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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Zwanzigstes Kapitel

Bei der Abendtafel in der Anstalt war der Doktor Binzer nicht gegenwärtig, da er den Abend in seiner Familie zubrachte, und die ganze Gesellschaft war auch meist nach den anstrengenden Bädern und Spaziergängen des Tages so ermüdet, daß sich jeder sogleich zur Ruhe zurückzuziehen pflegte, nachdem das Souper eingenommen war, das aus kalter Küche bestand und bei dem wieder klares Quellwasser als Abendtrunk diente. Auch heute standen die großen Wasserflaschen symmetrisch auf dem Tisch geordnet. Die Saxoborussen konnten sich bei dem Anblick derselben eines leisen Schauders nicht erwehren, da sie sich zu dem Grundsatz der alten Legionäre des Herzogs von Wellington bekannten, daß das Wasser von der Natur zum äußerlichen Gebrauch bestimmt sei, und namentlich seit den Tagen Noahs, da es zum Vertilgungsmittel der sündigen Welt bestimmt wurde, nur mit äußerster Vorsicht innerlich angewendet werden dürfe.

Charles Clarke aber fuhr fort, sich äußerst vergnügt die Hände zu reiben, freilich wurde seine Heiterkeit ein wenig herabgestimmt, als er erfuhr, daß der Professor Rotin durch einen stärkeren Gichtanfall in seinem Zimmer zurückgehalten werde und daß Fräulein Célie ihrem Vater als treue Pflegerin Gesellschaft leiste; indes überwand er auch diesen peinlichen Eindruck, es schien, daß die Ueberraschung, die er seinen Freunden nicht verraten wollte, ihn ganz und gar beschäftigte.

Miß Maggins war also die einzige Dame an der Abendtafel, und sie nahm ihren Platz an der Spitze derselben mit feierlicher Würde ein. Für den Colonel Coombe hatte sie nur ein kühles Kopfnicken, während sie Herrn von Sarkow mit einem holdseligen Lächeln und einem halb mütterlich zärtlichen, halb jungfräulich verschämten Blick begrüßte.

Charles Clarke hatte sich mit den beiden Brüdern George Dudley und Edward Howkins dem Colonel Coombe gegenüber gesetzt und versuchte, ihn in eine heitere englische Konversation hineinzuziehen, was ihm jedoch nicht gelang, denn Mr. Coombe wurde immer feierlicher und einsilbiger, je eifriger und liebenswürdiger sich Miß Maggins in ihre Konversation mit Herrn von Sarkow vertiefte. Die wundersamen und überraschenden französischen Worte und Redewendungen, deren sie sich dabei bediente, ließen den jungen Mann häufig in helles, fröhliches Lachen ausbrechen, wodurch dann Miß Maggins, die diese unwiderstehliche Heiterkeit für eine Wirkung ihrer geistvollen Bemerkungen halten mochte, ebenfalls immer fröhlicher wurde und immer eifriger und huldvoller sich mit ihren Nachbarn unterhielt.

Noch hatte niemand dem kalten Wasser zugesprochen. Es war ein frischer Abend, und in dem zu ebener Erde nach dem schattigen Garten hin gelegenen Speisesaal herrschte eine ziemliche Kühle, die wenig geeignet war, Neigung nach dem kalten Getränk zu erwecken; nur Miß Maggins hatte pflichtschuldigst ihr Glas gefüllt, es aber, nachdem sie es mit den Lippen berührt, leicht fröstelnd wieder zurückgestellt. Charles Clarke schien ein wenig ungeduldig, er erhob sein Glas und trank nach englischer Sitte mit einer leichten Verbeugung auf das Wohl des Colonel Coombe; dieser füllte zögernd sein Glas zur Hälfte und hob es dann, die Flüssigkeit ein wenig bedenklich betrachtend, an seine Lippen, um die Höflichkeit zu erwidern, wobei Mr. Willis wie immer seinem Beispiel folgte. Als der Colonel vorsichtig einen kleinen Schluck getrunken hatte, drückte seine Miene zuerst ein grenzenloses Erstaunen aus; er berührte sein Glas noch einmal mit den Lippen, schmeckte hörbar mit der Zunge, als ob seinen Geschmacksnerven ein sonderbares und schwer zu lösendes Problem aufgestoßen sei, dann aber überflog sein Gesicht ein wohlgefälliges, zufriedenes Lächeln, er nickte Charles Clarke, der ihn gespannt beobachtet hatte, mit einer Freundlichkeit zu, deren man seine strengen, feierlichen Züge gar nicht für fähig gehalten haben würde, und leerte dann mit einem langen Zuge sein Glas bis auf den Grund.

