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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Herr von Sarkow fand, als er nach Hause zurückkehrte, ein Billet von Luiz Antonio, der ihm mitteilte, daß Langenberg so weit wieder hergestellt sei, um ohne Lebensgefahr nach Heidelberg zurückgebracht werden zu können, und daß der Doktor Binzer dessen Abreise wünsche, da die Anwesenheit eines Verwundeten in seiner Anstalt dennoch bemerkt werden und zu Nachforschungen Veranlassung geben möchte, die ihm selbst Unannehmlichkeiten bereiten könnten.

Herr von Sarkow fuhr daher am nächsten Morgen mit Charles Clarke, der begierig die Gelegenheit ergriff, um seiner geliebten Célie, die er bereits seit zwei Tagen nicht gesehen, einen Besuch zu machen, nach Weinheim hinaus. Er fand Langenberg bleich und abgemagert, aber auf dem Wege einer fast gewissen Genesung. Der Kranke reichte seinem früheren Gegner, dem er im Kampfe auf Leben und Tod gegenübergestanden hatte, herzlich die Hand und dankte ihm für die Rettung seines Lebens und seiner bürgerlichen Zukunft mit warmen, innigen Worten. Er war in seinem ganzen Wesen durchaus verändert, der frühere unstete wilde und düstere Blick seiner Augen war ernst und traurig zwar, aber auch milde und sanft geworden, ruhige Klarheit lag auf seinen Zügen, und nur um seine Lippen zuckte ein wehmütiger Zug, an dem körperlicher Schmerz und Erschöpfung ihren Anteil hatten. Nur an jedem Abend noch stellte sich bei ihm etwas Fieber ein, und der Doktor erklärte, daß er in vier bis sechs Wochen hergestellt sein würde, wenn erst das Gefühl völliger Sicherheit vor jeder Entdeckung, die hier doch immer noch zu befürchten sei, der Rekonvalescenz zu Hilfe kommen würde. Es wurde beschlossen, daß der Kranke bei eintretender Abenddämmerung nach Heidelberg zurückgebracht werden solle, um jedes Aufsehen auch bei den Bewohnern der Anstalt selbst zu vermeiden.

Auch seinen Freund Luiz Antonio fand Herr von Sarkow nicht minder verändert, als dies bei Langenberg der Fall gewesen war; er hatte es wohl begriffen, daß Luiz Antonio in seinem Schmerze die Einsamkeit suchte und sich gern eine Zeitlang von der heiteren Gesellschaft seiner Corpsbrüder zurückziehen mochte, aber er hatte auch gefürchtet, daß der so tief empfängliche und so leidenschaftlich erregbare junge Mann in der Einsamkeit am Krankenbette finsterer Verzweiflung und Schwermut verfallen möchte, und war deshalb mit Besorgnis und Scheu nach Weinheim gekommen. Zu seiner Verwunderung und ebenso großen Freude fand er aber seine Befürchtung nicht bestätigt. Luiz Antonio war ruhig und fast heiter, seine sonst so weichen, oft in leidenschaftlicher Bewegung zuckenden Züge zeigten willenskräftige Festigkeit, und seine schwärmerisch träumenden Augen schienen mutig, frei und stolz der Zukunft entgegenzublicken.

»Wir haben uns gut unterhalten,« sagte er lächelnd, als Herr von Sarkow ihm ganz glücklich über die Veränderung, die er an ihm wahrnahm, die Hand drückte, »und fast bedaure ich, daß unser Stillleben jetzt hier aufhören soll, aus dem wir, wie ich glaube, manche gute Frucht für das Leben gewonnen haben.«

»Ja, bei Gott, das ist wahr,« sagte Langenberg, indem seine bleichen Wangen sich leicht röteten, »ich werde diese Zeit niemals vergessen, sie war mir eine Zeit innerer Wiedergeburt, und Ihnen, Herr von Sarkow, danke ich alles, was in meinem so wunderbar geretteten Leben vielleicht noch Gutes und Nützliches für mich und andre erwachsen wird. Ich war von einem strengen Vater in einsamer Zurückhaltung erzogen, meine Natur widerstrebte dem Zwange, den man mich vielleicht zu sehr und zu rücksichtslos fühlen ließ; meine Seele dürstete nach Freiheit, nach ungehemmter Anspannung und Ausdehnung der Kräfte, die ich in mir fühlte und die sich überall dem engen Zwange des Hauses und der Schule einfügen sollten. Gierig verschlang ich Rousseaus Werke, in ihnen fand ich die logische und philosophische Form für den glühenden Drang, der mein Herz erfüllte, und auch für den Haß, der ebenso glühend mein Blut kochen ließ; denn ebenso wie ich in Sehnsucht und Liebe zu dem Ideal der Freiheit aufblickte, ebenso haßte ich täglich wilder und wilder alles, was der Freiheit auf Erden sich entgegenstellte; ich haßte meine Lehrer, die mir den Geisteszwang der Schule verkörperten; ich haßte die Priester, von denen mich mein philosophischer Meister lehrte, daß sie das freie Denken des Volkes unter den Despotismus eines aufgezwungenen und widernatürlichen Glaubens beugen wollten; ich haßte die Fürsten und ihre Werkzeuge, ich haßte die vornehmen Stände, die, wie Rousseau mich lehrte, allen Genuß des Lebens in frivolem Uebermut vorwegnehmen, und,« fügte er schaudernd hinzu, »ich versuchte selbst meinen Vater zu hassen, denn Rousseau lehrte mich ja, daß auch das Band und die Autorität der Familie nur eine Erfindung menschlicher Willkür sei, und diese Lehre fand in dem Zwange, der mich so bitter drückte, einen fruchtbaren Boden.«

»Sie Armer,« sagte Herr von Sarkow voll tiefen Mitgefühls, »mit welchem dämonischen Scharfsinn hat doch jener Philosoph der Negation seine Lehren für die menschlichen Herzen berechnet! Wie viel, wie unendlich viel hat er ihnen genommen, und was hat er ihnen dafür gegeben? – Haß und Haß und immer wieder Haß – einen Becher voll glühenden Giftes, das immer neue Qualen des Durstes schafft. Doch ich bitte Sie, regen Sie sich nicht auf,« sagte er, Langenberg sanft auf sein Lager zurückdrückend, denn er sah, daß die Augen des Verwundeten sich von krankhaftem Feuer erleuchteten.

