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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Dreißigstes Kapitel

Um neun Uhr abends ging der Kurierzug von Heidelberg nach Straßburg ab, auf den Herr von Sarkow seinen Plan zum Beistande der beiden Damen gebaut hatte. Eine Stunde vorher holte er den Grafen Steinborn ab, der bis dahin in seinem Zimmer eingeschlossen geblieben war und den er finster und schweigsam fand. Die Einsamkeit schien die Bitterkeit, die er über das mit ihm getriebene Spiel empfand, nicht von ihm genommen zu haben. Herr von Sarkow hielt es für überflüssig, über das Geschehene ein Wort mit dem Freunde zu sprechen. Die Zeit und die eigne innere Kraft konnten allein auch hier heilen, wie sie die tiefere und schmerzlichere Wunde in Luiz Antonios Herzen zu heilen begonnen hatten. Beide gingen nach dem Hotel zum Badischen Hof. Die Damen waren bereit – sie hatten ihre Kammerfrau fortgeschickt und warteten, in weite Mäntel gehüllt, Kapuzen mit Schleiern auf dem Kopf. Herr von Sarkow bot, als Graf Steinborn mit düsterer Miene zögernd zurücktrat, der Gräfin Czerwinska den Arm. Der Graf folgte mit Félicie – beide Damen hatten die Schleier weit zurückgeworfen, so daß ihre Gesichter deutlich erkennbar waren, – Félicie schritt bleich und zitternd, mit gesenkten Blicken neben dem Grafen Steinborn, die Gräfin Czerwinska war ruhig und heiter wie immer, nur brannte ein kühnes, fast wildes Feuer in ihren Augen, als ob sie das Schicksal in trotzigem Mut, zu entscheidendem Kampfe herausfordere.

Am Fuße der Treppe begegneten sie dem Obersten von Ehrenstein, der die Damen in seiner ritterlichen Weise artig grüßte.

Einen Augenblick stehen bleibend, schüttelte er lächelnd den Kopf und sagte:

»Nun – soll es schon wieder zu der Wahrsagerin gehen? Nehmen Sie sich in acht, meine Herren,« fügte er ein wenig ernster hinzu, – »der Aberglaube ist ein Vorrecht der Damen, – lassen Sie sich nicht durch doppelten Zauber bestricken. – wir müssen mit den wirklichen Mächten des Lebens rechnen.«

Die Gräfin Czerwinska drohte scherzend mit dem Finger – Herr von Sarkow aber sagte mit lachendem Munde, während doch seine Stimme unwillkürlich einen ernsten Klang annahm:

»Wir wollen noch eine entscheidende Frage an das Schicksal tun, Herr Oberst – ich verspreche Ihnen, es soll die letzte sein.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen eine recht gute und erwünschte Antwort,« sagte der Oberst, indem er, zur Seite tretend, den Gruß der Vorüberschreitenden erwiderte.

Als er die Treppe hinaufstieg, sah er ihnen noch einmal nach und sagte leise seufzend:

»Glückliche Jugend – sie liegt mir schon so fern zurück, und doch habe ich ihr Verständnis noch nicht verlernt. Der Zauberstab, der diese Herzen bewegt, wird wohl ein kleiner, zierlicher Pfeil sein, den der mutwillige Liebesgott mit seinem süßen Gift getränkt hat.« Wehmütig lächelnd ging er weiter – seine Miene wurde nachdenklich. »Wenn aber der Pfeil zu tief getroffen hätte,« flüsterte er, »wenn das Gift böse nachwirken würde, – wäre es nicht vielleicht ein großes Unglück? Diese jungen Leute sind die Hoffnung der Ihrigen. – Törichte Furcht,« unterbrach er sich selbst – »das hat nichts zu sagen – das ist ein Spiel des Augenblicks, für den Ernst sind sie zu jung und zu leichtsinnig.« Ganz vergnügt vor sich hin lachend trat er in sein Zimmer – der vortreffliche Herr ahnte nicht, wie nahe der Graf Steinborn trotz seiner Jugend und seines Leichtsinns daran gewesen war, sich ganz ernstlich und gefährlich an dem Pfeil zu vergiften, den der tückische Dämon der Liebe aus den strahlenden Augen der Gräfin in sein Herz geschleudert hatte.

Die beiden Saxoborussen waren inzwischen mit den Damen schnellen Schrittes nach der Wohnung der Wahrsagerin gegangen.

Graf Steinborn schritt in finsterem Schweigen daher – Félicie wußte ihm Dank, daß er sie der Qual überhob, in der Angst ihres Herzens ein Gespräch zu führen, das nur peinlich hätte sein können.

