Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

Am nächsten Morgen fand großes Lever bei Herrn von Sarkow statt, der nach einem kurzen und unruhigen Schlummer früh schon durch Luiz Antonio geweckt ward und sich, so schwer es ihm auch wurde, seine Augen offen zu halten, doch wohl entschließen mußte, die schwärmerischen Ergießungen seines Freundes über das unverhoffte Glück des gestrigen Abends mit anzuhören, der ihm inmitten des bewegten, seine ganze Aufmerksamkeit nach der Bühne hinrichtenden Theaterpublikums eine Stunde süßer Plauderei mit dem unerreichbaren und darum um so leidenschaftlicher geliebten Ideal seiner Seele gebracht hatte. Noch hatte Herr von Sarkow, zwischen Träumen und Erwachen ringend, nicht Zeit gefunden, seine Erinnerungen zu sammeln und dem Freunde die Erlebnisse des verflossenen Abends zu erzählen, als bereits Schreckenberger mit seinem großen Beutel und seinen kosmetischen Apparaten erschien, um den jungen Mann zu frisieren und mit seinem Haarwasser und seinem Cold-Cream die von Prollmanns flachen Terzen geschlagenen Beulen zu kühlen. Seufzend erhob sich Herr von Sarkow, der keine Möglichkeit mehr sah, seinen Schlummer fortzusetzen; er hüllte sich in seinen weiten Schlafrock, um sich der für seine Beulen und seinen etwas müde geschwärmten Kopf gleich wohltätigen Operation zu überlassen, während Luiz Antonio sich auf dem Sofa ausstreckte und, verstimmt über die Unterbrechung, sich seinen Gedanken überließ.

»Eine merkwürdige Nacht – eine merkwürdige Nacht,« begann Schreckenberger, während er eifrig seine Essenzen über Herrn von Sarkows Haupt ergoß, »der arme Schneider Naumann – freilich, es geschieht ihm recht, ganz recht, warum ist er so unartig gewesen und hat die Herren dem Universitätsgericht angezeigt – er läuft wie ein brüllender Löwe herum, und die Leute stehen lachend vor seinem Hause, das aussieht wie ein Zebra, mit lauter gelben Streifen auf dem weißen Anstrich.«

»So,« sagte Herr von Sarkow gleichgültig, »hat man ihm wieder sein Haus verdorben – das freut mich – ja, ja, die Erinnyen wachen und ereilen jeden, der da vergißt, was er als Philister dem S. C. schuldig ist – merken Sie sich das, Schreckenberger.«

»O Herr Baron,« rief der kleine Friseur entsetzt, »bei mir bedarf es einer solchen Mahnung nicht, Sie wissen, daß ich stets bereit bin, durchs Feuer zu gehen, wenn es der hohe S. C. befiehlt oder wenn ich nur einem der Herren Saxoborussen ein Vergnügen damit machen kann.«

»Schreckenberger, ich werde Sie beim Wort nehmen,« sagte Luiz Antonio, der von seinem Sofa her halb zugehört hatte, »der eiserne Ofen drüben in meinem Zimmer ist heiß – ich kann diesen sogenannten deutschen Frühling nicht ertragen –, wenn ich Ihnen nun sagte, daß Sie mir ein unbeschreibliches Vergnügen bereiten könnten, indem Sie sich auf die glühende Platte setzten?« »Der Herr Baron belieben zu scherzen,« sagte Schreckenberger lächelnd, aber doch mit einem etwas ängstlichen Seitenblick, denn er wußte, daß die launisch übermütige Phantasie seiner Kunden zuweilen eigentümliche Blasen trieb, und um das bedenkliche Gespräch schnell abzubrechen, erzählte er eifrig weiter, daß der Schneider Naumann voller Wut aller Welt erzähle, er habe den Pedell Michelmann zum Wächter seines Hauses bestellt und doch sei es noch schlimmer als je vorher verdorben, man könne sich auch auf den Schutz der Beamten des akademischen Senats nicht mehr verlassen, und die Heidelberger Bürger seien der Willkür der Herren Studenten preisgegeben.