»Nein,« sagte Langenberg, »lassen Sie mich aussprechen, was ich Ihnen sagen will, erleichtert mein Herz, es ist der Dank für die Wohltat, die Sie mir erwiesen. Ich wurde Student,« fuhr er hastig fort, als ob er eine neue Unterbrechung verhindern wollte, »ich erlangte die Freiheit von dem Zwange der väterlichen Strenge und der Schulzucht, aber den Haß gegen alle Gewalt und alle Autorität behielt ich in mir, ich wollte die Welt befreien von allem Zwange der heutigen Ordnung, die ich als eine unerträgliche Tyrannei zu betrachten gelernt hatte. Ich trat in Verbindung mit den Führern der demokratischen Bewegung, die die Revolution vorbereiteten, und mit finsterer Freude verfolgte ich die in der Stille gelegten Minen, die die Tyrannei in die Luft sprengen sollten. In das Schwabencorps war ich eingetreten, weil ich mein geheimes Treiben und meine Verbindungen verbergen wollte, und ich ertrug den Zwang des Corpslebens nur, weil er durch freien Willen und freie Wahl bedingt war, und weil ich die Paukereien als eine Schule betrachtete zur Stählung des Mutes und zur Unterordnung der tierischen Furcht unter die Herrschaft des Willens. Auch Sie haßte ich, Herr von Sarkow, Sie gehörten ja jener Kaste der menschlichen Gesellschaft an, die mein Meister mich verabscheuen gelehrt und –«

Er stockte.

»Ich bitte Sie,« sagte Herr von Sarkow, »lassen Sie die Vergangenheit.«

»Ich haßte Sie,« fuhr Langenberg kopfschüttelnd fort, »und meine Kugel hätte den Weg zu Ihrem Herzen gefunden, wenn es in meiner Macht gestanden hätte.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow lachend, »es ist ein Glück für mich und vielleicht auch für Sie, daß Ihre Kugel ihren eignen Weg ging.«

»Ein Glück für mich, wahrlich, ein großes Glück!« erwiderte Langenberg mit feierlichem Ernst. »Die Revolution brach aus,« fuhr er dann fort, »ich stellte mich in die Reihen ihrer Kämpfer mit all meiner alten Liebe für die Freiheit, mit all meinem alten Haß im Herzen – ich sah das Volk, für das ich die Freiheit erkämpfen und die Schranken aller Ordnung des Staats und der Gesellschaft niederreißen wollte – aber wie entsetzlich wurde ich getäuscht! Alles, was ich an der aristokratischen Welt, die ich nicht kannte, so bitter gehaßt und so tief verabscheut hatte, das fand ich in den Reihen der Revolution: Neid und Mißgunst, törichte Eitelkeit und feigen Verrat, rohe Gier nach Genuß – alle niedrigen Leidenschaften der menschlichen Natur entfalteten ihre widerwärtigen Schrecken, die selbsterkorenen Führer fanden keinen Gehorsam, auch sie ihrerseits dachten nur an sich – ich sah plötzlich in dem vom Zwange der Ordnung befreiten Volke statt der idealen Heldengestalt, die ihre Fesseln abwirft und das edle Haupt zum himmlischen Licht erhebt, die wilde Bestie vor mir, die die Freiheit nur zu benutzen weiß, um sich in blutigem Schlamm zu wälzen. O, vielleicht hat diese Revolution kommen müssen, vielleicht ist sie ein Segen für viele, die, wie ich, verblendet waren und aus der Geschichte nichts lernen wollten, weil wir ihre Lehren zum Teil für absichtliche Uebertreibung und Entstellungen der Wahrheit hielten – ja, ein Segen würde sie sein, wenn sie nicht auch so viele arme Verirrte für immer in ihren furchtbaren Strudel hinabgezogen hätte. Und nun,« fuhr er fort, indem tiefe Bewegung in seinem bleichen Gesicht zuckte, »nun, als ich so, schwer erschüttert in allen meinen Ueberzeugungen, verwundet fortgebracht wurde, den Tod vor Augen, ungewiß, ob ich das Leben wünschen sollte, das mir den sicheren Kerker, die Schande, die Zerstörung meiner bürgerlichen Existenz fast mit Gewißheit bringen mußte, da erschienen Sie, der verhaßte Aristokrat, der Feind, den ich hatte töten wollen. Sie boten mir die Hand zur Rettung, statt mich der schmachvollen Gefangenschaft entgegengehen zu lassen, die in Trottlingen mein Los gewesen wäre, und alles, was ich bin, was ich jemals sein werde, das danke ich Ihnen, den ich vernichten wollte.«

»Ich bitte Sie!« rief Herr von Sarkow, die beiden Hände des Verwundeten ergreifend, die dieser ihm mit einem unendlich rührenden Blick entgegenstreckte, »ich bitte Sie, nun aber genug. Sie beschämen mich, wenn Sie mir für etwas danken, was sich von selbst versteht, was jeder an meiner Stelle getan hätte.«

Langenberg schüttelte düsteren Blicks den Kopf.

