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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
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Sechzehntes Kapitel

Wie mit einem Zauberschlage hatte sich die ganze Physiognomie der sonst so ruhigen Stadt Heidelberg, auf deren Straßen man bisher nur Studenten und Touristen aus aller Herren Ländern, insbesondere steife Engländer in Begleitung von zartwangigen jungen Damen mit wasserblauen, verwunderten Augen, zu erblicken gewohnt war, verändert. Noch in der Nacht, als die Saxoborussen zurückkehrten, waren die Straßen angefüllt mit Haufen wilder Gestalten, von denen man sich kaum erklären konnte, wo sie so plötzlich hergekommen seien; aus allen Wein- und Bierlokalen ertönte wildes, drohendes Geschrei, und wenn auch keine groben Exzesse vorkamen, da die Behörden, zu jedem Widerstande unfähig, alles ruhig geschehen ließen, was sie doch nicht zu hindern vermochten, so schwebten doch die Bürger in keiner geringen Angst und Aufregung und dachten gewiß sehnsüchtig an die vergangenen Zeiten, in denen nur der fröhliche Uebermut der Studenten ihre nächtliche Ruhe störte, so daß fast in allen Häusern die Fenster während der kurzen Sommernacht erleuchtet blieben.

Schon am frühen Morgen des nächsten Tages begann die militärische Aufstellung und Hebung der Freischaren, die, dem Aufruf der provisorischen Regierung in Karlsruhe folgend, aus der Umgegend zusammenströmten, um sich dem Volksheer, das die Söldnerscharen der widerspenstigen Tyrannen niederwerfen und dem deutschen Volke seine Reichsverfassung erkämpfen sollte, einzureihen. Die Scenen, die sich auf dem Museumsplatze abspielten, wären von überwältigender Komik gewesen, wenn sie nicht einen so ernsten Hintergrund gehabt haben würden und wenn man nicht mit schmerzlichem Mitleid an das verhängnisvolle Geschick hätte denken müssen, dem so viele von politischem Wahn betörte und von dem Ehrgeiz rücksichtsloser Agitatoren verführte junge Leute nach aller menschlichen Berechnung im hoffnungslosen Kampfe gegen die gesetzlichen Autoritäten zum Opfer fallen mußten. Die Freischärler selbst dachten nicht an diese traurige Zukunft, sie sahen nur den schimmernden Lorbeer eines unzweifelhaften Sieges, der ihnen unsterblichen Ruhm und alle bisher entbehrten Genüsse des Lebens bringen sollte; die Führer verkündeten ihnen ja in hochklingenden Proklamationen, daß die Heere der Tyrannen nur widerwillig dem Zwange gehorchten und beim ersten Zusammenstoß sich ihnen anschließen würden, und daß diejenigen, die es wirklich wagen sollten, Widerstand zu leisten, vor dem Sturmeswehen des freien Volksgeistes wie Spreu zerstäuben müßten. Die Haltung der badischen Armee schien in der Tat solche Prophezeiungen zu rechtfertigen, und auch die Zuzügler aus Hessen und Nassau, sowie einzelne Deserteure, die von dorther ankamen, bestätigten in lauten Deklamationen, daß die Söldnerheere der Fürsten mit Ungeduld den Augenblick der Befreiung erwarteten, und wenn nicht früher, so doch beim ersten Zusammenstoß mit den Freiheitskämpfern gemeinschaftliche Sache machen würden.

