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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Achtzehntes Kapitel

Die Nacht, die Herr von Sarkow in der dunkeln Gefängniszelle verbrachte, war wohl geeignet, den kecken Jugendübermut zu dämpfen, mit dem er bisher die ganze revolutionäre Bewegung als eine Art von Fastnachtsscherz betrachtet hatte und dieser vorzugsweise die komischen Seiten abzugewinnen bestrebt gewesen war. In der tiefen Stille der Nacht, von völliger Dunkelheit umgeben, hörte er jenseits der schweren Eichentür nur die Schritte der auf dem Gange auf und ab gehenden Schildwache und das Rasseln des Schleppsäbels auf den Steinfliesen; von fern her drang zuweilen der Klang roher, wüster Stimmen aus der Wachtstube, in der die Freischärler, denen die Bewachung des Gefängnisses anvertraut war, den ihnen reichlich gelieferten Wein zechten und in immer wachsendem Rausch den Sieg der großen Revolution im voraus feierten. Diese wilden, unheimlich durch die stille Nacht klingenden Stimmen mahnten Herrn von Sarkow in schauerlicher Weise daran, daß er sich in der Gewalt fanatischer und erbitterter Feinde befand, die durch die von allen Seiten heranrückenden Truppen immer mehr in die Enge getrieben und in der Verzweiflung zu grausamen Racheakten gedrängt werden konnten. Er und seine Freunde hatten mit übermütiger und fast herausfordernder Offenheit der Revolution ihre Verachtung und ihren Widerwillen gezeigt; diese plötzliche Arretierung und die schwere Haft mußten einen ernsten und wohlüberlegten Zweck haben: entweder wollte man sich der jungen Leute vorkommendenfalls als Geiseln bedienen oder man wollte vielleicht auch ein abschreckendes Beispiel allen denen geben, die es wagen sollten, Zweifel an der Berechtigung und dem Siege der Revolution öffentlich zu zeigen; in dem einen wie in dem andern Fall mußte aber die den Gefangenen bevorstehende Zukunft eine sehr bedenkliche und gefahrvolle sein, und die große französische Revolution, deren Beispiele man in so vielen Kleinigkeiten nachzuahmen suchte, zeigte hinlänglich, wie leicht der einmal geweckte Blutdurst eines fanatisierten Volkes mit Menschenleben umspringt, wenn es gilt, dem Götzenbilde der Freiheit ein Opfer zu bringen.

Herr von Sarkow versuchte, ob er durch Klopfen an die Wand seinen Freunden ein Zeichen geben könne, wenn einer von diesen vielleicht in einer Nebenzelle eingeschlossen sein sollte; allerdings erfolgte auf sein Klopfen auch eine dumpfe, wie aus weiter Ferne vernehmbare Antwort von der andern Seite der Wand her, aber es fehlte ihm ja jedes Mittel, sich auf diesem Wege irgendwie verständlich zu machen, auch konnte er nicht wissen, ob wirklich einer seiner Gefährten und nicht etwa ein ganz fremder Gefangener in der Nebenzelle eingeschlossen sei, und als er, in der Hoffnung, verstanden zu werden, durch die Zahl der Schläge die Buchstaben des Alphabets anzudeuten versuchte, donnerte die Schildwache mit heftigen Schlägen gegen die Tür und gebot drohend Ruhe.

Herr von Sarkow streckte sich auf seine Pritsche aus, und als gegen Morgen ein unruhiger Schlummer sich auf sein Haupt herabsenkte, sah er in seinen Träumen jene Schreckensbilder der französischen Revolution, die ihn schon bei dem Geschichtsunterricht seiner ersten Jugend mit schauderndem Entsetzen erfüllt hatten – bald glaubte er auf der Guillotine festgebunden zu sein und über seinem Haupte das Klirren des verhängnisvollen Messers zu hören, das sich im nächsten Augenblick herabsenken sollte, um seinem Leben ein Ende zu machen, – oder er sah Haufen von Sansculotten vor sich, die auf ihren Piken Menschenköpfe trugen und mit drohendem Hohngeschrei zu seiner Verfolgung heranstürmten; in atemlosem Lauf flog er davon, immer näher kamen die Verfolger, da brach er mit einem Aufschrei des Schreckens zusammen, um in Schweiß gebadet zu erwachen. Das erste Morgenlicht fiel durch das vergitterte Fenster in die Zelle, und die wachsende Tageshelle übte auf den jungen Mann ihren belebenden und ermutigenden Einfluß. So unruhig sein Schlummer auch gewesen war, so hatte er dennoch seiner erschöpften Natur die jugendliche Kraft wiedergegeben, der trotzige Mut erwachte wieder in seiner Brust, und wenn er sich auch jetzt noch über die immerhin drohenden Gefahren seiner Lage nicht täuschen konnte, so erschienen ihm diese im freundlichen Morgenlicht doch nicht mehr so unmittelbar nahe und so schreckhaft gespenstisch, wie dies in der nächtlichen Finsternis der Fall gewesen war. Vor allem aber empfand er eine fast freudige Genugtuung bei dem Gedanken, den revolutionären Machthabern seine stolze Ueberlegenheit und seine furchtlose Verachtung zu zeigen, und während sein Blick sich frisch und freudig durch die Gitterstäbe des Fensters zu dem blauen Himmel emporrichtete, flüsterte er leise vor sich hin: »Virtus sola bonorum corona!«