»Jeder an Ihrer Stelle getan hätte?« fugte er mit dumpfer Stimme, »hätte ich es getan?« Er ließ mit einem schweren Seufzer sein Haupt auf die Brust sinken.

»Nun,« sagte Herr von Sarkow sanft, »wollen Sie mir durchaus ein Verdienst zuwenden, so habe ich doch nur eine Schuld abgetragen. Ein edler Mann, der wie Sie die Freiheit mißverstand und in hoher Begeisterung für das Ideal glühte, das auf Erden keine Stätte findet, hat mir und meinen Freunden das Leben gerettet – er ist in den Tod gegangen für seine Ueberzeugung – wollen Sie danken, so danken Sie der Erinnerung an ihn, an den armen Schlössel.«

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille in dem Krankenzimmer, schnell erhob sich dann Herr von Sarkow, um die peinliche Unterhaltung zu beenden, und während Luiz Antonio bei dem Kranken blieb, ging er in den Garten hinab, wo er von der ganzen Gesellschaft freudig begrüßt wurde, und selten war wohl in einem Hause eine so vollkommen glückliche und zufriedene Gesellschaft beisammen gewesen. Der Colonel war so heiter, so lustig und behaglich, wie man es früher von dem steifen, pedantischen und streng abgeschlossenen Mann kaum jemals hätte erwarten sollen; die Aussicht, nach einem langen, einsamen Leben voll Mühe und Arbeit, Anstrengung und Gefahr nun endlich dem ruhigen, stillen Glück einer behaglichen, freundlichen und sorgenfreien Häuslichkeit entgegenzugehen, ließ seine Augen so warm und kindlich heiter strahlen, daß Herr von Sarkow sich von ganzem Herzen des Glücks freute, das er in keckem Uebermut einer aufwallenden Laune gestiftet hatte. Auch Miß Maggins war, wie man deutlich sehen konnte, aus ihrem innersten Herzen heraus glücklich; sie hatte bei dem Colonel so viele liebenswürdige Eigenschaften, so viel Wahrheit, Rechtlichkeit und Treue gefunden und zugleich so viel gutmütig herzliche Fröhlichkeit, was alles vordem unter der starren Form seines in sich selbst zurückgedrängten Wesens verborgen geblieben, daß die späte Liebe wie ein zweiter Frühling in ihr Herz eingezogen war, und das Gefühl des Glücks dieser Liebe hatte ihr alle freie Natürlichkeit wiedergegeben. Man sah keine künstlichen Farben mehr auf ihrem Gesicht, ihre steife und prätentiöse Haltung war frei und ungezwungen, wenn auch die Farbe ihrer Wangen weniger frisch und rein war, wenn man auch hie und da eine verräterische Falte bemerkte, so schien sie doch wenigstens zehn Jahre jünger als früher zu sein, und wenn sie, auf den Arm des Colonels gelehnt, glücklich in inniger Herzlichkeit zu ihm aufsah, so strahlte ihr Gesicht von jener sympathisch wohltuenden Schönheit, die aus dem Herzen heraufleuchtet und wie jedes wahrhaft reine und gute Geschenk des Himmels der zerstörenden Kraft der Zeit und des Alters nicht unterworfen ist.

Es wäre überflüssig, von Charles Clarke und Célie Rotin zu sprechen; um ihre Häupter strahlte in lichtem Schimmer all das reine Glück, das niemals fehlen kann, wo sich Jugendkraft und Anmut, Herzensfrische für jeden Lebensgenuß und unerschöpflicher Reichtum, der jeden Wunsch zu erfüllen vermag, in einer liebevollen Harmonie zusammenfinden, die leider auf dieser unvollkommenen Erde so wenig Sterblichen beschieden ist. Wenn Charles Clarke das lieblich errötende Mädchen auf seinen starken Armen hoch emporhob, wie er es so gern wieder und immer wieder that, dann stand auf einem stolzen, wetterbraunen, markigen Gesicht die herausfordernde Frage geschrieben: »Wer ist auf Erden so schön, so duftig, so rein und hold wie diese Blume meines Lebens, die ich emporheben und dahintragen will über allen Staub und alle Niedrigkeit der Welt, geborgen an meinem Herzen als sein edelstes Kleinod!« Fräulein Célie aber blickte halb verschämt unter ihren langen Wimpern hervor, und aus ihren Augen schimmerte die glückselige Frage hervor: »Wer ist so stark, so stolz und so kühn als er, auf dessen mächtigen Armen mein Leben und mein Glück sicher ruht wie auf Felsen gewurzelt!«

Mr. Willis war glücklich und fröhlich, weil er sein Muster und Vorbild glücklich sah, und ganz besonders noch in dem Gedanken, daß er künftig in der Heimat sich seiner Freundschaft mit dem Colonel und der Lady Coombe würde rühmen können, daß er deren Haus besuchen und jedermann würde erzählen können, wie er bei der Begründung ihres Glücks gegenwärtig und tätig gewesen sei. Der Doktor Binzer aber war ganz besonders zufrieden, denn noch nie hatte seine Heilanstalt so glänzende und glückliche Erfolge aufzuweisen gehabt, obwohl seit jenem verhängnisvollen Tage, an dem Charles Clarke die Aufwärter fast ertränkte, niemand mehr ein Bad genommen und niemand, selbst die Damen nicht ausgenommen, mehr einen Tropfen Wasser getrunken hatte. Der Colonel empfand keine Spur mehr von Rheumatismus und Leberleiden, Miß Maggins erklärte jede Empfindung von der Existenz ihrer Nerven völlig verloren zu haben, selbst der Professor Rotin hatte sich von seinem Lehnstuhl erhoben und machte erfolgreiche Versuche, an zwei Stöcken durch den Garten zu gehen. Alle versprachen dem Doktor, überall die siegreiche Heilkraft der Wasserkur und die Vorzüglichkeit seiner Anstalt zu verkünden.