Alle diese jungen Burschen, Bauernsöhne von den Dörfern, Gesellen und Lehrlinge aus den kleinen Städten, die nach Heidelberg zusammenströmten, waren daher freudig und siegesgewiß, und die ihnen in reichem Maße gespendeten Getränke aller Art trugen dazu bei, ihre Stimmung immer mehr zu erhöhen und jeden, der auch nur den geringsten Zweifel an dem glänzenden Siege der Revolution auszudrücken wagte, für einen Verräter am Vaterlande und an der Majestät des freien Volkes erscheinen zu lassen. In langen Reihen stellten sie sich auf dem Museumsplatz auf, teils hatten sie Waffen mitgebracht, die freilich meist zu jedem ernsthaften Kampfe völlig unbrauchbar waren, teils empfingen sie irgendwoher alte Säbel, Pistolen und Gewehre, die man, Gott weiß wo, aufgetrieben hatte, bis die regelmäßige Adjustierung durch das Kriegsministerium der provisorischen Regierung erfolgen würde. Jeder hatte irgendwo sich einen Lappen roten Zeuges verschafft, um sich eine Schärpe oder wenigstens eine große Hutkokarde daraus zu schneiden, und wo nur zehn oder zwanzig Mann, die sich auf dem Wege nach der Stadt zusammengefunden hatten, gemeinschaftlich heranzogen, da wehte ihnen auch gewiß eine Fahne in Gestalt eines größeren oder kleineren roten Fetzens voran, den sie an eine lange Stange geknüpft oder genagelt hatten.

Einzelne, die früher gedient hatten, sowie einige Unteroffiziere, die man hatte von Mannheim herüberkommen lassen, liefen geschäftig hin und her, um die bunten Gruppen zu einer Art von militärischer Aufstellung zu bringen. Alle diese Rekruten der Freiheit trugen jene eigentümliche komische Wichtigkeit zur Schau, die man immer bemerkt, wo bürgerliche Elemente die militärischen Formen nachzuahmen bemüht sind, und die bei den Aufzügen der Bürgerwehren und Schützengilden auf die Zuschauer oft um so erheiternder wirkt, je ernster und eifriger sich die Beteiligten abmühen; zugleich aber machte sich der souveräne Volksgeist in einem, allgemeinen Durcheinanderschreien und in einer äußerst abfälligen Kritik aller Anordnungen bemerkbar, denn die Soldaten des souveränen Volkes durften sich ja unmöglich ohne eigne Prüfung und Ueberzeugung Befehle gefallen lassen, sie sollten ja ihre Offiziere selbst wählen, und wenn die Gewählten auf den Willen und die Meinung ihrer Untergebenen keine Rücksicht nehmen sollten, so verstand es sich ja von selbst, daß man sie alsdann wieder absetzen würde.

Die ersten militärischen Instruktoren dieser durcheinander sprechenden und schreienden und sich in jedem Augenblick immer wieder auflösenden Reihen der siegesgewissen Freiheitskämpfer mochten vielleicht damals schon in den wenigen Stunden ihrer Tätigkeit die Ueberzeugung gewinnen, daß auch eine republikanische Armee nicht ohne Gehorsam und Disciplin zusammenzufügen sei, und sie mochten vielleicht mit innerem Schrecken an die Kämpfe denken, die eine solche Truppe gegen die festgegliederten und wohlgeübten Heere führen sollte; jedenfalls aber wagte keiner, solchen Gedanken Ausdruck zu geben – vorläufig lebte man ja herrlich und in Freuden, im Bewußtsein der unumschränkten, von keiner Autorität mehr eingeengten und niedergedrückten Volksherrschaft, und von der Stimme dieser gleich ungeschickten wie unbotmäßigen Rekruten hing ja die künftige Charge ab, die ein jeder in dem glorreichen Volksheer demnächst bekleiden sollte.