»Der S. C., mein lieber Schreckenberger,« sagte Herr von Sarkow achselzuckend, »der S. C. – warum stellt sich dieser widerspenstige Naumann nicht unter den Schutz des S. C.?«

»Das haben wir ihm alle schon geraten,« sagte Schreckenberger, »aber bis jetzt war er ja immer trotzig und glaubte es mit Gewalt durchsetzen zu können.«

Das Gespräch wurde durch den roten Schiffer unterbrochen, der in das Zimmer stürmte und laut jubelnd seine Mütze gegen die Decke warf:

»Hurra!« rief er, »hurra, das ist die beste Geschichte, die jemals passiert ist – der Michelmann, der lange Michelmann, sie haben ihn eingesperrt auf dem Dampfschiff, an einem Ort – o, an einem Ort, es ist gar nicht zu beschreiben – und dann haben sie das Dampfschiff losgebunden und es ist hinuntergetrieben wohl eine halbe Stunde weit – und den Wächter haben sie auch eingesperrt unter dem Verdeck, und heute morgen haben die Bauern den Lärm gehört im Innern des Schiffes und haben es angezeigt, und die Verwaltungsgesellschaft hat Mannschaften in einem Boot herunterschicken müssen, um den Kessel zu heizen und das Schiff wieder herzubringen – nun ist der Teufel los, und der Michelmann ist wutschnaubend auf das Universitätsgericht gelaufen.«

Von einem Anfall krampfhaften Lachens überwältigt, sank er auf einen Stuhl nieder und überließ sich eine Zeitlang seiner immer von neuem ausbrechenden Heiterkeit.

»Was ist das für eine Geschichte?« fragte Luiz Antonio, »wer hat das getan?« »Ja – wer hat das getan?« fragte auch Herr von Sarkow.

Der rote Schiffer stützte beide Hände auf seine Kniee, beugte sich vor und sah abwechselnd Luiz Antonio und Herrn von Sarkow erst mit maßloser Verwunderung, dann mit schlauem Augenblinzeln an, um unmittelbar darauf wieder in lautes Gelächter auszubrechen.

»Michelmann behauptet,« sagte er dann endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, »es seien die Herren Saxoborussen gewesen, er habe weiße Mützen gesehen.«

»Auch Naumann behauptet, daß die Herren Saxoborussen ihm sein Haus getigert hätten,« bemerkte Schreckenberger schüchtern.

»Torheit,« sagte Herr von Sarkow achselzuckend, »wir alle sind ruhig bei Walz gewesen, das ist also ganz unmöglich, und außerdem, wie sollten wir es wohl anfangen, Michelmann draußen vor dem Tore in ein Schiff zu sperren, das ist ja ganz unmöglich.«

»Ja, Torheit!« rief der rote Schiffer laut, »wie sollten die Herren Saxoborussen den Michelmann in ein Schiff sperren können, das ist ja ganz unmöglich,« wiederholte er mit unendlich verschmitztem Augenblinzeln, indem er immer von neuem wieder in ein so erschütterndes Lachen ausbrach, daß der Stuhl, auf dem er saß, in seinen Fugen krachte.

Bald erschienen Nürnberger und Rauchthaler, um sich ihre Anerkennung für die am gestrigen Abend geleisteten Dienste zu holen; auch Lieber stellte sich ein und brachte eine Teekanne mit dem großen Wappen der Saxobarussia in kunstvoller Porzellanmalerei. Alle drei bestätigten die Geschichte, die der rote Schiffer soeben erzählte – Michelmann sei geknebelt worden, versicherte Lieber, und dann auf das Schiff geschleppt, während Nürnberger gehört hatte, daß der Pedell von dem Schneider Naumann zum Lohn für seinen Wachtdienst trunken gemacht und dann auf geheimnisvolle Art nach dem Schiffe gebracht worden sei.

Herr von Sarkow hörte alles ruhig, mit vortrefflich gespielter Neugier an, während Luiz Antonio bereits wieder in seine Träumerei versunken war. Er nahm Lieber seine Teekanne ab, bestellte einige Tassen mit seinem Wappen zur Dedikation an seine Freunde, er erlaubte Nürnberger, seinen florentinischen Dolch, und Rauchthaler, seinen Säbel des Sultans Soliman dazulassen, er gab dem roten Schiffer einen Gulden, um einen Schoppen Affenthaler zu trinken, und sehr befriedigt verließ die ganze Gesellschaft das Zimmer, nachdem noch der rote Schiffer mit seinen gewaltigen Armen Nürnberger und Rauchthaler gefaßt und aneinandergepreßt hatte, damit sie, wie er sagte, an einem so vergnügten Tage das Versöhnungsfest feiern und sich den Friedenskuß geben möchten, worauf beide mit unzweideutigen Zeichen gegenseitiger Verachtung davonstürmten.

»Waret ihr das?« fragte Luiz Antonio lachend, als er mit Herrn von Sarkow allein war.