Der Wächter trat ein und brachte ihm einen frischen Krug Wasser und ein Brot. Man hatte es bei der Arretierung am Abend vorher unterlassen oder vergessen, den Gefangenen ihre Barschaft abzunehmen; Herr von Sarkow bot dem Mann einige Gulden für einen Schoppen Wein, und bei der geringen Disziplin, die unter der revolutionären Regierung stattfand, wurde sein Anerbieten bereitwillig angenommen; auch teilte der Wächter ohne Bedenken mit Herrn von Sarkow den belebenden Frühstückstrunk, doch erklärte er, außer stande zu sein, ihm irgend etwas über den Grund seiner Verhaftung oder das ihm bevorstehende Schicksal mitzuteilen, alles sei auf unmittelbaren Befehl Metternichs durch dessen Adjutanten vorgenommen und sämtlichen Wachen das strengste Stillschweigen bei schwerer Strafe anbefohlen worden.

Das klang beunruhigend und ließ fast auf eine dunkle Gewalttat schließen, die der wilde Turnerführer beabsichtigen mochte und die ganz zu seinem finsteren und rachsüchtigen Charakter paßte. Herr von Sarkow sann nach, wie es wohl möglich sein möchte, nach außen hin von seiner Lage irgend eine Kunde zu geben, denn das Verschwinden der Saxoborussen konnte bei diesen unruhigen Zeiten um so leichter einige Tage lang unbeachtet bleiben, als die jungen Leute wohl sonst schon in plötzlicher Laune irgend einen Ausflug in die Umgegend gemacht hatten. Der Freischärler, ein ziemlich gutmütig aussehender Ackerknecht aus der Umgegend, zeigte für seinen Gefangenen, der während seines Nachsinnens fortwährend heiter und lebhaft mit ihm plauderte und ihm den größten Teil des Inhalts der von ihm zum vier- bis fünffachen Preise erkauften Flasche überließ, freundliche Teilnahme; er sprach ihm Mut ein und meinte, es würde wohl so schlimm nicht werden – er habe freilich gehört, daß der Kommandant gesagt, man müsse mit allen Verrätern kurzen Prozeß machen; aber er könne sich denn doch nicht denken, daß ein so freundlicher junger Mann ein Verräter an der heiligen Sache des Volkes sein solle, es müsse wohl ein Mißverständnis vorliegen, das sich dann aufklären werde.

»Ganz recht, ganz recht, mein Freund,« sagte Herr von Sarkow, in dessen Kopf ein Gedanke aufblitzte, »es ist ein Mißverständnis, natürlich, man muß uns für andre gehalten haben, wir sind ja Studenten, die überall für die Freiheit einstehen – stoßen wir an, die Freiheit soll leben.«

Der Freischärler leerte sein Glas.

»Aber freilich,« sagte Herr von Sarkow, »es kann einige Zeit vergehen, bis sich das alles aufklärt, und ich möchte so gern eine Nachricht in die Stadt senden, damit man sich nicht über mich beunruhigt. Könntet Ihr mir wohl einen Brief besorgen, es soll mir auf fünf Gulden nicht ankommen?«

»Nein, Herr,« sagte der Freischärler kopfschüttelnd – »nein, Bürger,« verbesserte er sich, »nein, das geht durchaus nicht, das könnte mich den Kopf kosten, der Befehl ist zu streng.«

