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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Einundzwanzigstes Kapitel

In der Frühe des nächsten Morgens begannen die Vorbereitungen für den ersten Akt der Wasserkur. Der alte Aufwärter ging von einem Zimmer zum andern, weckte die Herren und wickelte sie sorgfältig in ein mit kaltem Wasser getränktes großes Laken; über diese frostige Umhüllung wurde dann eine Reihe trockener Tücher und endlich eine starte Flanelldecke gerollt, und darauf der Patient, einer Mumie nicht unähnlich, in vollständiger Bewegungslosigkeit auf sein Lager niedergelegt, wonach an Stelle der unangenehmen Kälte dann schnell eine ganz außerordentliche Hitze und eine Transpiration folgte, die den ganzen Körper in Flüssigkeit auflösen zu wollen schien.

Die Frau des alten Aufwärters besorgte den gleichen Dienst bei den Damen, und mehrere Gehilfen und Gehilfinnen waren zu beider Unterstützung tätig, um diesen ersten Akt des hydropathischen Heilverfahrens so schnell als möglich hintereinander an sämtlichen Patienten zu vollziehen. Die Saxoborussen hatten sich, noch halb träumend und erst durch die naßkalte Umhüllung vollständig geweckt, diese Operation, wenn auch mit einigem Schauder, gefallen lassen, ohne sich über deren weitere Folgen klar bewußt zu sein. Auch Charles Clarke lag fest eingeschnürt auf seinem Bett, die Wirkung des naßkalten Tuches hatte ihn von allen am wenigsten berührt, da er von Jugend auf gegen alle Einflüsse der Kälte und Hitze abgehärtet war und oft auf der Jagd Ströme durchschwommen und Sümpfe durchwatet hatte, ohne sich durch seine durchnäßte Kleidung von der Fortsetzung seines Jagdvergnügens abhalten zu lassen. Als er nun aber so mumienartig eingeschnürt dalag, von glühender Hitze verzehrt und in strömendem Schweiß aufgelöst, ohne daß er im stande war, ein einziges Glied zu regen, um die auf seinem Gesichte sich vergnügenden Fliegen zu verscheuchen, da erfaßte ihn eine ungeheure Wut, er versuchte sich loszuarbeiten, aber trotz seiner Riesenkräfte gelang ihm dies nicht, die feuchten Tücher waren so fest um seinen Körper gewickelt, die äußere Flanelldecke mit starken Binden so zusammengebunden, daß alle seine Bemühungen fruchtlos blieben. Seine der schrankenlosen Freiheit gewohnte und bedürftige Natur empörte sich immer mehr gegen diese Hilflosigkeit, und je mehr er sich innerlich aufregte, um so unaufhaltsamer brach der Schweiß aus allen seinen Poren, um so peinlicher und unerträglicher wurde seine Lage; seine Augen traten fast aus ihren Höhlen heraus, er fluchte die wildesten Flüche seiner huronischen Heimat und rief laut um Hilfe.

Nach einiger Zeit trat der alte Aufwärter herein. Charles Clarke rief ihm eine grimmige Verwünschung entgegen und befahl ihm, ihn augenblicklich von seinen Fesseln zu befreien. Der Alte betrachtete den regungslosen jungen Mann mit einem gewissen spöttischen Mitleiden.

»Ja, ja,« sagte er, »es soll nicht angenehm sein, so eingewickelt dazuliegen, das sagen die Herren alle, aber das ist ja gerade das Wirksamste. Nun, jetzt ist es vorbei, jetzt kommt die Erfrischung, das tut wohl, warten Sie nur einen Augenblick.«

Er trat zu dem Bett heran, Charles Clarke atmete erleichtert auf, denn er hoffte nun von seiner so grausamen und zugleich lächerlichen Einkerkerung befreit zu werden; der Aufwärter aber hob ihn, ohne seine Tücher zu lösen, auf, legte ihn wie einen willenlosen Gegenstand über seine Schultern und trug ihn aus dem Zimmer fort, um, über den Korridor schreitend, eine Seitentreppe nach den Kellerräumen des Hauses hinabzusteigen. Charles Clarke, der regungslos über der Schulter des Alten hing, erschöpfte sich von neuem in allen denkbaren Verwünschungen und Drohungen, ohne daß sein Träger sich im geringsten darum kümmerte. Sie traten endlich in ein großes Gemach des Kellergeschosses, dessen Boden mit einer Strohmatte bedeckt war und an dessen Wanden eine große Anzahl weißer wollener Mäntel nebeneinander hingen. In dem nicht besonders hellen Gemach, das sein Licht durch ein an der Höhe der Wand angebrachtes Fenster erhielt, befand sich ein ziemlich tiefes Bassin, zu dem von den Seiten Steintreppen hinabführten und das bis an den Rand mit klarem Wasser angefüllt war, das von der einen Seite immer frisch zuströmte, während es auf der andern durch eine unterirdische Leitung wieder abfloß, so daß stets die ungemein niedrige Temperatur der unterirdischen Quellen erhalten wurde.