»Charles Clarke und ich,« erwiderte dieser, »es war ein unbezahlbarer Spaß!«

»Vielleicht ein wenig bedenklich in seinen Folgen,« sagte Luiz Antonio; »wenn Michelmann euch erkannt hat, werdet ihr wohl dem Karzer nicht entgehen, das wäre schade – wie würde ich dich entbehren, wenn ich all mein Glück und all meinen Kummer wieder allein tragen müßte.«

»Wie egoistisch!« lachte Herr von Sarkow.

»O, es ist nicht deshalb allein,« sagte Luiz Antonio, ihm herzlich die Hand drückend, »aber der Egoismus ist ja einmal der Erbfehler des Menschengeschlechts, und was ist die Freundschaft andres als die egoistische Freude, die Lust, die uns allein zu schwer wird, mit dem Freunde zu teilen!«

»Und die Freude, sie mit ihm zu tragen,« fügte Herr von Sarkow mit warmem Händedruck hinzu.

»Ich werde dir das nie vergessen,« sagte Luiz Antonio, »und doch ist deine Freundschaft und Teilnahme fast vergebens, denn die schwerste Last, der bitterste Kummer steht mir ja noch bevor, wenn ich erst einsam und allein über das Weltmeer ziehen werde, alles hier zurücklassend, was meinem Leben Glück und Wärme gibt, und dann – wird mich auch die Freundschaft verlassen, jene schwere Last werde ich allein tragen müssen, jenen bittersten Schmerz werde ich allein in die Meereswüste hinausweinen müssen.«

»Armer Freund.« sagte Herr von Sarkow, indem er den Arm um Luiz Antonios Schultern legte, »was kommen muß, wirst du tragen, du wirst auch auf der Mensur mit dem Schicksal feststehen, trägst du nicht das weißgrünschwarzweiße Band – steht es nicht in deinem Herzen mit Flammenzügen geschrieben: Virtus sola bonorum corona! – Du wirst dich des Freundes erinnern, der auch über das Meer hin mit dir fühlt, du wirst wiederkommen – und das andre wirst du vergessen, wie man ja alles Glück und allen Schmerz des Lebens endlich dennoch vergessen muß.«

»Ja,« sagte Luiz Antonio, »ich werde feststehen, unser Wahlspruch wird mich über das Meer begleiten, ich werde der Freundschaft gedenken – vielleicht werde ich wiederkommen – aber vergessen – vergessen niemals, solange meine Brust atmet, solange mein Herz schlägt.«

Er beugte den Kopf herab, eine Träne rann über seine Wange.

Die Befürchtung, welche er in Betreff der Folgen der unfreiwilligen Schiffahrt des Herrn Michelmann ausgesprochen, schien sich schnell bestätigen zu sollen; ein Bote des Universitätsgerichts klopfte an die Tür und brachte den beiden die Vorladung, in einer Stunde vor dem Universitätsrichter zu erscheinen. Während Herr von Sarkow sich schnell ankleidete, erschien noch ein Morgenbesuch in Gestalt des sogenannten Binsenbuben, eines Burschen von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren in einem blauen Frack mit gelben Nankingbeinkleidern, dessen häßliches Gesicht mit weitvorstehenden großen Zähnen fast ganz blödsinnig schien, dabei aber doch einen listig verschmitzten Ausdruck zeigte. Er trug an einem Tragriemen über den Schultern einen breiten, mit Blumen gefüllten Korb.

»Ich bin der Binsenbube,« sagte er mit lallender Stimme, indem er mit dem einen Fuß mehrfach nach hinten auskratzte, wie es die Naturburschen auf der Bühne bei ihren Verbeugungen zu tun pflegen – »ich bin der Binsenbube, der Herr Baron werden mir heute gewiß ein Sträußchen abnehmen – prachtvolle Veilchen, auch schon frische Rosen – der Herr Baron kennt den Binsenbuben, der immer das Neueste und Beste hat für die Herren Saxoborussen.«

Herr von Sarkow wählte ein kleines Bouquet für sein Knopfloch und einen größeren Veilchenstrauß mit einer halbaufgeblühten Rose in der Mitte, er beförderte den unaufhörlich sprechenden Binsenbuben schnell wieder die Treppe hinunter und folgte bald mit Luiz Antonio, um die übrigen aufzusuchen. In dem geöffneten Wohnzimmer saß Dorchen Treuberg auf ihrem gewohnten Platz – aber sie wendete sich nicht um und schien mit der äußersten Aufmerksamkeit auf die Straße hinauszublicken.

»Guten Morgen, Fräulein Dorchen!« rief Herr von Sarkow, schnell über die Schwelle tretend, »ich kann Ihnen heute nur in aller Eile meinen Morgengruß bringen, denn ich muß fort, um –« er stockte, die Vorladung vor das Universitätsgericht ging ja niemand etwas an.