»Sie glauben, daß Ihr Plan gelingt?« fragte die Gräfin Czerwinska Herrn von Sarkow, – »ich bin unruhiger und besorgter, als ich es Félicie zeigen wollte, – ich habe die bestimmte Nachricht erhalten, daß man unsre Spur verfolgt – es wäre entsetzlich, wenn wir nicht mehr entrinnen und die Grenze erreichen könnten.«

»Ich hoffe, daß alles gelingt,« erwiderte Herr von Sarkow, »in einigen Stunden sind Sie in Straßburg, und bis jetzt kann hier kein Verdacht bestehen – der Oberst von Ehrenstein war zu unbefangen, und er mußte doch zunächst unterrichtet sein – sind Ihre Legitimationen in Ordnung?«

»Wir haben unsre russischen Pässe, mein Bruder auch, – aber freilich, wenn man Verdacht hätte, so wäre dieser Paß das Schlimmste.«

»Wenn man schon Verdacht hat, so ist alles vergebens – wenn nicht, so werden Sie glücklich nach Frankreich kommen, und dort dürfen Sie ja Ihren Paß offen zeigen. – Gott gebe,« sagte Herr von Sarkow seufzend, »daß alles gut gehe – ich bin in nicht geringerer Gefahr als Sie – ich bin preußischer Untertan und würde es vielleicht schwer büßen müssen, wenn mein Beistand bei der Flucht Ihres Bruders bekannt würde.«

»Es ist wahr,« sagte die Gräfin bewegt, indem sie seine Hand drückte, – »vielleicht hätte ich Ihre Hilfe nicht annehmen sollen.«

»Ich würde sie Ihnen nicht geboten haben, bei Gott nicht, Gräfin, ohne das edle Vertrauen, mit dem Félicie Ihr Geheimnis in meine Hand legte. Dies Vertrauen zu rechtfertigen, ist eine Pflicht der Ehre, die ich auf jede Gefahr hin erfüllen werde. – Doch verlange ich einen Lohn,« fügte er nach kurzem Sinnen hinzu.

»Sprechen Sie,« sagte die Gräfin betroffen, – »was in meiner Macht steht –«

»Ich verlange ein Versprechen,« fiel Herr von Sarkow ein, – »das Versprechen auf Ihr Ehrenwort, daß Sie jede Verbindung mit meinem Freunde Steinborn abbrechen – verstehen Sie wohl, Gräfin, ernsthaft und für immer abbrechen. Ich verlange, daß Sie ihm niemals schreiben, daß Sie jeden Brief von ihm uneröffnet zurückweisen, daß Sie ihm Ihre Tür verschließen, wenn er Ihren Aufenthalt entdeckt, daß Sie ihm ohne Antwort den Rücken wenden, wenn er Sie auf der Straße oder in Gesellschaft anredet.«

»Ich verstehe Sie,« sagte die Gräfin leise, – »es ist hart, – er hat es nicht um mich verdient.«

»Keine Ausflucht, Gräfin! rief Herr von Sarkow streng und drohend – »ich will es – Leben um Leben. Ich rette Ihrem Bruder Leben und Freiheit – Leben und Freiheit verlange ich für meinen Freund! Bei Gott,« sagte er, seine Hand schwer auf ihren Arm legend, – »wenn Sie mir das Versprechen, das ich von Ihnen verlange, nicht auf Ihre Ehre geben, so werden Sie Heidelberg nicht verlassen, und ich selbst werde Sie der Behörde anzeigen. Noch mehr,« fuhr er knirschend fort, »wenn Sie jemals Ihr Wort brächen, wenn ich hören würde, daß Sie Steinborn wiedergesehen, – so werde ich Ihren Bruder aufsuchen, wo er auch sein möge, und einer von uns wird einer toter Mann sein – das schwöre ich Ihnen! Nun fassen Sie Ihren Entschluß – geben Sie mir Ihre Antwort – aber sogleich, ohne Zögern.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!« sagte die Gräfin traurig, aber mit fester, klarer Stimme.

Sie hatten das kleine Haus in der Neckarstraße erreicht und stiegen die dunkle Treppe hinauf.

Die alte Wahrsagerin öffnete, – in dem ersten Zimmer fanden sie die Kammerfrau der Gräfin und einen jungen Mann in grauem Reiseanzug. Sein feines bleiches Gesicht mit den großen dunkeln Augen zeigte jene eigentümliche Schönheit, die man bei den vornehmen Polen findet und die durch das Gemisch von wilder Leidenschaft und melancholischer Träumerei so besonders anziehend ist. Die Locken seines schwarzen Haares bedeckten halb eine Narbe, die, kaum geheilt, über seine Stirn lief.

Dieser junge Mann schien bei dem Anblick der Gräfin Baliewska alles andre zu vergessen, – er eilte ihr entgegen und drückte sie stürmisch an seine Brust; Félicie umschlang ihn mit ihren Armen und schmiegte sich, mit tränenden Augen zu ihm aufblickend, zärtlich an seine Seite.

»Mein Bruder Wladislaw,« sagte die Gräfin Czerwinska – die Herren einander vorstellend, – »Herr von Sarkow – Graf Steinborn.«

Der junge Pole ließ Félicie aus seinen Armen und trat mit artigem Gruße vor.