Während der Versuche, auf diese Weise eine Art von Paradeaufstellung auf dem Museumsplatze herzustellen, erschien, von einigen wildblickenden jungen Leuten begleitet, der Turner Metternich, der sich in jener eigenmächtigen Weise, mit der in den Zeiten revolutionärer Ausbrüche die Autorität, freilich oft nur für flüchtige Dauer, usurpiert wird, zum militärischen Bevollmächtigten der provisorischen Regierung für Heidelberg und zum Kommandanten der Stadt erklärt hatte. Dieser Agitator des roten Radikalismus, der durch ein seltsames Spiel des Zufalls den gleichen Namen führte wie der vornehmste fürstliche Träger des monarchischen legitimen Systems, gegen das sich die Bewegung jener Zeit vorzugsweise gerichtet hatte, war ein großer, breitschulteriger, massiv-starker Mann von etwa vierzig Jahren; er trug große, bis weit über die Kniee heraufgezogene Reiterstiefel mit schweren Sporen, seinen Oberkörper mit den auffallend breiten Schultern bedeckte eine blaue Bluse, die am Halse aufgeschlagen war und einen Teil der Brust frei ließ; über seine Schulter hing eine lang herabfallende schwarzrotgoldene Schärpe, und am Gürtel trug er einen rasselnd nachschleppenden Pallasch von so ungeheuren Dimensionen, daß seine mächtigen Arme dazu gehörten, um eine solche Riesenwaffe zu führen. Sein Kopf war mit einem zerknitterten grauen Filzhut bedeckt, sein rotes Gesicht mit starken, groben, aber regelmäßigen und nicht unschönen Zügen zeigte jene wilde Starrheit, die der Fanatismus einer politischen fixen Idee meist bei beschränkten Menschen zum Ausdruck zu bringen pflegt; zugleich aber auch das Bewußtsein der Stellung, zu der er so plötzlich emporgestiegen war, und die ihn zum unbeschränkten Gebieter der alten Neckarstadt machte, in der einst die Pfalzgrafen des Rheins ihren glänzenden Hofhalt führten. Er trug in seiner ganzen Erscheinung und Haltung den Cynismus der revolutionären Volksführer zur Schau, der in jener Zeit fast als unerläßlicher Beweis radikaler Gesinnung gefordert wurde, und nur der starke, dunkelblonde Vollbart, der den unteren Teil seines Gesichtes bedeckte, war mit einer Sorgfalt gepflegt, die bewies, daß auch dieser unversöhnliche Feind aller aristokratischen Eleganz nicht frei von persönlicher Eitelkeit war.

Die wenigen badischen Unteroffiziere, die sich mit der ersten militärischen Erziehung der Freischärler beschäftigten, machten bei Metternichs Erscheinen einen letzten, immerhin aber nur sehr mangelhaft gelungenen Versuch, die Reihen zu richten und eine Art von Präsentieren der Gewehre zu stande zu bringen; dann eilten sie dem Oberstkommandierenden von Heidelberg entgegen, um ihm ihre Meldungen zu machen, die dieser in stolzer Haltung entgegennahm, indem er mit einer herablassenden Handbewegung die sonderbare Truppenaufstellung begrüßte und zugleich seinen Blick über die Fenster der nächsten Häuser hinschweifen ließ, als wolle er sich überzeugen, ob dieser erste öffentliche Akt seiner hohen militärischen Stellung auch bemerkt werde. Dann schritt er, von seinen Begleitern und den sich ihm anschließenden Unteroffizieren gefolgt, die Front herunter, häufig von dem einen oder dem andern der Freischärler angeredet und mit Fragen bestürmt, auf die er mit den in jener Zeit üblichen und sich bei jeder Gelegenheit wiederholenden Phrasen antwortete.

Die Collegia waren infolge der allgemeinen Unruhe unterbrochen, es wäre auch nicht möglich gewesen, in einem der Hörsäle bei dem auf dem Platze vor der Universität herrschenden Lärm zu lesen, und unter den dichten Zuschauergruppen, die neugierig den Museumsplatz umstanden, befanden sich auch die Saxoborussen, die neugierig das sonderbare Soldatenspiel und die erste Parade der Freischärler vor dem Turnerführer und seinem so plötzlich aus der Erde hervorgestiegenen Stab betrachteten. In ihrem fröhlichen Jugendmut gewannen sie diesem merkwürdigen Schauspiel nur die komische Seite ab, und vielleicht würde sich die Wut all dieser ebenso vom Wein wie vom politischen Fanatismus trunkenen Haufen in bedenklicher Weise gegen sie gewendet haben, wenn sie alle ihre boshaften Bemerkungen über die Blusengarde des souveränen Volkes hätten hören können. Alle trugen Hirschfänger und Revolver, sie hatten von dem proklamierten Recht der allgemeinen Volksbewaffnung auch ihrerseits Gebrauch gemacht und waren stets bereit, sich gegen jeden Angriff auf das nachdrücklichste zu verteidigen. Die ganze Bewegung, die bei dem Mangel eines jeden Widerstandes hier scheinbar ganz harmlos und friedlich verlief, machte auf die jungen Leute den Eindruck eines neuen und interessanten Schauspiels, und niemand von ihnen dachte eigentlich an eine wirkliche und ernste Gefahr, die sich doch so schnell aus diesen unbedeutenden und komisch erheiternden Anfängen entwickeln sollte.

