Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
Schließen

Navigation:

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Vor dem Hotel zum Badischen Hof standen zwei Schildwachen. Der Kommandant von Heidelberg, Oberst von Ehrenstein, hatte hier sein Quartier genommen und bewohnte dieselben Zimmer, die der Turnerführer Metternich während seiner kurzen Herrschaft inne gehabt hatte. Auch hier bot alles ein militärisch bewegtes Bild, das mit dem wüsten Treiben des revolutionären Kommandos scharf kontrastierte; Offiziere und Ordonnanzen kamen und gingen, mit festem, gleichmäßigem Tritt schritten die Schildwachen auf derselben Stelle auf und nieder, auf der einst der Professor von Bangerow den Wachdienst getan hatte, und die vorübergehenden Bürger von Heidelberg blickten mit ängstlicher Scheu, aber auch mit freudigem Vertrauen und in dem Gefühl der Erlösung von schwerem Druck auf den Sitz der militärischen Autorität, die während des verhängten Belagerungszustandes ausschließlich das Recht und die Autorität der Regierung in Händen hielt und dieselbe ebenso unnachsichtlich gegen alle Ausschreitungen, als rücksichtsvoll gegen das ruhige bürgerliche Leben ausübte.

Die Touristen hatten nach der Niederwerfung der Revolution bereits ihren Zug wieder begonnen, und zahlreiche Fremde waren herbeigekommen, um neugierig die letzten Zuckungen des Aufstandes zu beobachten und die Spuren desselben auf den historischen Kampfplätzen zu verfolgen.

Der Speisesaal war dicht gefüllt. Der Oberkellner, der die Saxoborussen freudig begrüßte, entschuldigte sich, daß er ihnen die gewohnte Tischecke nicht habe reservieren können, da der Oberst von Ehrenstein mit seinen Adjutanten sie für sich in Beschlag genommen, was dieselben um so mehr bedauerten, als sie gerade an dieser Stelle der Tafel zwei außerordentlich schöne und äußerst vornehm aussehende Damen bemerkten, die auch ihrerseits den Studenten besondere Aufmerksamkeit zu schenken schienen und sich leise Bemerkungen zuflüsterten, die augenscheinlich den eben eingetretenen jungen Leuten galten.

Die eine der beiden Damen mochte etwa siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein, sie hatte ein klassisch-edles Gesicht mit großen dunkeln Augen, aus deren kalten und stolzen Blicken doch zuweilen eine wie aus verborgener Tiefe heraufflammende Glut hervorleuchtete; ein schwarzes Spitzentuch umschloß leicht und anmutig ihr reiches schwarzes Haar, ihr dunkel violettes Seidenkleid hob die üppigen und doch edlen Formen ihrer Gestalt hervor, eine Agraffe mit einem prachtvollen Solitär hielt als einziger Schmuck ein schwarzes Sammethalsband zusammen.

Neben ihr saß ein junges Mädchen von höchstens siebzehn Jahren, weniger regelmäßig schön als die ältere Dame, aber dafür von allem Reiz der eben aufblühenden Jugend umflossen. Die reichen Flechten ihres aschblonden Haares waren durch eine blaue Schleife zusammengehalten. Ihr etwas bleiches Gesicht, von leichtem rosigem Schimmer angehaucht, zeigte die ganze kindliche Frische der Jugend und war um so anziehender durch einen leichten Hauch von Melancholie, der wie ein durchsichtiger Schleier die heiße Lebenslust zu verhüllen schien, die das wallende Blut durch die seinen, bläulich sichtbaren Adern ihrer Schläfe trieb. Ihre dunkelblauen Augen schimmerten in feuchtem Glanz. Ihre schlanke Gestalt hatte sich noch nicht zu ihrer ganzen Fülle entwickelt, erschien aber gerade darum in ihrer geschmeidigen Weichheit um so reizender und anmutiger. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, eine Wolke von Brüsseler Spitzen fiel über ihren schlanken Arm und ihre perlmutterweißen Hände herab. – Betroffen von der Schönheit und der vornehmen, distinguierten Erscheinung der beiden Damen, fragten die Saxoborussen den Oberkellner, wer die Fremden wären.

»Es sind zwei Polinnen,« erwiderte der Oberkellner, »die ältere ist die Gräfin Czerwinska, eine Witwe, und die jüngere die Gräfin Baliewska, eine Verwandte von ihr. Es sind sehr vornehme und sehr reiche Damen,« fügte er hinzu, »sie bleiben längere Zeit hier und bewohnen mehrere Zimmer im ersten Stock, und der Oberst von Ehrenstein unterhält sich sehr gern mit den Damen.«

Während die Saxoborussen, den Verlust der anmutigen Nachbarschaft bedauernd, sich nach andern Plätzen umsahen, trat durch die geöffnete Tür der kleine Corpshund Moses langsam und würdigen Schrittes in den Saal.