Die ganze Gesellschaft aber erkannte einstimmig an, daß sie all dieses Herzensglück und all diese medizinischen Erfolge nur dem Zufall oder der Fügung verdankte, daß die Saxoborussen durch die Revolution nach Weinheim in des Doktor Binzers Anstalt verschlagen worden waren, und als am Schlusse des fröhlichen Diners, zu dem auch Luiz Antonio herabgekommen war und bei dem diesmal ohne weiteres die Bordeaux- und Champagnerflaschen ihren berechtigten Platz einnahmen, Herr von Sarkow einen Salamander auf die Saxoborussen kommandierte, da leerten alle ihre schäumenden Kelche bis auf den Grund, alle rieben kräftig den Salamander mit, und auch die Damen stimmten, so gut sie mit dem lateinischen Idiom fertig werden konnten, laut in den jubelnden Ruf ein:

»Saxoborussia vivat, floreat, crescat in saecula, saeculorum!«

Als die Sonne sich senkte, kleidete der Doktor mit Luiz Antonios Hilfe den verwundeten Langenberg, der sich vorher durch einen langen Schlaf gestärkt hatte, an und führte ihn in den bereits vorgefahrenen geschlossenen Wagen, während Herr von Sarkow die Gesellschaft im Garten zurückhielt – Charles Clarke blieb bis zum nächsten Tage in Weinheim –, und als alles bereit war, sprang Herr von Sarkow, sich schnell verabschiedend, ebenfalls in den Wagen, der sogleich davonfuhr.

Es war schon vollständig dunkel, als sie in Heidelberg ankamen. Langenberg hatte die Fahrt trotz einiger leichten Anwandlungen von Ohnmacht glücklich überwunden. Auf Sarkows Arm gestützt, betrat er das Treubergsche Haus und stieg ohne alles Aufsehen nach seiner kleinen Wohnung hinauf, die er vor dem Einbruch der verhängnisvollen Ereignisse verlassen hatte. Hier freilich brach er, von der Anstrengung erschöpft, kraftlos zusammen und wurde fast bewußtlos von den beiden Saxoborussen auf sein Lager gebettet. Ein Schluck Madeira, den Herr von Sarkow bereit gehalten hatte, und das Bewußtsein, nunmehr in völliger Sicherheit zu sein, ließen ihn indes bald seine Kräfte wiederfinden. Glückliche Freude strahlte aus seinem Gesicht, als er seinem Retter nochmals dankend die Hand drückte; nachdem er nun in seiner alten Wohnung war, schien eine Entdeckung seiner Teilnahme an dem Aufstand nicht mehr zu befürchten, denn keine Behörde, am allerwenigsten die von Heidelberg, hatte Neigung, den in die revolutionäre Bewegung hineingerissenen jungen Leuten nachzuforschen, wenn sie nicht mit den Waffen in der Hand gefangen waren oder sich als Führer besonders bemerklich gemacht hatten.

Die Wunde erforderte nun die Fortsetzung der regelmäßigen Verbände. Herr von Sarkow hatte schon vor seiner Fahrt nach Weinheim einen jungen Mediziner, einen früheren Corpsburschen der Schwaben, benachrichtigt. Dieser stellte sich der Verabredung gemäß ein, erneuerte den Verband und erklärte, mit Doktor Binzer übereinstimmend, die Genesung für völlig sicher, wenn auch die Wiederherstellung der Kräfte sich nur langsam vollziehen werde. Herr von Sarkow führte dann Dorchen Treuberg zu dem Verwundeten hinauf. Zitternd trat das junge Mädchen an das Lager. Langenberg starrte sie mit großen Augen an, seine Züge verfinsterten sich wieder bei der Erinnerung an die Vergangenheit.

»Dorchen wird Sie pflegen,« sagte Herr von Sarkow, »sie war freudig zu diesem Liebesdienst bereit, als sie Ihre Lage erfuhr; nicht wahr, Dorchen?«

Dorchen nickte, ohne die Augen aufzuschlagen.

»Nein!« rief Langenberg – »nein, das ist unmöglich, ich kann so viel Güte nicht annehmen!«

»Sie müssen es wohl,« sagte Herr von Sarkow, »bedenken Sie, daß es gilt, alles Aufsehen zu vermeiden, und daß wir das Geheimnis sicher bewahren müssen, um alles zu glücklichem Ende zu führen und nicht noch in der letzten Stunde Ihre Sicherheit zu gefährden.«

»Von morgen an,« sagte der Doktor, »werde ich für eine zuverlässige und verschwiegene Wärterin für die Nacht wenigstens sorgen; sie soll glauben, daß es sich um eine Wunde aus einem Duell handelt, ich kann mich auf sie verlassen – für diese Nacht aber muß das Fräulein hier bleiben, ich weiß keinen andern Ausweg, denn allein dürfen wir den Verwundeten noch nicht lassen.«

Dorchen sah erschreckt auf; sie schien ein ablehnendes Wort sprechen zu wollen, aber sie sah den Verwundeten an, dessen Blicke mit angstvoller Spannung an ihrem Gesicht hingen, und das Wort erstarb auf ihren Lippen.