Auch Mr. Willis, der sich für verpflichtet gehalten hatte, die seinem vornehmen Freunde und Vorbilde erwiesene Höflichkeit auch seinerseits zu erwidern, blieb nach dem ersten Schluck, den er aus seinem Glase getan, in starrem Erstaunen mit weit geöffneten Augen sitzen, ein Ausruf schien auf seinen Lippen zu schweben, er sah den Colonel unruhig fragend und erwartungsvoll an; als dieser jedoch schmunzelnd sein Glas leerte, tat auch er es und rieb sich dann ebenso vergnügt wie Charles Clarke die Hände, indem er in ein lautes, lustiges Lachen ausbrach, das er jedoch schnell wieder unterdrückte, als Mr. Coombe ihm einen verwunderten und strafenden Blick zuwarf. Beide füllten indes ihre Glaser wieder, und die Stimmung des Colonels schien plötzlich so erheblich verbessert, daß er den übrigen Saxoborussen und sogar Herrn von Sarkow artig und verbindlich zutrank. Als diese, um ihm nachzukommen, ihre Gläser an die Lippen führten, zeigte sich auf ihren Gesichtern das gleiche, schnell vom höchsten Erstaunen bis zur lebhaftesten Befriedigung und Heiterkeit übergehende Mienenspiel, alle leerten ihre Gläser, um sie sogleich wieder zu füllen, und Graf Steinborn kommandierte laut einen Salamander auf das Wohl von Charles Clarke, den die übrigen alle jubelnd ausführten.

»Was sagt ihr zu meiner Ueberraschung.« sagte Charles Clarke, ganz strahlend vor Vergnügen, in deutscher Sprache, »nicht wahr, das war eine gute Idee?«

»Vortrefflich!« riefen die Saxuborussen, »sehr gut, sehr gut.« sagte auch der Colonel Coombe, indem er mit der Zunge über seine Lippen fuhr, und alle füllten aufs neue ihre Gläser mit der hellen Flüssigkeit, in der sie einen ausgezeichnet bereiteten kalten Grog von Arrak erkannt hatten, der in seiner äußeren Erscheinung von dem klaren Quellwasser gar nicht zu unterscheiden war.

»Das ist noch nicht alles, noch lange nicht alles.« sagte Charles Clarke, »meine Ueberraschung fängt erst an, wartet nur, ihr werdet euch noch mehr wundern, wie gut ich für euch gesorgt habe.«

Die Unterhaltung wurde lebhafter, je eifriger die Herren dem von Charles Clarke bereiteten Getränk zusprachen, das so wasserhell unschuldig aussah und doch so viel feurigen Geist in sich barg.

Miß Maggins hatte alle diese Vorgänge kaum beachtet, sie war zu sehr vertieft in ihre Unterhaltung mit Herrn von Sarkow – die Eisrinde, die so lange ihr jungfräuliches Herz umgeben, schien plötzlich aufgetaut, mit immer huldvollerem Lächeln neigte sie sich immer vertraulicher zu ihrem Nachbar hin, der bald auflachte, bald ängstlich ein wenig seitwärts rückte. Das einfache Souper war beendet, die Teller mit kalter Küche waren unter dem guten Appetit der Gäste fast vollständig geleert; die große Uhr in dem Speisesaal schlug zehn, die Stunde der Ruhe war gekommen, da am nächsten Morgen bereits um fünf Uhr die hydropathische Behandlung der Patienten, unter der sich die Saxoborussen ebenfalls einzureihen versprochen hatten, beginnen sollte.

