken gehen, und das,« fügte er lächelnd hinzu, »verdanke ich wohl Ihrem Herrn Sohn, der mit seinen Freunden ein ganz neues System in unsre Krankenanstalt in Weinheim brachte – vorher hatte man uns arme Kranke in das kalte Wasser gesteckt, diese Herren haben dafür die Champagnerflaschen und die Aufwärter ein kaltes Bad nehmen lassen, und das ist uns allen besser bekommen.«

Immer grenzenloser wurde das Erstaunen des alten Herrn von Sarkow. Eben war er noch etwas ungehalten über das leichtsinnige Treiben seines Sohnes gewesen und hatte sich im stillen Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihn nach Heidelberg geschickt habe, wo die Studenten, statt sich in die Rechtswissenschaften zu vertiefen und gute Gesellschaft zu besuchen, mit tollem Uebermut auf Eseln in den Speisesaal des ersten Hotels einritten; und nun vernahm er mit einem Male, daß der Sohn, dessen er sich eben noch vor der ganzen Tischgesellschaft schämen zu müssen geglaubt hatte, den unumschränkt über die Stadt gebietenden Kommandanten aus großer Verlegenheit befreit, daß er einem englischen Gentleman eine Braut zugeführt und einen französischen Professor von der Gicht kuriert habe. Wenn er auch über diese ihm bisher völlig unbekannten, vielseitigen Fähigkeiten seines Sohnes immer noch verwundert den Kopf schüttelte, so versetzte ihn ihre allgemeine Anerkennung doch in die vorzüglichste Laune; er begrüßte verbindlich und herzlich die Corpsbrüder seines Sohnes und führte dann seine beiden jungen Damen herbei, um sie ebenfalls mit der Gesellschaft bekannt zu machen; man rückte zusammen, es wurden Couverts eingeschoben, der alte Sarkow nahm seinen Platz zwischen dem Obersten von Ehrenstein und Miß Maggins ein, sein Sohn saß neben Fräulein Agnes, und Fräulein Marie von Sarkow fand ihren Platz an der Seite des Grafen Kronau. Bereits hatte Charles Clarke eine nicht zu gering bemessene Anzahl von Flaschen des vortrefflichen Oeil de perdrix in Eis stellen lassen, und als der purpurschimmernde Schaumwein in den Gläsern perlte, als die Saxoborussen auf den Vater ihres Corpsbruders unter staunender Aufmerksamkeit der ganzen Tischgesellschaft einen Salamander rieben, an dem sich der Oberst und die Damen beteiligten, da verhüllte ein feuchter Schimmer die Blicke des alten Herrn, er stieß mit jedem aus der Gesellschaft einzeln an, was ihn veranlaßte, eine ganz erhebliche Menge von Gläsern zu leeren, und erklärte dann ganz stolz und glücklich, daß Heidelberg doch die vorzüglichste Universität und die ausgezeichnetste Bildungsschule sei, um einen jungen Mann für das Leben vorzubereiten.

Selten wohl war eine vergnügtere Gesellschaft beisammen gewesen, und trotz der so verschiedenartigen Elemente, aus denen sich diese zusammensetzte, schien es doch einem jeden, als ob er sich im Kreise alter Freunde und Verwandten befinde. Herr von Sarkow freilich trug weniger als alle andern zur allgemeinen Unterhaltung bei, er mochte sich wohl mit seiner Nachbarin in alte Jugenderinnerungen vertiefen, und es schien nicht, als ob Fräulein Agnes den Ton, in dem sie früher mit ihrem Jugendfreunde verkehrt hatte, jetzt nicht mehr für passend hielte, denn man hörte zuweilen aus dem halblaut geführten Gespräch der beiden das »Du« der Kinderzeit und die vertraulichen Vornamen statt der konventionellen Anreden hervorklingen. Wenn auch Fräulein Marie von Sarkow mit dem Grafen Kronau keine Kindererinnerungen auszutauschen hatte, so war doch die Unterhaltung der beiden nicht minder eifrig und lebhaft, und auch sie gaben oft auf eine oder die andre aus der Gesellschaft an sie gerichtete Bemerkung so zerstreute und wenig zusammenhängende Antworten, daß sie kaum auf das um sie her geführte Gespräch geachtet haben konnten.

Man saß lange bei Tisch, und als der Kaffee serviert wurde, waren alle übrigen Fremden längst aus dem Saal verschwunden. Auch der Oberst war länger wie gewöhnlich geblieben, und als endlich die dienstlichen Meldungen sich häuften und seine Entfernung die Aufhebung der Tafel veranlaßte, da trat Mr. Willis mit hochgerötetem Gesicht zu dem alten Herrn von Sarkow heran, schüttelte ihm fünf Minuten lang unaufhörlich die Hand, während beide Herren, der eine englisch, der andre deutsch, eine Menge von Freundschaftsversicherungen und Komplimenten austauschten, deren wohltätige und erfreuliche Wirkung durch den gänzlichen Mangel gegenseitigen Verständnisses in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Man verabredete eine gemeinsame Partie nach dem Schloß. Die Wagen fuhren vor, und bald befand sich die ganze Gesellschaft auf der vom goldenen Licht der sinkenden Abendsonne wunderbar schön beleuchteten Terrasse.