Während noch Metternich die Front der Freischärler abschritt, hörte man von der Hauptstraße her halb sympathische, halb verwunderte Zurufe, die Reihen der Zuschauer öffneten sich, und von einer kleinen Eskorte von Blusenmännern umgeben, traten zwei Männer auf die freigehaltene Mitte des Platzes, deren Erscheinung ringsum Aufsehen und Neugier erregte. Der eine derselben war der junge Schlöffel, eine breite schwarzrotgoldene Schärpe von Seide und Goldtressen über der Brust, einen schweren Säbel an der Seite, einen Kalabreserhut mit weit überhängender roter Feder auf dem Kopf; an seiner Seite schritt ein schlanker Mann in einer prachtvollen und weithin strahlenden blauen Uniform, reich mit Scharlach und Gold besetzt, er trug bis zum Knie reichende zierliche und elegante Reitstiefel von glänzendem Leder, auf dem Kopf einen roten Ulanentschako mit weißem Reiherbusch, einen krummen Säbel in silberglänzender Scheide mit prachtvollem Goldgriff an der Seite.

Ganz erstaunt blickte Herr von Sarkow nach diesen beiden Männern hin; er erkannte in dem Begleiter des jungen Schlöffel, der trotz seiner etwas theatralisch phantastischen Uniform dennoch einen wirklichen militärischen Eindruck machte, den Fremden wieder, den er am Abend vor der Vorstellung des Käthchens von Heilbronn bei Fräulein Klara Schönfeld begegnet war und mit dem er damals einige flüchtige französische Worte gewechselt hatte. Infolge der allgemeinen Aufmerksamkeit, die das Erscheinen Schlöffels und seines Begleiters erregte, wendete sich auch Metternich nach ihnen hin; er zog bei ihrem Anblick finster die Augenbrauen zusammen und wollte, ohne sich um die Nahenden zu kümmern, seine Besichtigung der Front der Freischärler fortsetzen, als einer von Schlöffels Begleitern eiligst zu ihm gelaufen kam, um ihn in die Mitte des Platzes zu rufen, wo jene beiden stehen geblieben waren. Langsam, mit mürrischem Gesicht kam Metternich, dessen riesiger Pallasch klirrend hinter ihm her über den Boden rasselte, heran; er berührte leicht seinen Hut, um den militärischen Gruß des Fremden zu erwidern, die Neugier hatte alle lauten Gespräche verstummen lassen, und unter allgemeiner augenblicklicher Stille sagte Schlöffel mit seiner vollen und kräftigen, aber von dem vielen Sprechen schon etwas heiser gewordenen Stimme:

»Bürgerkommandant der Volksstreitkräfte von Heidelberg! Die provisorische Regierung der badischen Republik hat den General Mieroslawski, der seinem unterdrückten polnischen Vaterlande in den Kämpfen gegen die russische Tyrannei bereits so ruhmreiche Dienste geleistet, berufen, um seinen Rat über die Organisation des Volksheeres zu vernehmen und seine Feldherrndienste gegen die Schergen der Unterdrücker in Anspruch zu nehmen. Der General ist hier, wir haben in ihm den militärischen Vertreter der Regierung zu erblicken, der das freie und souveräne Volk unumschränkte Machtvollkommenheit erteilte. Der General wird in den nächsten Tagen nach Karlsruhe gehen, um dort seinen Degen ganz der Sache des deutschen Volkes zu widmen, das mit der edlen polnischen Nation im Kampfe für die Freiheit gegen die Tyrannei verbunden ist; wir werden zunächst nun seine Befehle in betreff der Organisierung der von dem Lande zuziehenden Freiwilligen empfangen, damit sie, so gut als es möglich ist, schon taktisch geordnet von hier aus in die große Armee eintreten.«

Metternich maß den stolz vor ihm stehenden polnischen Revolutionsführer, der in seiner ganzen eleganten und aristokratischen Erscheinung einen vollständigen Kontrast gegen ihn selbst bildete, mit finsteren Blicken.