»Moses!« rief Herr von Sarkow ganz glücklich – »seht, da ist Moses! Oft habe ich an ihn gedacht und gefürchtet, er möchte sich verlaufen haben und zu Grunde gegangen sein, als man uns arretierte; welch ein Glück, daß er wieder da ist! Komm her, Moses, alter Freund, wir sind wieder hier, alle Not ist vorbei.«

Der kleine Moses kam wedelnd herbeigelaufen und sprang in ausgelassener Freude an seinen wiedergefundenen Herren empor; er wurde aufgehoben und ging von einem Arm zum andern, jeder überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen.

»Nun,« sagte der Oberkellner lachend, »so große Not hat er nicht gelitten; er kam gleich hierher, als die Herren verschwunden waren, und ist während der ganzen Zeit hier im Hause geblieben. Er hat pünktlich und regelmäßig sein diner a part bekommen, ich habe ihm in meinem eignen Zimmer ein weiches Lager bereitet, und die Herren können beruhigt sein, es ist ihm nichts abgegangen; aber er hat niemals das Haus verlassen wollen, solange die Freischaren hier hausten. Jetzt, seit die preußischen Truppen hier sind, geht er wieder aus, und merkwürdigerweise ist er ganz besonders freundlich mit den Herren Offizieren, er folgt ihnen, er erscheint jeden Tag auf der Parade und hat auch abends den einen oder den andern in seine Wohnung begleitet, wie mir die Herren erzählt haben. Nur zu Tisch kommt er regelmäßig wie sonst hierher.«

Einer der Unterkellner hatte das auf kleinen Tellern sauber angerichtete Diner für Moses gebracht und an die Wand des Saales gestellt. Der Hund wurde auf den Boden gesetzt und schickte sich eben an, vorsichtig schnüffelnd den Inhalt der ihm servierten Teller zu untersuchen, als der Oberst von Ehrenstein, von zwei Adjutanten begleitet, in den Saal trat.

Der Oberst war ein großer, kräftig gebauter Mann von fast fünfzig Jahren, sein kurzes blondes Haar und sein militärisch geschnittener Bart zeigten noch keine Spur von grauer Farbe, und auch sein kräftig markiertes Gesicht mit starker Nase und hoher, breiter Stirn ließ ihn in seiner gesunden Röte jünger erscheinen, als er war. Seine feste, stramme und doch ritterlich leichte, soldatische Haltung harmonierte mit dem offenen, klaren Blick seines hellen Auges und ließ ihn als einen Mann erscheinen, der ohne Furcht und Schwanken Freunden und Feinden gegenüber den geraden Weg zu verfolgen gewohnt war. Kaum bemerkte der kleine Hund die Offiziere, als er ihnen bellend und wedelnd entgegensprang. Der Oberst beugte sich zu ihm herab und streichelte ihn freundlich; Moses aber lief emsig zwischen den Offizieren und den Saxoborussen hin und her, als ob er die beiden Gruppen, denen seine Zuneigung geweiht war, zu einander führen wolle.

Herr von Sarkow trat zu dem Obersten von Ehrenstein heran.

»Der Instinkt dieses Hundes hat ganz recht,« sagte er, »ich bitte um die Erlaubnis, mich und meine Freunde, die hier anwesenden Mitglieder der Saxoborussia, dem Herrn Obersten vorstellen zu dürfen.« Er nannte seinen Namen und die Namen der übrigen Herren.

Der Oberst grüßte verbindlich, stellte seine Adjutanten vor und sagte dann, die jungen Leute, deren Haltung ebensoviel sicheres Selbstbewußtsein als Ehrerbietung vor dem älteren und höher stehenden Manne ausdrückte, mit wohlgefälligen Blicken betrachtend:

»Ich habe bereits gehört, daß die Herren lautes und offenes Zeugnis von ihrer loyalen Gesinnung abgelegt haben und daß Sie von den revolutionären Gewalthabern arg verfolgt worden sind. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, ich hoffe, wir werden Tischnachbarn sein, nach unsrer Gesinnung gehören wir ja doch zu einander.«

Ganz freudig stimmten die Saxoborussen zu. Der Oberst von Ehrenstein stellte sie den beiden polnischen Damen, die ihn vertraulich begrüßten, vor, einige Couverts wurden eingeschoben, schnell hatte Graf Steinborn den Platz neben der Gräfin Czerwinska eingenommen, während Herr von Sarkow den Stuhl neben der jungen Gräfin Baliewska errang.

