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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Luiz Antonio führte seinen Entschluß mit einer Energie aus, die man bei dem früher so schwärmerischen und mit der ganzen Leidenschaft seines südlich heißen Blutes, seinen leicht erregbaren Gefühlen sich hingebenden, jungen Manne kaum hätte erwarten sollen. Er besuchte mit unveränderter Pünktlichkeit die Kollegien, nahm bei einem jungen Rechtslehrer Privatunterricht und arbeitete mit eisernem Fleiß trotz der mancherlei Schwierigkeiten, die ihm die Sprache bereitete, oft bis tief in die Nacht hinein, um auf allen Gebieten sein juristisches Wissen zu ergänzen und sich zu dem in Heidelberg besonders schwer zu erlangenden Doktorgrade vorzubereiten. Er zog sich deshalb mehr und mehr von dem fröhlichen Leben seiner Freunde zurück, aß häufig zu Hause und erschien nur an den eigentlichen Kneipabenden auf dem Riesenstein. Herrn von Sarkows Besorgnis, daß diese einsame Zurückgezogenheit seinen Freund wieder zu schmerzlichen Grübeleien zurückführen werde, verschwand bald, denn Luiz Antonio war zwar ernst und still, aber auch vollkommen ruhig, klar und mutig ergeben, und er schien in seiner emsigen Arbeit immer mehr freudige Stärkung zu finden. Herr von Sarkow war glücklich darüber, er lebte heiter und gleichmäßig im Kreise seiner übrigen Corpsbrüder, denen er durch Luiz Antonios Zurückgezogenheit näher und näher trat, und empfand das beglückende Gefühl der engen Zusammengehörigkeit mit ebenbürtigen Genossen, in deren durch gleiche Gesinnungen und gleiche Interessen in rückhaltloser Freundschaft verbundenen Kreis keine Sorgen des Ringens nach Ehre oder Gewinn Eingang fanden, die überall auf Erden die Menschen trennen, verfeinden und gegeneinander treiben, – ein Gefühl, das nie wieder so rein und so warm eine Stätte im Herzen findet als in der schönen Zeit des akademischen Corpslebens, und aus dessen Erinnerung in allem Drang und Kampf späterer Tage immer noch ein klarer, lebendiger Quell hohen Mutes und edlen Strebens hervorsprudelt.

Er sah Luiz Antonio meist nur am späten Abend, wenn er nach Hause zurückkehrte und den Freund noch bei seiner Arbeit fand; dann hörte er alle die großen und umfassenden Pläne an, die ihm der Sohn des fernen Weltteils für die Zukunft seines dem Lichte der Zivilisation entgegenstrebenden Vaterlandes entwickelte, und wenn er auch selbst gleich umfassende Pläne für eine schaffende und reformatorische Lebensarbeit nicht bilden konnte, so zeigte sich doch auch seinem hochstrebenden Geist ein reiches Feld edler, fruchtbarer Tätigkeit innerhalb der festgegründeten Ordnung seines Vaterlandes, dem ja auch noch herrliche Aufgaben zu erfüllen blieben, und die Zukunftshoffnungen der beiden jungen Leute, die sich vielleicht im irdischen Leben nicht wieder begegnen sollten und zwischen deren Wegen das Weltmeer seine unendlichen Fluten rollte, vereinigten sich in dem begeisterten Streben nach Wahrheit und Licht, nach Recht und Ehre.

Täglich besuchte Herr von Sarkow den verwundeten Langenberg, an dessen Lager Fräulein Dorchen treu die übernommene Pflicht erfüllte; fast nur hier sah er das junge Mädchen, das ruhig und freundlich mit ihm sprach, ohne aber jemals zu dem leichten, neckischen Ton ihrer früheren Unterhaltung zurückzukehren, und es vermied, ihre hellen, rehbraunen Augen zu ihm aufzuschlagen, fast als ob sie sich vor seinem Anblick fürchte. Auch Evchen Meier fand er zuweilen im Krankenzimmer bei ihrer Freundin, sie war heiter und lustig wie immer, aber in ihre neckischen Bemerkungen mischte sich zuweilen ein wenig Bitterkeit, wenn sie zu Herrn von Sarkow sprach, sie bemerkte besser wie irgend ein andrer die trübe Wolke, die Dorchens kindliches Gesicht beschattete, und zürnte wohl Herrn von Sarkow darüber, daß er die Ursache dieser Wolke war.

