Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
Schließen

Navigation:

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Trotz des Belagerungszustandes, der noch längere Zeit über Heidelberg verhängt blieb, nahm das Corpsleben wieder seine Rechte voll in Anspruch, je länger es durch die Ereignisse unterbrochen gewesen war. Die Corps waren zwar alle nicht wieder ganz vollzählig geworden, und besonders die Saxoborussen blieben in erheblich verminderter Zahl, denn Hartmann und Derenburg kehrten nicht wieder zurück, und auch Lord Fitzgerald schrieb traurig und niedergeschlagen, daß er von seinem Vater, dem Herzog von Nottingham, nicht die Erlaubnis erhalten könne, noch einmal nach dem Kontinent zurückzukehren, sondern gezwungen sei, seine Studien in Oxford fortzusetzen. Auch von den Vandalen und Westfalen blieben mehrere Corpsburschen aus, dessenungeachtet aber hielten gerade diese Corps, und die Saxoborussen allen voran, auf das sorgfältigste ihre Bestimmtage ein, und die bei dem Antrittskommers kontrahierten Paukereien wurden auf das gewissenhafteste abgemacht. Von der Mannheimer Gesellschaft war noch niemand zurückgekehrt; Herr von Wartenstein mit seiner Frau und die übrigen Mitglieder des früheren Hofzirkels der Großherzogin Stephanie hatten sich nach Frankfurt am Main zum Großherzog begeben, und so war denn auch Herr von Sarkow in der nächsten Zeit völlig durch seine Pflichten als Corpsbursch in Anspruch genommen, und dies noch um so mehr, da er an Stelle des ausgeschiedenen Lord Fitzgerald zum zweiten Chargierten erwählt war. Das preußische Militärkommando legte der freien Bewegung des studentischen Lebens keine Hindernisse in den Weg, da man wohl erkannte, daß die Corps mit ihrem fröhlichen ritterlichen Treiben keine Gefahr für die gesetzliche Ordnung bildeten, wenn sie auch zuweilen in keckem Uebermut die Grenzen der Polizeiordnung überschritten; es wurde in dieser Beziehung die äußerste Nachsicht geübt, und vorzugsweise war der Riesenstein stillschweigend und ohne besondere förmliche Verfügung von der mit dem Belagerungszustande eingeführten Polizeistunde eximiert, so daß die Saxoborussen die volle Freiheit hatten, bis spät in die Nacht hinein auf ihrer Kneipe den bekannten Mitgliedern andrer Corps und auch vielfach den Offizieren der Garnison Gastfreundschaft zu bieten. Herr von Sarkow besuchte zu gleicher Zeit eifrig die Vorlesungen des Professors von Vangerow, und er freute sich dieser nach allen Seiten hin erfrischenden und anregenden Tätigkeit, die ihm wenig Zeit übrig ließ. Er bedauerte die Abwesenheit der Mannheimer Gesellschaft nicht, denn wenn auch der eigentümlich bestrickende Zauber, den das Fräulein von Herbingen durch ihre Gegenwart auf ihn ausübte, in ihrer Abwesenheit von ihm gewichen war, so fürchtete er doch gerade deshalb, ihr wieder zu begegnen, und so sehr er sich auch vorgenommen hatte, die Erinnerung an den Rausch, der ihn einen Augenblick gefangen gehalten, abzuschütteln, so widerstrebte es ihm doch, seine schöne Lehrmeisterin, deren Bild zuweilen immer noch in seinen Träumen auftauchte, als die Braut des Barons von Felseneck wiederzusehen. Auch Dorchen Treuberg sah er selten, meist, wenn er morgens ausging, war die Tür des Wohnzimmers geschlossen, und wenn auch oft seine Hand zuckte und schon den Türgriff berührt hatte, so zog er sie doch immer schnell wieder zurück, um seufzend zwar, aber ernst entschlossen vorüberzugehen – die Knospe, die sich ihm so lieblich entgegenneigte, durfte ja für ihn nicht blühen.