»Dorchen wird es tun, ich weiß es!« rief Herr von Sarkow; »Herr Treuberg wird es erlauben, ihm können wir ja vertrauen – nicht wahr, Dorchen, Sie wollen es?«

»Ich will es,« sagte Dorchen traurig, mit matter Stimme.

»Dank – Dank!« rief Langenberg; »o, wie beschämt ihr mich alle durch eure Güte – können Sie mir jemals verzeihen, Fräulein Dorchen, daß ich so wild und unbändig, so schlecht war?«

Er streckte Dorchen seine Arme entgegen, diese berührte einen Augenblick seine fieberwarme Hand, dann aber zog sie die ihre schnell wie erschrocken zurück und bat, die Augen scheu gesenkt vor den Blicken des Kranken, den Doktor um seine genauen Vorschriften für die von ihm übernommene Pflege des Verwundeten.

Herr von Sarkow eilte hinab, um den alten Treuberg von allem zu unterrichten, und dieser gab, ganz glücklich über die Rettung seines Hausgenossen, den er schon für verloren gehalten hatte, freudig seine Zustimmung zu den getroffenen Anordnungen.

Strahlenden Blickes trat Herr von Sarkow, nachdem er dies alles glücklich zu Ende geführt, in sein Zimmer, wo Luiz Antonio ihn erwartete.

»Du glaubst nicht, teurer Freund,« rief er, welch ein unbeschreibliches Gefühl wohltätiger Ruhe und Zufriedenheit mich erfüllt! Ich habe das Bewußtsein, ein gutes Werk getan und ein reiches, fruchtbares Menschenleben gerettet zu haben. Ich habe,« fuhr er tief bewegt fort, »bis jetzt wenig nachgedacht über die Lehrsätze der Religion, die man mich in meiner Jugend gelehrt und die ich angenommen habe als etwas Ehrwürdiges und Heiliges, ohne daß sie lebendige Wurzeln in meinem Herzen schlugen – aber jetzt, mein Freund, habe ich glauben gelernt an die Fügung Gottes, mir ist zu Mut, als müßt' ich auf die Kniee sinken, um zu danken für das herrliche Geschenk der göttlichen Gnade, daß ich das Gebot der ewigen Liebe unter so sichtbarem Segen habe erfüllen können. – daß es mir vergönnt war, wohlzutun einem Menschen, der mich verfolgt und gehaßt hat! Ich werde das in meinem Leben nicht vergessen – auch was ich jetzt zu tun vermochte, fällt ja unter unsern edlen Wahlspruch, der immer und immer über meinem Haupt leuchten soll: Virtus sola bonorum corona

Er hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, ein Schimmer der Verklärung strahlte von seinem Gesicht, und der Wahlspruch der Saxoborussia klang von seinen Lippen wie ein frommes Gebet, wie ein heiliges Gelöbnis.

»Und auch du,« sagte er, seinem Freunde die Hand reichend, »hast ja die Ruhe und den Frieden wiedergefunden und die Kraft gewonnen, zu vergessen, was doch vergessen werden muß.«

»Vergessen nicht,« erwiderte Luiz Antonio ernst, »niemals werde ich, niemals will ich vergessen, was mich so selig und so elend gemacht hat im wilden Kampf der Gefühle und was sich jetzt durchgerungen zu edler und reiner Klarheit. Ich habe meine Liebe nicht überwunden, aber ich habe sie frei gemacht und losgelöst von allem, was niedrig, irdisch war; in reiner, verklärter Flamme wird sie von nun an mein Leben erleuchten. Ich bin gesund geworden, als ich am Bett des armen, kranken Langenberg saß; ich sah, wie er sich schmerzvoll losriß von der Verblendung, die seinen Geist so lange gefangen hielt, wie er sich, bangend vor Entdeckung, danach sehnte, sein vom Wahn freigewordenes Leben edler Arbeit zu weihen; sein Wahn aber war ein großes Streben gewesen, das nur auf falschen Weg verirrt war, und ich errötete vor mir selber bei dem Gedanken, daß ich mein Leben wertlos wegwerfen sollte im selbstsüchtigen Schmerz einer unglücklichen Liebe. Am Bette des armen Kranken habe ich mir gelobt, daß ich mich aufraffen wolle vom Irrwege der Leidenschaft, wie er es tat von dem Irrwege seines Geistes, und, mein lieber Freund,« fuhr er mit hellflammenden Blicken fort, »darin bin ich glücklicher wie er, glücklicher wie du und ihr alle, denn in meinem Vaterlande gibt es der edlen Arbeit in reicherer Fülle als hier bei euch; ihr habt zu erhalten und fortzubauen am Kulturwerk der Jahrhunderte, »wir aber,« rief er, aufstehend und den Arm ausstreckend, »wir haben zu schaffen, zu bauen, einen Staat zu gründen, eine Kultur zu entwickeln, ein Volk entstehen zu lassen und zu erziehen auf den weiten Gebieten unsers Vaterlandes unter der herrlichsten und fruchtbringendsten Sonne der Welt. Ich habe immer euer Deutschland geliebt, ich habe durstig getrunken aus den reichen Quellen eurer Bildung und eures Wissens, durchdrungen und erfüllt von eurem Geist werde ich hingehen und meine ganze Kraft dem Vaterlande weihen, daß es euch nachstrebe und einst jenseits des Ozeans eine edle Pflanzstätte reichen Geisteslebens werden möge, wie ihr es seid in der Alten Welt. Die heilige Erinnerung an meine Liebe wird meiner Arbeit die Weihe geben, meinem Herzen die Begeisterung erhalten in immer jugendlicher Frische, ihr Bild wird mich umschweben; ihrer würdig zu sein, werde ich höher und höher hinaufstreben. Ich fühle es, ich werde Großes und Schönes schaffen, und alles Große und Schöne wird ein Denkmal sein meiner Liebe, ein Wahrzeichen, das ich aufrichte, das hinüberstrahlen soll über den Ozean, ihr einen Gruß zu senden zu stolzem Andenken an den, dem ihr Herz sich hingab und dem es nicht beschieden war, auf Erden ihr zu gehören. »Siehst du, Freund,« sagte er, beide Hände auf Herrn von Sarkows Schultern legend, »auch ich habe mich durchgerungen zum Licht, auch in mir ist die stolze, männliche Kraft mächtig gewesen, festen Blicks und festen Herzens werde ich auf die Mensur des Lebens treten, und wenn jemals mein Arm sinken und mein Herz zagen sollte, dann werde ich neuen, unvergänglichen Mut schöpfen aus unserm edlen Wahlspruch: Virtus sola bonorum corona