Dorchen drehte sich um, sah ihn verwundert an, als ob sie jetzt erst seine Anwesenheit bemerkte, und sagte mit schmollender Miene:

»Ich begreife es, Herr von Sarkow – Sie haben ja so viel zu tun nach allen Seiten hin, daß Sie sich kaum auskennen mögen in Ihren vielen Geschäften.«

»Hier,« sagte Herr von Sarkow, ihr das Veilchenbouquet reichend, »diese kleinen Blumen mögen Ihnen erzählen, wie leid es mir tut, daß ich so schnell fort muß.«

Dorchen betrachtete den Blumenstrauß, den sie zögernd annahm, und sagte spöttisch:

»Sie haben das wohl von gestern übrig behalten und vergessen, diese Blumen dem Fräulein Schönfeld auf die Bühne zu werfen, weil Sie so sehr vertieft waren in die Unterhaltung mit den vornehmen Damen aus Mannheim.«

»Wie böse sind Sie, Fräulein Dorchen,« sagte Herr von Sarkow mit einiger Verlegenheit – »fragen Sie nur die Blumen, sie werden Ihnen antworten – die Rose da,« fügte er leise hinzu, »das ist meine kleine liebe Freundin, die mir jetzt ein so böses Gesicht macht, und die Veilchen ringsum, das sind all die guten und lieben Gedanken, die für sie in duftiger Verborgenheit aus meinem Herzen emporblühen.«

Schnell drückte er ihre widerstrebende Hand, die zitternd den Strauß hielt, an seine Lippen und eilte Luiz Antonio auf die Straße nach.

Dorchen blickte finster und unmutig auf die kleinen Blumen, ihre Hand zuckte, als wolle sie die unschuldigen Blüten zerreißen – doch sie tat es nicht, sondern füllte ein Glas mit Wasser und stellte den Strauß hinein; aber auf die frische Rose fiel ein Tränentropfen aus ihrem Auge, der Schmerzenstau, der keiner Liebesblüte erspart bleibt und der ihr dennoch den höchsten Reiz ihrer poetischen Schönheit verleiht.

Vor dem Hause des Schneiders standen Gruppen von Neugierigen, die mit einer gewissen Schadenfreude den wundersam gestreiften Giebel betrachteten; vor der Tür des Walzschen Lokals saßen die Saxoborussen auf herausgetragenen Stühlen und sprachen laut ihr lebhaftes Bedauern über einen so strafwürdigen Unfug aus. Hinter dem Fenster des verunstalteten Hauses erschien zuweilen das gallig gelbe Gesicht des Herrn Naumann, der giftige Blicke nach seinen Feinden hinüberschoß und bei den lauten Aeußerungen ihrer spöttischen Teilnahme zuweilen drohend die Faust erhob. Auch der rote Schiffer war anwesend, er ging auf der Straße auf und ab, trank einen Schoppen nach dem andern und sprach mit lauter Stimme seine tiefe Entrüstung über die heillose Verschändung an dem schönen Hause eines so würdigen und ausgezeichneten Bürgers aus, wobei jedoch seine Miene im Gegensatz zu seinen Worten ein so inniges Vergnügen zeigte, daß der wütende Schneider dem athletischen Faktotum der Corps gewiß mit Freuden Gift in die Schoppen gemischt haben würde, die dieser, ihm freundlich zublinzelnd, auf sein spezielles Wohl zu leeren nicht müde wurde.

Die sämtlichen Saxoborussen waren vorgeladen und begaben sich in corpore, von dem roten Schiffer gefolgt, der bei dieser wichtigen Veranlassung seine hohe, vielfarbige S. C.-Mütze aufgesetzt hatte, nach dem Universitätsgebäude. In einem weiten, ziemlich düsteren Zimmer saß der Universitätsrichter von Goltern, em Mann von etwa vierzig Jahren mit einem freundlichen, lebenslustig jovialen Gesicht, an einem grünen Tisch, ein Protokollführer neben ihm. Vor der Schranke, die den Tisch des Richters von dem übrigen Raum des Verhörzimmers trennte, stand der Pedell Michelmann, in nochmaliger lebhafter Erzählung der ihm widerfahrenen Unbill begriffen. Herr von Goltern war in seiner Jugend ein lustiger Student und eifriger Corpsbursch der Schwaben gewesen, man wußte, daß er für fröhlichen Jugendübermut sympathisches Verständnis besaß und stets geneigt war, tolle Streiche, sofern es sich dabei nur um das Ueberschäumen heiterer Jugendlust handelte, so mild als möglich zu beurteilen. Als die Saxoborussen eintraten, erwiderte er ihren Gruß zwar mit strenger Amtsmiene, aber es zuckte doch ein heiteres Lächeln dabei um seine Mundwinkel; Michelmanns Gesicht wurde noch spitzer, blasser und feindlicher als gewöhnlich, er richtete sich hoch empor mit einer feierlichen Miene, die sagen zu wollen schien: jetzt wird es sich finden, jetzt wird der rächende Blitz auf die Uebelthäter herabfahren.