»Der Befehl bezieht sich doch nur,« erwiderte Herr von Sarkow, »auf mögliche politische Mitteilungen, da man uns arme, unbedeutende Studenten durch ein unerklärliches Mißverständnis eben nun einmal für politische Verschwörer hält, aber davon ist ja gar keine Rede; wißt Ihr wohl,« sagte er, den Freischärler vertraulich auf die Schulter schlagend, »man hat ja doch so seine kleinen Herzensangelegenheiten, und das ist's allein, was mir Sorge macht, daß mein Schatz in Angst um mich sein könnte. Ich will ihr nur sagen, daß ich hier bin, und daß sie ruhig warten möge, bis ich freigelassen werde; Ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, und das hat ja mit der Politik und mit Eurem Dienst gar nichts zu tun.«

»Wenn es so ist – dann freilich,« sagte der Freischärler zögernd – »ich habe auch einen Schatz zu Hause, und ich kann mir denken, daß Eure Liebste um Euch in Unruhe ist.«

»Nun also,« sagte Herr von Sarkow, »Ihr begreift, daß das ganz unverfänglich ist, nur eine kleine, persönliche Gefälligkeit, wofür ich Euch wieder einmal erkenntlich sein werde. Ihr begreift wohl, wenn ich wirklich ein Verschwörer wäre, so würde ich mich den Teufel um solche kleine Herzensgeschichten kümmern.«

»Nun, es sei,« sagte der Freischärler, »Ihr gefallt mir, und ich glaube auch nicht, daß Ihr ein Verbrechen auf dem Gewissen habt – aber,« fügte er zögernd, mit mißtrauischem Blick hinzu, »ich muß sehen, was in dem Briefe steht, auf geheime Botschaften kann ich mich nicht einlassen.«

»Das versteht sich von selbst,« sagte Herr von Sarkow lachend; »gebt mir ein Stück Papier und einen Bleistift, und Ihr sollt genau lesen, was ich schreibe.«

»Ich habe eine Brieftasche bei mir,« sagte der Freischärler, »um die Befehle zu notieren, – es wird mir freilich ein bißchen schwer zu schreiben, aber man behält es doch besser und macht keine Fehler.«

Er zog ein großes Notizbuch mit schwarzrotgoldenem Deckel aus der Tasche, riß ein Blatt aus diesem und gab es Herrn von Sarkow mit dem Bleistift; dann stellte er sich, während der junge Mann auf einem hölzernen Tisch schrieb, ganz dicht neben ihn, jeden der Schriftzüge aufmerksam verfolgend, während Herr von Sarkow laut und deutlich die Worte las, die er langsam und mit großen Buchstaben auf das Papier schrieb:

»Ich sitze im Zellengefängnis, man hält mich unbegreiflicherweise für einen Spion oder Hochverräter. Vergessen Sie mich nicht. Auf Wiedersehen, wenn ich frei werde.«

Er unterzeichnete C. S., faltete dann das Papier und schrieb die Adresse an Fräulein Dorchen Treuberg.

Der Freischärler schien zufrieden.

»Hm, da steht freilich nichts Verfängliches drin,« sagte er treuherzig, »den Brief zu besorgen, das kann ich schon verantworten.«

»Nicht wahr,« sagte Herr von Sarkow, indem er seinem Wächter noch den letzten Rest aus der Flasche einschenkte, worauf dieser mit dem Versprechen, das Billet zu besorgen, sobald er abgelöst werden würde, die Zelle wieder verschloß und den Gefangenen dem so wenig angenehmen und aufreibenden Warten auf eine aufklärende Entscheidung überließ.

Im Laufe des Vormittags erschien dann plötzlich der Kommandant Metternich selbst, säbelklirrend und finsteren, drohenden Blicks in der Zelle; einer seiner Adjutanten begleitete ihn. Herr von Sarkow bemerkte, daß ein andrer Freischärler die Tür öffnete, die Wache mußte also gewechselt sein, und er durfte hoffen, daß sein früherer Wächter bereits sein Versprechen erfüllt und den Brief besorgt haben würde, wodurch dann wenigstens irgend eine Nachricht über das Schicksal der Gefangenen nach außen gelangt war, der einzige Schritt, den er hatte tun können, um eine heimliche Gewalttat zu verhindern. Metternich warf sich auf einen Stuhl, den man ihm hereintrug, der Adjutant stellte ein Schreibzeug auf den Tisch und breitete ein Aktenstück daneben aus. Es handelte sich also um ein Verhör, durch das man vielleicht den Gefangenen einschüchtern und zu kompromittierenden Aussagen veranlassen wollte. Herr von Sarkow setzte sich auf seinen Schemel, drückte seine weiße Mütze auf den Kopf und erwartete, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, die weitere Entwicklung der sonderbaren Scene.