Wenn aber auch zuweilen wie in früherer Zeit die Tür des traulichen Zimmers offen war, so fand er denn doch Dorchen niemals allein, immer war Evchen Meier bei ihr, und wenn er dann eintrat, so plauderte er zwar einen Augenblick leichthin mit den beiden Mädchen über die kleinen Ereignisse des Tages, aber Dorchen blickte selten auf, und Evchen Meier führte nur peinlich und gezwungen die Unterhaltung weiter. Wenn er zufällig aus alter Gewohnheit sich vor dem Fenstertritt niedersetzte, so stand Dorchen jedesmal anscheinend unbefangen von ihrem Platze auf und machte sich irgendwo anders im Zimmer zu schaffen, so daß Herr von Sarkow ganz zufrieden war, unter dem Vorwand seiner vielfachen Geschäfte bald wieder aufbrechen zu können.

Die einzige gesellschaftliche Abwechslung außerhalb des unmittelbaren studentischen Lebens bildeten die Diners an der Table d'hôte im Hotel zum Badischen Hof, wo die Tischgesellschaft immer heiterer wurde und immer vertraulicher einander näher trat. Der Oberst von Ehrenstein fand ein außerordentliches Vergnügen an der Gesellschaft der Saxoborussen, deren unzerstörbarer Humor ihm eine reiche Quelle der Erholung von seinen strengen Dienstpflichten bot, und die beiden polnischen Damen bildeten immer mehr den Mittelpunkt der Gesellschaft, so daß auch der Oberst von Ehrenstein häufig ihrer Einladung folgte, den Kaffee in ihrem Salon zu nehmen, und auch zuweilen sich kleinen Ausflügen in die Umgegend anschloß.

Am Tage nach der Begegnung auf der Schloßterrasse, bei der das so geheimnisvoll überbrachte Billet von Herrn von Sarkow bemerkt worden war, brachte die Gräfin Czerwinska bei Tisch lachend das Gespräch auf ihren Aberglauben und erzählte dem Obersten, daß sie eine Wahrsagerin von wunderbarer Geschicklichkeit gefunden habe, zu der Graf Steinborn und Herr von Sarkow sie begleiten wollten. Es wurde viel über diesen Gegenstand im Scherz und Ernst gesprochen, die Geschichte mancher wunderbaren Prophezeiungen erzählt, und der Oberst erklärte, daß er selbst einige solcher Fälle erlebt habe; er bat die Gräfin, soweit dies ohne die Diskretion zu verletzen möglich sei, ihm ihr Horoskop mitzuteilen, da er, wie er galant hinzufügte, an dem Schicksal seiner so schönen und liebenswürdigen Freundin einen lebhaften Anteil nehme, und war nicht abgeneigt, auch seinerseits die Kunst der so gerühmten Wahrsagerin auf die Probe zu stellen, nur müßten dann die Damen diese auf ihr Zimmer kommen lassen, da es zu viel Aufsehen machen würde, wenn er sie in ihrer Wohnung besuche. Die Gräfin Czerwinska versprach, von dieser Idee ungemein entzückt, alles aufzubieten, um die Alte, die nicht gern fremde Häuser besuche, dennoch zu sich zu bringen und dem Obersten zur Verfügung zu stellen. Damit war der Gegenstand erschöpft, man sprach von andern Dingen, und das Diner verlief in ebenso ungezwungener Fröhlichkeit wie am Tage vorher. Herr von Sarkow schlug die Einladung zum Kaffee aus und brachte den Nachmittag mit seinen Freunden zu, während Graf Steinborn, der mit jedem Augenblick mehr von den schönen Augen der Gräfin Czerwinska bezaubert schien, die Damen wieder in ihren Salon begleitete.

Als es dunkel geworden war, suchte Herr von Sarkow den Grafen der Verabredung gemäß in dessen Wohnung auf, um die beiden Damen zu ihrem geheimnisvollen Ausgange abzuholen; er fand ihn in heftiger Aufregung.

»Freund!« rief er, seine Hand ergreifend, »dir darf ich es sagen, was mir das Herz sprengen will, unter Corpsbrüdern ist ja jedes Geheimnis sicher bewahrt, und ich muß alles Glück, alle Hoffnung, alle zagenden Zweifel, die in mir wogen und ringen, in die Brust eines Freundes ergießen.«

Herr von Sarkow sah ihn fragend mit einem leichten Ausdruck mitleidiger Teilnahme an.