»Sie sind schlimmer Vergehen angeklagt, meine Herren,« sagte Herr von Goltern; »der Pedell Michelmann hat die Anzeige erstattet, daß Sie am gestrigen Abend das Haus des Schneiders Naumann mit Eiern beworfen und daß Sie dann ihn selbst mit List auf das Dampfschiff gelockt, dort eingesperrt und darauf das Schiff losgelöst und der Strömung überlassen hätten.«

Auf den Gesichtern sämtlicher Saxoborussen zeigte sich das höchste Erstaunen und zugleich eine tiefe moralische Entrüstung. Herr von Goltern beugte einen Augenblick den Kopf tief auf den Tisch nieder, um die Heiterkeit zu verbergen, die er kaum zu überwinden vermochte.

»Nun, meine Herren,« sagte er dann, »bekennen Sie sich der angeklagten Vergehen schuldig oder was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu bemerken?«

Graf Kronau trat an die Schranken.

»Wir sind sämtlich vollkommen unschuldig, Herr Universitätsrichter,« sagte er; »ich begreife in der Tat nicht, wie ein so ausgezeichneter und pflichttreuer Beamter wie Herr Michelmann an solcher Gedächtnisschwäche und Begriffsverwirrung leiden kann, um eine derartige Beschuldigung gegen uns auszusprechen, da er doch selbst am besten wissen muß, daß dieselbe völlig unbegründet ist.«

»Herr Universitätsrichter!« rief Michelmann, »die Herren haben alle auf der Straße zwischen der Walzschen Konditorei und dem Naumannschen Hause gestanden, als die Eier geworfen wurden, von denen eins die Fensterscheibe traf.«

»Das ist vollkommen richtig,« sagte Graf Kronau, »aber ich bitte, Herrn Michelmann zu fragen, wo wir gestanden haben; wir standen alle ihm gegenüber, alle vor seinen Augen, die Straße war von den Laternen beleuchtet, er hätte es sehen müssen, wenn einer von uns auch nur den Arm erhoben hätte. Wir waren im Begriff, uns mit ihm auf das freundlichste und mit all dem Respekt, den wir dem Diener des hohen Senats schuldig find, zu unterhalten, als aus der Dunkelheit her, wie wir allerdings auch bemerkten, einige Eier gegen das Haus des vortrefflichen Herrn Naumann geschleudert wurden.«

»Wie ist das, Michelmann?« fragte Herr von Goltern, »verhält sich die Sache so, – wo standen die Herren?«

»Sie standen vor mir,« sagte Michelmann ein wenig verwirrt, »und suchten mich mit höhnischen Worten zu reizen.«

»Ich bitte den Herrn Universitätsrichter,« sagte Graf Kronau, »Herrn Michelmann zu fragen, ob er sich eines höhnischen oder unangemessenen Wortes erinnere; ich weiß nur, daß wir sehr höflich und artig mit ihm gesprochen haben.«

»Die Worte waren freilich sehr höflich und artig!« rief Michelmann, »höflicher und artiger als die Herren sonst sind – aber die Absicht –«

»Es handelt sich hier nicht um die Absicht,« unterbrach ihn Herr von Goltern streng – »können Sie ein einziges verletzendes Wort anführen, das die Herren gegen Sie ausgesprochen haben?«

»Das eben nicht, aber –«.

»Nun also,« unterbrach ihn Herr von Goltern abermals, »antworten Sie genau und präzis: konnten Sie die Herren sämtlich sehen, standen dieselben vor Ihnen, zwischen Ihnen und dem Naumannschen Hause?«

»Allerdings,« sagte Michelmann – »aber hinter mir –«

»Ich frage nicht, was hinter Ihnen geschah,« fiel Herr von Goltern ein; »wenn die Herren also vor Ihnen standen und Sie dieselben sämtlich sehen konnten, so ist es ja unmöglich, daß einer von ihnen einen Wurf nach dem Hause getan haben kann.«

»Ganz unmöglich!« rief Graf Kronau.

»Unmöglich – unmöglich!« wiederholten die Saxoborussen.