»Sie haben erklärt, Bürger Student,« sagte Metternich mit seiner rauhen Stimme, »daß Sie ein Feind der glorreichen Revolution sind und daß Sie eine Niederlage des Volkes im Kampf für seine Freiheit wünschen. Ich habe diese Ihre Erklärung selbst im Badischen Hof gehört.«

»Halt, mein Herr,« sagte Herr von Sarkow, »Sie citieren nicht genau, ich habe nur erklärt, daß ich diese Revolution hier nach meiner Auffassung als Untertan des Königs von Preußen für Hochverrat und Rebellion halte; daß ich ihr feind bin, habe ich nicht gesagt, und ich glaube nicht, daß man mir eine feindliche Handlung gegen die jetzt hier herrschende Macht vorwerfen kann.«

»Gleichviel, das sind Redensarten,« fiel Metternich ein, »Sie wünschen die Niederlage des Volkes, und um diesen Wunsch zu erfüllen, haben Sie mit Ihren Konsorten auf dem Riesenstein eine Laterne aufgezogen, um dadurch der Armee der Fürstenknechte, die der sogenannte Prinz von Preußen kommandiert, Zeichen zu geben, wie es hier in der Stadt steht.«

Herr von Sarkow lachte laut auf.

»Erstens, mein Herr, weiß ich von den militärischen Angelegenheiten Ihres Volksheeres nichts; zweitens habe ich keinen Begriff, wo die heranrückenden Truppen stehen; um ein Zeichen auf dem Riesenstein zu sehen, müßten sie allerdings schon drüben am Neckar angekommen sein; drittens aber ist es mir völlig unverständlich, wie eine einfache Laterne über dem Riesenstein als ein Zeichen verstanden werden soll – wenn übrigens die preußischen Truppen so nahe sein sollten,« fügte er hinzu, »als ich nach Ihrer sonderbaren Anschuldigung vermuten muß, so möchte ich Ihnen den wohlmeinenden Rat geben, sich nicht länger hier aufzuhalten.« »Machen Sie keine Ausflüchte!« rief Metternich, »Ihre Spießgesellen haben bereits alles gestanden, Ihr Leugnen kann Ihnen nichts helfen.«

»Ich begreife nicht, was meine Freunde hätten gestehen sollen – übrigens bin ich nicht gesonnen, mich in dem Ton mit Ihnen zu unterhalten, den Sie anzuschlagen belieben; ich werde Ihnen also keine Antwort weiter geben.«

»Bedenken Sie wohl,« schrie ihn Metternich an, »was Sie sagen, ein reuiges Bekenntnis könnte Sie vielleicht retten; bekennen Sie also, was hat jene Laterne zu bedeuten?«

Herr von Sarkow zuckte schweigend die Achseln.

»Warten Sie, warten Sie!« rief Metternich. »Ihr Starrsinn soll gebrochen werden, das Volk weiß, wie es mit den Feinden seiner Freiheit zu verfahren hat – wollen Sie bekennen?« rief er, seinen Säbel grimmig auf den Fußboden stoßend.

Herr von Sarkow wendete sich ab und schien die Anwesenheit des Kommandanten nicht weiter zu bemerken.

»Schreiben Sie, Bürger Adjutant,« schrie Metternich, »schreiben Sie: der Angeklagte leugnet, aber er verwickelt sich in Widersprüche und wagt es, hochverräterische Lästerungen gegen die heilige Sache des Volkes und der Freiheit auszustoßen.«

Herr von Sarkow verharrte in seinem Schweigen; der Adjutant schrieb, Metternich unterzeichnete das Protokoll, und beide verließen die Zelle, die Tür heftig hinter sich zuwerfend.

Herr von Sarkow blieb wieder allein; der Ernst und die Gefahr seiner Lage war ihm durch die Verhörsprozedur noch klarer geworden, er konnte nicht zweifeln, daß der wilde und rachsüchtige Turnerführer die schlimmsten Absichten hege; zugleich aber fand er seinen ganzen Mut wieder, um diesem brutalen Angriff stolz und würdig entgegenzutreten. Er verbrachte den Rest des Tages ruhig, ernst und gefaßt, bereit, wenn es sein müsse, mit dem Leben abzuschließen, und dennoch voll von jener freudigen Hoffnung auf irgend eine günstige Wendung, die der frische, elastische Jugendsinn niemals aufgibt.

Langsam vergingen die einsamen Stunden, und doch schien ihm, als der Abend hereindunkelte, der ganze vergangene Tag, der so gar keine äußeren Merkmale der Erinnerung darbot, nur ein einziger Augenblick zu sein.