Vor allem aber richtete Herr von Sarkow seine unablässig wachsame Aufmerksamkeit auf den Grafen Steinborn und die beiden polnischen Damen; obgleich diese nicht das geringste taten, was für ihre Stellung nicht geziemend erschienen wäre, obgleich ihr Leben und der Grund ihres Aufenthalts in Heidelberg klar vor aller Augen dalagen, so konnte er sich von dem Gefühl nicht befreien, daß irgend ein Geheimnis sich dahinter verberge, und er wollte seinen Corpsbruder um jeden Preis davor bewahren, in seiner täglich steigenden, blind leidenschaftlichen Bewunderung für die Gräfin Czerwinska irgend eine Torheit zu begehen. Er hatte, um die Pflicht der wachsamen Beobachtung, die er sich vorgesteckt, zu erfüllen, mehrfach gegen seine Neigung den Grafen Steinborn bei seinen Besuchen im Salon der beiden Damen begleitet, er hatte wohl bemerkt, daß die Vertraulichkeit zwischen diesem und der Gräfin Czerwinska und die Herrschaft, die die schöne und geistreiche Frau über ihren leicht empfänglichen und etwas eitlen Bewunderer ausübte, immer mehr und mehr zunahm; auch zeigte die junge Gräfin Baliewska ihm selbst gegenüber eine eigentümliche Unruhe und Befangenheit, sie errötete und erbleichte oft, wenn er mit ihr sprach, sie verstummte ängstlich, wenn sie in ihrer kindlichen Natürlichkeit in ein lebhafteres Gespräch geraten war, sie schlug die Augen nieder, wenn sie seinen Blicken begegnete, und zuweilen sah er eine Träne an ihren Wimpern schimmern, wenn er irgend ein Wort sprach, das das Gebiet der Liebe oder des Gefühlslebens streifte. Dies alles konnte ihn auch ohne eitle Selbstüberschätzung darauf bringen, daß die schöne Polin eine Neigung für ihn in ihrem Herzen erwachen fühle, er erschrak bei solchen Gedanken, so schmeichelhaft sie auch für ihn sein mochten, – aber dann zeigte sich das junge Mädchen wieder gegen ihn so gleichgültig und fremd, sie fuhr oft wie aus tiefen Träumen empor, während er zu ihr sprach, ohne daß sie eines seiner Worte vernommen, so daß er von dem Glauben an ein wärmeres Gefühl, das die Gräfin für ihn hegen könnte, zurückkam und alle jene kleinen Zeichen nur für ein Spiel leichter Koketterie halten mußte. Er bemerkte auch, daß Graf Steinborn mehr und mehr zurückhaltend gegen ihn wurde; der Graf vermied es, mit ihm von den Damen zu sprechen, wenn sie allein waren, und brachte Herr von Sarkow die Unterhaltung auf die Fremden, so glitt jener schnell darüber hinweg und suchte eifrig die Gesellschaft der übrigen Freunde auf. Um so mehr wurde Herr von Sarkow in seiner Wachsamkeit bestärkt, und so hatte er sich denn auch an einem der nächsten Tage nur aus Rücksicht für seinen Freund entschlossen, eine Partie mitzumachen, die die Gräfin Czerwinska nach dem Wolfsbrunnen vorschlug. Der Vorschlag war an der Table d'hôte gemacht worden, die Gräfin hatte auch den Oberst von Ehrenstein, dessen Offiziere und die übrigen Saxoborussen zu der Partie aufgefordert; da aber der Oberst, der selten sich von seinen Dienstgeschäften frei machte, ebenso wie die übrigen ablehnte, und nur Graf Steinborn eifrig auf die Idee einging, so hielt es Herr von Sarkow für seine Pflicht, den Freund nicht allein dem Einfluß der verführerischen Frau zu überlassen, der, auch ganz abgesehen von dem dunklen und unbestimmten Verdacht, dessen er sich nicht erwehren konnte, für jenen verhängnisvoll und verderblich werden mußte. So fuhren sie denn am nächsten Vormittage nach dem etwa eine halbe Meile von Heidelberg auf einem waldigen Bergvorsprung gelegenen Etablissement zum Wolfsbrunnen hinaus. Im Schatten prachtvoller alter Bäume, rings von dichtem Wald umgeben, liegt dort das einfache Haus, nach Schweizerart von einer hölzernen Galerie umgeben, die um den oberen Stock herumläuft und auf die man aus den Zimmern heraustreten kann. Es ist dies einer der schönsten Punkte in dem an Naturschönheiten so überreichen Neckartal. Vor dem Hause, das sich im äußeren Anschein durch nichts von einer einfachen Bauernwirtschaft unterscheidet, befindet sich ein kleiner, freier Platz mit kunstlos aufgeschlagenen hölzernen Tischen und Bänken: daneben im tiefen Laubschatten strömt von den Bergen herab ein frischer, kühler und kristallklarer Waldbach, der in drei aufeinanderfolgenden aufgemauerten Bassins aufgefangen wird, die er mit seinem silberklaren Wasser durchfließt und in denen er durch den fortwährenden Ab- und Zugang eine stetige Bewegung erhält. In diesen Bassins befinden sich, nach verschiedener Größe geordnet, die prächtigen Bergforellen, die die Berühmtheit des Wolfsbrunnens bilden und von dem jungen kleinen Nachwuchs an in dem obersten Bassin bis zu den mächtigen Veteranen von mehr als Armeslänge in dem tiefsten Wasserbehälter lustig in der hellen Flut umherspielen.