»Die erste Anschuldigung zerfällt also nach Ihrer eignen Aussage in nichts,« fuhr Herr von Goltern fort, »und ich bedaure, daß Sie eine solche Anklage erhoben haben, da Sie doch nach Ihrer jetzigen Erklärung selbst wissen mußten, daß diese unbegründet sei. Wir gehen also zu dem zweiten Punkt über, Ihre Einsperrung auf dem Dampfschiff,« fuhr er fort, indem er abermals den Kopf auf den Tisch niederbeugte, während der Protokollführer eifrig das Resultat der Verhandlung niederschrieb.

»Wie kamen Sie auf das Schiff, das doch draußen am Neckar liegt,« fragte Herr von Goltern weiter, »nachdem Sie eben vor dem Naumannschen Hause gestanden und sich durch eignen Augenschein überzeugt hatten, daß keiner von diesen Herren ein Ei gegen dieses Haus geworfen haben konnte?«

Michelmann schluckte, vor Aufregung zitternd, einen Fluch, der auf seinen Lippen schwebte, hinab.

»Die Würfe gegen das Haus,« fügte er, »waren hinter meinem Rücken getan, Herr Universitätsrichter; als ich mich umwendete, sah ich dort zwei Gestalten, die weiße Mützen trugen. Ich wollte sie ergreifen, sie liefen davon; ich verfolgte sie, sie flüchteten sich auf das Dampfschiff. Im pflichtschuldigen Diensteifer eilte ich ihnen auch dahin nach, sie waren die Kajütentreppe hinabgestiegen, sie müssen sich dort verborgen haben, denn als ich die verschiedenen Türen öffnete, um sie zu suchen, fühlte ich mich plötzlich in einen Raum gestoßen und eingeschlossen – in einen Raum – o, es ist entsetzlich, Herr Universitätsrichter, in einem solchen Raum eine ganze Nacht verbringen zu müssen! Auch den Wächter des Schiffes haben sie in der Luke des Vorderverdecks eingeschlossen, Steine und Anker darüber gewälzt und uns dann dem Strom überlassen – das Schiff hätte scheitern, zu Grunde gehen können – es ist ein Attentat auf Leben und Gesundheit, es ist fast ein Mordversuch, Herr Universitätsrichter.«

Die Saxoborussen äußerten in lebhaftem Mienenspiel ihren Abscheu über ein so fluchwürdiges Verbrechen gegen die Autorität eines Dieners des hohen Senats, und Graf Kronau gab diesen Gefühlen in wohlgesetzten Worten Ausdruck.

Diesmal blieb Herr von Goltern länger als vorher auf den Tisch herabgebeugt, – der Gedanke an den eingesperrten Michelmann und der Anblick der über diesen Frevel so tief entrüsteten Saxoborussen überwältigten ihn, so daß er eine Zeit der Sammlung bedurfte. Dann fragte er mit strenger Amtsmiene weiter: »Sie sagen, Herr Michelmann, daß die beiden Gestalten, die nach Ihrer Behauptung Eier gegen das Naumannsche Haus geworfen, weiße Mützen getragen hätten – können Sie bestimmt versichern, merken Sie wohl auf, können Sie auf Ihren Diensteid versichern, daß diese Mützen weiß waren, oder waren es vielleicht nur helle Kopfbedeckungen, wie sie häufig von Studenten und Nichtstudenten getragen werden?«

»Die Mützen waren weiß, Herr Universitätsrichter,« sagte Michelmann ein wenig zögernd – »ich könnte darauf schwören, daß sie weiß waren.«

»Ich will keine allgemeinen Redensarten,« sagte Herr von Goltern, »können Sie auf Ihren Diensteid erklären, daß die Mützen jener unbekannten Gestalten, die Sie verfolgten, wirklich weiß waren?«

»Es war dunkel, Herr Universitätsrichter,« sagte Michelmann – »die Laternen brennen trübe – der Diensteid ist eine ernste Sache, es wäre vielleicht doch eine Täuschung möglich.«

Herr von Goltern zog die Stirn finster zusammen, während seine Mundwinkel unwillkürlich zuckten.