Der Aufwärter stellte Charles Clarke auf die Strohmatte unmittelbar an den Rand des Bassins zwischen den beiden Treppen und begann nun langsam die Hüllen abzuwickeln. Charles Clarke hatte, als sein Träger mit ihm dieses Gemach betrat, sich zuerst ganz verwundert umgesehen, er schien den Raum zu erkennen, und ein flüchtiges Lächeln glitt über sein gerötetes und schweißtriefendes Gesicht, dessen Ausdruck immer heiterer wurde, je mehr eine der beengenden Hüllen nach der andern sich von seinem Körper löste. Endlich nahm der Aufwärter das letzte Tuch ab, mit einem freudigen Ruf dehnte Charles Clarke seine Glieder aus – in diesem Augenblick aber erhielt er ganz unerwartet von dem Wärter von hinten einen Stoß und fiel vornüber in das hochaufspritzende eiskalte Wasser. Sein bis zur höchsten Temperatur erhitzter Körper versank bis über den Kopf in das unerwartete Bad, schnaufend wie ein Triton tauchte er wieder aus der eisigen Flut auf, einen Augenblick starrte er, das triefende Wasser aus Haaren und Augen streichend, wie betäubt umher, während der Aufwärter von oben lachend herabsah und gutmütig, wenn auch mit einem kleinen Anflug von Schadenfreude, fragte:

»Nicht wahr, das schüttelt den Körper durch? Das ist die Hauptkur, das soll alles herausziehen, was an Krankheiten im Körper steckt. Mein Gott,« unterbrach er sich plötzlich, »was ist das, was schwimmt da im Wasser, – es taucht auf und taucht wieder unter wie glänzende Fischköpfe!« Er beugte sich herab, um in dem halbdunkeln Zimmer besser sehen zu können.

Charles Clarke aber hatte einen unartikulierten, keuchenden Laut ausgestoßen, in dem sich die höchste Wut ausdrückte; schnell wie der Blitz war er auf der Steintreppe an der Seite des Bassins heraufgestiegen, in wildem Sprunge stürzte er sich auf den Aufwärter, faßte ihn mit beiden Händen am Halse und sprang im nächsten Augenblick wieder mit ihm in das kalte Bassin hinab. Der Alte stieß einen gellenden Hilferuf aus, aber Charles Clarke hielt mit eisernem Griff seinen Nacken fest und tauchte ihn immer von neuem tief in das kalte Wasser. »Verdammte Canaille!« rief er, »ich will dich lehren, deine schlechten Scherze mit mir zu treiben!«

Immer wieder erklang der Jammerruf des Aufwärters, aber ebenso schnell erstarb er wieder in einem dumpfen, gurgelnden Ton, denn so oft der Arme um Hilfe rief, tauchte Charles Clarke ihn schnell wieder um so tiefer in das Wasser ein und hielt ihn so lange mit seiner Riesenkraft nieder, daß er dem Ersticken nahe war. Inzwischen kamen die Badegehilfen einer nach dem andern in das Kellergemach hinein, jeder von ihnen trug einen der Saxoborussen in Decken gewickelt über der Schulter, und sie alle machten, wenn auch weniger heftig und wild, als dies Charles Clarke getan hatte, ihrem Unmut über die mit ihnen vorgenommene Prozedur in lauten Worten Luft.

Die Badediener hatten ihre Patienten nacheinander an den Rand des Bassins gestellt und die Hüllen abzuwickeln begonnen, ehe sie von dem sonderbaren Kampf im Wasser etwas wahrnahmen, denn Charles Clarke hatte gerade den Kopf seines Opfers bis zum Grunde niedergedrückt; als endlich der Unglückliche wieder auf der Oberfläche erschien, begann er beim Anblick seiner Gehilfen ein jammervolles Hilfsgeschrei; diese standen anfangs ganz erstaunt da, ohne sich die eigentümliche Scene erklären zu können, sie mochten an irgend einen unglücklichen Zufall glauben und beugten sich, die halb von ihren Hüllen befreiten Herren stehen lassend, herab, um ihrem Gefährten die Hand zu reichen und ihn aus dem Wasser emporzuziehen. Aber schnell war Charles Clarke aus dem Bassin herausgeklettert, und der nächst erreichbare der Gehilfen flog, von seinem kräftigen Stoß geschleudert, zu dem alten Wärter in das Bassin hinab. Die übrigen mochten glauben, daß der gegen sie anstürmende, einem wilden, drohenden Meergott gleichende Patient von einem plötzlichen Wahnsinnsanfall erfaßt sei, sie versuchten sich zu verteidigen, aber Charles Clarke bearbeitete sie mit regelrechten Boxerstößen; die übrigen Saxoborussen, die sich inzwischen ihrer Hüllen entledigt hatten, nahmen, ohne zu wissen, um was es sich eigentlich handelte, Partei für ihren Freund, es entstand ein wildes, ringendes Durcheinander, und in wenigen Augenblicken befanden sich, von Charles Clarkes gewaltigen Stößen überwältigt, die sämtlichen Badegehilfen in dem Bassin, jedoch nicht, ohne daß sie in ihrem wilden Ringen die Saxoborussen mit hinabgerissen hätten.

Der Kampf setzte sich in dem eiskalten Wasser fort, denn nachdem der erste Schreck des Bades überwunden war, schlossen sich die Saxoburussen laut jubelnd und lachend mit Charles Clarke zusammen, um die beiden Aufgangstreppen gegen die unglücklichen Badediener zu verteidigen und diese, so oft sie sie nur erwischen konnten, immer wieder von neuem unterzutauchen.

Während diese chaotische Verwirrung immer höher stieg, erschienen zwei neue Badegehilfen mit dem Colonel Coombe und Mr. Willis.

»Zu Hilfe!« riefen die Badediener im Wasser. – »Zu Hilfe, Colonel! Zu Hilfe, Mr. Willis!« rief Charles Clarke ebenfalls, und schnell sprang er wieder die Treppe hinauf, um die beiden Herren aus ihren Hüllen zu befreien; die Träger dieser aber wendeten sich beim Anblick des Kampfes in dem wild aufspritzenden Wasser schleunigst zur Flucht und eilten, ihre bewegungslos eingewickelten Patienten über der Schulter, wieder auf den Korridor hinaus. Die im Wasser befindlichen Badediener benutzten den Augenblick, um die Treppe hinaufzusteigen und durch die offene Tür ihren Gefährten nachzueilen. Die Saxoborussen folgten, sie warfen, vor Kälte zitternd, die an den Wänden hängenden Bademäntel um und stürmten auf, den Flur des Kellergeschosses hinaus. Die verfolgten Badediener, die die nach oben führende Treppe nicht mehr gewinnen konnten, rissen eine Zwischentür auf und flüchteten nach einer Abteilung des Souterrains, zu der man auf einer zweiten Treppe hinabstieg und wo sich das kalte Vollbad für die Damen befand. In dem Augenblick, in dem sie sich auf die Treppe stürzten, erschien auf ihr, die Stufen herabsteigend, eine robuste Aufwärterin, die Miß Maggins, ebenfalls einer Mumie gleich bis zum Halse eingehüllt, über die Schulter gehängt hatte. Der Badediener, der den Colonel trug, sah seinen Weg versperrt, er blieb stehen und rief laut um Hilfe, da Charles Clarke ihn schon erreicht hatte, während sich seine Genossen triefend, vor Frost bebend und ebenso laut schreiend als er, um ihn drängten.