»Ich weiß, meine Herren,« sagte er mit warmer Herzlichkeit, »was Sie für mich tun wollen. Nehmen Sie meinen Dank, der nur mit meinem Leben erlöschen wird.«

Er streckte in einer Bewegung voll ritterlicher Anmut Herrn von Sarkow seine Hand entgegen.

»Herr Graf,« sagte dieser, einen Schritt zurücktretend – »ich bin Preuße und loyaler Untertan meines Königs – ich begehe ein strafbares Unrecht, indem ich zu Ihrer Flucht behilflich bin, – ich kann nicht anders – weil jenes edle Mädchen dort mich verachten müßte, wenn ich ihr Vertrauen täuschen könnte, – ihr danken Sie Ihre Rettung – aber dem Feinde meines Vaterlandes kann ich meine Hand nicht reichen!«

Graf Wladislaw stand einen Augenblick sprachlos, – dunkle Glut flammte in seinem bleichen Gesicht auf, finstere Drohung blitzte aus seinen Augen. Félicie faßte angstvoll seinen Arm und streckte zugleich ihre andre Hand Herrn von Sarkow entgegen, als wolle sie diesen im voraus um Verzeihung für ein heftiges Wort bitten, das ihr Geliebter ihm erwidern könnte. Graf Wladislaw schien einen heftigen Kampf zu kämpfen, seine Brust atmete schwer – die Spitzen seiner Zähne gruben sich tief in seine Lippen.

»Sie haben recht, mein Herr.« sagte er endlich – »ich sehe, daß die alte Ritterlichkeit noch nicht aus der Welt verschwunden ist.«

»Wir müssen eilen!« rief Herr von Sarkow. – »Hier, setzen Sie diese Mütze auf,« fuhr er fort, ihm eine runde Schirmmütze ohne Farben, wie sie die Mitkneipanten der Saxoborussia und auch die Mitglieder des Corps trugen, reichend. – »ziehen Sie den Schirm über die Stirn.«

Während Graf Wladislaw dieser Weisung folgte und seine Stirnnarbe so gut als möglich unter dem Mützenschirm versteckte, hatten die Damen ihre Mäntel abgeworfen. Sie trugen kurze, etwas grisettenhafte Kostüme – die Kammerfrau gab ihnen kleine Hüte, deren knapp anliegende, dichte Schleier ihre Gesichter verdeckten. – Man brach auf.

Graf Wladislaw führte Félicie – Steinborn ging an seiner Seite, um jede Annäherung an ihn zu verhindern, Herr von Sarkow folgte mit der Gräfin Czerwinska.

Sie kamen zum Bahnhof, als das erste Glockenzeichen für den abgehenden Zug gegeben wurde.

Herr von Sarkow nahm die Billette für die Damen und den Grafen – man zögerte noch ein wenig an einer dunkeln Stelle auf dem Platz vor dem Bahnhof, dann trat die Gesellschaft, nach Herrn von Sarkows Anweisung laut und fröhlich plaudernd auf den erleuchteten Perron.

Die Schaffner öffneten diensteifrig bei dem Anblick der weißen Mütze ein Coupé erster Klasse – Graf Wladislaw und die Damen stiegen ein, Herr von Sarkow und Steinborn blieben an der Tür stehen.

Man hörte leises Lachen aus einer Gruppe von Bürgern, die auf dem ziemlich leeren Perron in der Nähe standen.

»Leichte Ware das,« verstand Herr von Sarkow aus dem Gemurmel der Philister, – »werden wohl ein paar Dämchen vom Ballett in Mannheim oder in Karlsruhe sein, die haben jetzt wenig zu tun und vertreiben sich die Zeit mit den Saxoborussen.«

Herr von Sarkow atmete erleichtert auf, – sein Zweck war erreicht, die Abreise der Damen ging unbemerkt vorüber.

»Leben Sie wohl, Graf Steinborn – verzeihen Sie mir, und denken Sie ohne Groll an mich,« fügte die Gräfin Czerwinska, indem sie ihre Hand, von der sie den Handschuh abgestreift hatte, zum Fenster des Coupés herausstreckte.

Graf Steinborn zuckte zusammen. – Einen Augenblick stand er noch finster zögernd seitwärts, – dann flammte heiße Leidenschaft in seinem Gesicht auf – er drückte, schnell herantretend, seine Lippen auf die Hand der Gräfin und flüsterte mit halb erstickter Stimme:

»Ihnen verzeihen, Gräfin? – Kann ich denn anders? – O, ich werde an Sie denken, – so bitter weh Sie mir auch getan haben, – ewig an Sie denken!«

Herr von Sarkow trat dicht an den Schlag – seine Augen blitzten in hell aufloderndem Zorn – mit leiser, aber mit furchtbar drohender Stimme sagte er:

»Denken Sie an Ihr Wort, Gräfin – denken Sie an Ihren Bruder!«

»Leben Sie wohl, Graf Steinborn,« seufzte die Gräfin, ihre Hand zurückziehend – »leben Sie wohl auf ewig,« fügte sie mit fester Entschlossenheit hinzu – »auf ewig – und vergessen Sie mich!«

»Der hat fest angebissen,« hörte Herr von Sarkow einen der Bürger lachend sagen – »ja – sie verstehen es, diese Damen vom Ballett – nun – die Herren sind ja nur einmal jung – schade, daß man die Gesichter nicht sehen kann.«

Der Zug pfiff und übertönte die weiteren, für die beiden Damen nicht übermäßig schmeichelhaften Bemerkungen der Philister; Herr von Sarkow atmete erleichtert auf, als der Zug aus dem Bahnhof hinausfuhr.