»Ja,« rief Graf Steinborn, »es ist wahr! Sieh mich nicht so sonderbar an, es ist keine törichte Eitelkeit, ich glaube, sie könnte mich lieben, ich war allein mit ihr, die Gräfin Baliewska schien verstimmt, daß du nicht mitgekommen warst –«

»Und da hat sie dir gesagt, daß sie dich liebte?« fragte Herr von Sarkow mit einem leichten Anklänge von spöttischer Ironie.

»Gesagt, daß sie mich liebe!« rief Graf Steinborn unwillig, »wie kannst du daran denken – aber diese stolze, königliche Frau, bei der man das Gefühl hat, daß sie unnahbar hoch über uns steht, war so vertraulich, so weich, fast möchte ich sagen so zärtlich, sie ließ mir ihre Hand, sie hörte meine Worte, aus denen mein heißes Gefühl hervorklingen mußte, wie träumend an – o, du glaubst nicht, welch eine Frau es ist, welch hohen Geist, welch feinen Witz und doch welch tiefes Gefühl sie entwickeln kann, unsre Unterhaltung war wie ein Flammenspiel von blendenden Raketen und zugleich von warmer, tiefer Glut – es ist kein deutliches, bestimmtes Wort zwischen uns gefallen, und doch – doch – o, du glaubst nicht, welches Glück, welche wonnige Hoffnung mein Herz erfüllte!«

»Nun, in der Tat,« sagte Herr von Sarkow, »ich sehe, daß dieses Flammenspiel bei dir sehr ernst und gründlich gezündet hat; ich wünsche dir Glück zu dem reizenden Abenteuer.«

»Ein Abenteuer?« rief Graf Steinborn – »ein Abenteuer mit dieser Frau? – Du bist rasend, was denkst du von ihr, wofür hältst du sie? – Nein, nein, diese Frau ist kein Spiel eines flüchtigen Abenteuers, sie kann ihre Liebe nur für das Leben geben, wer sie lieben darf, der gehört ihr für immer.«

»Du bist wahnsinnig,« sagte Herr von Sarkow fast erschrocken, »eines solchen tollen Gedankens hätte ich dich in der Tat kaum für fähig gehalten – eine Frau, der nur wenige Jahre fehlen, daß sie deine Mutter sein könnte.«

»O, sie wird ewig jung, ewig schön sein!« rief Graf Steinborn begeistert, »sie steht über der Zeit; ich glaube, als Matrone würde ich sie ebenso lieben als jetzt.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow halb lachend, halb unwillig, »wenn diese verwünschte Revolution nicht unsern vortrefflichen Paukdoktor Gallus Meier in ihrer Flut fortgespült hätte, so würde ich ihn rufen, um dir Eisumschläge zu verordnen – aber vielleicht ist es ebensogut, das Fieber austoben zu lassen, ich habe einmal gelesen, daß man die Wahnsinnigen ihre fixen Ideen verfolgen lassen muß, bis sie selbst den inneren Widerspruch erkennen. Gehen mir also – aber ich werde wachen, ich werde dein Vater sein, mein Herz ist frei und mein Blick ist kalt; mein Auge wird offen sein, vielleicht hilft mir der Zufall dennoch, das Geheimnis zu durchdringen, das diese beiden fahrenden Polinnen umgibt.