In diesem Augenblick erschien, durch den ungeheuren Lärm herbeigerufen, der Doktor Binzer auf der Treppe. Die Saxoborussen rissen Charles Clarke zurück und drängten ihn in den dunkeln Korridor, wo er, halb wütend, halb lachend sich hoch und teuer verschwor, alle Badediener in dem kalten Wasser zu ersäufen.

»Aber um Gottes willen, was geht hier vor, meine Herren,« sagte der Doktor Binzer, »wie kommen Sie hier in diese Abteilung – es ist ein unerhörter Verstoß gegen die Ordnung des Hauses!«

Er versuchte eine strenge Miene zu machen, aber es war ihm kaum möglich, sie festzuhalten, denn der Anblick der in ihre Bademäntel drapierten Saxoborussen und der wassertriefenden Aufwärter war in der Tat von einer zu grotesken Komik. Die Badediener brachten ihre Beschwerden, alle durcheinander sprechend, vor. Dem Träger des Colonels und der Aufwärterin mochten ihre Last zu schwer geworden sein, sie setzten die beiden regungslos eingewickelten Gestalten auf die Treppe nieder. Jetzt erst erkannte Miß Maggins die Situation in ihrem ganzen Umfange.

»Shocking – Shocking – Shocking!« rief sie laut kreischend, »das ist ein Attentat, das ist ein Mord, mehr als ein Mord!« Und noch lauter aufschreiend beugte sie ihren Kopf so tief, als sie es vermochte, gegen die Treppenstufen nieder.

Der Colonel saß mit starren Blicken neben ihr, Mr. Willis war einige Stufen tiefer auf die Treppe niedergesetzt.

»Doktor!« rief der Colonel, »ich befehle, daß man mich fortträgt, auf der Stelle, machen Sie diesem unerhörten Skandal ein Ende!«

»Ja, ich befehle, daß man mich fortträgt!« rief auch Mr. Willis, seine großen, hellen Augen weit aufreißend, »man soll mich forttragen mit dem Colonel.«

»Nehmen Sie die Herren auf,« befahl der Doktor, und schnell schritt er nach dem Herrenvollbade hin. Die Aufwärter folgten ihm mit dem Colonel und Mr. Willis, die Saxoborussen zogen Charles Clarke mit sich fort.

»Nun, meine Herren,« sagte der Doktor, nachdem er die Tür geschlossen hatte, »jetzt erklären Sie mir um Gottes willen, was dies bedeutet! Sie begreifen, daß eine solche Unordnung meine Anstalt auf das höchste kompromittiert!« »Dieser Mensch,« rief Charles Clarke, auf den alten Badewärter deutend, »hat sich einen sehr schlechten Scherz mit mir erlaubt, Doktor; er hat mich in das kalte Wasser gestoßen und ich habe ihn und die andern Schufte alle dafür ein wenig untergetaucht.«

»Aber mein Gott,« sagte der Doktor lachend, »das gehört ja zur Kur, – er hat nur seine Schuldigkeit getan.«

»Teufel,« sagte Charles Clarke ein wenig besänftigt, »dann lassen Sie Ihre Kur brauchen, von wem Sie wollen, ich habe keine Lust zu solchen Scherzen. Die Kerle sollen hingehen und etwas Warmes trinken auf meine Rechnung; wenn dies verwünschte kalte Wasser zur Kur gehört, so habe ich ihnen ja nur eine Wohltat erwiesen.«

»Nun,« erwiderte der Doktor, »ich werde die Sache der Dame erklären, sie wird sich beruhigen – die Kostüme bei dieser sonderbaren Matinee waren ja durchaus dezent, wenn auch etwas ungewöhnlich.«

»Tun Sie das, Doktor,« rief Charles Clarke, der ebenfalls einen Bademantel umgehängt hatte, »aber ich schwöre Ihnen, daß man mich nicht zum zweitenmal in diese nassen Tücher einwickeln soll.«

»Herr Doktor,« sagte der alte Badediener, »das ist nicht alles – es ist nicht alles, es ist etwas in dem Bassin, etwas Geheimnisvolles, ich fürchte, man hat gefährliche Wassertiere hineingesetzt; o mein Gott, mein Gott, welche Unordnung in unserm stillen, friedlichen Hause!«

»Es ist etwas in dem Bassin?« fragte der Doktor.

»Er träumt!« rief Charles Clarke schnell, »er träumt, was sollte in dem Bassin sein?«

Der alte Badediener hatte den Hahn des Zuflußrohres geschlossen, schnell leerte sich das Bassin, und bald sah man unter dem abfließenden Wasser die weißen Köpfe einer bedeutenden Anzahl von Champagnerflaschen emportauchen.

»Ei, ei, meine Herren,« sagte der Doktor, »das sind ja sonderbare Wassertiere! Sie scheinen in der Tat auf jede Weise die Ordnung meines Hauses zu verletzen.«

»Was wollen Sie, Doktor!« rief Charles Clarke, »ich habe den Vorrat da in der Stadt entdeckt und hier in Sicherheit gebracht; wie zum Teufel konnte ich wissen, daß dieses Bassin, das ich für einen kühlen Keller hielt, zu Ihren Kurzwecken benutzt würde?«

»Ich verlange mein Bad, ich halte es nicht mehr aus. man soll mich loswickeln!« rief der Colonel.