Der zauberische Reiz dieses in der Welt fast einzigen Platzes, auf dem sich die Frische der ewig jungen Natur mit den großartig romantischen Trümmern einer versunkenen, erinnerungsreichen Vergangenheit zu einem die Seele mächtig bewegenden Bilde vereinigt, übte auf die ganze, ohnehin schon zu lebhafter Empfänglichkeit angeregte Gesellschaft ihren mächtigen Einfluß. Der alte Herr von Sarkow wurde nicht müde, alle einzelnen Schönheiten der Aussicht zu bewundern, die ihm die Saxoborussen erklärten. Sein Sohn stand neben Fräulein Agnes an dem Gitter, ihr zartes Gesicht war mit rosigem Schimmer übergossen, ihre Brust wogte in tiefen Atemzügen, sie schien überwältigt von all der Herrlichkeit, die sich hier vor ihr öffnete und von der sie in ihrer pommerschen Heimat keine Ahnung gehabt hatte; beide sprachen wenig, die Lippen der schönen Agnes öffneten sich nur zuweilen zu einem bewundernden Ausruf, aber oft wendeten sich ihre Augen von dem reichen Bilde vor ihr zu dem Jugendfreund an ihrer Seite hin, und was die Augen der beiden in stummer Sprache sich sagten, das mußte wohl zu ihren Herzen dringen, denn das innig verständnisvolle Lächeln ihrer stummen Lippen zeigte lichtes, reines und ungetrübtes Glück.

Charles Clarke und Fräulein Célie schenkten der Aussicht nur geringe Aufmerksamkeit, sie saßen Hand in Hand auf einer Steinbank, und was sie miteinander flüsterten, hätte sie auf einem einsamen Felsen ebenso glücklich gemacht als hier auf der schönen Terrasse des alten Heidelberger Schlosses. Fräulein Marie und Graf Kronau unterhielten sich lebhaft, er zeigte und erklärte ihr alle einzelnen Punkte der weiten Fernsicht; aber so eifrig sie auch miteinander sprachen, so schien es doch fast, als ob neben den wohlgesetzten Worten, die sie miteinander wechselten, noch eine ganz besondere Unterhaltung zwischen ihnen stattfände durch die Vermittlung ihrer oft sich kreuzenden und schnell sich dann wieder abwendenden Blicke und des flüchtigen Errötens, das nach solchen Blicken über ihre Wangen hinzog, und diese zweite, unwillkürliche und unbewußte Unterhaltung schien sie beide wohl noch mehr in Anspruch zu nehmen als die laut gewechselten Worte, die ein dritter, der ihnen zugehört hätte, oft wenig zu einander passend gefunden haben würde.

Der Colonel ging mit Miß Maggins auf und nieder, und Mr. Willis schloß sich bald der einen, bald der andern Gruppe mit irgend einer Bemerkung an, die meist nur eine unmutige und kurze Antwort fand, so daß er endlich sich ganz allein an die äußerste Ecke der Terrasse stellte und in gewissen Intervallen mit lauter Stimme rief: »Very pretty – very beautyfull – indeed!« wobei er die vorübergehenden Fremden, die zahlreich die Terrasse besuchten, mit so triumphierenden und fast herausfordernden Blicken ansah, als ob er ausschließlich die Schönheit der Terrasse und der Aussicht entdeckt habe, und als ob er jeden niederschmettern wolle, der geneigt sein möchte, den Wert der von ihm gemachten Entdeckung zu bestreiten.

Die Sonne sank herab, und der rote Vollmond stieg über den grünen Berghöhen herauf, und immer noch wogte eine bunte Menge auf der Terrasse auf und nieder, immer noch schimmerten die Blicke, die sich zum dämmernden Mondlicht aufrichteten, ebenso glücklich als im Strahl der Sonne – es scheint, als ob die Gestirne des Himmels auf diesem wunderbaren Stück Erde immer nur glückliche, fröhliche Menschengesichter beleuchten sollten von der Zeit her, da hier der glänzende Hof der Pfalz sein üppig fröhliches Leben ausbreitete, bis zu unsern Tagen, in denen in immer wechselnden und immer neu sich ablösenden Generationen die frische Jugend hier vorüberzieht, noch unberührt von dem Leid und den Sorgen des Lebens, in dessen schweren Kämpfen sich die ermüdete Seele oft zu neuer, mutiger Kraft aufrichtet, wenn aus ihren Tiefen das lichte Erinnerungsbild der Schloßterrasse von Heidelberg emportaucht, dieser geweihten Stätte der Jugend, der Freude und der Hoffnung.

Endlich aber mahnte der alte Herr von Sarkow zum Aufbruch.

Er und die beiden Mädchen waren die Nacht vorher gereist, und trotz aller Schönheit und alles Reizes dieses ersten Abends in Heidelberg, der weit alle ihre Erwartungen übertraf, machte sich doch die Erschöpfung der ermüdeten Natur geltend.

Man kehrte nach dem Hotel zurück.

Karl von Sarkow blieb bei den Seinen, Charles Clarke und der Colonel bei dem Professor Rotin und Fräulein Célie, denen sich Miß Maggins angeschlossen hatte.

Mr. Willis aber wurde auf den Riesenstein mitgenommen, wo er gründlichen Unterricht in der schwierigen Kunst des Salamanderreibens erhielt, und schwer würde es ihm geworden sein, wenn er am nächsten Morgen darüber hätte Rechenschaft geben sollen, auf welche Weise und zu welcher Zeit der Nacht er nach dem Hotel zurückgekehrt und in sein Bett gelangt sei, in dem er spät am andern Vormittag halb entkleidet erwachte und den nach seinen Befehlen fragenden Kellner eine Zeitlang mit starren Blicken ansah, worauf ei ihm mit rauher Stimme zurief:

»Sodawasser – viel Sodawasser! – Sie sind ein Bierjunge!«

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