Graf Steinborn antwortete nicht mehr, beide gingen nach dem Hotel, wo die Damen sie bereits erwarteten. Sie hatten dunkle Mäntel und kleine, unscheinbare Hüte angelegt, deren Schleier sie über das Gesicht herabfallen ließen; man würde sie in diesem Kostüm in Paris für kleine Grisetten gehalten haben, und gewiß konnte auf den Straßen von Heidelberg niemand bei dem Dunkel des Abends in diesen beiden so einfachen und unscheinbaren Gestalten die glänzenden und eleganten Damen wiedererkennen, die an der Tafel des Hotels die allgemeine Bewunderung erregten. Die Gräfin Czerwinska nahm den Arm des Grafen Steinborn, die schöne Félicie folgte mit Herrn von Sarkow, eilig stiegen sie die Treppe des Hotels hinab, und selbst die Kellner, die ihnen begegneten, schienen sie nicht zu erkennen. Graf Steinborn ging mit der Gräfin Czerwinska ziemlich weit voraus. Die Gräfin Félicie schien in einer eigentümlichen Bewegung und Aufregung zu sein, sie antwortete auf die Fragen und Bemerkungen, die ihr Begleiter an sie richtete, mit unsicherer, zitternder Stimme, und häufig ließen ihre kurzen Antworten erkennen, daß sie seine Worte gar nicht gehört oder falsch verstanden hatte. Dieser Gang durch die abenddunkeln Straßen mit dem so schönen und anmutigen jungen Mädchen, das ihrerseits durch die außergewöhnliche Situation so heftig bewegt schien, würde nicht verfehlt haben, auf Herrn von Sarkow auch ohne die leidenschaftliche Flamme, die das Herz des Grafen Steinborn entzündet hatte, seinen Reiz auszuüben, wenn nicht sein Mißtrauen gegen die beiden Fremden durch die eben stattgefundene Unterhaltung mit seinem Freunde noch mehr als früher angeregt gewesen wäre. War diese so auffallend bemerkbare Bewegung der Gräfin Baliewska etwa auch eine ähnliche Koketterie, wie sie von der Gräfin Czerwinska gegen Steinborn geübt ward? Und was konnte es sonst sein – welchen Grund hatten diese beiden Damen zu einem solchen Benehmen? – denn er war nicht eitel genug, um wie Graf Steinborn an eine so schnell erwachende Neigung zu glauben. Alle diese Gedanken, die sich in seinem Geiste durchkreuzten, machten ihn kalt wie Eis, und seine Unterhaltung mit dem immer zitternder sich in seinen Arm lehnenden Mädchen beschränkte sich immer mehr auf allgemeine Phrasen der Höflichkeit.

Vor einem kleinen, unscheinbaren Hause am Ende der Neckarstraße blieb die Gräfin Czerwinska stehen, um Herrn von Sarkow zu erwarten. Die Gräfin warf einen prüfenden Blick auf das kleine Haus, in dessen oberer Etage zwei Fenster matt erleuchtet waren.

»Es ist richtig,« sagte sie dann, »wir sind zur Stelle, treten wir ein in die Höhle meiner wundertätigen Sibylle.« Obgleich sie diese Worte scherzend sprach, so schien es Herrn von Sarkow doch, als ob ihre Stimme wie von zurückgehaltener Erregung bebte. Sie öffnete die Tür, der Flur war vollständig dunkel.

»Folgen Sie mir,« sagte die Gräfin, mit Steinborn voranschreitend, »die Treppe ist im Hintergrunde, sobald Sie das Geländer erfaßt haben, können Sie nicht mehr fehlen.«

Herr von Sarkow hörte die beiden die Stufen hinaufsteigen, bald hatte auch er tastend das Geländer gefunden und führte, immer mehr erstaunt über dieses so seltsame Abenteuer, die Gräfin Baliewska sorgsam die Treppen hinauf. Als sie einige Stufen emporgestiegen waren, stützte sich das junge Mädchen schwerer auf seinen Arm; er fühlte, wie sie zitterte, ihre zarte Gestalt schmiegte sich eng an seine Seite, als ob sie zusammenbrechend eine Stütze suchen wolle, ihr Kopf sank gegen seine Schulter, und er fühlte, wie ihr heißer, fast keuchender Atem seine Wange streifte.

So reizend, so verführerisch diese Situation in der tiefen Dunkelheit auch sein mochte, so empfand Herr von Sarkow doch beinahe einen zornigen Unmut, denn dies alles stimmte in der Tat gar zu sehr mit dem überein, was ihm Graf Steinborn von seinem Tête-a-tête mit der Gräfin Czerwinska erzählt hatte; er mußte freilich seinen Arm um die Gräfin Félicie schlingen, um das junge Mädchen, das, an seine Seite geschmiegt, zusammenzubrechen schien, aufrecht zu halten; aber er hob sie kräftig und ging, halb sie tragend, immer weiter die Stufen hinauf, ohne daß er sich zu ihrem auf seiner Schulter ruhenden Haupte herabbeugte.