Gegen die Mittagsstunde trafen die beiden Saxoborussen mit den polnischen Damen hier ein. Herr von Sarkow war, obgleich er die Partie fast wider Willen mitmachte, dennoch heiter und fröhlich; die wunderbar schöne Natur, der sonnenlichte Tag und die duftige Waldluft übten ihren Einfluß auf seine jugendlich empfängliche Seele – eifriger und feuriger als sonst unterhielt er sich scherzend und neckend mit der Gräfin Baliewska, die mit ihrem von der frischen Bergluft sanft geröteten Gesicht und mit ihren träumend in die Waldesschatten hinausblickenden Augen schöner war als jemals, die aber auch häufiger noch vor den Blicken des ihr gegenübersitzenden jungen Mannes in zitternder Verwirrung errötend die Augen niederschlug. Graf Steinborn war versunken in den Anblick der Gräfin Czerwinska und schien von Entzücken berauscht, wenn die schöne Frau wie zufällig mit ihrer auf dem Wagenschlag ruhenden Hand die seine berührte. So ruhig, heiter und ungezwungen aber, wie die Gräfin die Unterhaltung führte, so glaubte Herr von Sarkow doch zu bemerken, daß sie häufig die Lippen aufeinanderpreßte und mit unstet funkelnden Augen in die Ferne hinausblickte, als ob sie eine innere Bewegung verzehrte, die sie unter der ruhig lächelnden Miene ihres Gesichts verbergen wollte.

Man bestellte das kleine, ländliche Diner, das auf der oberen Galerie serviert werden sollte, und dessen Hauptbestandteil, wie dies immer auf dem Wolfsbrunnen der Fall war, eine der prachtvollen Forellen bildete, die die Gäste sich selbst unter den noch im Wasser schwimmenden Fischen aussuchten. Die kleine Gesellschaft trat an das zweite Bassin heran, das die Fische mittlerer Größe enthielt, um einen von ihnen dem mit dem Netz bereitstehenden Aufwärter zu bezeichnen. Die Forellen drängten sich sogleich an den Rand des Bassins, hoben, gierig die gewohnte Fütterung erwartend, ihre Köpfe empor und schossen pfeilschnell durch das Wasser hin und her, um einander die Brotstückchen wegzuschnappen, die die Damen ihnen aus der von dem Aufwärter mitgebrachten Schale zuwarfen.

»Welch entsetzliches, grausames Spiel,« sagte die Gräfin Baliewska schaudernd, »da füttern wir diese armen Tiere, die glauben müssen, daß wir ihre Freunde und Wohltäter sind, und doch sind wir nur hierhergekommen, um eines von ihnen für uns schlachten zu lassen. Sind wir nicht schlimmer als die schlimmsten Raubtiere, die doch wenigstens nur der Notwendigkeit ihrer Natur folgen, während wir ohne Not und dringenden Zwang ein tückisches Spiel mit diesen armen Geschöpfen treiben, denen ihr Leben ebensoviel wert ist als uns das unsrige, und vielleicht noch mehr,« fügte sie seufzend hinzu, »da sie ihr Dasein genießen können ohne Sorge und Kummer, spielend in dem klaren, reinen Element, während das arme Menschenherz –«

Sie stockte und warf einen schnellen, scheuen Seitenblick auf Herrn von Sarkow.

»Das ist ein Bild der Welt,« fiel die Gräfin Czerwinska ein, »gleichen diese Tiere da unten nicht den Menschen? – Sie drängen sich durcheinander, jagen einander neidisch die besten Brocken – das ist ihr Glück – vor dem Munde ab und blicken wohl zu uns auf, wie wir zu den Mächten des Himmels, denen wir für eine Brosame des Glücks danken, die sie uns zuwerfen, ohne zu ahnen, daß auch sie mit uns vielleicht nur ein flüchtiges, trügerisches Spiel treiben, um uns im nächsten Augenblick der schmerzlichen Vernichtung zu weihen.«

Sie hatte diese Worte wie scherzend gesprochen, aber es klang eine tiefe Bitterkeit aus ihrer Stimme. Graf Steinborn blickte fast erschrocken in ihr Gesicht, dessen Züge einen harten und strengen Ausdruck annahmen.