Miß Maggins erhob sich, da der Aufwärter verwundert und mahnend an der Tür erschien, mit einem leisen Seufzer.

»Bon soir, monsieur,« sagte sie mit ihrem scharfen Gutturalton – »dormez bon, – je vous désire un bel rêve de quelque chose aimable – mais c'est difficile ici – je dormais toujours mauvais – pour dormir bon il me faut deux matelots – et ici on a un seulement ... un seul matelot – et il est si grossier.«

Während sie Herrn von Sarkow ganz sprachlos anstarrte, fuhr sie lächelnd mit halb flüsternder Stimme fort:

»Mais cette nuit je dormirai bon, je serai content de mon matelot unique et je rêve de quelque chose si agréable – oh indeed very agreeable.«

»Deux matelots – c'est fort,« rief Graf Steinborn, »vive ta matelotte, Sarkow!«

Unter allgemeinem Jubel klangen die Gläser aneinander; Miß Maggins hatte die Worte nicht verstanden, sie mochte den lauten Jubelruf für eine Huldigung halten und verneigte sich dankend nach allen Seiten. Auch Mr. Coombe begriff nicht recht, um was es sich handelte, er hatte sich wie lauschend vorgebeugt und bei den Worten »dormir« und »rêve« verständnisvoll mit dem Kopfe genickt. Als Miß Maggins sich huldvoll gegen die jungen Leute verneigte, deren Heiterkeit immer lauter und stürmischer ausbrach, stand er auf, leerte sein Glas und sagte, mühsam die Worte herausstoßend:

»Oh – oui, – je rêve de vous, – toujours – oh toujours, – rêve de moi – moi serai heureux!«

Er ergriff ihre Hand und drückte einen feurigen Kuß auf diese; Mr. Willis, der hinter ihm stand, drängte sich schnell heran und versuchte ebenfalls, die Hand der ganz starr dastehenden Dame zu ergreifen; während Mr. Coombe ihn mit einem kräftigen Ellbogenstoß zur Seite schleuderte, riß Miß Maggins ihre Hand zurück und warf den Kopf heftig empor.

»Shocking!« – klang es in zischendem Ton von ihren Lippen, und mit einem letzten, vernichtenden Blick auf den erschrocken zusammenzuckenden Colonel war sie aus dem Saale verschwunden.

Der Colonel Coombe blieb einen Augenblick ganz gebrochen stehen, als seine feurige Galanterie in so niederschmetternder Weise zurückgewiesen wurde; dann aber gewann er unter dem Einfluß des vortrefflichen Grogs und der allgemeinen Lustigkeit seine gute Laune wieder und schloß sich gern dem mit allgemeiner Zustimmung angenommenen Vorschlage an, noch draußen im Garten zusammenzubleiben, da an der Tür des Speisesaals der Aufwärter bereits ungeduldig wartete, um die Tafel abzudecken. Man trug die Wasserflaschen mit den freilich nicht mehr sehr bedeutenden Resten des eingeschmuggelten Getränks, sowie die Gläser hinaus. Der Auswärter, ein etwas mürrischer, herkulisch gebauter Mann von etwa fünfzig Jahren, der für den Doktor Binzer eine Art von Geheimpolizei in der Anstalt bildete und jede kurwidrige Extravaganz sogleich denunzierte, war zwar ein wenig verwundert über diese späte Sitzung und erinnerte brummend an die frühe Stunde des Beginns der Kur am nächsten Morgen, aber er konnte doch nichts dagegen einwenden, daß die Herren noch ein Glas kalten Wassers in der kühlen Abendluft draußen trinken wollten. So begnügte er sich denn mit der dringenden Mahnung, daß man nicht vergessen möge, die Flaschen und Gläser wieder in den Saal zurückzustellen, und zog sich dann kopfschüttelnd in seine Kammer zurück, um wenigstens seinerseits die volle Nachtruhe ungeschmälert zu genießen.