Die Gräfin Czerwinska war oben angelangt, man hörte den Klang einer matten Glocke, und im nächsten Augenblick fiel ein Lichtstrahl über die Treppe herab. Die Gräfin Baliewska zuckte zusammen und richtete sich schnell und wie erschreckt von Herrn von Sarkow zurücktretend auf, er sah, wie ihr bleiches Gesicht in heftiger Bewegung zitterte, wie sie mit einem scheuen, ängstlichen Blick zu ihm aufsah, und sie war in diesem Augenblick so wunderbar schön, daß er fast eine Aufwallung von Reue über seinen Unmut und seine Kälte empfand.

In der geöffneten Tür des kleinen oberen Flurs stand eine einfach, aber sauber gekleidete Frau, die wohl sechzig Jahre alt sein mochte und auch in ihrer etwas gebückten Haltung die Spuren des Alters zeigte, wenn auch in ihrem blassen, von einer weißen Haube umrahmten Gesicht die dunkeln Augen voll jugendlichen Feuers funkelten, als sie mit prüfenden Blicken die Ankommenden betrachtete.

»Nun,« sagte die Gräfin Czerwinska, indem sie, schnell dem Grafen Steinborn vorantretend, einen Augenblick wie zufällig mit der Spitze ihres Fingers die Lippen berührte, »Sie haben mir mitgeteilt, Frau Weber, daß mein Horoskop fertig ist; ich komme, danach zu fragen, und bringe noch zwei Herren mit, die ebenfalls begierig sind, einen Blick in ihre Zukunft zu tun, und gute Kunden von Ihnen sein werden.«

»Der Auszug,« erwiderte die Alte mit einer scharfen, etwas fremdartig accentuierten Stimme – »der Auszug, den ich ans den Planetenzeichen und der untrüglichen Schrift der Sterne gezogen habe, ist bereit. Ich werde den Herren, die die Frau Gräfin mir zuführt, gern sagen, was mir zu erkennen vergönnt ist, aber Sie wissen ja,« fügte sie hinzu, »daß ich niemals ein Unglück vorhersage, wenn ich nicht zugleich deutlich die Mittel und Wege erkennen und angeben kann, um es zu verhüten. Die Vorsehung hat weise die Zukunft verhüllt, um die Menschen nicht zu erschrecken und ihnen den Mut, die Kraft und die Ruhe zu rauben.«

»Nun, ich hoffe,« erwiderte die Gräfin, indem alle in einen kleinen, durch eine Nachtlampe erleuchteten Vorplatz traten, »ich hoffe und wünsche, daß für diese Herren überhaupt kein Unglück in den Sternen geschrieben steht.«

»Niemand ist frei von Unglück,« erwiderte die Alte, »wohl dem, der von Gott die Kraft erhielt, das Unglück zu beugen oder zum Guten zu wenden, des Menschen Wille hat große Gewalt über die Mächte des Geschicks.«

Sie führte ihre Gäste in ein kleines, ärmlich möbliertes Gemach, in dem eine Lampe brannte und nur ein altes Kanapee, einige Stühle und ein runder Tisch sich befanden, es schien dies eine Art von Vorzimmer zu sein, in dem die Wahrsagerin ihre Besucher warten zu lassen pflegte.

»Wenn es der gnädigen Frau Gräfin gefällig ist,« sagte sie, auf eine Seitentür zeigend.

»Frau Weber empfängt die Wißbegierigen immer nur einzeln in ihrem Allerheiligsten,« sagte die Gräfin Czerwinska, »damit niemand anders die Geheimnisse der Zukunft anhört.«

»Was ich zu sagen habe,« erwiderte die Alte ernst, »gehört immer nur demjenigen, den es angeht.«

Sie ließ die Gräfin in das Nebenzimmer vorantreten und verschloß dann dessen nur halbgeöffnete Tür.