Das Diner verlief außerordentlich heiter. Die Saxoborussen gaben sich ganz der Freude hin, nach so vielfachen Gefahren und Abenteuern wieder in dem schönen Heidelberg beisammen zu sein, und der Oberst von Ehrenstein lachte, daß die Tränen in seinen Bart liefen, als Herr von Sarkow die Erlebnisse in dem zu einem Champagnerkühler umgewandelten Vollbade der Wasserheilanstalt erzählte. Auch die beiden Damen nahmen lebhaft an der Unterhaltung teil, sie sprachen in dem allgemeinen Gespräch ein etwas gebrochenes Deutsch, waren aber sehr erfreut, als sie mit ihren unmittelbaren Nachbarn eine Konversation in französischer Sprache führen konnten, die ihnen bei weitem geläufiger war. Beide schienen an den jungen Studenten ein ganz besonderes Wohlgefallen zu finden und zeigten namentlich ihren Tischnachbarn ein überaus liebenswürdiges Entgegenkommen, das, wenn auch vollkommen in den Grenzen der vornehmen Gesellschaftsformen gehalten, doch nicht frei von feiner und wohlberechneter Koketterie war, und wenn man bei den Damen die Absicht voraussetzen konnte, die jungen Herren an sich zu fesseln, so wurde diese Absicht auch im vollsten Maße erreicht. Graf Steinborn besonders war vollständig von der Gräfin Czerwinska gefangen genommen, und auch Herr von Sarkow fühlte sich angezogen durch den kindlichen Liebreiz der jungen Gräfin Baliewska; auch das junge Mädchen gab sich alle Mühe, ihren Nachbar zu beschäftigen und an sich zu fesseln; freilich besaß sie noch nicht die gesellschaftliche Sicherheit wie ihre ältere Freundin, zuweilen schien es, als ob ihre Gedanken weit von ihrer Umgebung abschweiften und als ob sie, mit träumendem Blick ferne Bilder verfolgend, kaum sah und hörte, was um sie her vorging; ihre kindlichen Züge nahmen dann einen schmerzlich trüben Ausdruck an, und leise Seufzer stiegen aus ihrer Brust auf. Aber jedesmal, wenn sie in diese schwermütigen Träumereien versank, berührte die Gräfin Czerwinska wie zufällig ihren Arm, ein ernster, mahnender Blick streifte flüchtig zu ihr herüber, und schnell nahm das junge Mädchen mit kindlicher Heiterkeit und naiver Koketterie ihre Unterhaltung mit Herrn von Sarkow wieder auf. Dieser hätte dies alles vielleicht nicht so scharf beobachtet und verfolgt und wäre wohl mehr von dem so ganz eigentümlich anmutigen Liebreiz der schönen Polin gefangen genommen worden, wenn ihn nicht die Erinnerung an das Fräulein von Herbingen und an die kleine Dorchen Treuberg zu ernster Zurückhaltung und zur Wachsamkeit gegen sein eignes Herz gestimmt hätte.

Man feierte die Wiederkehr nach Heidelberg und den Sieg über die Revolution in dem vortrefflichen Oeil de perdrix des Hotels. Der Oberst von Ehrenstein schloß sich nicht aus, und auch die beiden Damen nippten den weißen Schaum des edlen Purpurweins, dessen feuriger Geist die fröhliche Unterhaltung immer mehr belebte.

Gegen das Ende des Diners erschien der Graf von Brocklingen mit dem Prinzen Warassow, um an einem für sie besonders servierten Tisch zu speisen. Der Graf trat heran, um seine Bekannten zu begrüßen; er und sein Schwager wurden dem Obersten vorgestellt und wechselten einige artige Worte mit ihm. Der Prinz Warassow schien betroffen, als er die beiden Damen erblickte. Als der Oberst ihn diesen vorstellte, sagte er kalt, mit zeremonieller Verbeugung:

»Ich habe die Ehre gehabt, die Gräfin Czerwinska am Hofe in Petersburg zu begegnen.«

Mit dieser kurzen Bemerkung war die Unterhaltung zu Ende, der Prinz fügte keine jener Höflichkeitsphrasen hinzu, die bei einer solchen Begegnung vielleicht natürlich gewesen waren; auch die Gräfin neigte nur leicht mit hochmütig kaltem Gruß den Kopf und schien durch den Anblick des Prinzen unangenehm und peinlich berührt zu sein. Das alles geschah indes in wenigen Augenblicken und ging fast unbemerkt vorüber, denn sogleich zogen sich der Graf von Brocklingen und der Prinz Warassow an den für sie in einer Fensternische gedeckten Tisch zurück, zu dem der Oberkellner sie hinführte, und die heitere Unterhaltung nahm ihren Fortgang, wenn auch die Gräfin Czerwinska hin und wieder einen schnellen, finsteren Blick ihres dunkeln Auges nach dem Prinzen hinüberwarf.