»Tragen Sie die Flaschen in die Zimmer dieser Herren,« befahl der Doktor den Badewärtern, »dieser Wein muß heute noch aus der Anstalt entfernt werden. – Nun, meine Herren, bitte ich Sie, sich zurückzuziehen, damit der Colonel und Mr. Willis ihr Morgenbad nehmen können; ich werde versuchen,« sagte er, mühsam seine Heiterkeit unterdrückend. »Miß Maggins wieder zu beruhigen.«

Die Saxoborussen zogen sich zurück, die durchnäßten Badediener trugen die Flaschen fort und fanden, nachdem Charles Clarke jedem von ihnen eine Handvoll blanker Guldenstücke gegeben hatte, daß die ganze Sache doch ein vortrefflicher Spaß sei. Der Colonel und Mr. Willis wurden endlich von ihren Banden befreit und gelangten zu ihrem vorschriftsmäßigen Vollbade. Miß Maggins überschüttete den Doktor mit einer Flut von bitteren Vorwürfen, sie weinte und schalt lange, endlich aber ließ sie sich dennoch überzeugen, daß das Ganze ein harmloses Mißverständnis sei; sie erschien zögernd und ihr Gesicht mit dem Taschentuch bedeckend am Arme des Doktors am Frühstückstisch und gewann ihre Ruhe und Unbefangenheit erst wieder, als Herr von Sarkow ihr die Versicherung zuflüsterte, daß sie in jenem verhängnisvollen Augenblick ihn in ihrer klassischen Schönheit an den Raub der Proserpina und an den Kampf um die entführten Sabinerinnen erinnert habe. Auch der Colonel beruhigte sich, als Miß Maggins die ganze Sache von der heiteren Seite auffaßte; der Professor Rotin aber und ganz besonders Fräulein Célie lachten bis zu Tränen, als ihnen die Ursache des außergewöhnlichen Lärms am frühen Morgen erzählt wurde, und so stellte sich bald die heitere Eintracht in der kleinen Kolonie wieder her, die der politische Wettersturm hier in der stillen Heilanstalt zusammengewürfelt hatte.

Der Vormittag verfloß wie gewöhnlich, Charles Clarke begleitete den Professor Rotin und dessen schöne Tochter auf einem Ausflug nach der Burgruine von Windeck; der arme, gelähmte Mann hatte es sich bis jetzt versagen müssen, den interessanten Punkt zu besuchen, da der steile und steinige Weg für ihn in seinem Rollwagen unpassierbar schien, Charles Clarke aber versprach, ihn hinauszuschaffen, und hielt sein Wort, indem er mit der Kraft seiner stählernen Muskeln den Wagen des alten Herrn vor sich herschob und ihn, wenn der Weg zu viel Schwierigkeiten bot, wie eine leichte Last ohne jeden Schein von Anstrengung über die Hindernisse hinweghob. Der Professor war glücklich, und Fräulein Célie bewunderte die Kraft und Gewandtheit des jungen Mannes, der ihr zuweilen fast wie ein Wilder erschien und der dann doch wieder voll so zarter, liebevoller Aufmerksamkeiten war und wie ein gehorsames Kind jeden ihrer Wünsche erfüllte.

Zuweilen hatte das in dem Mittelpunkt der verfeinerten und überfeinerten Zivilisation aufgewachsene Mädchen nicht übel Lust, über die derbe Natürlichkeit dieses Sohnes der Wildnis zu lachen und auf seine kindlich naiven Bemerkungen eine spöttische Antwort zu geben; aber wenn er dann so sicher und gewandt die steilsten Abhänge erkletterte, um ihr eine wilde Rose zu pflücken, die sie auf der Höhe bemerkt hatte, wenn er mit der Kraft eines Athleten und mit der zärtlichen Sorgsamkeit eines liebevollen Kindes ihren Vater in seinem Wagen über Geröll und Felswege hinüberführte, wenn er dann wieder so treuherzig, mit ihr sprach und sie dabei so warm und innig mit seinen großen, leuchtenden Augen ansah, dann verschwand jede spöttische Regung aus ihrem Herzen, sie fühlte sich von jenem Zauber umfangen, den überlegene Kraft stets auf die weibliche Natur um so sicherer ausübt, je mehr sie mit weicher Zartheit der Empfindung sich verbindet, und wenn der junge Hurone mit dem Stiernacken und den braunen, sehnigen Händen von seiner Heimat sprach, von seinem ernsten, strengen Vater, von seiner milden, frommen Mutter, von den dunkeln Wäldern, den riesigen Strömen und den sonnigen Wiesen des fernen Weltteils, dann klangen seine Worte wie ein Gedicht, wie ein Märchen aus einer edeln und reinen, in der ursprünglichen Frische der Schöpfung atmenden Welt, so daß Fräulein Célie ihm fast mit Ehrfurcht und Andacht zuhörte. Aber auch der Professor Rotin fand besonderen Reiz an seiner Unterhaltung; Charles Clarke hatte alle großen Städte des Kontinents gesehen, er hatte die Geschichte und die Völkerentwicklung Europas studiert, die Kunstschätze Italiens bewundert, er sprach von dem allem mit Geist und Verständnis, und dabei waren seine Auffassungen oft so neu, so eigenartig überraschend, daß der gelehrte Herr bald lächelnd, bald erstaunt nicht müde wurde, ihm zuzuhören und ihn zu immer neuen Mitteilungen anregte. Fräulein Célie erschloß sich in der Unterhaltung mit Charles Clarke eine ganz neue Welt, und fast schien es ihr, als ob ihr ganzes früheres Leben bedeutungslos in Schatten versinke vor der Kraft, der Frische und dem Reichtum des Geistes und der Empfindung der gewaltigen Natur dieses jungen Mannes, der oft unbändig die Formen der Gesellschaft abschüttelte und doch niemals die Grenzen einer natürlichen Anmut und eines sich selbst beschränkenden seinen Gefühls überschritt.