Es dauerte länger als eine Viertelstunde, bis die geheime Sitzung beendet war. Herr von Sarkow und der Graf Steinborn unterhielten sich während dieser Zeit so gut als möglich mit der Gräfin Baliewska; aber der leichte, unbefangene Ton, der sonst in ihrem Kreise herrschte, wollte sich nicht einstellen, man sah dem Mädchen an, mit welcher peinlichen Anstrengung sie unbefangen zu scheinen versuchte, aber dennoch gelang es ihr kaum, ihre Aufmerksamkeit an die Worte der beiden Herren zu heften; sie saß träumend da, ihre Augen glänzten fieberhaft, zitternde Schauer flogen durch ihre Glieder, und häufig drückte sie die Hand auf ihr Herz, als wolle sie seine Schläge zurückdrängen, während sie unruhig nach der Tür des Nebenzimmers hin tauschte.

»Wie töricht,« sagte sie mit mattem Lächeln, »ich habe mir vorgenommen, mir heute auch wahrsagen zu lassen, ich betrachtete das alles als einen Scherz, und nun ich vor dem Schleier stehe, den ich mit verwegener Hand aufheben will und hinter dem sich mir vielleicht erschreckende Bilder zeigen werden, vermag ich meiner Bangigkeit nicht Herrin zu werden.«

Diese Worte waren Wohl eine Erklärung für ihre so auffallende Bewegung, und sie genügten als solche auch dem Grafen Steinborn, wie es schien, vollkommen; Herr von Sarkow aber blickte finster vor sich nieder und lauschte ebenfalls nach dem Nebenzimmer hin, aus dem zuweilen das Geräusch dumpfer Stimmen vernehmbar wurde, die dann aber sogleich wieder in tiefer Stille erstarben. Die Gräfin Czerwinska war ernst und bewegt, als sie zu den übrigen zurückkam, aber sogleich nahm sie wieder ihre lächelnde Miene an, sie hielt ein zusammengefaltetes Papier in der Hand und sagte: »Da habe ich nun ein Bild meines Charakters und den Schicksalsplan meiner Zukunft in Händen; wenn mir Frau Weber nicht gesagt hätte, daß sie kein Unglück vorher verkündet, so könnte ich zufrieden sein. Nun, ich werde meine Zukunft studieren und mich bemühen, den Weg zu verfolgen, den die Steine mir vorschreiben. Die Reihe ist an dir, Félicie,« sagte sie, dem jungen Mädchen, das schnell aufstand, die Hand drückend, »Gott wolle, daß die Sterne auch dir glückbringende Zeichen gewahren.«

Félicie verschwand mit der Alten. Die Gräfin Czerwinska plauderte leicht und heiter mit den beiden Herren, sie öffnete ihr Horoskop und teilte ihnen einzelnes aus seinem Inhalt, soweit er sich auf ihren Charakter bezog, mit.

»Die Alte kennt mich ziemlich gut,« sagte sie, »sie erkennt mir einen festen Willen und einen klaren Geist zu, eine große, leicht verletzbare Empfänglichkeit; sie sagte, daß ich niemals einen Mangel an Herz oder Mut verzeihe, daß ich die Welt liebe und doch mich nicht von ihr unterjochen lasse, und noch manches andre, was ganz richtig ist, und für die Zukunft,« fügte sie mit einem Blick auf den Grafen Steinborn hinzu, »verheißt sie mir, daß ich einen Freund finden würde, dem ich volles Vertrauen schenken dürfe.«

»Wer könnte Ihr Freund sein,« rief Graf Steinborn, »und Ihr Vertrauen täuschen!«

»Auch das kommt vor,« sagte die Gräfin seufzend, »doch darum darf man immerhin den Glauben an die Menschen nicht verlieren.«

Félicie kehrte zurück, ihr vorher so bleiches Gesicht war hochgerötet, ihre innere Erregung schien noch gestiegen zu sein, noch heller glänzten ihre Augen, noch heftiger wogte ihre Brust von schnellen, unruhigen Atemzügen, aber sie schien nicht mehr wie vorher von peinlicher Angst und Unruhe gequält, glückliche Freude strahlte von ihren Zügen, und ein verklärtes Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Dir scheint in der Tat die Sternschrift in glücklichen Zeichen zu leuchten,« sagte die Gräfin, mit liebevoller Teilnahme das junge Mädchen in ihre Arme schließend, »Gott wolle, daß alles sich erfülle, was deines jungen Herzens Hoffnung ersehnt.«