Der Oberst zog sich unmittelbar nach dem Dessert wegen dringender Dienstgeschäfte zurück. Es wurden Lichter auf den Tisch gesetzt und hier und da eine Zigarre angezündet.

Die Damen erhoben sich.

»Es ist langweilig,« sagte die Gräfin Czerwinska, »nach einem so heiteren Diner den Kaffee allein zu nehmen – die Unsitte des Rauchens macht es den Damen unmöglich, hier im Saale zu bleiben; ich möchte die Herren bitten, den Kaffee in meinem Salon zu nehmen – wenn Sie nicht engagiert sind und wenn Sie nach einer so kurzen Bekanntschaft diese Einladung nicht zu kühn finden,« fügte sie mit einem reizenden Lächeln hinzu. Graf Steinborn nahm die Einladung eifrig, mit lebhaftem Beifall an, Herrn von Sarkow machte ein flammender Blick aus den Augen der schönen Gräfin Baliewska eine Ablehnung unmöglich, die übrigen aber schienen keine Neigung zu haben, Zuschauer des Vorzugs zu sein, den die reizenden Polinnen ihren Freunden offenkundig zuwendeten; sie entschuldigten sich unter verschiedenen Vorwänden, und so führten denn Graf Steinborn und Herr von Sarkow die beiden Damen nach ihrer Wohnung hinauf. In dem reizenden Ecksalon des Hotels zum Badischen Hof, der sich auf einen dichten, efeuumrankten Balkon öffnet, von dem man die ganze Hauptstraße übersehen kann, wurde der Kaffee serviert, und die beiden Damen führten die Unterhaltung mit der gleichen liebenswürdigen Anmut wie bei Tisch. Die Gräfin Czerwinska erzählte, daß sie, seit drei Jahren verwitwet, auf ihren Gütern in der Nähe von Warschau lebe und ihre junge Verwandte, die Gräfin Félicie Baliewska, auf längere Zeit zu sich genommen habe, um nicht ganz einsam und allein in ihrem weiten Schlosse zu sein, da sie seit dem Verlust ihres Gemahls nur wenig mit der Gesellschaft in Warschau verkehre und nur einmal in jedem Winter den Hof in Petersburg besuche, wo sie, wie sie gleichgültig hinwarf, den Prinzen Warassow flüchtig gesehen zu haben sich erinnere. Die Aerzte hätten nun ihrer Cousine das milde und weiche Klima von Heidelberg verordnet, und sie sei deshalb, sobald die Niederwerfung der unglückseligen Revolution den Weg wieder frei gemacht, hierher gekommen, um einige Monate und vielleicht den nächstfolgenden Winter hier zu bleiben. Sie habe den Obersten von Ehrenstein an der Tafel des Hotels kennen gelernt und freue sich besonders, durch ihn nun die Bekanntschaft der Herren gemacht zu haben, denn es wäre immerhin traurig für zwei Damen gewesen, so ganz allein in einer fremden Stadt zu leben, und ebenso sei es für sie schwierig, ja fast unmöglich, ohne vollkommen sichere Garantie Bekanntschaften zu suchen. Sie hoffe nun, daß die Herren sich ihrer ein wenig annehmen und ihr und ihrer Cousine hin und wieder einen kleinen Teil ihrer Zeit opfern würden.

Sie sagte das alles im allernatürlichsten Ton, es verstand sich ja von selbst, daß sie ihre neuen Bekannten einigermaßen über ihre Stellung und ihre Verhältnisse aufklären mußte, und doch schien es Herrn von Sarkow, als ob sie zuweilen mit einem schnellen, forschenden Blick den Eindruck ihrer Worte beobachte. Nachdem noch etwa eine Stunde verplaudert war, ließ die Gräfin Czerwinska jene zufällig scheinenden Pausen in der Unterhaltung eintreten, die den Wunsch der Beendigung eines Besuchs andeuten. Graf Steinborn und Herr von Sarkow empfahlen sich, und die Damen reichten ihnen wie alten Bekannten die Hand, indem sie in liebenswürdigster Weise die Hoffnung eines häufigeren Wiedersehens aussprachen.