»Sie können also nicht erklären, daß die Mützen weiß waren; haben Sie an diesen Mützen die Corpsfarben der Saxoborussen bemerkt?«

»Das kann ich nicht bestimmt behaupten, Herr Universitätsrichter, aber –«

»Sie haben also keinen Anhalt für die Behauptung, daß jene Personen, die Sie auf das Dampfschiff verfolgten, Saxoborussenmützen getragen hätten – haben Sie selbst noch etwas zur Unterstützung der durch Ihre bisherigen Aussagen noch ganz unbegründeten Anklage anzuführen?«

»Herr Universitätsrichter,« sagte Michelmann fast weinend vor Zorn, »sie sind es doch gewesen, ich weiß es gewiß, ich möchte darauf schwören.«

»Bedenken Sie Ihre Worte,« fuhr ihn Herr von Goltern an. »ich habe Sie gefragt, ob Sie Ihre Aussagen auf Ihren Diensteid nehmen können. Sie haben meine Frage verneint, was wollen Sie also mit der Redensart – was wollen Sie beschwören, – es handelt sich hier um die Ermittlung bestimmter Tatsachen, nicht um Ihre individuelle Vermutung.« »Die Sache wird sich noch sehr vereinfachen lassen.« sagte Graf Kronau; »es ist schmerzlich für uns, daß Herr Michelmann so ganz wider sein eignes Gedächtnis einen solchen Verdacht gegen uns hat aussprechen können, – er ist den Beweis schuldig geblieben, wir aber können den Gegenbeweis liefern, wenn der Herr Universitätsrichter die Güte haben wollen, den Konditor Walz rufen zu lassen; er wird bezeugen, daß wir den ganzen Abend in seinem Lokal waren und dasselbe erst um ein Uhr fünf Minuten verlassen haben – ich erinnere mich dessen zufällig ganz genau, weil ich gerade im Moment, als wir nach Hause gingen, meine Uhr mit der des Herrn Walz verglich.«

Herr von Goltern zog eine über den Tisch herabhängende Schelle und befahl, sogleich den Konditor Walz herbeizurufen. Nach wenigen Minuten schon, während deren Michelmann, durch das spöttisch mitleidige Lächeln der Saxoborussen immer mehr gereizt, zitternd, mit geballten Händen dastand, erschien Herr Walz. Ein verbindliches Lächeln glänzte auf seinem freundlichen Gesicht, als er Herrn von Goltern mit tiefer Ehrfurcht begrüßte und zugleich mit den Saxoborussen einen flüchtigen Blick des Einverständnisses wechselte.

»Herr Walz,« sagte Herr von Goltern, »die Herren hier behaupten, gestern den ganzen Abend in Ihrem Lokal gewesen zu sein und dasselbe erst um ein Uhr fünf Minuten verlassen zu haben, können Sie diese Angaben bestätigen?«

»Ganz zuverlässig – ganz zuverlässig, Herr Universitätsrichter,« sagte Herr Walz; »die Herren waren da und haben mir sogar die Ehre erwiesen, auf mich einen Salamander zu reiben. Sie haben erst Porterbier und Champagner und dann Burgunder und Champagner getrunken, und endlich Sherry, Portwein und Ale, fünfzehn Flaschen, ganz genau fünfzehn Flaschen.«

»Und wann sind sie fortgegangen?«

»Präzis um ein Uhr fünf Minuten. Herr Universitätsrichter,« sagte Walz, »ich weiß es zufällig ganz genau, denn der Herr Graf Kronau verglich seine Uhr mit der meinigen, als die Herren fortgingen – doch um die ganze Wahrheit zu sagen, muß ich bemerken, daß es erst ein Uhr vier Minuten war, so viel zeigte meine Uhr, und die geht ganz richtig; die Uhr des Herrn Grafen Kronau muß wohl um eine Minute vorgegangen sein, – ich würde dem Herrn Grafen empfehlen, sie meinem Freunde, dem Uhrmacher Ritzhaupt, zur Reparatur zu übergeben, denn es ist immer unangenehm, wenn man sich nicht genau auf seine Uhr verlassen kann.«

Herr von Goltern gab sich keine Mühe, seine Heiterkeit zu verbergen, die er diesmal auf Rechnung des Herrn Walz stellen konnte.

»Ich danke Ihnen,« sagte er zu dem Konditor, der sich mit tiefen Verbeugungen schleunigst entfernte.

»Nun, Herr Michelmann,« fuhr er dann, sich aufrichtend und den unglücklichen Pedellen mit finsteren Blicken messend, fort, »Sie haben also für die schwere Anklage, die Sie gegen diese Herren erhoben, nicht einmal stichhaltige Verdachtsgründe anführen, geschweige denn irgend einen Beweis liefern können; die Herren dagegen haben durch die Aussage des völlig unverdächtigen Zeugen Walz ihre Anwesenheit in dessen Lokal bis um ein Uhr fünf Minuten nachweisen können, – um welche Zeit hat die Verunreinigung des Naumannschen Hauses und Ihre Verfolgung der beiden Unbekannten nach dem Dampfschiff stattgefunden?«

»Es mochte etwas nach elf Uhr sein, Herr Universitätsrichter,« sagte Michelmann tonlos, indem er, wie von einem Schwindel erfaßt, hin und her schwankte.