»Wenn es den Herren gefällig ist!« sagte Frau Weber trocken, und Herr von Sarkow erhob sich zuerst, um ihre Kunst zu versuchen. Er trat mit ihr in das kleine Nebenzimmer; es enthielt das Bett der Alten, ihren Nähtisch, einen Schrank, einige Stühle und einen großen Tisch in der Mitte, auf dem eine kleine, das Gemach matt erleuchtende Lampe brannte, eine Tür im Hintergrunde führte wohl nach der Küche und den Wirtschaftsräumen.

Die Alte betrachtete ernst prüfend die Hand des jungen Mannes, dann ließ sie ihn ein Spiel Karten mischen und breitete es, jedes Blatt sorgfältig prüfend, auf dem Tische aus.

»Sie stammen von fernher, mein Herr,« sagte sie, und dann teilte sie ihm in einzelnen abgebrochenen Sätzen und in ziemlich allgemeinen Worten manches mit, was in der Tat auf seine Vergangenheit und seine Lebensverhältnisse zu passen schien, auf ihn aber geringen Eindruck machte und ihn sehr wenig von der Prophetengabe der Sibylle überzeugte, denn alles, was die Alte sagte, hätte wohl auch auf viele andre Studenten der Universität Bezug haben können.

»Sie werden nicht hier bleiben,« fuhr sie fort. »Ihre Zukunft liegt dort, wo Ihre Vergangenheit war; in der Heimat, aus der Sie stammen, werden Sie auch Ihr dauerndes Glück finden, und dennoch,« sagte sie, den Blick ihres dunkeln Auges scharf und durchdringend auf ihn richtend, »dennoch blüht Ihnen auch hier ein Glück, das auf Ihre ganze Zukunft einen hellen Schein wirft. Sie werden hier eine Freundin finden, eine gute, treue Freundin, nicht für immer, es ist Ihnen nicht bestimmt, mit ihr den Weg des Lebens zu vollenden, aber dennoch scheint der Strahl desselben Sterns freundlich auf Sie beide hernieder; ich vermag nicht deutlich zu erkennen, was dieser Strahl bedeutet, aber das sehe ich, daß er einen hellen, segensreichen Einfluß auf Ihr Leben ausübt. Hüten Sie sich, diesem Einfluß zu widerstreben; was Ihre Freundin verlangen wird, jeder Dienst, den Sie ihr leisten, das alles wird zum Glück sich wenden und Ihrer ganzen Zukunft, ob sie auch später auf andre Wege sich wendet, Segen bringen.«

»Und diese Freundin,« fragte Herr von Sarkow, »woran kann ich sie erkennen?«

»Sie ist jung und schön,« sagte die Alte, »jünger noch als Sie, obwohl auch Sie noch nicht fern von den Grenzen der Kindheit stehen.« Und nun beschrieb sie scharf und bestimmt die Gräfin Baliewska, jeder Zug paßte für das junge Mädchen.

»Ich danke,« sagte Herr von Sarkow, indem er sich erhob; »wenn ich dieser Freundin begegne, so werde ich den Strahl des Sterns genau zu erkennen und zu erforschen suchen, der uns beiden so viel Glück bringen soll.«

»Vielleicht haben Sie sie schon gefunden,« sagte die Alte, »achten Sie auf alles, was Ihnen in dieser Zeit entgegentritt, und hüten Sie sich, dem Willen des Geschicks entgegenzuhandeln.«

Herr von Sarkow neigte schweigend den Kopf und kehrte zu den übrigen zurück. Die Gräfin Czerwinska bemerkte, daß ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte, sie schien einen Augenblick beunruhigt.