Graf Steinborn fand nicht Worte genug, um sein Entzücken über die Anmut und den Geist der beiden Polinnen auszudrücken.

»Es sind vollkommene Pariserinnen!« rief er; »nur in Paris habe ich bis jetzt eine so reizende Plauderei gefunden, was für ein Glück, daß sie hierhergekommen sind! Was sind dagegen alle Damen unsrer Gesellschaft, wie schwerfällig, wie pedantisch erscheinen sie gegen die Gräfin Czerwinska! Bei Gott, sie könnte mir ernstlich gefährlich werden, wenn sie nicht,« fügte er seufzend hinzu, »eine Reihe von Jahren älter wäre als ich.«

Herr von Sarkow schüttelte den Kopf.

»Ja,« sagte er, »sie sind reizend und liebenswürdig, es plaudert sich allerliebst mit ihnen – aber glaube mir, da ist etwas nicht richtig.«

»Nicht richtig!« rief Graf Steinborn entrüstet, »gehörst du auch zu diesen deutschen Pedanten, die es bedenklich finden, wenn eine Dame sich frei und ungezwungen mit einem Herrn unterhält, ohne ihn seit Jahren zu kennen; wissen sie nicht genau, wer wir sind, und was sollte da nicht richtig sein? – Willst du sie etwa für Abenteurerinnen halten? – Du hast doch gehört, daß der Prinz Warassow sie am Petersburger Hof gesehen.«

»Für Abenteurerinnen halte ich sie nicht,« sagte Herr von Sarkow, »und hätte auch der Prinz nicht bezeugt, daß sie sind, was sie scheinen, man sieht ihnen die vornehmen Damen auf den ersten Blick an, und dennoch, glaube mir, ist etwas nicht richtig; hinter allem, was sie so natürlich erzählen, verbirgt sich ein Geheimnis, ich kann den Gedanken nicht los werden, daß sie auch mit uns irgend eine Absicht haben.«

»Welche Torheit!« rief Graf Steinborn; »ich fürchte mich vor diesem Geheimnis nicht,« sagte er lachend, »und bei Gott, ich würde glücklich sein, mit der Gräfin Czerwinska ein recht tiefes und undurchdringliches Geheimnis zu teilen; ich werde ihre Einladung wahrlich nicht verschmähen, und meine einzige Furcht ist, daß die flammenden Strahlen ihrer Augen eine zu heiße Glut in meinem Herzen anfachen.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow, »auch ich werde wahrlich nicht vor diesen schönen Polinnen fliehen, und wäre es nur,« fügte er lächelnd hinzu, »um dich nicht allein in ihre Zauberschlingen fallen zu lassen. Diese Gräfin Czerwinska erinnert mich, was du auch sagen magst, an die Circe, und du scheinst mir ganz bereit, ihren heimtückischen Zaubertrank in vollen Zügen zu trinken; ich werde wachsam sein und noch einmal den alten Homer aufschlagen und nachlesen, wie es der brave Odysseus machte, um dem verräterischen Zauber zu trotzen.«

Graf Steinborn zuckte schweigend die Achseln.

Sie waren bei Walz angekommen, wo sie die übrigen fanden. Der kleine Walz war außer sich vor Freude, seine Stammgäste nach der schweren Zeit wieder zu sehen. Der Binsenbube erschien mit seinen schönsten Sträußchen, mehrere Bürger kamen aus der Nachbarschaft heran, um die Saxoborussen, die so oft ihre Nachtruhe gestört hatten, zu begrüßen; sogar der finstere Schneider Naumann, dessen Haus in tadellosem hellgrauem Anstrich prangte, kam herüber und hieß seine früheren erbitterten Feinde, die ihn zu einem so demütigenden Friedensschluß gezwungen hatten, willkommen. Der kleine Walz spendete alle seine besten Getränke, und zahllos waren die Schoppen, die die glücklichen Philister auf das Wohl der Saxoborussen leerten.

Graf Steinborn und Herr von Sarkow mußten manche Neckerei wegen der beiden Damen, denen sie so eifrig den Hof gemacht, anhören.