»Es ist also völlig unmöglich,« fuhr Herr von Göttern fort, »daß diese Herren an der einen oder der andern Sache beteiligt gewesen sein können. Es freut mich, meine Herren,« fügte er zu den Saxoborussen gewendet, »daß es Ihnen gelungen ist, sich so vollständig zu rechtfertigen, denn ich hätte es aufrichtig bedauert, wenn ich gezwungen gewesen wäre, gegen Sie bei dem akademischen Senat die Strafe zu beantragen, die eine so grobe Gesetzwidrigkeit unnachsichtlich hätte zur Folge haben müssen. Sie aber, Herr Michelmann, muß ich ernstlich ermahnen, künftig gewissenhaft mit sich zu Rate zu gehen und Ihre Erinnerungen zu sammeln, bevor Sie so schwere Anklagen erheben, die sich dann als völlig unbegründet und rein persönliche Vermutungen herausstellen. Ein Verfahren, wie Sie es in dieser Sache beobachtet haben, könnte – ich kann Ihnen das nicht verhehlen – leicht den Verdacht erregen, daß Ihr Gedächtnis durch irgendwelche übermäßig genossenen Reizmittel getrübt gewesen sei.« »Herr Universitätsrichter!« rief Michelmann außer sich, »Sie wissen und der hohe Senat weiß es auch, daß ich ein mäßiger und pflichttreuer Mann bin; ich habe gestern abend nichts weiter getrunken als einige Schoppen Affenthaler, die mir Herr Naumann zur Erwärmung gegeben, weil ich auf seine Bitte vor seinem Hause Wache hielt.«

»Wieviel Schoppen waren das?« fragte Herr von Goltern, indem er das Gesicht einen Augenblick mit der Hand bedeckte.

»Es mögen wohl – es mögen wohl – fünf – vielleicht auch sechs gewesen sein,« stammelte Michelmann.

»Nun,« sagte Herr von Goltern achselzuckend, »dann wird mir die Sache erklärlich; ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß es Ihrer Stellung nicht angemessen ist, wenn Sie von Privatpersonen für private Wachtdienste eine solche Anzahl von Schoppen des ziemlich feurigen Affenthalers sich ponieren lassen – unterlassen Sie das künftig, dann werden Sie nicht wieder in die Lage kommen, unbegründete Anklagen zu erheben.

»Ich danke Ihnen, meine Herren, und spreche Ihnen nochmals meine Freude über diesen Ausgang der Sache aus.«

Die Saxoborussen verneigten sich ehrfurchtsvoll vor dem Universitätsrichter: Graf Kronau trat dicht vor den Pedellen hin und sagte mit tief zerknirschter und vorwurfsvoller Miene:

»Wie konnten Sie uns so verkennen – aber Herr Michelmann!«

Und mit einer theatralischen Handbewegung den Kopf schüttelnd, ging er hinaus.

»Aber Herr Michelmann,« sagte Lord Fitzgerald noch zerknirschter, noch vorwurfsvoller, und der Reihe nach traten alle Saxoborussen vor den Pedellen hin, und jeder einzelne rief dem völlig vernichteten Diener des hohen Senats in den mannigfachsten Variationen des Tons und Mienenspiels die vorwurfsschweren Worte zu:

»Aber Herr Michelmann!«

Herr von Goltern verbarg sein Gesicht hinter einem großen Aktenstück, seine ganze Gestalt bewegte sich in eigentümlichem Zittern, als ob ein unwiderstehlicher Lachanfall ihn ergriffen habe; aber als er das Aktenstück sinken ließ, war seine Miene wieder einst und streng, und in kaltem Tone sagte er:

»Sie sind entlassen, Herr Michelmann.«

»Es ist zu arg. es ist zu arg!« ächzte der unglückliche Pedell, indem er sich mit den geballten Fäusten vor die Stirn schlug – »verhöhnt – eingesperrt – Numero Null – und dabei noch einen Verweis! O Himmel, wo ist dein Blitz für diese Rotte Korah – und sie sind es doch gewesen – sie sind es doch gewesen – sie sind es doch gewesen!«

Er stürzte hinaus und eilte nach dem Pedellenzimmer, wo er vor seinen Kollegen seinem Zorn in furchtbaren Verwünschungen Luft machte, während die Saxoborussen sich fröhlich bei Walz versammelten und einen donnernden Salamander auf das Wohl des Herrn von Goltern rieben.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.