Herr von Sarkow aber sagte lachend:

»Lassen wir diese Erörterungen und Vergleiche, meine Damen, es ist ja fast, als ob unser kleines, ländliches Diner zu einem Symposion werden sollte, wie es die alten griechischen Philosophen hielten und bei dem sie dann die höchsten Fragen des Leben entre poire et fromage diskutierten. Das liest sich ganz hübsch, wenn man als Primaner den Plato studiert, aber in der Wirklichkeit ziehe ich es doch vor, bei Tisch nur die heiteren Seiten des Lebens zu berühren, das ist besser für das Herz – und für den Magen, die beide, wie ich überzeugt bin, im innigsten Zusammenhange miteinander stehen.«

»Wie prosaisch!« sagte die Gräfin Czerwinska lächelnd.

»Uebrigens,« fuhr Herr von Sarkow ernster fort, »vermag ich nicht den Vergleich zwischen diesen Forellen und dem Treiben der Menschen als richtig anzuerkennen; die Fische hier ahnen nichts von dem, was die Zukunft verbirgt, sie freuen sich des Augenblicks, unbewußt der feindlichen Tücke, die sie in der nächsten Sekunde grausamer Selbstsucht opfert. Uns aber ist es gegeben, die feindliche Absicht auch unter trügerischer Maske zu durchschauen – vielleicht sind die armen Fische glücklicher in ihrer Ahnungslosigkeit, – wir aber vermögen wachsam dem Netze auszuweichen.«

Er hatte leichthin gesprochen, und doch blitzte es eigentümlich bei seinen Worten in dem Auge der Gräfin auf.

»Wollen die Herrschaften die Güte haben,« sagte der Aufwärter, mit dem Netz herantretend, »eine der Forellen zu wählen, damit ich sie in die Küche liefern kann.«

»Nein, nein!« rief die Gräfin Baliewska sich abwendend, »nein, das kommt mir vor wie ein Todesurteil.« »Nehmen Sie, welchen von den Fischen Sie wollen,« sagte Herr von Sarkow, »Sie werden das ohnehin besser verstehen.«

»Wir wollen inzwischen einen kleinen Spaziergang in den Wald mache,« sagte die Gräfin Czerwinska, »bis das Diner fertig ist.« Sie nahm den Arm des Grafen Steinborn mit der natürlich ungezwungenen Sicherheit einer Dame der großen Welt und schritt mit ihm nach dem von grünem Laubholz überwölbten Waldpfade hin, der in auf- und absteigenden Windungen in das Innere der Berge führte. Es schien, daß sie selbst oder Graf Steinborn keine Zeugen für ihre Unterhaltung wünschten, denn ohne scheinbare Absicht beschleunigten beide ihre Schritte. Herr von Sarkow war außer stande, ihnen gleichmäßig zu folgen und sich in ihrer Nähe zu halten, denn ebenso unabsichtlich wie jene sich entfernten, schien die Gräfin Baliewska zurückzubleiben – langsamer und langsamer wurden ihre Schritte, als ob ihr zarter Kinderfuß den etwas rauhen und unebenen Waldpfad scheute; die Folge war, daß bei den häufigen Wendungen des Weges Graf Steinborn und die Gräfin Czerwinska bald vorn im Walde verschwunden waren.

Unmutig schritt Herr von Sarkow neben dem jungen Mädchen her. Sie hatte sich nicht auf seinen Arm gestützt und schien in tiefe Gedanken versunken, die sie in unruhige Bewegung versetzen mußten, denn häufig stiegen schmerzliche Seufzer aus ihrem wogenden Busen empor. Schweigend gingen sie eine Zeitlang weiter. Endlich blieb die Gräfin Félicie, wie einem plötzlichen Entschluß folgend, stehen; sie legte ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters und sagte zitternd und errötend, aber mit festem Blick ihn anschauend:

»Herr von Sarkow, was denken Sie von uns – von meiner Tante – und von mir?« fügte sie mit bebender Stimme hinzu.

Der junge Mann geriet bei dieser plötzlichen Frage in nicht geringe Verwirrung – sollte diese eine Erklärung erzwingen wollen, sollte das Spiel der Koketterie auf diese Weise fast gewaltsam zum Ziele geführt werden? Ein solcher Verdacht stieg in ihm auf, aber er vermochte es kaum, ihn festzuhalten, wenn er in das schöne, bewegte Gesicht der Gräfin sah, das in diesem Augenblick nur kindliches Vertrauen und edle, freie Aufrichtigkeit ausdrückte. »Mein Gott,« sagte er mit verlegener Unsicherheit, »was sollte ich denken von zwei so ausgezeichneten – so liebenswürdigen Damen –«

Unwillig schüttelte sie den Kopf.