Sie waren auf den alten Burghof der Ruine von Windeck gekommen, der Professor blickte entzückt über das weite Panorama, das sich hier den Blicken öffnete und das weit in der Ferne mit dem nebelgrauen Haardtgebirge und dem glänzenden Silberstreifen des Rheins abschloß. Auf einem alten Turm befand sich eine mit einem Geländer umgebene Plattform, zu der außerhalb an der Mauer eine hölzerne Treppe hinaufführte; Fräulein Célie wünschte diesen höchsten Aussichtspunkt zu ersteigen, der Professor blieb in seinem Wagen unten, und Charles Clarke begleitete das junge Mädchen auf die Plattform. Eine Zeitlang standen sie schweigend dort oben, Fräulein Célie blickte, auf das Geländer gestützt, weit hinaus in die sonnenschimmernde Landschaft, ihre schönen Augen wurden feucht, es überkam sie jene unbestimmte Wehmut, die ein weiter, freier Blick in die große Natur so häufig im Herzen aufsteigen läßt, denn je mehr der in die unbegrenzte Ferne schauende Blick die Ahnung der Unendlichkeit in der Seele aufdämmern läßt, um so mehr empfindet das Menschenherz seine Kleinheit und Einsamkeit und doch wieder um so inniger auch den Zusammenhang mit der geheimnisvollen Macht, die die so weite und so schöne Welt erschaffen hat, erhält und mit ihrer Liebes- und Lebenskraft erfüllt.

Plötzlich fuhr sie aus ihrer sinnenden Träumerei auf. Charles Clarke stand neben ihr, und sie sah, als sie zu ihm aufblickte, in seine großen Augen, die so entzückt, so strahlend auf ihr ruhten, als ob er in ihr den lichten Mittelpunkt der ringsum sich ausbreitenden weiten herrlichen Welt erblicke und als ob all jene sonnenlichte Schönheit vor diesem Mittelpunkt in Schatten versinke.

Verwirrt schlug sie die Augen nieder.

»Mein Vater wartet,« sagte sie hocherrötend, »wir müssen zu ihm zurückkehren.«

Sie wendete sich zu der hölzernen Treppe, aber als sie den Fuß auf die erste Stufe setzte, schien bei dem Blick von der freien Höhe herab ein Schwindel sie zu erfassen, mit einem leichten Aufschrei hielt sie die Hand vor die Augen und trat ängstlich einen Schritt zurück. Schon war Charles Clarke an ihrer Seite, sicher und kräftig und doch zart und vorsichtig faßte er sie in seine Arme, hob sie empor wie ein Kind und stieg so mit ihr die Stufen der Treppe hinab; sie schloß die Augen, aus Furcht, in die Tiefe hinabzusinken, halb betäubt lehnte sie ihr Haupt an seine Schulter, sie hörte die Schläge seines Herzens in seiner breiten Brust, sie fühlte, wie sein Atem über ihr Haar strich, und als sie so sanft und sicher auf dem gefahrvollen Wege in seinen starken Armen ruhte, überkam sie ein wundersames Gefühl wonniger Ruhe und Freude, sie war stolz auf ihn, dessen Kraft sie so leicht trug, in dankbarer, demütiger Hingebung schlug ihm ihr Herz entgegen, und doch hätte sie um keinen Preis ihre Augen aufgeschlagen, denn sie fühlte, daß sein Blick auf ihr ruhte und durch ihre Augen bis in ihr Herz dringen würde.

Sie waren am Fuße der Treppe angekommen. Charles Clarke stellte Fräulein Célie sanft auf den Boden nieder, und mit einem schweren Seufzer sagte er ganz traurig:

»Wir sind schon unten, die Treppe ist so kurz.«

Einen flüchtigen, ganz flüchtigen Blick nur schlug sie zu ihm auf, als sie ihm dankend die Hand reichte, aber so kurz dieser Blick auch war, so hatte er doch in ihm lesen können, daß auch sie vielleicht die Kürze des Weges, den sie in seinen Armen ruhend zurückgelegt hatte, bedauern mochte; höher flammten seine Augen auf, und aus seiner Brust drang ein eigentümlicher, freudig triumphierender Ton hervor, ähnlich dem Schrei des Raubvogels, der sich stolzen Fluges zur lichten Höhe emporschwingt.

Fräulein Célie eilte zu ihrem Vater hin, erzählte ihm, daß ein Schwindel sie erfaßt habe, und auch der alte Herr dankte Charles Clarke für seine Hilfe, während er forschend in das errötende und verwirrte Gesicht seiner Tochter blickte.

Ganz glücklich kehrte Charles Clarke von seinem Ausflug kurz vor der Mittagsmahlzeit nach der Anstalt zurück. Herr von Sarkow hatte ihn ungeduldig erwartet und führte ihn zu einem längeren eifrigen Gespräch beiseite, infolgedessen der keiner Ermüdung zugängliche Hurone noch einmal durch die Weinberge nach dem Städtchen eilte und erst einige Zeit nach dem Beginn der gemeinsamen Tafel im Speisesaal erschien. Er brachte eine große dunkle Flasche mit, die er vor sich auf den Tisch stellte, als er seinen Platz neben Fräulein Celie einnahm.

»Es ist unmöglich, Doktor,« sagte er lachend, »immerfort dies nüchterne Wasser zu trinken, und da Sie mein vortreffliches Getränk, das ich in Ihrer verwünschten Wassergrube versteckt hatte, mit dem Interdikt belegt haben, so habe ich mir hier dafür ein Surrogat mitgebracht, gegen das Sie gewiß nichts einwenden werden. Es ist harmloser Himbeersaft,« fügte er hinzu, seine Flasche entkorkend und sein Wasser mit der roten Flüssigkeit mischend.