Herr von Sarkow drückte ihn an seine Brust, seine feuchten Augen ruhten auf dem schönen, bleichen, von hoher Begeisterung überstrahlten Antlitz des Freundes, der einer fremden, fernen Welt angehörte und der doch so nahe und innig in den heiligsten Gefühlen, in dem edelsten Streben mit ihm verbunden war. Leise klang es von Luiz Antonios Lippen:

»Ja, Saxoborussia, du unser Panier, Treu dir zu sein, das schwören wir.«

Und Herr von Sarkow antwortete, indem er das weißgrünschwarzweiße Band, das seine Brust umzog, mit den Lippen berührte:

»Der die Sterne zählet am Himmelszelt, Der ist's, der unsre Fahne hält.«

Noch einige Augenblicke standen die beiden Freunde Hand in Hand und Auge in Auge, dann brachen sie auf, um die übrigen auf dem Riesenstein aufzusuchen. Auf dem Wege teilte Luiz Antonio dem Freunde seinen Entschluß mit, sich mit aller Kraft und Anstrengung der Arbeit hinzugeben, um noch bis zum Schluß des Semesters zum Doktor der Rechte zu promovieren und sich damit das schönste Anrecht auf eine ehrenvolle und wirkungsreiche Laufbahn in seinem Vaterlande zu öffnen. Herr von Sarkow widersprach nicht, er freute sich der kräftigen Heilung seines Freundes von der krankhaften Leidenschaft, die sein Leben zu vergiften gedroht hatte, und er fühlte, daß nur die Arbeit diese Heilung vollständig durchzuführen im stande sei. Beide kamen, innerlich froh und heiter, wenn auch noch bewegt von allem Erlebten, in das alte, heimatlich liebe Kneipzimmer und taten den Freunden, die ihnen manchen schäumenden Schoppen entgegenbrachten, wacker Bescheid.

Nicht lange hatte die Kneipe gedauert, als man, wie an jenem verhängnisvollen Abende nach dem Ausbruch der Revolution, laute Stimmen und das Aufstoßen von Gewehrkolben auf dem Flur hörte. Der Fax eilte hinaus und öffnete ganz erschrocken einer Patrouille die Tür, deren Führer kurz und militärisch erklärte, die Polizeistunde sei überschritten und er müsse die Herren nach der Hauptwache führen. Betroffen und unwillig, aber überzeugt, daß hier irgend ein Mißverständnis vorliege, da ja bisher auf dem Riesenstein niemals die Polizeistunde geboten war, folgten die sämtlichen Corpsburschen und Mitkneipanten der Patrouille nach der Hauptwache. Der Leutnant von Ehrenstein, ein Neffe des Kommandanten und guter Bekannter der Saxoborussen, der oft als Gast auf dem Riesenstein gewesen war, empfing die Arrestanten mit fröhlichem Lachen.

»Sie müssen entschuldigen, meine Herren,« sagte er, nachdem der Führer der Patrouille seine Meldung gemacht und das Wachzimmer wieder verlassen hatte, »Sie müssen entschuldigen, daß ich auf diese so militärisch summarische Weise mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft verschaffe. Sie werden begreifen, daß es tödlich langweilig ist, eine einsame Nacht hier in dem öden Wachlokal zuzubringen, und um mich vor solcher trostlosen Langeweile zu schützen, blieb mir in der Tat nichts andres übrig, als Sie hierherbringen zu lassen, um Sie zu bitten, mir zur Vertilgung dieses Stoffes behilflich zu sein, der, wie ich hoffe, Ihrer würdig sein und Ihren Beifall finden wird.«

Er deutete auf eine riesige Bowle, die, von Gläsern umgeben, auf dem Tisch stand, und aus der, als er den Deckel abhob, sich in träufelnden Dampfwolken der aromatische Duft eines vortrefflichen Ananaspunsches verbreitete. Diese sonderbare und außergewöhnliche Art der Einladung fand allseitigen fröhlichen Beifall, im Nu waren die Gläser gefüllt, und es entwickelte sich in dem geräumigen Wachzimmer eine so gemütliche und heitere Kneiperei, wie sie selten wohl unter ähnlichen Verhältnissen stattgefunden haben mag, und die nur auf einen Augenblick unterbrochen wurde, als der Offizier der Runde draußen erschien, um nach Erfüllung seiner militärischen Pflichten dankbar ein Glas des vortrefflichen Getränkes anzunehmen und dann mit einem wehmütigen Seufzer wieder seinen Weg durch die dunkle Nacht fortzusetzen. Mitternacht war vorüber; als die Saxoborussen das gastliche Wachlokal verließen.