»Lassen Sie die Gemeinplätze und Schmeicheleien,« sagte sie, »nein!« rief sie dann heftig, »so geht es nicht weiter, ich kann es nicht, ich will es nicht, ich kann dieses Spiel nicht weiterspielen, mag es sich auch um das Heiligste und Höchste für mich handeln; Sie sind zu gut dazu, mag meine Tante sagen, was sie will, ich muß meinem Herzen folgen. Sie sollen mich nicht verachten, Wahrheit soll sein zwischen Ihnen und mir.«

Herr von Sarkow stand bestürzt, keines Wortes mächtig, vor dem glühenden jungen Mädchen.

Er schauderte vor einer Erklärung, die er kommen fühlte und die ihn in die peinlichste Lage versetzen mußte.

»Hören Sie, Herr von Sarkow,« sagte Félicie, »was ich Ihnen zu sagen habe. Wir haben Sie getäuscht – Sie und Ihren Freund, meine Tante wollte es, obgleich mein Herz mich immer zu vertrauensvoller Wahrheit drängte – o,« fuhr sie immer eifriger und lebhafter fort, als sie sah, daß sein Gesicht einen finsteren und spöttischen Ausdruck annahm, »o nein, das ist es nicht, es handelt sich um keinen Betrug, um kein unwürdiges Spiel, es handelt sich um das Höchste und Heiligste für mich vor allem – es handelt sich um das Glück meines ganzen Lebens – um meine Liebe.«

»Mein Gott, Gräfin, halten Sie ein!« rief Herr von Sarkow.

»Nein, nein,« sagte sie hoch erglühend und seine Hand ergreifend. »Sie sollen alles wissen. Sie müssen alles wissen, in Ihre Hand will ich mein Schicksal legen, ich weiß, daß Sie mein Vertrauen nicht täuschen werden. Ich liebe –«

Herr von Sarkow senkte schwer seufzend den Kopf auf die Brust.

»Ich liebe,« fuhr sie leiser, aber immer hastiger sprechend fort, »den Bruder der Gräfin Czerwinska – der hier verborgen ist, der in höchster Gefahr schwebt, den wir retten müssen – retten um jeden Preis.«

Herr von Sarkow sah das erregte Mädchen mit grenzenloser Verwunderung an, ein flüchtiges Lächeln des Spottes über seine eigne eitle Selbsttäuschung zuckte um seine Lippen. »Der Bruder der Gräfin?« fragte er. »Er ist hier – er ist in Gefahr – es gilt ihn zu retten? – Erzählen Sie!«

»O, nicht wahr,« rief Félicie, »Sie werden unser Geheimnis nicht verraten, Sie werden uns helfen, auch ohne Betrug und Täuschung, so daß wir auch später Freunde bleiben!«

»Gewiß, Gräfin, gewiß,« sagte Herr von Sarkow noch immer fast fassungslos, »doch ich bitte Sie, erklären Sie mir endlich –«

»Die Sache ist einfach,« sagte Félicie, indem sie ängstlich umherblickte, als fürchte sie, daß in dem Gebüsch ein Lauscher verborgen sein möchte, »der Graf Wladislaw Czerwinski ist ein glühender Patriot, er liebt unser armes polnisches Vaterland ebensosehr als mich,« fügte sie mit einem reizenden Lächeln hinzu, »er ist ein Freund von Mieroslawski –«

Herr von Sarkow wurde ernster und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.

»Ich begreife alles,« sagte er, »der Graf ist von Mieroslawski in diese unglückselige Bewegung verwickelt worden – Ihre Landsleute hoffen ja leider so vielfach von jeder Revolution in Europa die Wiederherstellung Polens – doch nun, wo ist er, was gilt es zu tun, um ihn zu retten?«

»Er ist,« erwiderte Félicie, »ich gebe sein Leben mit diesem Wort in Ihre Hände – er ist bei jener alten Frau, die uns das Horoskop stellte, sie ist eine Landsmännin von uns, vor langen Jahren hierher verheiratet und jetzt Witwe. Er wohnte bei ihr vor dem Ausbruch der Bewegung unter deutschem Namen als armer Student, ihm drohte die Gefangenschaft, mit Mühe hat er sich zwischen den Truppen hindurch hierher in seine alte Wohnung gerettet; auf die Treue und Verschwiegenheit seiner alten Wirtin konnte er rechnen, jetzt aber gilt es, ihn fortzubringen über die Grenze hin nach Frankreich, der Reisepaß der russischen Regierung lautet nach Frankreich und Italien. Er ist schon verdächtig, der Arme, er muß sich in Paris oder in Rom oder auf dem Wege nach diesen Orten zeigen, die er als seine Reiseziele angegeben hat; er darf nicht lange verborgen bleiben, sonst wird man nach ihm forschen, um so mehr, als der Prinz Warassow uns hier gesehen.« »Und nun?« fragte Herr von Sarkow, dessen Miene immer ernster und ernster geworden war.