Mißtrauisch bat ihn der Doktor, das Getränk kosten zu dürfen.

»In der Tat,« sagte er, »dagegen will ich nichts einwenden, obgleich das unverfälschte Wasser gesünder ist.«

Infolge dieser Erlaubnis teilte Charles Clarke Fräulein Celie und Miß Maggins von seinem Himbeersaft mit; beide Damen fanden die Mischung vortrefflich und bedauerten, daß sie nicht längst auf diese Erfindung zur Verbesserung des kurmäßigen Getränks verfallen wären. Miß Maggins söhnte sich durch diese Aufmerksamkeit mit Charles Clarke, den sie anfangs noch mit strengen und strafenden Blicken angesehen hatte, vollständig aus, und die Tafel verlief unter allgemeiner Heiterkeit.

Als sich die Gesellschaft am Abend wieder zusammenfand, brachte Charles Clarke abermals seine dunkle Flasche mit; diesmal war der Doktor nicht da, um den Inhalt zu kosten, und abermals nahmen die Damen dankbar die Mischung an, denn heute war auch der Professor Rotin mit seiner Tochter auf deren dringende Bitte beim Souper erschienen.

Mein Himbeersaft ist zu Ende,« sagte Charles Clarke, als Miß Maggins prüfend ihr stark duftendes Glas erhob, »es ist diesmal Ananaslimonade, die ich glücklicherweise noch in der Stadt aufgetrieben habe.«

Miß Maggins kostete und schien von dem Geschmack sehr befriedigt. Herr von Sarkow bog sich ein wenig herüber, zog den aromatischen Duft dieses Getränks ein und sagte ganz vergnügt:

»Gib mir auch davon, Charles; und Sie, Colonel, ich rate Ihnen, diese Limonade zu kosten.«

Ein wenig widerstrebend ließ der Colonel von Charles Clarke die geheimnisvolle Flüssigkeit sich in sein Wasser gießen; als er aber gekostet hatte, zeigte seine Miene eine freudige Ueberraschung, und er leerte die Hälfte seines Glases mit einem kräftigen Zuge. Auch Fräulein Célie verschmähte das Getränk nicht, obgleich sie schalkhaft zu Charles Clarke aufblickte und leicht drohend den Finger erhob. Herr von Sarkow nahm die Flasche und schenkte seinen Freunden und Mr. Willis daraus ein. Die Saxoborussen nickten Charles Clarke vergnügt und verständnisvoll zu, Mr. Willis aber rief, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen, mit übermäßig weit aufgerufenen Augen:

»Gott verdamm' mich, das ist noch besser wie gestern, das ist wahrhaftig vortrefflicher Ananaspunsch!«

»Ananaslimonade, in der Tat Ananaslimonade!« rief Charles Clarke, während Graf Steinborn Mr. Willis so kräftig in die Seite stieß, daß dieser erschrocken das verhängnisvolle Wort halb verschluckte.

»Sehr gut, in der Tat sehr gut,« sagte Miß Maggins, indem sie in immer kräftigeren Zügen ihrem Glase zusprach; mit jedem Zug, den sie tat, wurde ihre Miene lächelnder, ihr Blick feuriger, und immer huldvoller neigte sie sich in flüsterndem Gespräch Herrn von Sarkow zu, der seinerseits nur für sie Augen zu haben schien und sich in Aufmerksamkeiten gegen sie erschöpfte. Der Colonel blickte ein wenig mißtrauisch nach der so eifrigen Unterhaltung herüber, aber Herr von Sarkow machte ihm dann ein Zeichen des Einverständnisses, worauf Mr. Coombe jedesmal wieder ganz zufrieden lächelte.

Der Abend war lau und mild.

»Wir haben gestern noch lange im Garten gesessen,« sagte Herr von Sarkow, als das Souper beendet war; »leider hatten uns die Damen ihre Gesellschaft entzogen; heute bitte ich im Namen aller meiner Freunde, daß die Damen uns nicht wieder so trauriger Einsamkeit überlassen; das Schicksal hat uns alle hier zusammengeführt, wir müssen uns alle als eine Familie betrachten und gemeinsam die Wasserqual erdulden, die der Doktor über uns verhängt.«

Er reichte Miß Maggins seinen Arm, und diese folgte ihm ohne Einwendung, indem sie sich mit einem zärtlichen Blick an seine Seite schmiegte. Fräulein Célie wußte die Besorgnisse ihres Vaters vor der kühlen Abendluft schmeichelnd zu beseitigen, sie hüllte ihn sorgsam in ihren eignen Shawl, und Charles Clarke schob den Rollstuhl des alten Herrn in den Garten hinaus. Das nächtliche Dunkel wurde durch die Sterne kaum erhellt, die Bosketts ringsum lagen in tiefem Schatten. Die Gesellschaft verteilte sich plaudernd nach verschiedenen Seiten. Die Herren hatten ihre Gläser mitgenommen, und das so hinterlistig unter falscher Firma eingeschmuggelte Getränk trug dazu bei, die allgemeine Heiterkeit immer noch zu vermehren. Charles Clarke blieb bei dem Professor und Fräulein Celie, er sprach eifrig mit gedämpfter Stimme zu ihnen, und das junge Mädchen schlug mehrmals vergnügt lachend in die Hände, indem sie leise sagte:

»Das ist reizend, welch allerliebste Ueberraschung!«

Niemand hatte auf Miß Maggins geachtet, Herr von Sarkow hatte sie nach einer der kleinen Lauben in dem das Haus umgebenden Gebüsch geführt; hier stand eine schmale Bank unter dem tiefen Schatten der überhängenden Zweige. Herr von Sarkow drückte die Dame sanft auf diese Bank nieder und setzte sich an ihre Seite.