Die eigentümlich zusammengesetzte kleine Gesellschaft begab sich in eine große Laube, die, dem Hause gegenüber, von dichten Bosketts umgeben lag, in denen sich einzelne kleinere lauschige Sitzplätze befanden, um den Kurgästen Gelegenheit zu geben, während des Tages einsam oder in kleineren Gesellschaften die frische Luft und den kühlen Schatten zu genießen.

»Es ist ein guter Spaß, ein sehr guter Spaß,« fügte Mr. Coombe, »ich habe schon lange gemerkt, daß mein Magen gar nicht in Ordnung war, die Bäder und Duschen dieses eigensinnigen Doktors würden weit besser wirken, wenn man innerlich etwas Erwärmendes zu sich nehmen könnte, und da wir nun hier unter uns sind, so wollen wir auch ganz lustig sein und eine Zigarre rauchen, die der Doktor wegen der Damen sonst so streng verbietet. Mr. Willis, haben Sie Zigarren bei sich? Ich stecke niemals mein Etui in die Tasche, Miß Maggins könnte das riechen, und sie würde sehr böse sein.«

Mr. Willis und die Saxoborussen boten dem Colonel bereitwillig von ihrem Vorrat des verpönten Krautes an. bald glühten die Zigarren hell durch die Dunkelheit, und die allgemeine Fröhlichkeit wurde nur dadurch beeinträchtigt, daß der Inhalt der Flaschen sich gar zu schnell erschöpfte. Seufzend beugte der Colonel seine Flasche über das leere Glas, um noch die letzten Tropfen aufzufangen, aber diese genügten kaum, um seine Lippen zu befeuchten, und auch die übrigen Herren bedauerten lebhaft, daß der fröhlich begonnene Abend so schnell schon wieder zu Ende sein sollte.

»Wartet einen Augenblick,« sagte Charles Clarke, »ich habe euch gesagt, daß meine Ueberraschung noch nicht zu Ende sei, ihr werdet sehen, daß ich nichts halb tue und für euch wie ein Vater gesorgt habe.«

Er eilte in das Haus und kehrte nach kurzer Zeit zu der neugierig wartenden Gesellschaft zurück; er trug in einen Plaid gewickelt eine geheimnisvolle Last, die er in einer Ecke der Laube in das dunkle Gebüsch niedersetzte.

»Jetzt gebt eure Gläser,« sagte er; »alle nach der Reihe, wir wollen einen Salamander reiben auf die Damen im Hause, niemand darf trinken vor dem Kommando.«

Die Gläser wurden ihm gereicht, er füllte sie in seiner Ecke, dann trat er an den Tisch, und als auf das Kommando alle ihre Gläser an die Lippen führten, hörte man die in das Glas hineinschallende Stimme des Mr. Willis, der ganz glücklich rief:

»Champain – by God – Champain

»Silentium!« donnerte Charles Clarke – ein gurgelnder, zischender Laut unterbrach den Ruf des Mr. Willis, und der Salamander wurde korrekt zu Ende gerieben. Dann aber brach ein allgemeiner Jubel aus, denn das so geheimnisvoll eingeschenkte Getränk war in der Tat wahrhaftiger Champagner gewesen. »Ein Hoch unserm Wohltäter!« rief Graf Steinborn. »Wie hast du das möglich gemacht, der Wein ist so frisch und so kalt, als käme er aus dem besten Eiskeller, – eine solche Findigkeit kann man nur bei den Büffel- und Bärenjagden in den huronischen Wildnissen lernen – wo hast du ein Versteck in diesem Hause für den verbotenen Nektar gefunden?«

»Das ist mein Geheimnis,« sagte Charles Clarke, indem er die Gläser von neuem füllte, »ich werde euch das nicht verraten, denn wir müssen haushälterisch damit umgehen. Ich habe in der Weinhandlung im Städtchen den ganzen Vorrat gekauft und mit List hierher gebracht, fragt nicht, sondern begnügt euch mit der Ration, die ich euch täglich zumessen werde.«