»Prinz Warassow kennt sie,« sagte Fritz Helmholt, »sie gehören zum vornehmsten polnischen Adel und sind auch sehr reich.«

»Da hörst du es,« flüsterte Graf Steinborn Herrn von Sarkow zu. »Aber man traut der Gräfin Czerwinska nicht,« fuhr Fritz Helmholt fort, »obgleich sie zuweilen am Petersburger Hofe erscheint und sich sehr loyal zeigt; ihr verstorbener Mann hat sich einmal sehr verdächtig gemacht während der polnischen Revolution, doch hat man ihm nichts Bestimmtes beweisen können; auch hat sie einen Bruder, der im Verdacht steht, mit Mieroslawski Verbindungen zu unterhalten. Der Prinz wagt es nicht, mit den Damen zu verkehren; nun, er kommt nicht in Verlegenheit, da er heute schon weiter reist.«

»Bah,« sagte Graf Steinborn, »was geht das uns an, der russischen Regierung sind so ziemlich alle Polen verdächtig, und es gibt in Paris viele Verbannte, die dort von der besten Gesellschaft auf Händen getragen werden.«

Das Gespräch wurde abgebrochen, man begab sich auf die Schloßterrasse, wo ein Konzert der preußischen Militärkapelle stattfand. Eine zahlreiche Gesellschaft bewegte sich in den dunkeln Laubgängen und auf der sonnigen Terrasse; alle Bürger von Heidelberg waren mit ihren Familien herausgekommen, dazwischen glänzten die Uniformen der preußischen Offiziere, und beim Anblick dieser unter den lustigen Klängen der Musik hin und her wogenden bunten Menge würde niemand vermutet haben, daß vor wenigen Tagen noch so nahe der alten Pfalz blutige Kämpfe gewütet hatten und daß so viele Familien im badischen Lande ihre verirrten, vom Strudel der Revolution ins Verderben gerissenen Söhne beweinten. Auch der alte Treuberg saß mit Dorchen und Evchen Meier an einem Tisch vor der Schloßwirtschaft; Herr von Sarkow trat heran, er setzte sich einen Augenblick an den Tisch seines Hauswirts. Dorchen saß stumm und gebeugt da, sie schlug die Augen nicht auf, und man sah ihrem oft schmerzlich zuckenden Gesicht an, wie schwer es ihr wurde, das matte Lächeln festzuhalten, zu dem sie mühsam ihre Lippen zwang. Evchen versuchte wie sonst, heiter zu scherzen, aber auch ihr wollte es nicht gelingen, den alten Ton zu treffen, und nur der alte Treuberg plauderte treuherzig, er fragte neugierig nach den verschiedenen Uniformen und wurde nicht müde, seine Verwunderung darüber auszusprechen, daß der König von Preußen so viele Soldaten habe. Herr von Sarkow erhob sich bald wieder, das leichte, heitere Wort des Abschieds vermischte sich auf seinen Lippen mit einem schmerzlichen Seufzer, und erst, als er fortging, schlug Dorchen die Augen auf und sah ihm mit einem so traurigen Blicke nach, daß Evchen Meier voll inniger Teilnahme die Hand ihrer Freundin drückte.

Während die Saxoborussen auf der Terrasse auf und nieder gingen, kamen vom Schlosse her durch die Schatten der alten Bäume die beiden polnischen Gräfinnen. Herr von Sarkow, der sich eben seinen Freunden wieder angeschlossen hatte, bemerkte sie zuerst. Als er eben den Grafen Steinborn auf die Nahenden aufmerksam machen wollte, sah er, daß eine ärmlich gekleidete Frau, schnell aus dem Buschwerk hervortretend, sich der Gräfin Czerwinska näherte und ihr ein kleines, zusammengefaltetes Papier in die Hand drückte. Die Gräfin wollte, während die Frau sich wieder in das Gebüsch zurückzog, das Papier in den Falten ihres Kleides verbergen, aber während sie unruhig forschend aus dem dunkeln Gange, in dem sie sich mit ihrer Begleiterin fast allein befand, nach der Terrasse hinübersah, erblickte sie die Saxoborussen und bemerkte auch, daß die Augen des Herrn von Sarkow forschend und mit verwundertem Ausdruck auf sie gerichtet waren. Sogleich und ohne daß sie die Herren, denen sie ruhigen Schrittes entgegenging, zu bemerken schien, nahm sie eine heiter lächelnde Miene an, faltete das Billet auseinander und blickte von diesem erst auf, als sie unmittelbar vor dem ihr eilig entgegentretenden Grafen Steinborn stand. Sie erwiderte unbefangen die Grüße der jungen Leute.