»O,« sagte Miß Maggins in ihrer sonderbar gebrochenen Sprache, »wie dunkel ist es da, wir sind allein hier!«

Der leise, zarte Vorwurf, der im Tone ihrer Stimme lag, wurde durch einen sanften Händedruck ausgeglichen.

»Ja,« sagte Herr von Sarkow, indem er ihre etwas harte und magere Hand an seine Lippen führte, »ja, wir sind allein, und so kann ich Ihnen denn sagen, was mir schon lange auf den Lippen schwebt, was ich auszusprechen die Pflicht habe, – die Pflicht –« »O mein Herr – was wollen Sie sagen – was werde ich hören?«

»Miß Maggins,« sagte Herr von Sarkow, indem er ihre Hand abermals an seine Lippen drückte, »Sie werden geliebt, sehr geliebt.«

»O, o!« stöhnte Miß Maggins, und als ob diese erschreckende Mitteilung sie zwinge, einen Schutz und eine Stütze zu suchen, lehnte sie sich zitternd an Herrn von Sarkow an, so daß ihr Gesicht dem seinen ganz nahe kam, und seine Lippen ihre Wange berührt haben würden, wenn er sich nicht in ehrfurchtsvoller Scheu zurückgezogen hätte.

»Ja,« sprach er weiter, »Sie werden geliebt, ich weiß es.«

»Sie wissen es; o, Sie müssen es wissen!« hauchte Miß Maggins.

»Ja, ich weiß es, und der Sie liebt, ist ein Gentleman, ein tadelloser Gentleman.«

»Ja, ja,« flüsterte sie, sich immer dichter an ihn schmiegend, »ein Gentleman, ein Ritter wie Ivanhoe.«

»Ja, in der Tat,« sagte Herr von Sarkow, »ein Ritter, der seine Proben abgelegt hat, dessen Arm stark genug ist. Sie zu schützen in allen Gefahren des Lebens. Er hat Ihnen bis jetzt fern gestanden –«

»Ich weiß es nicht mehr.« hauchte Miß Maggins in sein Ohr – »er ist mir nah, o, so nah.«

»Und er hat keinen sehnlicheren Wunsch,« fuhr Herr von Sarkow fort, »als Ihnen für immer zu gehören; ungeduldig wartet er auf das Wort, das ihm sein Glück verkünden soll – o Miß Maggins, lassen Sie ihn nicht vergebens warten, nicht vergebens hoffen, sprechen Sie das Wort der Erhörung, das ihn mit allen Wonnen des Himmels erfüllen wird.«

»Und wie heißt das Wort?« fragte sie, an seine Seite hingegossen.

»Es heißt,« erwiderte Herr von Sarkow: »Ich liebe ihn, der mich liebt.«

»Wenn er es denn noch nicht weiß,« lispelte sie, ihre beiden Hände fest um die seinigen schlingend und ihr Haupt an seiner Brust bergend – »wenn ich es dann noch aussprechen soll: ich liebe ihn. der mich liebt,« fügte sie leise, am ganzen Körper zitternd, hinzu. Herr von Sarkow hustete, wie von einem plötzlichen Anfall ergriffen, zweimal heftig und laut.

Da klang ein leises Zischen von dem Gartenplatz her, ein Lichtschein zuckte durch die Dunkelheit, und im nächsten Augenblick war der ganze Platz mit dem Hause und den Bosketts tageshell von rotglühendem Licht überstrahlt.

Charles Clarke hatte neben der Eingangstür des Hauses eine große bengalische Flamme angezündet, und in dem plötzlich aufsprühenden feenhaften Licht derselben sah man jedes Blättchen der Bäume, jede Gruppe der Gesellschaft haarscharf in rotem Glanz.

Fräulein Célie stieß einen Freudenruf aus und klatschte laut in die Hände. Auch die Gruppe in der kleinen Laube war hell beleuchtet; Miß Maggins, die ihr Gesicht mit geschlossenen Augen an Herrn von Sarkows Brust barg, bemerkte die plötzliche Erleuchtung nicht, sie blieb in den Armen des jungen Mannes ruhen, in ihrem gelben Kostüm einem reifen, vom Sturm geknickten Aehrenhalm ähnlich.

Ein Schrei der Entrüstung unterbrach die Stille, die auf die plötzliche Ueberraschung gefolgt war; mit drohenden Blicken, bebend vor Wut stürmte der Colonel nach der Laube hin.

»Ah, mein Herr,« knirschte er, »das ist stark, so halten Sie Ihr Wort, so belohnen Sie mein Vertrauen?«

Miß Maggins zuckte zusammen und hob den Kopf auf. Das helle Licht strahlte ihr entgegen, sie sah den Colonel vor sich stehen, sie sah alle diese neugierig auf sie gerichteten Blicke, und laut aufschreiend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Herr von Sarkow aber stand auf.

»Ja, Colonel,« sagte er laut, »ich habe mein Wort gehalten, ich habe Ihr Vertrauen gerechtfertigt – Miß Maggins kennt Ihre Gefühle, Ihre Hoffnung ist erfüllt, Ihre Hingebung ist belohnt; soeben hat diese Dame, der Sie Ihre ritterliche Verehrung geweiht, mir das holde Geständnis zugeflüstert: ich liebe den, der mich liebt. Seien Sie glücklich, Colonel, und denken Sie in Ihrem Glück Ihres Freundes, der für Sie gesprochen und den Bann des scheuen Stolzes überwunden hat, der zwei liebende Herzen trennte.«

Miß Maggins ließ ihre Hände schlaff herabsinken, ihre Augen öffneten sich fast ebenso übermäßig weit als diejenigen des Mr. Willis, die Falten ihres Gesichts zuckten und zitterten, sie sah Herrn von Sarkow mit einem unbeschreiblichen Blick an, und aus ihren bebenden Lippen hervor zitterte es:

" Shocking! – Shocking!"