»Wir sind hier kaum in Verlegenheit,« erwiderte er mit seiner rauhen Stimme, der man die Gewohnheit anhörte, den dichten Tabaksrauch und den Bierdunst der Volksversammlungen zu durchdringen, »wie wir die Freiwilligen des Volksheeres militärisch ausbilden sollen. Wir haben Offiziere und Unteroffiziere, die Landesart und Volkssitte kennen, und unsre Bataillone werden völlig fertig und ohne Fehler zur großen Armee stoßen. Ich habe hier bereits einen Anfang gemacht, freie Kämpfer sind leichter zu bilden als die Soldknechte der Tyrannen. Wenn der General das Kommando der Armee erhalten soll, so wird er gut tun, sich dorthin zu begeben.«

Der General Mieroslawski hatte kaum auf seine Worte gehört, sein Blick flog über die Reihen der Freischärler, die sich bereits wieder lebhaft miteinander zu unterhalten begannen; dann sagte er Schlöffel einige französische Worte und schritt schnell, ohne sich um Metternich weiter zu kümmern, nach der Aufstellung hin. Auch er schritt jetzt die Front ab, und seine militärische Haltung sowie die glänzende Uniform hatten die Wirkung, daß die jungen Rekruten sich in der Tat etwas straffer aufrichteten und sich fester aneinander schlossen, als sie es bisher getan.

Dennoch schüttelte Mieroslawski den Kopf. Er sprach eine Zeitlang wieder schnell, gebieterisch und fast heftig in französischer Sprache zu Schlöffel.

»Der General dankt den Volkstruppen,« sagte dieser, »und ist erfreut über deren Mut und Eifer; er wird sich morgen nach Karlsruhe begeben und heute noch eine Instruktion aufstellen, nach der die hier ankommenden Freiwilligen vorläufig bewaffnet und zu taktischen Einheiten geformt werden sollen. Alle zwei Tage werden dann die Mannschaften nach Karlsruhe zu senden sein, um dort noch weiter ausgebildet und an die Feldarmee abgegeben zu werden. Der General dankt auch Ihnen, Bürgerkommandant, und ist überzeugt, daß Sie seine Instruktion mit der Pünktlichkeit und dem Eifer ausführen werden, die die gemeinsame heilige Sache erfordert.«

Mieroslawski grüßte kurz und hochmütig, Metternich berührte kaum seinen Hut und sprach murrend vor sich hin:

»Wenn wir erst auf die Instruktionen dieses aufgeputzten Gecken warten sollen, um das freie Volksheer schlagfertig zu machen, dann werden wir gerade ins Feld rücken, wenn die Lanzknechte der Tyrannen das Land besetzt haben. Wir haben keine Befehle von einem Fremden nötig, der nicht einmal deutsch kann, und werden ganz allein fertig werden.«

Einige Begleiter Schlöffels brachten eine Anzahl gesattelter Pferde herbei, die man aus den Ställen der Pferdeverleiher in Heidelberg entnommen hatte. Die Tiere, die sämtlich mit schwarzrotgoldenen Schleifen geschmückt waren, machten einen ziemlich guten Eindruck, wenn sie auch sämtlich die erste Jugend weit hinter sich gelassen hatten und ein wenig steif aus dem Stall hervorkamen. Mieroslawski schwang sich in den Sattel des ihm vorgeführten, besonders reich angeschirrten und mit schwarzrotgoldener Satteldecke belegten Gauls; die übrigen außer Metternich folgten seinem Beispiel, soweit die Pferde reichten. Mieroslawski drückte seinem Pferde die Sporen ein und sprengte im Galopp längs der Front der Freischaren hin.