Als es schon fast ganz finster geworden war. wurde die Tür aufgeschlossen; ein junger Bursche in blauer Bluse, den Filzhut auf dem Kopf und den Säbel an der Seite, trat herein. Er brachte dem Gefangenen frisches Wasser, ein Stück Brot und eine Mehlsuppe zum Abendessen.

»Bleiben Sie wach,« flüsterte er Herrn von Sarkow zu, als er die Schüssel vor ihn auf den Tisch setzte – »bleiben Sie wach. Sie werden Besuch erhalten.«

»Besuch?« fragte Herr von Sarkow, »wie das, wer sind Sie?«

»Ich bin der Bruder vom roten Schiffer,« erwiderte der Wächter leise, »sie haben mich unter die Freischaren ausgehoben, und ich habe heute die Wache hier – kein Wort weiter, warten Sie.«

Er ging schnell hinaus und schloß die Tür. Herr von Sarkow aß ein wenig von seiner Mehlsuppe, denn er war in der Tat hungrig geworden, dann warf er sich auf seine Pritsche nieder und wartete in fieberhafter Ungeduld, was weiter geschehen werde; denn wenn er auch überzeugt war, daß sein Wächter, wenn dieser wirklich ein Bruder des roten Schiffers war, es ehrlich meine, so vermochte er doch nicht zu begreifen, wie er ihm etwa beistehen könne und welcher Besuch ihm während der Nacht bevorstehen möchte. In bleischwerer Langsamkeit zogen die Minuten dahin; die Uhren der Stadt schlugen eine Viertelstunde nach der andern, jedesmal schien dem Gefangenen eine Ewigkeit zwischen diesen Schlägen zu liegen. Endlich waren die Glockentöne der Mitternachtsstunde verhallt, da hörte Herr von Sarkow, daß der Schlüssel ganz leise und vorsichtig im Schloß umgedreht wurde, die Tür öffnete sich ein wenig, sein Wächter trat herein und diesem folgte, soviel Herr von Sarkow mit seinen an die Dunkelheit gewöhnten Augen erkennen konnte, ein Knabe in weiter Bluse, einen breitkrempigen Hut weit in das Gesicht gedrückt, einen Korb am Arm.

Herr von Sarkow sprang von seinem Lager auf und eilte den Eintretenden entgegen – er fühlte, wie eine weiche, warme Hand die seine erfaßte, der Knabe schmiegte sich an ihn an, und im nächsten Augenblick erkannte er Dorchens Stimme, die ihm zuflüsterte: »Gott sei Dank, es wird gelingen, nehmen Sie schnell meine Bluse, meinen Hut und diesen Korb und gehen Sie hinaus, der Weg ist frei. Zwanzig Schritte rechts vom Tor des Gefängnisses wartet der rote Schiffer, er wird Sie weiter führen.«

»Dorchen – Sie hier!« rief Herr von Sarkow, indem er die zitternd an ihn geschmiegte Gestalt in seinen Arm schloß – »was bedeutet das?«

»Ich habe Ihren Brief erhalten,« erwiderte Dorchen, »konnten Sie zweifeln, daß ich alles aufbieten würde, um Sie zu befreien? – Alles hat sich so glücklich gefügt, der Schiffer kam, um nach Ihnen zu fragen, durch ihn erfuhr ich, daß sein Bruder, den sie gewaltsam unter die Freischaren gesteckt, hier die Wache hatte, wir haben alles verabredet; ich bin in dieser Verkleidung gekommen, um Ihnen einige Flaschen Wein und Lebensmittel zu bringen – alles ist glücklich gegangen, ich bin an der Wachstube vorbeigekommen, ohne daß mich irgend jemand gesehen hat – ziehen Sie schnell meine Bluse an, drücken Sie den Hut ins Gesicht, niemand wird Sie erkennen, und in einem Augenblick werden Sie frei sein.«

Sie machte sich aus seinem Arm los, warf die weite Bluse ab, unter der sie ein anschließendes Mieder trug, und drängte inständig bittend Herrn vor Sarkow zur eiligen Flucht. Der Wächter war auf den Flur hinausgetreten, um aufzupassen, daß niemand sie überraschte; durch die Spalte der halbgeschlossenen Tür warf die trübe Flurlampe einen Lichtschimmer in die Zelle, der das angstvoll erregte Gesicht des jungen Mädchens beleuchtete. Herr von Sarkow zog sie an sich und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Dorchen,« sagte er, »ich danke Ihnen von ganzem Herzen, ich verdiene so viel Liebe, so viel Aufopferung nicht, aber es macht mich unbeschreiblich glücklich, zu sehen, daß es in unsern Tagen so große und edle Herzen wie das Ihre in der Welt gibt.«