»Nun,« erwiderte Félicie in errötender Verwirrung, »Sie beide, Ihr Freund besonders, Sie sollten seine Flucht decken, Sie sind so ganz unverdächtig, der Umgang mit Ihnen schützt uns vor jeder Nachforschung. Meine Tante wollte Ihrem Freunde eine Tour nach Straßburg vorschlagen, auch Sie sollten uns begleiten; der Arme sollte in der Livree eines angeblich von uns nachbestellten Dieners morgen in das Hotel kommen und dann sogleich mit uns abreisen. Sobald wir die französische Grenze überschritten haben, ist er in Sicherheit, dann wollten wir Ihnen alles sagen; aber was würde Ihr Freund – was würden Sie von uns gedacht haben, und in welche Gefahr würden wir Sie ohne Ihr Wissen vielleicht haben bringen können? Ich will das nicht,« sagte sie, stolz und trotzig den Kopf emporwerfend – »nein, ich will das nicht. Jetzt wissen Sie alles. Daß Sie uns nicht verraten werden, dessen bin ich gewiß, denn sonst hätte ich das Leben dessen, den ich mehr als mich selbst liebe, nicht preisgegeben; aber ob Sie uns beistehen wollen, ihn zu retten, das soll von Ihrem freien Willen abhängen, nicht mit heimlicher List sollen Sie auf einen so gefahrvollen Weg gelockt werden.«

Herr von Sarkow reichte dem jungen Mädchen herzlich die Hand; trotz des ernsten Bekenntnisses, das sie abgelegt, strahlte ihr eine warme, innige Teilnahme aus seinen Blicken entgegen.

»Sie sollen sich nicht in uns geirrt haben,« sagte er, »hier meine Hand darauf, daß ich Ihnen beistehen will, so gut ich vermag, den Geliebten zu retten. Aber der Plan, den Sie mir da mitgeteilt haben, ist schlecht, ein plötzlich auftauchender Diener könnte Verdacht erwecken, namentlich wenn etwa schon irgendwie die Aufmerksamkeit der russischen Regierung, deren Blicke und Arme weit reichen, auf Sie gerichtet sind – ein Kavalier in Livree wird zu leicht erkannt – lassen Sie mich nachsinnen, ich werde einen andern Weg finden. Doch vor allem suchen wir Ihre Tante auf.«

Félicie legte jetzt vertraulich ihren Arm in den seinen, nachdem sie von dem peinlichen Druck der falschen Rolle befreit war, die sie zu spielen gezwungen gewesen, und schnell eilten sie auf dem Wege weiter, während Herr von Sarkow kopfschüttelnd über die wundersame Fügung nachdachte, die ihn, den strengen preußischen Royalisten, den Feind aller Revolutionen, nun abermals fast unabweislich dahin führte, die Hand zur Rettung eines Menschen zu bieten, gegen den er freudig sein Leben eingesetzt haben würde, wenn er ihm auf dem offenen Kampfplatz entgegengetreten wäre.

»Wie wundersam,« flüsterte er leise vor sich hin, »ist doch dieses Heer der Revolution zusammengesetzt, das gegen die Ordnung des monarchischen Rechts anstürmt – jener arme Schlöffel trat in die Reihen des Aufruhrs aus schwärmerischer Liebe zu dem Volk, das er für seine Ideale reif hielt, und war er wohl der beste von allen; Langenberg ergriff die Waffen aus Haß gegen den Zwang, der ihn persönlich drückte, und aus Neid gegen alles, was über ihm stand, und dieser nun wollte aus dem blutigen Chaos das alte polnische Feudalreich wieder erstehen lassen, das die Armen und Niedrigen in grausamere Knechtschaft beugte, als es je irgend ein Despot getan. Was würden sie aus der Welt gemacht haben, wenn sie gesiegt hätten, wie würden sie übereinander hergefallen sein, den dämonischen Kriegern gleich, die aus der Saat der Drachenzähne Jasons der Erde entstiegen! – Nun, wie sie heute niedergeworfen sind, so wird es immer geschehen, solange in Deutschland neben dem preußischen Thron in lichtem Waffenschmuck die Treue und die Ehre Wache halten.«

»Was sagen Sie,« fragte Félicie, als er die letzten Worte ein wenig lauter vor sich hin sprach – »fürchten Sie, daß unser Unternehmen zu schwer sei, daß es uns nicht gelingen möchte, ihn zu retten?«