Die Heiterkeit wurde jetzt von Minute zu Minute größer, es entwickelte sich eine regelrechte und commentmäßige Kneipe, bei der man nur den Gesang der Lieder vermied, um die Bewohner des Hauses nicht aufzuwecken. Mr. Willis war unendlich vergnügt und erzählte in einem wunderbaren, aus englischen und deutschen Sätzen gemischten Idiom eine Menge von Geschichten, auf die niemand hörte und die niemand zu verstehen vermochte, die aber dennoch äußerst spaßhaft sein mußten, da er selbst von Zeit zu Zeit in lautes und lang anhaltendes Lachen ausbrach. Der Colonel Coombe hatte lange in sinnendem Nachdenken dagesessen, endlich aber stand er auf, nahm Herrn von Sarkows Arm und führte ihn aus der Laube auf den vom Sternenschimmer matt erleuchteten freien Platz vor dem Hause.

»Mein Herr,« sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er sich zu dem Ohr des ganz erstaunten jungen Mannes herüberneigte, was eine vollkommen überflüssige Vorsicht war, da niemand von der übrigen Gesellschaft die Entfernung der beiden beachtet hatte oder unter der allgemeinen lauten Unterhaltung ihr Gespräch zu belauschen vermocht hätte, »mein Herr, Sie und Ihre Freunde alle sind vortreffliche Kameraden, regelrechte Gentlemen – das sehe ich wohl, und deswegen habe ich Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen.«

»Sprechen Sie, Colonel,« sagte Herr von Sarkow, immer mehr verwundert. »Ich war zornig auf Sie,« fuhr Mr. Coombe fort – »sehr zornig.«

»Ah, in der That?« fragte Herr von Sarkow in einem Ton, der deutlich bewies, daß diese eigentümliche Eröffnung durchaus nicht geeignet schien, ihm irgendwie Besorgnisse einzuflößen.

»Doch ich bin es nicht mehr,« sprach Mr. Coombe schnell wie beruhigend weiter, »ich habe geglaubt, daß Sie Miß Maggins den Hof machten.«

»O mein Gott!« rief Herr von Sarkow laut lachend, »dieser Gedanke – Miß Maggins könnte ja meine Mutter sein.«

»Nicht so laut,« flüsterte der Colonel – »nicht so laut – ja, ja. Sie haben recht, ich habe es ja jetzt gesehen, daß Sie nicht daran denken, und in der Tat, es war töricht von mir, aber sie war freundlich zu Ihnen und zu mir immer so unfreundlich, das hat mich geärgert, sehr geärgert – denn sehen Sie, ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen – dieser schöne Abend öffnet mein Herz. Ich liebe Miß Maggins, und ich würde glücklich sein, wenn sie mich wieder lieben und mir ihre Hand reichen wollte. Sehen Sie, mein Freund, ich bin ein jüngerer Sohn meiner Familie, ich bin Offizier in Indien gewesen, ich habe meinen halben Sold – das ist ganz gut hier auf dem Kontinent, aber in England ist das wenig, sehr wenig für einen Gentleman, und Miß Maggins ist reich, ich kenne ihre Familie von London, sie hat eine gute Erbschaft gemacht vor einigen Jahren, und wir würden sehr angenehm und komfortabel leben können, und sie ist noch hübsch, recht hübsch, sie paßt für mein Alter und ist von guter Familie – alles wäre so schön, so schön, aber sie ist so abstoßend, so unfreundlich gegen mich!« sagte er ganz traurig mit einem tiefen Seufzer.

Die Dunkelheit überhob Herrn von Sarkow der Mühe, die außerordentliche Heiterkeit zu verbergen, mit der ihn dies durch die heiteren Geister des Champagners hervorgelockte Liebesgeständnis des so steifen und feierlichen Engländers erfüllte.