»Eilen Sie, eilen Sie,« flüsterte Dorchen, ihn zurückdrängend, »die Minuten sind kostbar!«

»Und Sie,« fragte er – »wenn ich fortgehe, was wird aus Ihnen?«

»Ich bleibe hier,« sagte sie, »an Ihrer Stelle. O, für mich ist das nicht gefährlich, wenn Sie nicht mehr da sind, was kann man mir tun – ist ein armes Mädchen gefährlich? Ich habe nichts zu fürchten.«

»Nichts zu fürchten, armes Kind?« sagte er; »wenn diese Menschen wirklich nach meinem Leben trachten, so werden sie sich furchtbar an Ihnen rächen; nein, nein, Dorchen, niemals nehme ich ein solches Opfer an. Gehen Sie und seien Sie überzeugt, daß Sie mich unendlich glücklich gemacht haben, was auch geschehen möge.«

»O mein Gott.« rief Dorchen, »das ist unmöglich, das darf nicht sein. Sie müssen fliehen, wie sollte ich es ertragen, wenn Ihnen etwas widerführe?«

»Es wird mir nichts widerfahren.« erwiderte Sarkow bewegt, »der liebe Gott ist mit mir, da er ein so treues, edles Herz für mich schlagen ließ.«

»O, diese Menschen,« rief Dorchen – »haben mit dem lieben Gott nichts zu tun, ich beschwöre Sie, fliehen Sie!«

Sie versuchte, ihm die Bluse über den Kopf zu werfen, er aber trat zurück und sagte:

»Jedes Wort ist vergeblich. Wenn ich auch glauben wollte, daß Sie nichts zu fürchten hätten, wenn ich eigensüchtig genug wäre, Sie in der Gewalt dieser erbitterten, rohen Menschen zurückzulassen, niemals würde ich mich doch von meinen Freunden trennen, hören Sie wohl, niemals! Meine Corpsbrüder befinden sich ebenfalls in diesem Gefängnis, und es wäre feig und schmachvoll, wenn ich ihr Schicksal nicht teilte – hören Sie wohl,« sagte er, Dorchens erneute Bitte abschneidend, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich niemals ohne meine Freunde dies Gefängnis verlassen werde. Sie begreifen nun, daß jedes weitere Wort überflüssig ist.«

»O mein Gott, mein Gott, was soll dann werden?« rief Dorchen schluchzend, indem sie angstvoll die Hände rang.

»Was Gott will!« erwiderte Herr von Sarkow. Er warf die Bluse wieder über die Schultern des weinenden Mädchens und drückte ihr den Hut auf den Kopf.

»Gehen Sie,« sagte er. »gehen Sie schnell, damit wir nicht beide der Rache dieser Menschen verfallen.«

Der Freischärler öffnete die Tür. »Schnell, schnell,« sagte er, »die Stunde der Ronde naht, in fünf Minuten müssen Sie fort sein.«

Ohne weitere Erklärung schob Herr von Sarkow das junge Mädchen über die Schwelle und schloß die Tür. Er hörte draußen noch einige geflüsterte Worte, dann wurde der Schlüssel vorsichtig im Schlosse umgedreht und alles war still. Nach fünf Minuten hallten die Schritte der Ronde auf dem Flur wider, rauhe, heisere Stimmen ließen sich hören, dann zog die Ronde vorüber, alles wurde wieder still und ruhig, und Herr von Sarkow hörte abermals die Turmglocken der Stadt eine Viertelstunde nach der andern schlagen; jetzt aber war er stolz, klar und freudig, er hatte getan, was seine Ehre und Pflicht von ihm forderten, und in diesem Bewußtsein erwartete er mit ruhiger, mutiger Ergebung sein Schicksal; friedlich und freundlich nahte ihm der Schlummer, und erst das helle Tageslicht des nächsten Morgens weckte ihn gestärkt wieder auf.