»Herr von Sarkow scheint ungläubig,« sagte sie, »aber nur den Gläubigen erschließt sich die Zukunft.«

»Nicht doch, gnädigste Gräfin,« erwiderte Herr von Sarkow, »ich bin zufrieden und kann mich nicht beklagen, die Sterne haben mir einen glücklichen Strahl gesendet, der immer mehr Licht, immer mehr Klarheit um mich her verbreitet.«

Die Gräfin schien den Sinn seiner Worte nicht recht zu verstehen und sie für eine allgemeine Bemerkung zu halten. Graf Steinborn folgte nun der Alten in das Nebenzimmer. Die Gräfin Baliewska war wie verwandelt, zwar schien sie noch unruhig und bewegt, aber mit fast übermütiger Heiterkeit nahm sie an der Unterhaltung teil, und voll sprudelnder Laune, wie ein glückliches Kind, scherzte sie in neckischer Koketterie mit Herrn von Sarkow, der auch seinerseits mit keckem, sprühenden Witz auf diesen Ton einging, so daß jeder Fremde die beiden für ein in glücklicher Neigung verbundenes und einer gemeinsamen lachenden Zukunft entgegentändelndes Paar halten mußte und die Gräfin Czerwinska jetzt zuweilen ganz verwundert mit leichtem Kopfschütteln das junge Mädchen betrachtete.

Strahlenden Blickes kehrte Graf Steinborn aus dem kleinen Zimmer der Wahrsagerin zurück. Die Gräfin Czerwinska drückte der Alten ein Goldstück in die Hand, die beiden Saxoborussen taten dasselbe, und man begab sich auf den Rückweg. Die Gräfin Baliewska blickte auf dem kleinen Vorplatz noch einmal wie suchend rückwärts.

»Adieu – adieu – adieu!« rief sie mit lauter, heller Stimme, sich nach der unmittelbar hinter ihr stehenden Alten wendend, und dann stieg sie an Herrn von Sarkows Arm mit leichten, sicheren Tritten die Treppe hinab. Diesmal blieben die beiden Paare zusammen, in fröhlich scherzender Unterhaltung hatten sie bald den Weg zurückgelegt, und die beiden Saxoborussen verabschiedeten sich von den Damen, nachdem sie diese bis zu ihren Zimmern zurückgeführt hatten.

»Nun,« sagte Graf Steinborn vor der Tür des Hotels, »was sagst du? Die Alte hat mir wunderbare Dinge gesagt, die alle auf mich passen, ich war starr vor Verwunderung.«

»Auch mir,« erwiderte Herr von Sarkow, »hat sie manches gesagt, was man auf mich und meine Vergangenheit beziehen kann, aber vergiß nicht, daß sie sehr wohl wissen konnte, wer wir sind, und daß die beiden Damen dies noch besser wissen.«

»Welche Torheit!« rief Graf Steinborn; »und dann,« fuhr er fort, Herrn von Sarkows Arm in den seinen drückend, »dann hat sie mir gesagt, ich würde hier eine Freundin finden, die unter dem gleichen Stern steht wie ich und einen glücklichen Einfluß auf mein ganzes Leben ausüben werde. Denke dir nur, wie wunderbar, die Sterne selbst knüpfen das warme, lichte Band, das mich immer fester an diese wunderbare Frau fesselt.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow lachend, »das ist in der Tat spaßhaft genug, du, der skeptische Pariser, fällst bis an den Hals in den tollen Aberglauben hinein, weil dieser Aberglaube mit deiner ebenso tollen Liebe zusammenstimmt – so höre denn, daß diese alte Hexe mir ganz das gleiche gesagt hat wie dir, auch ich soll eine Freundin finden, der ich in allem zu folgen habe, und dann hat sie mir ganz genau wie ein Porträtmaler die kleine Baliewska beschrieben.«

»Du auch?« fragte Graf Steinborn betroffen, »doch gleichviel, das ist ja natürlich, unser Schicksal hat uns gemeinsam zu den beiden Damen geführt, und wenn uns das Glück, von dem ich kaum zu träumen wage, beschienen sein soll, so bist du ja auch dabei beteiligt.«

»Unverbesserlich.« sagte Herr von Sarkow, »aber je heftiger das Fieber, um so weniger lange kann es ja dauern; nun, ich werde wachen.«

Er brach ab, und ohne dem Grafen Steinborn weiter zu antworten, führte er ihn nach dem Riesenstein hinauf, wo sie die andern bereits versammelt fanden.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.