»Seien Sie nicht mutlos, Colonel,« sagte er, »ein Mann wie Sie ist wohl gemacht, um spröde Herzen zu erobern, und wenn Miß Maggins sich kalt und abstoßend gegen Sie zeigt, so ist das, wie mir scheint, gerade ein günstiges Zeichen. Ich bin noch jung, aber ich habe doch einige Erfahrungen gemacht, glauben Sie mir, die Frauen sind oft gegen den am strengsten, den sie am meisten lieben, – es ist der Kampf des Stolzes gegen die Neigung, sie fürchten sich vor ihrem eignen Herzen.«

»Sie glauben das, Sie glauben das wirklich?« rief Mr. Coombe. indem er seine langen Arme um Herrn von Sarkows Schultern schlang und den jungen Mann stürmisch an seine Brust drückte.

»Ich glaube es ganz gewiß, Colonel, Miß Maggins fürchtet sich vor ihrem eignen Herzen.«

Der Colonel blickte eine Zeitlang ganz glücklich zu den Sternen auf.

»Ja. ja,« sagte er, »es kann so sein, ich will hoffen, daß es so ist; o, Sie geben wir die Hoffnung wieder – aber tun Sie noch mehr, stehen Sie mir bei – geben Sie mir Gewißheit.«

»Wie das, Colonel?« fragte Herr von Sarkow erschrocken.

»Hören Sie,« sagte Mr. Coombe – »Miß Maggins hat Vertrauen, Neigung zu Ihnen –«

»Wie zu einem Kinde – vielleicht hat sie einen Neffen, an den ich sie erinnere –«

»Vielleicht – doch gleichviel, sie hört auf Sie, mir weicht sie aus – ich habe nun einmal Vertrauen zu Ihnen – erforschen Sie ihr Herz, Sie sind unbefangen. Sie werden die Wahrheit entdecken. Sie werden mir sagen, ob ich Hoffnung habe. Sie können ihr von meiner Liebe sprechen, mich würde sie nicht anhören; o, ich bitte Sie, mein Herr, ich habe es wahrend meiner Dienstzeit in Indien verlernt, mit den Frauen umzugehen. Sie verstehen das besser, sprechen Sie für mich, handeln Sie für mich, ich werde Ihnen dankbar sein für mein ganzes Leben.«

Herr von Sarkow war in der Tat erschrocken und verwirrt, er begriff nicht, wie er die Bitte des Colonels erfüllen sollte, der vielleicht schon am nächsten Morgen wenn der Champagnergeist verflogen sein würde, sein Vertrauen bereuen konnte. Die Rolle eines Liebesvermittlers zwischen zwei wildfremden Menschen erschien ihm lächerlich und bedenklich, und es widerstrebte ihm zugleich, mit dem Vertrauen eines braven und ehrlichen Mannes, der der Colonel entschieden war, leichtfertig Scherz zu treiben; doch aber reizte ihn wieder der Gedanke an das tolle Spiel, in das er hier hineingezogen werden sollte, und es lockte ihn die Aufgabe, diesem einsamen Manne, der vertrauensvoll um seine Hilfe bat, ein freundliches Alter und eine behagliche Häuslichkeit zu schaffen.

»Gut, Colonel,« sagte er nach kurzem Besinnen, »ich verspreche Ihnen, zu tun, was ich kann; ich will hören, ich will für Sie sprechen, ich will ehrlich Ihr Vertrauen rechtfertigen, so gut ich es vermag, aber Sie müssen mir keine Schuld beimessen, wenn ich ungeschickt bin und der Erfolg nicht Ihren Wünschen entspricht.«

»Niemals, niemals, mein Freund!« rief Mr. Coombe, indem er ihn von neuem in seine Arme schloß – »niemals werde ich Ihnen Schuld geben, wie es auch kommen möge, zählen Sie immer auf meine Dankbarkeit und Freundschaft; wenn mir keine Hoffnung bleibt, so will ich wenigstens Gewißheit haben, die ich mir allein nicht verschaffen kann – nein, nein, ich würde es niemals wagen, zu sprechen.«