Kaum hatte ihm ein neuer Wächter sein Frühstück gebracht, als auch schon der Adjutant des Kommandanten, der am Tage vorher das Protokoll geführt hatte, von einigen bewaffneten Blusenmännern begleitet, erschien und dem Gefangenen befahl, ihm zu folgen. Herr von Sarkow trat in das Verhörzimmer des Zellengefängnisses. An dem grünbedeckten Tisch saß Metternich, von einigen ebenso wild wie er blickenden Männern umgeben. Vor den Schranken standen die übrigen Saxoborussen, die aus ihren Zellen herbeigeführt waren. Herr von Sarkow eilte zu den Freunden hin und drückte ihnen allen die Hand, er war glücklich, nun mit ihnen wieder vereint zu sein und gemeinsam der Gefahr entgegentreten zu können.

»Die Angeklagten sind einzeln vernommen,« begann Metternich, »und ich habe nunmehr, da sie nicht im Stande gewesen sind, sich von der Anklage des Hochverrats und der Spionage zu reinigen, das Kriegsgericht zusammentreten lassen, um über sie zu urteilen. Ich bitte, die Aussagen dem Gerichtshofe vorzulesen.«

Eines der Mitglieder des auf diese Weise improvisierten Standgerichts las eine Reihe von Vernehmungsprotokollen vor, die sämtlich die Anerkennung enthielten, daß auf dem Riefenstein eine Laterne aufgezogen sei; an diese Anerkennung waren dann Schlußfolgerungen des Inquirenten geknüpft, die mit den Aussagen der Angeklagten nichts zu tun hatten, aber doch so gruppiert waren, daß sie den Anschein einer überführenden Beweisführung vor einem solchen Gerichtshof bieten konnten.

»Wir protestieren gegen diese Protokolle, sie sind sämtlich gefälscht, wir haben nichts von dem gesagt, was darin steht!« rief Graf Steinborn.

Die übrigen schlossen sich der Erklärung an.

»Die Angeklagten beharren in ihrem Leugnen,« sagte Metternich, »und haben weiter nichts zu ihrer Verteidigung anzuführen. Auf Hochverrat und Spionage steht der Strang, ich für meine Person stimme mit Rücksicht auf die Jugend und Unerfahrenheit der Verbrecher für Tod durch Pulver und Blei. Ich bitte jetzt die Mitglieder des Kriegsgerichts einzeln ihre Stimmen abzugeben.«

Ehe der Nachbar Metternichs, an den er sich zuerst mit seiner Aufforderung wendete, seine Stimme abgeben konnte, wurde die Tür heftig aufgerissen, und der junge Schlöffel trat in das Zimmer.

»Was geht hier vor,« sagte er, »warum sind diese Bürger gefangen, und was soll mit ihnen geschehen?«

Metternich sprang auf und stieß seinen Säbel auf den Boden.

»Das geht die Zivilverwaltung nichts an!« rief er; »die Gefangenen sind des Hochverrats und der Spionage überführt, das Kriegsgericht steht im Begriff, über sie zu entscheiden.«

»Welches Hochverrats, welcher Spionage!« rief Schlössel; »wo ist der Beweis?«

Der Mann, der als Auditeur dieses Revolutionstribunals fungierte, reichte dem Zivilkommissär der republikanischen Regierung das Aktenheft.

»Hier,« sagte er, »die Vernehmungen sind ordnungsmäßig erfolgt.«

Schlöffel durchblätterte das Heft, dann schleuderte er es auf den Tisch und rief:

»Das ist Wahnsinn, eine Laterne auf dem Riefenstein, wie ist es möglich, damit den feindlichen Truppen Zeichen zu geben, die noch nicht einmal die Grenze überschritten haben?« »Ich fordere das Kriegsgericht auf. seine Schuldigkeit zu tun!« rief Metternich, indem er abermals seinen Säbel rasselnd auf den Boden stieß.

»Und ich protestiere gegen jedes Kriegsgericht, die Bürger hier sind Studenten, sie gehören der Universität an, sie stehen unter meiner Gerichtsbarkeit und unter meinem Schutz. Ich werde die Sache untersuchen und bestimmen, was recht ist.«

»Ich verbiete jede Einmischung in das Kriegsrecht, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten. Bürger Zivilkommissär; ich werde meine Schuldigkeit tun und den freien Boden des Vaterlandes von diesen Verrätern befreien.«

»Folgen Sie mir, meine Herren,« sagte Schlüssel; »bei Gott, ich werde nicht dulden, daß sich die Autorität des freien Volkes durch eine so lächerliche und gehässige Verfolgung beflecke.«

»Fort von meinen Gefangenen!« schrie Metternich, indem er hinter dem Tisch hervorsprang und den Säbel halb aus der Scheide zog.