»Schade,« sagte Fritz Helmholt, als sie über den Museumsplatz gingen, »so weit ist ja der Belagerungszustand ganz vortrefflich, aber jetzt bedaure ich ihn doch, denn ich habe bei Gott eine ganz teufelmäßige Lust, irgend etwas Außergewöhnliches auszuführen, einige Schilder oder Dachrinnen abzumauern oder einige unsrer vortrefflichen Philister in ihren Häusern zu vernageln, aber das ist doch zu gefährlich, denn mit den preußischen Patrouillen dürfte nicht so leicht fertig zu werden sein als mit unsern alten Nachtwächtern und Pedellen.«

»In der Tat, es ist schade,« sagte Graf Steinborn, »es ist fast noch zu früh zum Schlafen.«

»Kommt mit mir,« sagte George Howkins in seiner etwas langsamen, phlegmatischen Weise und seinem leicht gebrochenen Deutsch, »ich will euch etwas sehr Außergewöhnliches und Unterhaltendes zeigen, woran ich schon seit einiger Zeit ein ganz besonderes Vergnügen habe, ich bin gewiß, es wird gelingen.«

Er hüllte sich allen an ihn gerichteten Fragen gegenüber in ein geheimnisvolles Schweigen und führte die ganze Gesellschaft nach seiner und seines Bruders Wohnung, die dem Hause des alten Kaufmanns Levi Meier, des Vaters des Fräulein Evchen, gerade gegenüber lag.

»Wartet,« sagte George Howkins, als alle mühsam die dunkle Treppe hinaufgestiegen und in seine Zimmer eingetreten waren, »ich werde kein Licht machen, das könnte die Sache stören, sucht die Fenster und paßt auf.«

Die sämtlichen jungen Leute verteilten sich an die verschiedenen, auf die Straße hinausgehenden Fenster. George Howkins blieb an einem derselben allein.

Die Straße war einsam und leer, nur von dem matten Schein der im Nachtwind flackernden Laternen beleuchtet. In tiefer, schweigender Dunkelheit lag Herrn Levi Meiers Haus da. »Herr Levi Meier!« rief George Howkins.

»Was soll das geben, was will er?« fragten die übrigen untereinander.

»Herr Levi Meier!« rief George Howkins nach einer kurzen Pause noch einmal, und darauf wiederholte er immer schneller, immer dringender und in immer kürzeren Zwischenräumen den gleichen Ruf. Nachdem dies ungefähr fünfzehn- bis zwanzigmal geschehen war, erleuchtete sich plötzlich drüben eines der Fenster, man sah, wie die Gardinen sich bewegten, eine dunkle Gestalt näherte sich den Scheiben, das Fenster wurde geöffnet, man konnte Herrn Levi Meier, einen alten, hageren Mann, erkennen, der, in seiner weißen Nachtmütze und einem weiten, dunklen Schlafrock einem Nachtgespenst ähnlich, sich über die Brüstung hinausbeugte.

»Herr Levi Meier,« sagte George Howkins mit wichtigem, dringendem Ton, »ich rufe Sie seit einer halben Stunde vergebens, meine Schuld ist es nicht, wenn ein schweres Unglück geschieht: es brennt in Ihrem Keller.«

»Ach du mein lieber Gott, Herr Howkins,« antwortete Levi Meier mit scharfer, etwas zitternder Stimme, »ich bitte Sie, treiben Sie keinen Scherz, ich weiß ja, daß Sie ein so lustiger junger Herr sind und so spaßhafte Einfälle haben, und ich will gern mit Ihnen spaßen am Tage, aber lassen Sie mir meine Nachtruhe, habe ich doch seit zehn Tagen jede Nacht aufstehen müssen und in den kalten Keller gehen, weil Sie mich haben angeführt und weil Sie mir haben gesagt, daß es brenne in meinem Keller, und weiß ich doch ganz gewiß, daß es nicht wahr ist und daß Sie bloß wieder machen einen Spaß mit mir. Ich bitte Sie, Herr Howkins, lassen Sie mich schlafen.«

»Mein lieber Herr Levi Meier,« sagte Howkins, »es tut mir wirklich von Herzen leid, daß ich Ihre Nachtruhe stören muß, allein es ist meine Pflicht gegen meinen Nebenmenschen und Nachbarn und gegen einen so ausgezeichneten Philister wie Sie; ich versichere Sie, ich sehe den hellen Flammenschein in Ihren Kellerfenstern – bedenken Sie, welch ein Unglück geschehen kann, vielleicht ist es schon zu spät, der Feuerschein wird stärker, eilen Sie, eilen Sie, ehe es vergeblich wird, zu löschen.«

»Und es ist doch nicht wahr, es ist doch nicht wahr!« rief Levi Meier mit einer fast weinerlichen Stimme; »ich weiß es ja ganz bestimmt, es kann nicht wahr sein. O lieber Herr Howkins, hören Sie auf, ich bitte Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, lassen Sie mich schlafen!«

»Die Wahrheit ist, Herr Levi Meier,« sagte Howkins mit unerschütterlicher Ruhe, »daß die Flammen in Ihrem Keller immer größer werden, noch ist vielleicht Rettung möglich, aber wenn Sie einen Augenblick länger zögern, so stehe ich für nichts.«

»Herr Howkins, Herr Howkins!« jammerte Levi Meier, »es ist ein schweres Unrecht, ein sehr schweres Unrecht; wenn Sie es nur einmal probieren würden, jede Nacht in den Keller hinunterzusteigen, so würden Sie mich nicht mehr so peinigen.«

»Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so ist das Ihre Sache, Herr Levi Meier,« sagte Howkins mit dumpfem, unheimlichem Ton – »ich glaube, daß ich das Feuer schon knistern höre. Tun Sie, was Sie wollen, mein Haus ist es nicht, und wenn Sie selbst so wenig für Ihr Eigentum besorgt sind, werde ich mich weiter nicht darum kümmern.«

Er schloß klirrend einen Fensterflügel, um ihn gleich darauf wieder leise ein wenig zu öffnen, während die übrigen an den andern Fenstern nur mit Mühe ihre laute Heiterkeit zurückzuhalten vermochten.