»Morgen also werde ich meinen Feldzug beginnen,« sagte Herr von Sarkow; »jetzt aber lassen Sie uns zurückkehren zu den andern, damit man unsre Abwesenheit nicht bemerkt.«

Noch einmal schüttelte der Colonel die Hand seines jungen Freundes, dann nahmen beide ihre Plätze in der Laube wieder ein, und unter lauter Fröhlichkeit wurden die von Charles Clarke herbeigebrachten Flaschen völlig geleert. Die Mitternachtsstunde war bereits vorüber, Charles Clarke weigerte sich entschieden, noch weiteren Vorrat herbeizubringen, da nach der Hausordnung der Tag bereits um fünf Uhr beginnen sollte und nur noch wenige Stunden der Ruhe übrig waren. Man warf die leeren Champagnerflaschen über die Gartenhecke in die Weinberge, spülte die Wasserflaschen und Gläser am Brunnen aus, und nachdem auf diese Weise jede Spur der schweren Verletzung der Hausordnung vertilgt war. kehrte die Gesellschaft in das Haus zurück, um den Schlaf aufzusuchen, dessen auch die Saxoborussen trotz ihrer jugendfrischen Elastizität nach all den Unruhen der letzten Zeit dringend bedurften.

Luiz Antonio sprach seinem Freunde noch in glühenden Worten von seiner Liebe, er mahnte ihn an sein Versprechen, ihm beizustehen, für ihn zu denken und zu handeln, um die Blüte eines süßen und doch so wehmütig traurigen Glücks zu pflücken, die so schnell verwelken mußte und nur der Erinnerung ihren duftigen Kelch zu öffnen bestimmt war. Voll innigen Mitleids drückte Herr von Sarkow noch einmal die Hand seines Freundes. Während dieser halb träumend leiser und leiser in seiner weichen, melodischen Muttersprache Worte der Sehnsucht und Liebe vor sich hinflüsterte, suchte er ebenfalls sein Lager auf und dachte über die wunderbare Fügung nach, die ihn aus seiner Heimat im fernen Pommern hierhergeführt hatte, um mit seinen so jungen Händen in das Lebensschicksal zweier Menschen einzugreifen, deren Existenz ihm noch vor kurzem so ganz fremd gewesen war. Sein junger schwärmerischer Freund mit dem Herzen voll südlicher Glut verlangte seine Hilfe, um dem feindlichen Schicksal einen lichten Sonnenblick abzuringen, der dann weit hinaus sein Leben erleuchten sollte und doch vielleicht so bald vor dunkeln Wetterwolken oder vor noch heller strahlendem Lichte erblassen würde – und der steife Engländer rief ihn um Beistand an für seine herbstlich kühle Liebe, deren Wärmegrad sich nach der Skala der Zinsrente seiner Auserwählten bestimmte und an deren ruhiger Flamme er sein Alter behaglich erwärmen wollte. Wohl mischten sich in diese Gedanken des jungen Studenten Zweifel, ob er es verantworten könne, zu solchem Spiel die Hand zu bieten, aber voll schmerzlichen Mitleids sagte er sich, daß die flammende Leidenschaft des Freundes seiner vorsichtigen Führung und Mahnung bedürfe, und daß andrerseits der Colonel alt genug sei, um es selbst zu verantworten, wenn er auf dem Wege, den er so eifrig verfolgte, sein Glück nicht finden sollte.

Die tiefe Ermüdung machte all diesen Gedanken ein Ende – der Traum führte vor die Seele des Entschlummerten das väterliche Schloß im heimischen Pommern herauf – grüßend rauschten die Wipfel des Buchenwaldes, und aus ihrem Schatten trat eine schlanke Gestalt in hellem Gewände – blonde Locken umflossen das edle, liebliche Antlitz – tiefe blaue Augen strahlten ihm licht und warm entgegen – seine lächelnden Lippen flüsterten in tiefem Atemzug: »Agnes – meine Agnes!

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