»Nein, Gräfin,« sagte Herr von Sarkow, »ich hoffe im Gegenteil, daß wir ihn sicher retten werden, wenn sein Aufenthalt bis jetzt wirklich völlig unbekannt ist.«

Sie bogen um eine Ecke des Waldweges und erblickten in einiger Entfernung die Gräfin Czerwinska und den Grafen Steinborn, die sich bereits zur Rückkehr gewendet hatten. Graf Steinborn hielt die Hand der schönen Frau in der seinen und führte sie, während er, zu ihr herabgebeugt, eifrig sprach, mehrfach an seine Lippen, sie schien seinen Worten mit zärtlicher Hingebung zu lauschen. Die Gräfin Czerwinska erblickte die beiden andern zuerst, schnell entzog sie dem Grafen Steinborn ihre Hand und nahm, während er kaum seine flammende Verwirrung zu verbergen wußte, mit wunderbarer Selbstbeherrschung eine gleichgültig heitere Miene an.

»Wir mußten wohl umkehren,« rief sie den Nahenden entgegen, »da Sie so wenig Sehnsucht nach unsrer Gesellschaft zeigten.«

Das Lächeln verschwand von ihren Lippen, als sie Herrn von Sarkows feierlich-ernste Miene bemerkte.

»Frau Gräfin,« sagte er, nicht ohne einen leisen Anklang von Bitterkeit, »spielen wir nicht mehr Komödie miteinander, werfen wir die Masken ab, – ich weiß alles.«

»Félicie!« rief die Gräfin Czerwinska vorwurfsvoll.

»Ich mußte es tun,« erwiderte diese, klaren Auges den strafenden Blick der Gräfin aushaltend – »und es ist gut, daß, ich es getan habe, jetzt erst habe ich Vertrauen und Hoffnung.«

»Ja, Frau Gräfin,« erwiderte Herr von Sarkow, »es ist gut, wie die Wahrheit immer gut ist; kaum kann ein Unternehmen gelingen, bei dem die Beteiligten gegeneinander im Dunkeln spielen, und vielleicht war es nicht ganz loyal von Ihnen, uns ohne unser Wissen in eine Sache hineinzuziehen, die gerade für uns sehr gefährliche Folgen haben könnte, und ein Vertrauen auszubeuten, das sich Ihnen,« fügte er mit einem Blick auf den Grafen Steinborn hinzu, »so blindlings hingibt.«

Graf Steinborn stand, während die Gräfin finster vor sich niederblickte, starr vor Erstaunen da, er begriff kein Wort von allem, was um ihn her gesprochen.

Herr von Sarkow teilte ihm kurz und klar ohne Schonung und Verhüllung mit, was er von der Gräfin Baliewska erfahren. Steinborn wurde bleich wie der Tod und sah die Gräfin Czerwinska mit großen, starren Augen an.

»Verzeihung, mein Freund,« sagte diese in einer Verwirrung, die sie nicht zu beherrschen vermochte, – »Verzeihung, es galt die Rettung meines Bruders –«

»Und würde ich ihn nicht gerettet haben, wenn ich die Wahrheit gewußt hätte?« sagte Graf Steinborn mit tief schmerzlichem Vorwurf.

»Nichts weiter davon,« fiel Herr von Sarkow schnell ein, – »es handelt sich nicht um Worte, wir müssen handeln.«

»Ja, wir müssen handeln!« rief die Gräfin Czerwinska, »und Gott wird es Ihnen lohnen, wenn Sie uns beistehen. Ich habe sichere Nachricht erhalten, daß man in Petersburg erneuten Verdacht gegen meinen armen Bruder gefaßt hat, daß man nach ihm forscht, und da man bald erfahren muß, daß wir hier sind, so wird man auch hierher die Nachforschungen richten. Seine Freiheit, unser Vermögen, ja sein Leben steht auf dem Spiel, denn wenn seine Teilnahme an dieser Revolution entdeckt wird, so ist ihm Sibirien gewiß, der Kaiser Nikolaus kennt kein Erbarmen! Er muß um jeden Preis die Grenze erreichen, um so schnell als möglich sich in Paris zeigen zu können und sein Alibi zu beweisen; darum hatte ich den Plan ersonnen, der morgen ausgeführt werden sollte.«

»Warum morgen?« sagte Herr von Sarkow; »nach dem, was Sie mir sagen, Gräfin, ist es vielleicht morgen zu spät. Lassen Sie uns sofort zurückkehren, es taucht ein Gedanke in mir auf, ich will ihm feste Form geben, und so Gott will, wird er zur Rettung führen.«