Einen so vortrefflichen Eindruck der polnische Revolutionsgeneral bei diesem Abspringen der Front auch auf wirkliche Truppen vielleicht gemacht haben würde, so brachte er doch auf diese von allen Seiten zusammengelaufenen jungen Burschen eine wesentlich andre Wirkung hervor; sie erschraken vor dem so unmittelbar an ihnen hersprengenden Pferde und traten ängstlich zurück, um nicht von den Hufen des Tieres getreten zu werden. Noch schlimmer aber war die Wirkung, die der nachsprengende Stab des Revolutionsgenerals hervorbrachte; die Pferde, die an die gelegentlichen wilden Wettritte der Studenten gewöhnt waren, drängten, sobald Mieroslawski sich in Galopp setzte, wild vorwärts, um sich einander zu überholen; die meisten der wenig sattelfesten Reiter, die wohl glauben mochten, daß mit ihrer neuen Würde ihnen auch die dazu erforderliche Reitkunst durch eine Inspiration des Freiheitsgeistes zu teil werden würde, erschraken über die so plötzliche unruhige Bewegung; sie versuchten, durch ein scharfes Anziehen der Zügel ihre Tiere zurückzuhalten. Diese aber wurden durch die so ganz ungewohnte Behandlung noch wilder, einige machten unregelmäßige Seitensprünge, andre stiegen bäumend empor, manche der Reiter gerieten vor den Sattel und klammerten sich ängstlich an die Mähne der Pferde; die Reihen der Freischärler aber stoben völlig auseinander und alle flüchteten nach allen Seiten hin vor den wild durcheinander jagenden und drängenden Pferden, so daß, als der General Mieroslawski am Ende der Aufstellung sein Pferd parierte und sich umwendete, um noch einmal im langsamen Schritt die Front abzureiten, von einer Aufstellung keine Rede mehr war, nur ein buntes Durcheinander von flüchtenden Freischärlern bedeckte den Museumsplatz, und in den sonderbarsten Stellungen umgab der Stab seinen General.

Mieroslawski wurde rot vor Zorn, zuckte mit einem leisen französischen Fluch die Achseln und ritt in einem langsamen Tempo, das seinem Gefolge Zeit gab, sich wieder in den Satteln zurechtzufinden, davon.

»Wie lächerlich!« rief Charles Clarke, »wir haben in Amerika auch keine stehenden Heere wie hier in Deutschland, aber bei Gott, wenn so etwas unter unsrer Miliz vorkäme, so würde das ganze Volk die Leute durchprügeln und den General dazu. Dieser polnische Lancier mit seiner bunten Jacke ist ein Hanswurst, der höchstens in einen Cirkus gehört, diese Leute werden wahrhaftig in Deutschland die Republik nicht aufrichten.«

»Das werden sie gewiß nicht tun,« erwiderte Herr von Sarkow ernst, »aber dennoch werden sie viel Unheil anrichten, viel unschuldiges Blut vergießen und sich selbst ein trauriges Schicksal bereiten. Dieser General Mieroslawski ist nicht so ungefährlich, als er heute wohl scheinen mag, er hat viel Feldherrntalent und besonders ein außerordentliches Geschick, zusammengelaufene Banden militärisch zu organisieren, das hat er in Polen bewiesen, und ich fürchte, daß die Sache doch ernster wird, als sie jetzt scheinen mag.«

»Nun, für den Augenblick ist sie ungemein spaßhaft,« sagte Charles Clarke, »und ich freue mich nicht wenig, daß ich nun doch noch dazu komme, einmal eine deutsche Revolution mit anzusehen.«

»Hätte ich hier in der Gegend nicht meine Güter,« sagte Fritz Helmholt, »so würde ich die ganze Geschichte vielleicht auch als ein amüsantes Schauspiel ansehen, aber so kann es immerhin viel Geld kosten; wer weiß, ob sie nicht wie in dem Bauernkriege die Schlösser plündern.«