»Nimm dich zusammen,« sagte er, den Arm des Grafen Steinborn drückend, der wie betäubt dem in der Dunkelheit verschwindenden Zuge nachsah – »bedenke, daß niemand etwas Außergewöhnliches bemerken darf – sie sind erst in Sicherheit, wenn sie die Grenze erreicht haben.«

Er führte den Freund, der gewaltsam eine heitere Miene annahm, von dem hell erleuchteten Perron fort.

Plötzlich fühlte er eine Berührung seines Armes.

Erschrocken sah er sich um. Nürnberger stand neben ihm und sah ihn, tief den Hut abziehend, mit listigem Lächeln an.

»Nürnberger!« rief Herr von Sarkow mit leichtem Unmut, – »was wollen Sie, – wo kommen Sie her?«

»Ich stand hier im Schatten,« erwiderte Nürnberger, »ich wollte den Herrn Baron nicht stören – der Herr Baron unterhielten sich mit den beiden Damen –«

»Flüchtige Bekanntschaften,« warf Herr von Sarkow hin.

»Und der Herr?« fragte Nürnberger, – »ein vornehmer, feiner Herr, – ein sehr feiner Herr – ich sehe das gleich, Herr Baron, auf hundert Schritte erkennt der Nürnberger, was wirklich fein ist und vornehm – da darf ich Glück wünschen, – es war ein neuer Saxoborusse – er trug schon die weiße Mütze – das ist ein Glück für das Corps, – es sind ja so viele Herren fortgegangen in der traurigen Zeit und noch nicht wiedergekommen, – der Herr Baron werden mich empfehlen dem neuen Herrn Saxoborussen – ich habe einige prachtvolle Stücke, mit denen ich könnte mit ihm machen ein erstes Geschäft.«

Herr von Sarkow biß sich auf die Lippen und blickte finster vor sich hin, während Nürnberger seinem unaufhaltsamen Redestrom, immer neben den beiden herschreitend, freien Lauf ließ. Plötzlich zuckte ein Lächeln übermütiger Laune um seine Lippen.

»Ja,« sagte er – »es ist ein neuer Saxoborusse, – aber er bleibt jetzt noch nicht hier, – er muß noch eine Reise machen, – es ist der Sohn des Schah von Persien, der hier studieren will und den Ehrgeiz hat, in Heidelberg Doktor der Theologie zu werden.«

»Der Sohn – des – Schah – von Persien!« rief Nürnberger, die Augen übermäßig weit aufreißend, – »Gott der Gerechte – welch ein Glück für uns, daß er hierherkommt, – ich weiß, ich weiß – das ist der große Mogul, der die unterirdischen Katakomben hat ganz voll Gold – und sein Großschatzmeister ist der Ali Baba, und in den Gewölben voll edlen Steinen brennt Tag und Nacht die ewige Lampe des Aladin al Raschid – ich kenne das alles aus den Geschichten von ›Tausend und eine Nacht‹. – Herr Baron,« sagte er flüsternd, indem er sich dicht zu Herrn von Sarkow beugte, »wenn Sie etwa sollten keine Neigung haben, zu behalten den Säbel von Sultan Soliman – ich nehme ihn Ihnen ab – der Rauchthaler braucht es gar nicht zu erfahren. – Sie sollen keinen Schaden dabei haben – ich will ihn anbieten dem Prinzen von Persien, der wird sich nicht entgehen lassen das Erbstück von seinem berühmten Ahnherrn.«

»Ganz recht. Nürnberger, ganz recht,« sagte Herr von Sarkow laut lachend, »ich sehe, Sie kennen das Morgenland und die Sarazenen ebensogut wie den Hof der Katharina von Medici – vielleicht werde ich Ihnen auch den Säbel überlassen gegen einen anständigen Profit, – denn etwas muß ich auch verdienen, – sonst könnte ich ja den Säbel selbst an den Prinzen Mirza Schaffi überlassen, – eigentlich sollte ich ihn dem Rauchthaler wiedergeben.«

»Das werden der Herr Baron nicht tun!« rief Nürnberger, mit etwas erzwungener Sorglosigkeit lächelnd.