»Sehen Sie, meine Herren,« sagte sie, das Blatt emporhaltend, das sie wie zufällig zusammengeknittert hatte, so daß man die darauf stehenden Schriftzüge nicht sehen konnte, während ein flüchtiger Blick zu Herrn von Sarkow herüberblitzte – »sehen Sie, da habe ich eben hier aus der Tiefe der Bosketts eine geheimnisvolle romantische Botschaft erhalten, wie sie wohl vor Zeiten, als der glänzende Hof der Pfalzgrafen sich in diesen Alleen bewegte, den Damen von kecken Pagen zugesteckt worden sein mögen – ein Page war es freilich nicht, der mir dieses Billet brachte,« sagte sie lachend, »und eine Botschaft, wie sie die Hoffräulein der Vorzeit erhielten, ist es auch nicht, aber romantisch ist die Sache immerhin. Ich bin abergläubisch,« fuhr sie fort, das Billet gleichgültig in die Tasche ihres Kleides steckend, »das mag wohl ein Fehler sein, aber ich tröste mich damit, daß ich diesen mit so vielen großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte teile – Wallenstein suchte ja die Zukunft in der Sternenschrift zu lesen, und sogar der große Napoleon ließ sich von der Lenormand sein glänzendes Schicksal verkünden. Nun, ich habe durch meine Kammerfrau gehört, daß hier in Heidelberg eine ausgezeichnete Wahrsagerin vorhanden ist; ich habe sie besucht in einem kleinen Hause der Neckarstraße, sie hat mir manches Wunderbare gesagt, aber sie fand die Linien meiner Hand dunkel – sie ließ sich meinen Geburtstag sagen, den eine Dame ja der Diskretion einer Wahrsagerin anvertrauen darf, um mir aus der Konstellation meiner Geburtsstunde und aus den Zeichen meiner Hand mein vollständiges Horoskop zu stellen. Sie zeigt mir nun an, daß das Horoskop fertig sei; die Botin, die mich im Hotel nicht fand, ist mir hierher nachgegangen, um mir ihre hochwichtige Botschaft zu bringen. Die Zukunft liegt also nun aufgeschlossen vor mir,« sagte sie lachend, »und ich werde morgen meine Sibylle aufsuchen, um mir das Ergebnis ihrer Forschungen mitteilen zu lassen,«

Sie hatte das alles in heiterer Unbefangenheit scherzenden Tones gesprochen, es war so natürlich, daß eine schöne und geistvolle Weltdame wie sie dem Reiz folgte, einen Zipfel des Schleiers der Zukunft zu lüften, und doch konnte sich Herr von Sarkow auch jetzt des unbestimmten Gefühls nicht erwehren, daß hier noch irgend ein Geheimnis verborgen sei, denn es war ihm nicht entgangen, daß die Gräfin, während sie sprach, gerade ihn zuweilen scharf beobachtet hatte, als ob sie sich von dem Eindruck überzeugen wollte, den ihre Worte auf ihn machten.

Graf Steinborn, der zuerst beim Anblick des kleinen Billets eine gewisse ängstliche Unruhe gezeigt hatte, rief jetzt ganz glücklich:

»O, das ist in der Tat romantisch, ganz reizend; ich hoffe, Frau Gräfin, Sie werden das Geheimnis Ihrer Sibylle nicht ausschließlich für sich behalten und mir gestatten, Sie einmal dorthin zu begleiten, ich bin begierig, auch mir mein Horoskop stellen zu lassen und die Zukunftsbilder meines Lebens aus der Sternenschrift herauszulesen.« »Man soll mit den geheimen Mächten nicht spielen,« sagte die Gräfin, »die Dämonen der Finsternis fassen die Menschen am leichtesten bei der vorwitzigen Neugier.«

»An Ihrer Seite trotze ich allen Dämonen!« rief Graf Steinborn feurig.

»Nun denn,« sagte die Gräfin, »so will ich's darauf wagen und Ihnen erlauben, mich zu begleiten, wenn ich meine geheimnisvolle Hexe von Endor besuche. Morgen abend also; denn Nacht muß es sein, und die Sterne müssen ihre goldne Schrift am Himmel ausbreiten, wenn die Geister der Zukunft dem beschwörenden Ruf der Menschen folgen sollen.«

Sie warf einen strengen, fast befehlenden Blick auf die Gräfin Baliewska, die in träumende Gedanken versunken dastand. Das junge Mädchen schien diesen Blick zu fühlen.