»Herr Howkins, Herr Howkins!« rief Levi Meier, »ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, sagen Sie, daß Sie einen Scherz mit mir machen – es ist ja ein guter Scherz, ein sehr guter Scherz, ich habe mich ausgezeichnet darüber amüsiert alle diese zehn Tage lang, aber jetzt lassen Sie es genug sein, ich bitte Sie, sagen Sie mir die Wahrheit.«

George Howkins antwortete nicht, auch die übrigen alle, die sich hinter die Gardinen versteckt hatten, beobachteten das tiefste Schweigen.

»Es ist nicht wahr – es ist nicht wahr!« hörte man Herrn Levi Meier in lebhaftem Selbstgespräch sagen – »es ist ein schlechter Witz, ich weiß es, ich weiß es ganz genau! Aber du lieber Gott, wenn es doch wahr wäre – wenn es heute wahr wäre, wenn es wirklich dennoch im Keller brennte? Eine Feuersbrunst in meinem Hause, es wäre entsetzlich.« Man sah den Alten unruhig im Zimmer auf und nieder gehen, noch einige Male kam er an das Fenster, er bog sich weit vor, als ob er versuchen wollte, von oben nach seinem Keller herabzublicken; er rief noch einmal jammernd nach George Howkins hinüber, dieser aber zeigte sich nicht und gab keine Antwort. – Dann verschwand Herr Levi Meier von seinem Fenster. Unmittelbar darauf wurde das Zimmer dunkel; nach kurzer Zeit aber erleuchtete sich für einen flüchtigen Augenblick die Glasscheibe über der Haustür.

»Er geht hinunter, er geht in den Keller!« rief George Howkins jubelnd; »seht nur, seht nur!«

Die Scheibe über der Haustür verdunkelte sich wieder. Nachdem noch einige Augenblicke vergangen waren, sah man das Licht hinter den Kellerfenstern erscheinen, es bewegte sich unruhig von einem Fenster zum andern und durch die ganze Breite des Souterrains. Herr Meier inspizierte in der Tat zum unglaublichsten Vergnügen der Saxoborussen, die von ihren Fenstern aus dieses seltsame Schauspiel verfolgten, alle Räume seines Kellers auf das genaueste. Endlich verdunkelten sich die kleinen, über der Erde liegenden Fenster wieder, man sah noch einmal das Licht einen Augenblick über der Haustür hervorblitzen, dann erhellte sich von neuem das Zimmer im oberen Stock, Herr Levi Meier beugte sich heraus und rief mit bebender Stimme halb jammernd, halb drohend herüber:

»Herr Howkins – Herr Howkins, es ist nichts, ich wußte es ja, – o, es ist frevelhaft, was Sie mit mir machen.«

George Howkins hatte sich wieder frei in das offene Fenster gestützt.

»Frevelhaft sagen Sie?« rief er hinüber. – »Aber mein lieber Herr Levi Meier, was würden Sie sagen, wenn es nun wirklich in Ihrem Keller brennte und ich würde Sie nicht wecken – ich habe doch den Feuerschein gesehen, ganz deutlich gesehen, vielleicht hat sich das Feuer von selbst gelöscht, es gibt wunderbare Phänomene in der Natur. Nun, es freut mich von Herzen, daß es nichts gewesen ist.«

Herr Howkins, Herr Howkins!« rief Levi Meier außer sich, »ich will nichts Böses wünschen einem so vortrefflichen jungen Herrn wie Sie, bei Gott nichts Böses, aber wenn es eine Gerechtigkeit gibt –« »So muß ich belohnt werden,« fiel Howkins ein, »daß ich jeden Abend hier für Sie Feuerwache halte, während Sie ruhig in Ihrem Bett liegen – so gut wie Ihnen geht es nicht jedem, aber Undank ist der Welt Lohn. Nun, gute Nacht, Herr Levi Meier!«

»Gute Nacht, Herr Levi Meier – gute Nacht, Herr Levi Meier!« rief es plötzlich laut aus allen Fenstern heraus. Unter schallendem Gelächter der jungen Leute warf Herr Levi Meier klirrend sein Fenster zu, augenblicklich erlosch das Licht in seinem Schlafzimmer.

»Nun,« sagte George Howkins, indem er die Kerzen auf den Leuchtern in seiner Wohnung anzündete, »was habe ich euch gesagt, ist das nicht ein vortrefflicher Spaß? Ihr seht, wenn man nur recht nachdenkt, so findet man doch Mittel, die braven Heidelberger Philister um ihre Nachtruhe zu bringen, auch wenn der Belagerungszustand die Straßen für uns unsicher macht.«

»Bravo, Howkins, bravo!« rief es von allen Seiten.

George Howkins bereitete, höchlich geschmeichelt über den Beifall, den sein sinnreicher Einfall gefunden hatte, noch auf einem stets bereit stehenden Kessel für jeden ein Glas heißes Wasser mit vortrefflichem Batavia-Arak, und dann trennte sich die Gesellschaft, um mit dem beruhigenden Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß trotz der strengen Straßenordnung des preußischen Belagerungszustandes die Saxoborussen doch noch Herren in Heidelberg seien und über die Philister herrschten am sonnenhellen Mittag wie in den Schatten der Mitternacht.

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