»Nun,« sagte Herr von Sarkow, »trauen Sie nicht zu viel auf meine Gutmütigkeit, – doch, ich habe nun einmal eine Schwäche für Sie, und ich will es Ihnen von neuem beweisen – der Prinz Mirza Schaffi bringt seinen Harem mit – die beiden verschleierten Damen, die ihn begleiteten, waren seine Leibodalisken.«

»Seinen Harem?« rief Nürnberger, mit offenem Munde stehen bleibend, »seinen Harem – und das waren die Leibodalisken – ja, ja, die müssen ja immer tief verschleiert sein!«

»Natürlich – und nun hören Sie weiter, Nürnberger,« flüsterte Herr von Sarkow dem neugierig lauschenden Handelsmann ins Ohr, – »der Prinz braucht einen Kislar Aga, der europäische Sitte und deutsche Sprache kennt, – Nürnberger, ich werde Sie zum Kislar Aga vorschlagen.«

»Herr Baron!« rief Nürnberger mit groß geöffneten Augen und ganz zitternd vor Aufregung – »Herr Baron – das ist zu gütig, – Kislar Aga – Kislar Aga – was ist denn das?« fragte er ein wenig zögernd.

»Ein großer Herr, Nürnberger – ein sehr großer Herr. – ich glaube, man nennt ihn Excellenz. – Sein Gehalt geht in viele Tausende – ich bin gewiß, der Prinz wird Sie wählen, wenn ich Sie vorschlage, – sorgen Sie nur, daß Sie sich gehörig vorbereiten, das hohe Amt übernehmen zu können.«

»Und was muß ich tun?« fragte Nürnberger ängstlich, – »doch nicht etwa Persisch lernen, – ich habe niemals Talent für fremde Sprachen gehabt.«

»Gott bewahre – so schwere Studien verlangt man nicht von Ihnen –, Sie haben nur dem Prinzen den glaubwürdigen Beweis zu liefern, daß er durch Ihre Ernennung zum Kislar Aga nicht den Bock zum Gärtner setzt.«

Nürnbergers Augen öffneten sich immer weiter. Ehe er eine weitere Frage tun konnte, führte Herr von Sarkow ihn einige Schritte seitwärts, sah ihn starr an und sagte mit dumpfer Stimme:

»Nürnberger, das alles ist tiefes Geheimnis – Staatsgeheimnis – Sie begreifen – der Prinz ist inkognito hier.«

»Inkognito,« stammelte Nürnberger.

»Kein Wort darf über Ihre Lippen kommen, kein Hauch – bevor die diplomatischen Förmlichkeiten über die Anwesenheit des Prinzen geregelt sind, – vielleicht war ich leichtsinnig. Ihnen ein solches Geheimnis anzuvertrauen, – treffen Sie also Ihre Vorbereitungen in aller Stille, denn wenn ein Wort von dem Geheimnis zu früh verlautete, – dann – dann würde ich den Säbel Solimans dem Rauchthaler geben und ihn zum Kislar Aga vorschlagen.«

»Herr Baron,« rief Nürnberger außer sich, »Herr Baron, das werden Sie nicht tun!«

»Ich werde es tun, wenn Sie mein Vertrauen täuschen – also –«

Er legte mit feierlicher Miene den Finger auf seine Lippen, indem er Nürnberger kräftig auf die Schulter schlug – dann eilte er dem Grafen Steinborn nach und sprang mit diesem in eine vom Bahnhof zurückfahrende Droschke, mit dem Befehl, nach der Neckarstraße zu dem Hause der Wahrsagerin zu fahren.

Nürnberger stand noch unbeweglich auf dem Platz vor dem Perron. Er hatte, unwillkürlich Herrn von Sarkows Gebärde nachahmend, ebenfalls seinen Finger auf den Mund gelegt und flüsterte leise vor sich hin:

»Der Prinz Ali Baba – der Kislar Aga – der Bock zum Gärtner – Staatsgeheimnis –«

Und kopfschüttelnd, in tiefes Nachdenken versunken, immer noch den Finger auf die Lippen gedrückt, schritt er langsam der Stadt zu.

Die beiden Saxoborussen fuhren nach der Stadt; lange saßen sie schweigend, jeder in seine Gedanken versunken, nebeneinander. Endlich, als der Wagen in die Neckarstraße einbog, sagte Graf Steinborn mit einem tiefen Seufzer, indem er sich zu seinem Freunde herüberbeugte und dessen Hand ergriff:

»Und ich glaubte, sie liebte mich – o, ich mußte es glauben –«

»Du warst töricht, mein Freund,« sagte Herr von Sarkow, »wenn du das geglaubt hast – und noch törichter, wenn du sie wieder liebtest, wie es mir scheint, daß du es etwas zu viel getan hast.«

»Es ist furchtbar,« knirschte Graf Steinborn, »so betrogen zu werden – und doch,« fügte er sinnend hinzu, »wenn ich denke, daß es sich um das Leben ihres Bruders handelte und das –

»Es wäre doch wohl alles anders gekommen, wenn die kleine Félicie das Geheimnis nicht verraten hätte, das sie mir hier nicht mitteilen wollte, um mich nicht unsicher und befangen zu machen – nein, nein, sie kann nicht so falsch sein, es wird sich gewiß alles noch aufklären, ich werde ihr schreiben.«

»Tue das nicht,« sagte Herr von Sarkow, »es ist besser, wenn du dich um diese törichte Geschichte gar nicht mehr kümmerst, oder,« warf er leicht hin, »tue es, wenn du es nicht lassen kannst, sie denkt gewiß schon in diesem Augenblick nicht mehr an dich, und ich wette, daß du keine Antwort erhältst.«

»Du wettest?« fragte Graf Steinborn.