»Dann wird es wohl besser sein,« fiel sein Bruder Franz ein, »wenn du mir als vorsorglicher Vormund mein Geld für ein Jahr vorausbezahlst, damit ich das alles ruhig abwarten kann.«

»Halt!« rief Graf Kronau, der nach dem Universitätsgebäude gegangen war, um einen neben der Tür desselben befindlichen großen Anschlag zu lesen, »halt, kommt hierher, da beruft ein gewisser Studiosus Meier und einige andre mir ganz unbekannte Namen eine allgemeine Versammlung der Studentenschaft auf heute mittag in den großen Saal der Hirschgasse; was hat das zu bedeuten? Eine Studenten-Versammlung von unbekannten Kamelen zusammenberufen, das ist bei Gott in Heidelberg noch nicht dagewesen.«

»Mein Gott,« sagte Derenburg achselzuckend, »es ist ja jetzt die Zeit der großartigen Phrasen, es werden irgend welche obskure Kerls das Bedürfnis fühlen, auch Reden zu halten; laßt doch der dunkeln Gesellschaft das Vergnügen.«

»Nein, nein!« rief Graf Kronau, »nein, das darf nicht sein, es gibt hier keine Vertretung der Studentenschaft außer dem Seniorenkonvent, und wenn sie dort irgend einen Unfug machen, so fällt er auf uns alle zurück; wir müssen dorthin, wir müssen ihnen zeigen, daß es hier keine studentische Autorität neben dem Seniorenkonvent gibt.«

In einiger Entfernung stand eine Gruppe von Vandalen, unter ihnen der Senior Brookmeier und auch der wiedergenesene Prollmann mit einer breiten roten Narbe im Gesicht. Graf Kronau teilte Brookmeier den Inhalt des Anschlages und seine Meinung mit, während Prollmann und Herr von Sarkow sich freundlich die Hand drückten. Brookmeier und die sämtlichen Vandalen teilten Kronaus Ansicht in betreff der Studentenversammlung vollkommen, die weißen und roten Mützen bildeten vielleicht zum ersten Male eine gemeinschaftliche Gruppe. Bald traten noch einige Schwaben hinzu, man sendete Boten nach den sämtlichen Corpskneipen, die Saxoborussen luden alle zu einem Frühschoppen auf den Riesenstein ein, und bald versammelten sich dort fast vollzählig die Mitglieder der Corps, um gegen die Mittagsstunde gemeinschaftlich nach der Hirschgasse zu ziehen und zu sehen, was es mit der so gegen alle Heidelberger Sitte von unbekannten Namen zusammenberufenen Studentenversammlung für eine Bewandtnis habe.

Inzwischen hatte der junge Schlöffel seine Zivilverwaltung begonnen. Eines der ersten Dekrete, das er erließ und das an den Straßenecken angeschlagen wurde, verbot das Betteln bei Todesstrafe, da es, wie die Motivierung des Dekrets sagte, eines freien Mannes unwürdig sei, von dem Mitleid seiner Mitbürger etwas zu erbitten, das ihm von Rechts wegen gebühre, und da die republikanische Regierung dafür sorgen werde, daß jedem einzelnen, der arbeiten und kämpfen könne, sein Anteil an den Gütern des Lebens zugewendet würde. Zugleich war schon am frühen Morgen der Befehl ergangen, daß alle Heidelberger Bürger eine Bürgerwehr zu bilden hätten, um den Sicherheitsdienst und nötigenfalls die Verteidigung der Stadt zu übernehmen, während die Freischärler den auswärtigen Feinden entgegenziehen würden. Auch an die Professoren der Universität war dieser Befehl ergangen; der akademische Senat hatte allen Professoren und Beamten der Universität empfohlen, in die Bürgerwehr einzutreten, um ihr möglichst viel ruhige und besonnene Elemente zuzuführen, und es waren dann sogleich Befehle ergangen, die die einzelnen Bezirke der so plötzlich geschaffenen Bürgerwehr mit der Besetzung der von Schlöffel bestimmten Posten beauftragte, für die aus den zusammengerafften Waffenvorräten alte Flinten zur Verfügung gestellt wurden. Unter den Posten befand sich auch eine Ehrenwache vor der Wohnung des Bürgerkommandanten Metternich, der sein Quartier im Hotel zum Badischen Hof aufgeschlagen hatte, und der Zufall hatte es in wundersamer Laune gefügt, daß die erste Schildwache vor dem Quartier des Kommandanten dem großen Rechtslehrer der Heidelberger Universität, dem Professor von Vangerow, zugeteilt war.