Aber der Colonel hörte dies bedenkliche Wort nicht.

»O Miß Maggins!« rief er, »ist das möglich? – Sie wollen meine Liebe annehmen, Sie wollen mir gehören? – Das ist zu viel Glück – zu viel Glück.«

Er ließ sich etwas mühsam auf ein Knie nieder und bedeckte die mageren Hände der fassungslosen Dame mit seinen Küssen.

»Ziehen Sie Ihr Geständnis nicht zurück.« flüsterte Herr von Sarkow Miß Maggins ins Ohr, »bedenken Sie, was man sagen würde, was man vermuten könnte!«

Miß Maggins saß immer noch starr und unbewegt da, noch einmal schleuderte sie Herrn von Sarkow einen vernichtenden Blick zu, aber schon war die ganze Gesellschaft herbeigekommen, um ihre Glückwünsche auszusprechen. Strahlend vor Freude kniete der Colonel vor ihr und schien in stummer Bitte sie um ein Wort der Bestätigung seines Glücks anzuflehen.

Da zuckte es stolz, höhnisch, herausfordernd um ihre schmalen Lippen, sie stand auf und neigte mit dem Anstand einer Königin dankend ihr blondes Lockenhaupt gegen die sich in Glückwünschen erschöpfende Gesellschaft. Auch der Colonel war aufgesprungen, stürmisch drückte er Herrn von Sarkow so fest an seine Brust, daß dem jungen Mann fast der Atem verging, dann nahm er Miß Maggins Arm und führte sie zu dem Rollstuhl des Professors Rotin, der dem Brautpaar in herzlichen Worten seine Teilnahme aussprach. Fräulein Célie aber gab sich die äußerste Mühe, um ihre immer von neuem ausbrechende Heiterkeit durch den eifrigen und lebhaften Ausdruck ihrer Freude zu erklären, während Mr. Willis im Kreise umherging und allen Herren, einem nach dem andern, die Hände fast aus dem Gelenk schüttelte.

Charles Clarke war verschwunden. Nach kurzer Zeit kehrte er mit den aus dem Wasserbassin nach seinem Zimmer verbannten Champagnerflaschen zurück; ohne sich um das starre Erstaunen des in der Tür stehenden Aufwärters zu kümmern, ließ er die Pfropfen springen, füllte die Wassergläser mit dem schäumenden Traubenblut, und während die ganze Gesellschaft auf das Wohl des Colonels und der künftigen Mistreß Coombe trank, zündete er eine bengalische Flamme nach der andern an, so daß der Garten abwechselnd in blauem, weißem und rotem Licht strahlte.

Atemlos kam der Doktor Binzer an, der von seiner Wohnung aus den hellen Lichtschein bemerkt hatte und eine plötzlich ausgebrochene Feuersbrunst fürchten mochte; entsetzt blieb er stehen, als er in der feenhaften Beleuchtung seine ganze Badegesellschaft mit den vollen Gläsern in der Hand erblickte, die Charles Clarke und seine Freunde immer von neuem füllten. Der Colonel führte ihm Miß Maggins entgegen und teilte ihm das freudige Ereignis mit.

»Ich bin ganz gesund, Doktor, ganz gesund!« rief er; »fort mit Ihrem schlechten Wasser, jetzt wird das Feuer der Liebe mein Arzt sein!«

Obgleich diese poetischen Worte für das herbstliche Alter der beiden Neuverlobten ein wenig hyperbolisch klangen, nickte ihnen Miß Maggins doch hold verschämt Beifall zu. Ehe der Doktor antworten konnte, hatte ihm Charles Clarke bereits ein gefülltes Glas in die Hand gedrückt; alle stießen mit ihm an, er wagte in einem so außerordentlichen Fall nicht, gegen die Verletzung der Kurvorschriften zu protestieren, und bald war unter seinem Vorsitz ein so ausgelassen fröhliches Trinkgelage hergestellt, wie es vielleicht niemals in den Räumen einer Wasserheilanstalt stattgefunden haben mochte. Charles Clarke holte seinen ganzen Vorrat herbei, man stellte alle Lampen des Hauses zwischen die Bosketts, und endlich wurde auch Miß Maggins so glücklich und fröhlich, als ob die unerwartete Wendung ihres Lebenslaufs auch ihre sehnsüchtigsten Wünsche gekrönt hätte.

Als endlich lange nach der Mitternachtsstunde der Vorrat erschöpft war und der Doktor ernstlich zur Ruhe mahnte, da rief der Professor Rotin vergebens nach seiner Tochter; die ganze Gesellschaft stimmte laut in den Ruf nach Fräulein Célie ein – man hörte ein Rascheln von geknickten Zweigen in den Bosketts, und das junge Mädchen trat ein wenig verwirrt aus der kleinen Laube hervor, in der vorhin Herr von Sarkow sich zum Anwalt der Liebe des Colonels gemacht; zugleich erschien Charles Clarke an der entgegengesetzten Seite des Gartens, indem er ebenfalls wie die andern laut nach Fräulein Célie rief. Als er sah, daß die Gesuchte bereits gefunden war, schob er den Rollstuhl des kopfschüttelnden Professors sorgsam durch die Haustür nach dessen Zimmer hin, und hätte der alte Herr sich auf der Schwelle seiner Wohnung umgesehen, so hätte er einen flüchtigen Händedruck der beiden jungen Leute und einen ebenso flüchtigen Blick bemerken können, der aber dennoch deutlich zeigte, daß das Verständnis zwischen ihnen auch ohne fremde Vermittlung ebenso vollständig und vielleicht noch vollständiger und inniger hergestellt war, als dies Herr von Sarkow zwischen dem Colonel und Miß Maggins getan hatte.

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