»Ich wette zehn Flaschen Champagner, daß du keine Antwort erhältst.«

»Das ist wenig, aber immerhin etwas, um mich zu trösten, »wenn du recht hast,« erwiderte Graf Steinborn mit bitterem Lachen.

Sie waren vor dem Hause der Wahrsagerin angekommen und stiegen die Treppe hinauf. Oben fanden sie die Kammerfrau und die alte Kartenlegerin in ganz ähnliche Kostüme gekleidet, wie sie die beiden Damen getragen hatten, als sie das Hotel verließen, nur waren jetzt die Schleier dicht zusammengezogen, so daß man die beiden in der Tat für ihre Herrinnen hätte halten können. Herr von Sarkow und Graf Steinborn führten die beiden Frauen mit eiligen Schritten nach dem Hotel zurück und über den erleuchteten Korridor nach den Zimmern, die die Gräfin Czerwinska bewohnt hatte.

Als sie darauf die Treppe wieder hinabstiegen, begegnete ihnen der Adjutant des Obersten von Ehrenstein, der mit flüchtigem Gruß vorübereilte. Die beiden begaben sich nach dem Riesenstein, obgleich sie, und besonders Graf Steinborn, keine Neigung für die fröhliche Gesellschaft ihrer Freunde empfanden, aber es lag ihnen daran, gerade heute auf der Kneipe nicht zu fehlen, um kein Aufsehen zu erregen.

Graf Steinborn verschwand bald, als die steigende Heiterkeit die Entfernung eines einzelnen nicht mehr bemerken ließ, und auch Herr von Sarkow zog sich früher als sonst zurück und ging noch lange in ernstem Nachdenken in seinem Zimmer auf und nieder, bevor er die Ruhe suchte.

Im Hotel zum Badischen Hof war, nachdem der Adjutant eine Zeitlang in dem Zimmer des Obersten von Ehrenstein verweilt hatte, eine außergewöhnliche Bewegung bemerkbar geworden. Eine Ordonnanz war eiligst abgesendet worden, und nach kurzer Zeit wurde auf dem oberen Flur zur Verwunderung und zum Schrecken der Kellner ein Posten unter dem Gewehr aufgestellt. Dieser Posten sowie die Schildwache vor der Tür erhielten den Befehl, jedermann eintreten, aber niemand aus dem Hotel herausgehen zu lassen, ohne ihn zur Legitimation einem Offizier vorzuführen, der seinen Platz im Speisesaal einnahm. Diese Maßregel, die zwar durch den Belagerungszustand völlig gerechtfertigt war, erregte dennoch in dem ganzen Hause großes Aufsehen, da bisher nichts dergleichen vorgekommen und der Verkehr in dem Hotel völlig frei geblieben war. Auf die Frage des erschrockenen Wirts erwiderte der Adjutant kurz, daß es Befehl des Kommandanten sei, und die ganze Sache blieb auch, da sie erst am späten Abend vorgenommen wurde, von den Fremden fast völlig unbemerkt, denn es ging niemand von diesen mehr aus, und den Heimkehrenden wurde nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt.

Die einzige Person, die von der strengen Ordre betroffen wurde, war die alte Wahrsagerin, die, nachdem sie ihr Kostüm gewechselt und den einfachen Anzug einer schlichten Bürgersfrau angelegt hatte, die Wohnung der Dame verließ; sie wurde von dem Posten angehalten und zu dem wachhabenden Offizier gebracht, der sie nach einem kurzen Examen in das Zimmer des Kommandanten führte.

»Wer sind Sie,« fragte der Oberst von Ehrenstein, die alte Frau scharf musternd – »und was treiben Sie?«

Die alte Frau nannte unbefangen ihren Namen und sagte, daß sie für die polnischen Gräfinnen Wäsche gebracht und der Kammerfrau abgeliefert habe.

»Das hat nichts zu bedeuten,« sagte der Oberst zu dem Offizier, »allein zu aller Vorsicht führen Sie die Frau nach Hause und überzeugen Sie sich, ob sie wirklich ihre richtige Wohnung angegeben. Wer das Hotel während Ihrer Abwesenheit verläßt, soll unmittelbar zu mir gebracht werden.«

Der Offizier folgte dem Befehl und kehrte bald mit der Meldung zurück, daß die alte Frau in der Tat die Wahrheit gesagt habe.