»O, auch ich möchte mitgehen, auch ich möchte ein wenig in der Zukunft lesen.«

»Du bist noch ein Kind, Félicie,« sagte die Gräfin Czerwinska, »dir gehört die Gegenwart, die Zukunft wird dir früh genug heraufziehen.«

»Darum eben möchte ich sie kennen!« rief Félicie; »nicht wahr, Herr von Sarkow, auch wir wollen mitgehen zu jener geheimnisvollen Alten?«

»Gewiß, gnädigste Gräfin, gewiß,« erwiderte Herr von Sarkow, »ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Nun denn auf morgen abend also,« sagte die Gräfin Czerwinska, das Gespräch abbrechend, denn der Oberst von Ehrenstein erschien auf der Terrasse und kam, als er die Damen erblickte, schnell heran, um sie zu begrüßen. Er reichte der Gräfin Czerwinska den Arm, Graf Steinborn trat auf die andre Seite der Dame, es war natürlich, daß Herr von Sarkow die Gräfin Baliewska führte; das junge Mädchen legte leicht ihre Hand auf seinen Arm, die übrigen Saxoburussen wendeten sich hier und dort zu einigen bekannten Bürgern oder zu den Mitgliedern der andern Corps, um diese zu begrüßen und nach ihren Erlebnissen während der Revolutionszeit zu fragen. Der Oberst ging mit den beiden Damen, dem Grafen Steinborn und Herrn von Sarkow auf der Terrasse und auf dem Platz vor der Schloßwirtschaft auf und nieder; die Gräfin Czerwinska plauderte heiter und fröhlich von allen möglichen Dingen, und oft mußte der Oberst laut auflachen über ihre geistvollen und launigen Einfälle, die durch den fremdartigen Accent und die eigentümlichen Wendungen ihres deutschen Ausdrucks einen noch pikanteren Reiz erhielten. Auch die Gräfin Baliewska versuchte im Gespräch mit Herrn von Sarkow diesen leichten und heiteren Ton anzuschlagen, aber immer und immer wieder erstarb das Lächeln auf ihren Lippen, ihre Blicke senkten sich trübe zur Erde nieder, es schien, als ob eine kalte, schwere Nebelwolke über den beiden jungen Leuten schwebte und die Flügel ihres Geistes niederdrückte, so daß ihre Unterhaltung immer wieder zu allgemeinen gleichgültigen Bemerkungen herabsank. Sie kamen auch an Dorchen Treubergs Tisch vorüber. Evchen Meier, die sie bemerkte, suchte eifrig sprechend und sich vorbeugend die Aufmerksamkeit ihrer Freundin nach andrer Richtung zu lenken, aber Dorchen schlug, wie von einer geheimnisvollen, unwiderstehlichen Macht getrieben, die Augen auf, mit schmerzlich bitterm Lächeln blickte sie zu dem vorüberschreitenden Paare hin.

»Wie schön sie ist,« sagte sie leise, »ich habe die Damen schon einmal gesehen, sie wohnen im Badischen Hof und sind fremde Gräfinnen. O, diese vornehmen Damen, wie glücklich sind sie, seit wenigen Tagen sind sie hier, und sogleich hat diese da ihn gefunden – sie darf an seinem Arm einhergehen, sie darf mit ihm sprechen und lachen vor aller Welt, und ich muß hier seitwärts bleiben im verborgenen, weil ich ein armes Bürgermädchen bin – haben sie denn ein wärmeres und treueres Herz, würde eine von ihnen bereit sein, sich für ihn zu opfern? – Und eine von ihnen wird ihn endlich festhalten, er wird ihr gehören für das ganze lange Leben – wird sie seiner Liebe wert sein – wird sie es verstehen, sich mit ihm zu freuen, wird sie in mutiger Treue sein Leid mit ihm tragen?« Sie schüttelte traurig den Kopf, der Strahl der hinter die grünen Berge hinabsinkenden Sonne spiegelte sich in einem hellen Tropfen, der an der Wimper ihres Auges hing, wie ein glänzender Edelstein schimmerte der kleine Tränentropfen, und doch barg er so viel schneidendes Weh unter seinem lichten Glanz.

»Komm,« sagte sie aufstehend zu Evchen, »laß uns gehen.« Sie nahm den Arm ihrer Freundin – der alte Treuberg hatte sich an einen Nebentisch zu Bekannten gesetzt, und während die Klänge der Musik im goldenen Abendlicht durch die rauschenden Baumwipfel klangen und von den rotglühenden Schloßruinen widerhallten, stiegen die beiden jungen Mädchen schweigend zu der bereits in der Dämmerung ruhenden Stadt hinab.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.