Einige der später auf dem Riesenstein eintreffenden Corpsburschen teilten dort diese wundersame Nachricht mit, und man beschloß, auf dem Wege nach der Hirschgasse sich durch eignen Augenschein von der fast unglaublich klingenden Tatsache zu überzeugen. In langem Zuge, alle Farben durcheinander gemischt, begab sich die Versammlung von dem Riesenstein aus nach dem Hotel zum Badischen Hof, und in der Tat sah man vor der Tür des Hotels die hohe, etwas schwerfällige Gestalt des großen Juristen mit dem seinen, geistvoll vornehmen und freundlich jovialen Gesicht auf und nieder gehen, ein schweres Gewehr mit altem Feuersteinschloß auf der Schulter.

Der Zug der Studenten hielt an und füllte die ganze Straße vor dem Hotel. Graf Kronau und Brookmeier traten zu Herrn von Vangerow heran und fragten mit ehrerbietigem Gruß nach dem Grunde seiner sonderbaren Funktion.

»Ich stehe Schildwache,« entgegnete Herr von Vangerow lachend, »ich bin als Wehrmann der Bürgerwehr hier auf zwei Stunden auf Posten gestellt, um dem hochmögenden Kommandanten die gebührende Ehre zu erweisen.«

Die dichte Versammlung auf der Straße war aus den obersten Fenstern des Hotels bemerkt worden; eines dieser Fenster öffnete sich und Metternich erschien an diesem, einige Blusenmänner hinter ihm. Er mochte glauben, daß ihm eine Ovation dargebracht werden sollte, grüßend nahm er seinen grauen Filzhut ab und war im Begriff, eine Ansprache zu beginnen, als Graf Kronau mit weithin schallender Stimme »Silentium!« gebot. Augenblicklich trat eine lautlose Stille ein. Metternich, in der Meinung, daß dies geschehen, um seine Worte vernehmbar zu machen, dankte mit freundlichem Lächeln durch eine Handbewegung.

»Mitbürger!« begann er mit seiner rauhen Stimme – aber ehe er weitersprechen konnte, rief Graf Kronau:

»Wir bringen unserm berühmten und bewunderten Lehrer ein dreimaliges Hoch zum Zeichen unsrer Verehrung. Der Herr Professor von Vangerow lebe hoch!«

»Hoch, abermals hoch und nochmals hoch!« schallte es donnernd von der Straße herauf.

Herr von Vangerow zog dankend seinen Hut ab und nahm dann lächelnd mit seiner Waffe eine äußerst unmilitärische Hantierung vor, die indes die Absicht erkennen ließ, seinen Dank für die ihm dargebrachte Ovation durch das Präsentieren des Gewehrs auszudrücken.

Ein nochmaliges Hoch brauste durch die Luft. Metternich drückte seinen Hut wieder auf den Kopf und verschwand von dem Fenster, das er klirrend zuwarf. Graf Kronau ging mit Brookmeier, die Mützen in der Hand, mit tiefer Verneigung an Herrn von Vangerow vorüber, alle übrigen folgten in langer Reihe, alle Häupter entblößten sich, jeder verneigte sich tief und ehrfurchtsvoll, und gewiß war selten einem akademischen Lehrer eine gleich großartige, völlig freie und nur aus inniger und aufrichtiger Verehrung hervorgegangene Huldigung dargebracht worden, als sie hier der große Kenner und Ausleger des römischen Rechts von den zur Studentenversammlung auf der Hirschgasse hinziehenden Corps empfing.

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