»Zurück!« rief Schlüssel, indem er sich vor die Saxoborussen stellte und die Hand ausstreckte – »zurück, im Namen der Regierung des freien Volkes, die ich hier vertrete, ich übernehme die Verantwortung!«

Die übrigen Mitglieder des Kriegsgerichts standen unschlüssig vor ihren Sitzen, die Wachen zögerten und blickten verlegen auf die beiden Revolutionsführer, die sich drohend gegenüberstanden – in diesem Augenblick aber drängten vom Flur herein eine Anzahl bewaffneter junger Leute, die Schlüssel und die Saxoborussen umringten und die Hand an ihre Waffen legten, um auf einen Wink ihres jungen Führers sich Metternich entgegenzuwerfen. Schäumend vor Wut wollte dieser seinen Säbel aus der Scheide reißen und vorstürzen, aber seine Begleiter fielen ihm in den Arm und zogen ihn zurück, indem sie ihn ermahnten, kein Beispiel des Zwiespalts unter den Volksführern zu geben, und zugleich mit finsterem Unmut darauf hinwiesen, daß die Uebermacht auf Schlüssels Seite sei. Vergebens versuchte sich Metternich tobend und fluchend loszumachen; von seinen Freunden umringt, führte Schlüssel die Saxoborussen aus dem Gefängnis fort.

»Sie sind Gegner der Revolution, meine Herren,« sagte er, als sie auf dem Platz vor dem Gefängnisgebäude angekommen waren, »ich glaube und erwarte nicht, daß Sie Ihre Ueberzeugung ändern werden, aber Sie sollen die Revolution, wie ich sie verstehe, wenigstens achten lernen und ihr bezeugen, daß sie kein Unrecht und keine feige Rache duldet.«

Bewegt drückten die Saxoborussen dem jungen Volksführer die Hand. Als Herr von Sarkow zu ihm herantrat, sagte Schlöffel:

»Danken Sie Ihre Freiheit einem mutigen jungen Mädchen, das bis zu mir gedrungen ist, um mir zu sagen, wo Sie sich befinden, und welche Gefahr Sie bedroht.«

»Ich segne diese Gefahr,« sagte Herr von Sarkow, indem er innig die Hand seines Gegners schüttelte, »denn sie hat mich zwei edle Herzen finden lassen, die ich niemals vergessen werde.«

»Nun aber,« sagte Schlöffel, »müssen Sie fort. Begleiten Sie mich nach meinem Bureau, ich werde Sie nicht einen Augenblick aus den Augen lassen, bis ich Sie in völliger Sicherheit weiß. Die Grenze können Sie nicht ohne große Gefahr erreichen, ich stelle Ihnen anheim, sich an irgend einen Ort, den Sie sich wählen mögen, zu begeben, und verlange nur Ihr Ehrenwort, daß Sie nichts gegen unsre Bewegung unternehmen, – in Ihrem Interesse, meine Herren, schaden würden Sie uns kaum, aber Sie selbst würden verloren sein, denn ich würde Sie kaum zum zweiten Male zu retten vermögen.«

»Gehen wir nach Weinheim,« sagte Graf Steinborn, »dort ist eine Kaltwasserheilanstalt, die ich vor kurzem einmal besucht habe, wir werden dort ruhig den Gang der Ereignisse abwarten können.«

»Gut,« sagte Schlöffel, »ich werde selbst Ihren Aufträgen gemäß aus Ihren Wohnungen Wäsche und Kleidungsstücke für Sie holen lassen; aber schnell, in einer Stunde müssen Sie abreisen, damit nicht neue Verwicklungen entstehen.«

Die Saxoborussen begleiteten Schlöffel auf sein Bureau, Boten wurden nach ihren Wohnungen gesendet, Herr von Sarkow fügte seiner Bestellung einen herzlichen Gruß an Dorchen bei, und in kurzer Zeit war das nötigste Gepäck herbeigeschafft. Schlöffel ließ mehrere Wagen vorfahren, in jedem dieser nahmen zwei von den Saxoborussen Platz, ihnen gegenüber bewaffnete Freischärler mit geladenem Gewehr und gespanntem Hahn. Schlöffel machte die Soldaten dafür verantwortlich, die jungen Leute sicher nach Weinheim zu befördern. Diese verabschiedeten sich noch einmal von ihrem Befreier und fuhren dann in diesem seltsamen Aufzuge vor den Augen der erstaunten Bürger durch die Stadt nach der Bergstraße hin, die am Fuße der Berge nach dem kleinen Städtchen Weinheim hinführt, über dem auf einer vorspringenden Höhe die zerfallene Ruine der alten Burg Windeck sich erhebt.

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