Die Nacht verlief ruhig, nur in der Frühe des nächsten Morgens hatten einige abreisende Touristen die Unbequemlichkeit, sich bei dem wachhabenden Offizier legitimieren zu müssen, was indes ohne Schwierigkeit und Weiterungen geschah. Schon um acht Uhr klopfte der Oberst von Ehrenstein in dienstlichem Anzug an die Tür zur Wohnung der Gräfin Czerwinska und befahl der ihm entgegentretenden Kammerfrau, ihn sogleich bei den Damen zu melden.

»Die Damen sind gestern abgereist,« erwiderte die Kammerfrau unbefangen, »sie haben eine Nachricht bekommen, die sie eilig abrief, – ich glaube,« fügte sie hinzu, »von dem Herrn Bruder der Frau Gräfin, der in Paris krank geworden ist.«

Der Oberst stand in sprachlosem Erstaunen da und trat heftig mit dem Fuß auf den Boden.

»Abgereist –gestern!« rief er – »wie ist das möglich?«

»Die Damen sind am Nachmittag sogleich, als sie den Brief aus Paris erhielten, nach dem Bahnhof geeilt, um noch den Zug zu benutzen,« antwortete die Kammerfrau – »sie müssen jetzt,« fügte sie mit einem leichten, kaum merkbaren Anflug boshafter Freude hinzu, »fast schon auf dem halben Wege nach Paris sein. Ich habe den Befehl, hier die Rechnung zu ordnen und mit ihrem Gepäck nachzufolgen – es war noch einige Wäsche ausgegeben, die ich erst gestern abend erhalten.«

Der Oberst stand in finsterem Sinnen da.

»Ich werde mich selbst davon überzeugen,« sagte er dann. Er rief seinen Adjutanten und durchsuchte mit diesem alle Zimmer; überall lagen Toilettengegenstände umher, die die Kammerfrau im Begriff war in die Koffer zu packen – von den Damen war nirgends eine Spur, obgleich der Oberst jeden Schrank öffnete und jeden Winkel durchsuchte.

»Es nützt nichts,« sagte er grimmig zu dem Adjutanten, »der Teufel soll einen solchen Befehl holen, wie ich ihn erhalten habe – was vermag ein alter, ehrlicher Soldat gegen Weiberlist – lassen Sie uns überlegen, was zu tun ist. Ein Telegramm nach der Grenzstation wird nichts mehr nützen, sie müssen längst in Frankreich sein.«

Als er sinnend nach seinem Zimmer zurückkehrte, fand er vor dessen Tür Herrn von Sarkow, der ihn mit ernster Miene um ein kurzes Gespräch unter vier Augen bat.

»Mein Gott,« sagte Herr von Ehrenstein, trotz seines Aergers lachend, »was haben Sie denn. Sie sehen ja aus, als ob irgend etwas ganz Bedenkliches passiert wäre? – Was hat ein armer Kommandant von Heidelberg alles zu tun, – eben,« murrte er leise vor sich hin, »soll ich geheime Staatspolizei treiben, und nun werden mir gar auch noch Straßenpolizeisachen zugemutet – denn das wird es doch wohl sein, die Herren werden irgend etwas während der Nacht verbrochen haben, da soll nun der alte Oberst die Sache wieder in Ordnung bringen.

»Nun also, was gibt's?« fragte er, als er mit Herrn von Sarkow in seinem Wohnzimmer allein war. »Sie wissen, ich bin gern geneigt, über einen kleinen tollen Streich die Augen zuzudrücken, aber fassen Sie sich kurz, denn so angenehm mir Ihre Gesellschaft und Unterhaltung ist, wenn ich Zeit habe, so bin ich jetzt von recht widerwärtigen Dienstgeschäften in Anspruch genommen.«

»Ich will mich kurz fassen, Herr Oberst.« sagte Herr von Sarkow mit einer Stimme, deren ernster, fast feierlicher Klang den alten Herrn erstaunt aufblicken ließ – »aber ich fürchte, daß die Folgen meiner Mitteilung vielleicht nicht ebenso kurz und schnell vorübergehen werden. Ich habe etwas getan, Herr Oberst, das ich vor meinem Gewissen rechtfertigen kann, ja, als eine Ehrenpflicht für einen Kavalier halten muß, das aber für einen preußischen Untertan vielleicht ein strafwürdiges Verbrechen ist.« »Oho!« sagte der Oberst, »Sie, ein so loyaler junger Mann? Das kann ich Ihnen selbst kaum glauben.«

»Und doch ist es so, Herr Oberst. Ich habe einem politischen Verbrecher, einem Kämpfer der Revolution, einem Feinde meines Landes zur Flucht verholfen – dem Bruder der Gräfin Czerwinska, der unter Mieroslawski an dem Aufstand teilgenommen und hier in der Stadt verborgen war.«

»Teufel!« rief der Oberst, indem er die Hand schwer auf Herrn von Sarkows Schulter legte, »das wird ernst! – Haben diese verfluchten Polinnen Sie richtig in ihre Netze gezogen? – »Erzählen Sie,« sagte er mit einem Blick voll schmerzlicher Teilnahme auf den jungen Mann.