Er bot diesmal der Gräfin den Arm, Félicie folgte mit dem Grafen Steinborn, der in seiner grenzenlosen Verstörung fast einem Trunkenen glich und unsicheren Schrittes neben dem jungen Mädchen herging. Schweigend erreichten sie das Wirtshaus zum Wolfsbrunnen. Das Diner erwartete sie. Die prachtvolle Forelle, die vor kurzem noch fröhlich im Wasser geplätschert und ihr Futter aus den schönen Händen der Damen empfangen hatte, wurde, von grünen Kräutern umgeben, dampfend aufgetragen und hätte auf jeder fürstlichen Tafel einen ehrenvollen Platz behaupten können – aber der köstliche Fisch fand keine Anerkennung und wurde kaum berührt, jeder schien nur mit seinen eignen Gedanken beschäftigt, und am peinlichsten und traurigsten mußten diejenigen des Grafen Steinborn sein, denn er schlug die Augen nicht von seinem Teller auf, und ein bitteres, spöttisches Lächeln zuckte um seine bleichen Lippen, während die Gräfin Czerwinska ihn mit Blicken voll wehmütiger Teilnahme betrachtete.

Bald brach man auf, und die Kellnerin blickte kopfschüttelnd dieser sonderbaren Gesellschaft nach, die so heiter und fröhlich angekommen war und dann so starr und stumm um den Tisch saß, ohne der weit berühmten Forelle des Wolfsbrunnens die sonst von den Fremden nie versagte Anerkennung zu teil werden zu lassen. Herr von Sarkow ließ den Wagen bis zum Bergabhange vorausfahren, und während die Gesellschaft zu Fuß nachfolgte, teilte er den von ihm entworfenen Plan mit, der noch an demselben Abend ausgeführt werden sollte und der auch bei der Gräfin Czerwinska volle Billigung fand. Die kurze Rückfahrt wurde dann wiederum fast schweigend zurückgelegt. Am Hotel zum Badischen Hof stiegen die Damen aus, die Gräfin Czerwinska reichte Steinborn mit einem innigen, fast zärtlichen Blick, der seine Verzeihung zu erbitten schien, die Hand, aber er schien es nicht zu bemerken, sondern wendete sich mit einer tiefen Verbeugung ab. Fräulein Félicie aber schüttelte Herrn von Sarkow so herzlich die Hand und sah ihm so glücklich und freudestrahlend in die Augen, daß beim Anblick dieses Abschiedsgrußes niemand daran gezweifelt haben würde, die Herzen der beiden jungen Leute seien von dem Pfeil des uralten und ewig wieder jungen Liebesgottes getroffen und zu heißer gegenseitiger Glut entzündet.

»Nun, hatte ich recht?« fragte Herr von Sarkow den Grafen Steinborn.

»O,« knirschte dieser dumpf, »es ist entsetzlich, ein solches Spiel – so lange – und du weißt es nicht, wie gut, wie bezaubernd sie gespielt hat – und nun zu denken, daß jedes Wort, jeder Blick, jeder Atemzug Lüge, kalt berechnete Lüge war – o, wenn ich daran denke, daß diese Frau ihr Spiel zu Ende gespielt hätte, daß ich mit ihr gegangen wäre und dann vor ihr gestanden hätte wie ein törichter Schulknabe, wie ein Lakai, den man entläßt, nachdem er seinen Dienst getan hat! Bei Gott, sie verdiente, daß man sie und ihren Bruder ihrem Schicksal überließe.«

»Nein, mein Freund,« sagte Herr von Sarkow ernst, »das wäre unsrer unwürdig, unwürdig des edeln Corps, dessen Farben wir tragen; unsre ritterliche Pflicht ist es, diesen Damen beizustehen – hast du Grund zu zürnen, nun,« sagte er mit ganz feiner, kaum merkbarer Ironie, »so frage dich, ob nicht eine ganz kleine, kleine Eitelkeit schuld daran war, daß du auf meine Warnungen nicht hörtest – aber immerhin gibt es nur eine Rache, die dir ziemt und dir auch der Gräfin gegenüber die richtige Stellung geben wird, wenn du ihr je wieder begegnen solltest.« »Nie, niemals!« rief Graf Steinborn – »aber dort kommen die andern, laß mich, ich muß ein paar Stunden allein sein, um mit mir selbst ins reine zu kommen.«

Er eilte durch eine Seitenstraße nach seiner Wohnung, während Herr von Sarkow den übrigen entgegenging, um sich nach einem kurzen Aufenthalt in dem Stammlokal des Herrn Louis Walz unbemerkt wieder von ihnen zu trennen und seine Vorbereitungen für den Abend zu treffen.

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