»Mir war,« sagte Herr von Sarkow, »das Treiben der Gräfin Czerwinska längst verdächtig; ich kann Ihnen mein Wort geben, Herr Oberst, wäre es meiner Wachsamkeit gelungen, ihr Geheimnis zu entdecken, so würde ich selbst sie Ihnen überliefert haben, – aber die kleine Gräfin Felicie hat mir jenes Geheimnis in freiem Vertrauen mitgeteilt und meinen Beistand erbeten. Damit, Herr Oberst, war ich als Mann von Ehre gebunden. Sie müssen das zugeben – zwei Frauen zu verraten, die sich selbst in meine Hand gegeben, das wäre unritterlich, das wäre feig und nichtswürdig gewesen.«

»Das ist wahr.« sagte der Oberst, »erzählen Sie alles, verschweigen Sie mir nichts.«

Herr von Sarkow erzählte ausführlich alles, was geschehen war. Als er geendet, stand der Oberst eine Zeitlang in schweigendem Nachdenken da; dann nahm er einen Eisenbahnfahrplan, der auf dem Tische lag, zur Hand.

»Die Flüchtlinge sind gestern abend abgereist, sie haben jetzt die französische Grenze passiert.«

»Ich wäre nicht hier,« sagte Herr von Sarkow, »wenn ich dessen nicht gewiß wäre.«

»Nun denn,« rief der Oberst wie erleichtert aufatmend, »so mögen sie gehen, wohin der Teufel sie führen will, was geht es mich an, ich bin bei Gott eigentlich froh, daß die Sache so gekommen ist, denn ich habe keine Neigung und kein Verständnis für den geheimen Polizeidienst, und es wäre mir recht fatal gewesen, wenn ich die beiden Damen, mit denen ich hier so freundschaftlich verkehrt, hätte arretieren müssen; denn wissen Sie wohl,« fügte er, Herrn von Sarkow scharf ansehend, hinzu, »ich habe gestern abend den Befehl erhalten, die Gräfin Czerwinska und ihren Verkehr genau zu überwachen und sie festhalten zu lassen, wenn sie etwa abreisen wollte. Ich habe alle Maßregeln getroffen, ein Posten steht auf dem Gange, niemand darf das Haus verlassen, und Sie können sehr zufrieden sein, daß Sie die Damen früher fortgeschafft haben, eine Stunde später wären sie mit Ihnen angehalten worden, dann hätte ich die Sache nicht mehr wie jetzt in der Hand gehabt, und das hätte mir von Herzen für Sie leid getan. Lassen Sie sich aber die Sache eine Lehre sein, sich nie mit polnischen Weibern einzulassen, sie sind glatt wie die Schlangen und ebenso tückisch.«

»Und glauben Sie in der Tat, Herr Oberst, daß die Sache damit zu Ende sein kann?«

»Nun,« sagte der Oberst, »was sollte denn noch kommen? – Ich habe den Befehl, die beiden Polinnen zu arretieren – ich habe das Nest leer gefunden – sie sind fort, ehe der Befehl an mich kam, ich habe nichts weiter zu tun, als zu melden, was ich gefunden, oder vielmehr, was ich nicht gefunden. Was Sie mir hier persönlich erzählt haben, ist eine Vertrauenssache zwischen zwei Ehrenmännern, von der ich dienstlich gar keine Notiz zu nehmen habe, da ja die Flüchtlinge ohnehin unerreichbar sind. Sie haben den Damen gegenüber Ihre ritterliche Ehrenpflicht erfüllt und durch Ihre Mitteilung an mich sich als loyaler Untertan bewiesen, das vermehrt meine Zuneigung für Sie, mein junger Freund,« sagte er, Herrn von Sarkow kräftig die Hand schüttelnd, »und der Teufel soll mich holen, wenn ich über diese widerwärtige Geschichte einen einzigen Tropfen Tinte mehr verbrauche, als zu dem Bericht über das nötig ist, was ich dienstlich wissen muß. Leben Sie wohl, leben Sie wohl,« sagte er, Herrn von Sarkow, der voll inniger Dankbarkeit und Verehrung in das treue, offene Gesicht des alten Soldaten blickte, zur Tür hindrängend, »leben Sie wohl, auf Wiedersehen bei Tisch, ich habe keine Zeit mehr, und es ist auch gar nicht nötig, daß man sich hier im Hause den Kopf darüber zerbricht, was Sie am frühen Morgen so lange bei mir zu tun haben.«

Während Herr von Sarkow ganz glücklich die Treppe hinabeilte, rief der Oberst seinen Adjutanten aus dem Vorzimmer herein – sofort wurde der Posten auf dem oberen Flur abgelöst und der Befehl der Ueberwachung des Ausgangs des Hotels aufgehoben.

Die Kammerfrau der Gräfin aber wurde, nachdem ihr Gepäck durchsucht und völlig unverfänglich befunden war, unter Begleitung eines Offiziers nach dem Bahnhof gebracht und mit einer »gebundenen Marschroute«, wie der Kommandant sich ausdrückte, nach Straßburg expediert.

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