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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Elftes Kapitel

Laute Fröhlichkeit herrschte in dem kleinen Lokal des Herrn Louis Walz an der Hauptstraße. Der glückliche Ausgang der Paukerei am Morgen, die das Paukbuch des Corps mit achtzehn Nadeln verziert hatte, und die Nachwirkung der Theatervorstellung, deren so ungemein belustigende Wirkung der Dichter des Käthchen von Heilbronn sich wohl kaum jemals hatte träumen lassen, hatten die Stimmung der jungen Leute, die schon ohnehin niemals von einem trüben Schatten sich verdunkeln ließ, zur ausgelassensten Heiterkeit emporgehoben, in der man sogar die gegen Herrn Walz erlassene scherzhafte Kriegserklärung vergaß und mit pünktlicher Gewissenhaftigkeit die verschiedenen Bestandteile des Soupers zur Notierung in dem großen Buch angab. Man mischte in großen Gläsern Champagner und englisches Porterbier, was natürlich die allgemein lustige und zu tollem Uebermut geneigte Stimmung nur noch mehr erheiterte, und als man später dieses Getränk durch eine von Lord Fitzgerald erfundene Mischung von Champagner und Burgunder mit einem ganz leichten Anhauch von geriebenen Orangenschalen ersetzte, wurde die Unterhaltung von einer Minute zur andern immer lauter und jubelnder und ließ wenig Gutes für die nächtliche Ruhe der Straßen von Heidelberg gewärtigen. Es wurden denn auch bald an den Tischen in dem kleinen Hinterzimmer verschiedene Vorschläge laut, deren Ausführung sehr geeignet erscheinen mußte, um die Nachtruhe der ehrsamen Bürger von Heidelberg in bedenklicher Weise zu stören. Es handelte sich nur darum, ob man die Schilder verschiedener Handwerker und Kaufleute miteinander verwechseln solle, um etwa eine Putzmacherin in einen Schuster oder einen Schneider in einen praktischen Arzt und Geburtshelfer zu verwandeln; ob man die Haustüren mißliebiger Persönlichkeiten vernageln oder mit Eisendraht zubinden und dann die eingeschlossenen Bewohner durch gewaltiges Sturmläuten erwecken, oder ob man die Straßenlaternen von ihren Ständern herannehmen und an irgend einen entlegenen Ort zu einer brennenden Pyramide aufschichten solle.

Luiz Antonio hatte sich schon früh zurückgezogen; ihm war es Bedürfnis, in der Einsamkeit zu träumen, aber Herr von Sarkow hatte ihn heute nicht begleitet, denn an diesem Tage, der nach dem glücklichen Waffengang am Morgen so viel Bewegung und Erregung gebracht hatte, war es ihm unmöglich, früh schon die Ruhe zu finden, und eifrig beteiligte er sich an dem Meinungsaustausch darüber, auf welche Art der kleine Guerillakrieg gegen die Philister, der einen so besonderen Reiz des akademischen Lebens bildete, in dieser Nacht weitergeführt werden sollte.

Charles Clarke hatte sich, während die übrige Gesellschaft in den Hinterzimmern beisammensaß, schon eine Zeitlang in dem vorderen Büfettraum aufgehalten und mehrfach durch die äußere Glastür nach der dunkeln Straße hinausgespäht. Endlich kam er zu den übrigen und sagte mit wichtiger und äußerst vergnügter Miene:

»Hört mich an. Ich habe einen vortrefflichen Spaß ausgedacht, der uns viel Vergnügen machen wird und zugleich den Philistern zeigt, daß sie sich nicht ungestraft gegen uns auflehnen dürfen. Ihr wißt,« fuhr er fort, während die andern alle sich gespannt lauschend um ihn drängten – »ihr wißt, daß der Schneider Naumann hier gegenüber Strafe verdient hat, weil er uns einmal angezeigt wegen der Laternen, die wir an seine Haustür gebunden, wobei er uns vom Fenster aus belauscht und erkannt hatte.«

»Nun, er hat seinen Lohn erhalten,« sagte Fritz Helmholt, »wir haben ihm ja die Straßenfront seines Hauses, die er mit heller Oelfarbe hatte streichen lassen und auf die er so stolz war, einmal mit einem großen Teerpinsel und dann mit einem Dutzend darangeworfener Eier gründlich verdorben; das hat den boshaften Philister viel Geld gekostet und ihm noch mehr Aerger gemacht, er wird an die Strafe denken, und wir können zufrieden sein.«

»Nein!« rief Charles Clarke, »wir dürfen noch nicht zufrieden sein, und ich bin es nicht, denn der freche Schneider ist noch nicht zu Kreuze gekrochen und glaubt uns noch weiter trotzen zu können. Er hat nun zum dritten Male sein Haus mit hellgrauer Oelfarbe angestrichen, heute ist es fertig geworden, und statt uns Abbitte zu tun, hat er sich hinter die Pedellen gesteckt; da draußen vor der Tür geht Michelmann auf und ab, der Alte läßt es sich, wie es scheint, etwas kosten, um sein Haus durch diese Wache zu schützen, aber wir müssen nun zeigen, daß ihm das alles nichts hilft, und daß er seinen trotzigen Schädel vor uns beugen muß, wenn er Ruhe und Frieden haben will.«

»Ja, ja, das ist wahr, das müßten wir tun,« sagten die andern – »aber wie ist das möglich, was können wir machen, wenn Michelmann wirklich vor Naumanns Hause Wache steht?«

»Laßt mich machen.« sagte Charles Clarke, »und tut nur, was ich euch sage. Wir werden jetzt alle auf die Straße treten, als ob wir nach Hause gingen – ihr werdet Michelmann anreden, umringen, tun, was ihr wollt, nur nichts, wobei er euch anzeigen kann, und euch so stellen, daß er später bezeugen muß, ihr hättet nichts gegen Naumanns Haus unternommen. Das übrige ist meine Sache – der Fuchs Sarkow soll mir helfen, er hat heute einen glücklichen Tag, ich glaube an die Fortuna, sie wird ihm auch jetzt günstig sein – geht nur immer voraus und unterhaltet euch mit Michelmann.«

Aeußerst vergnügt befolgten alle die erhaltene Weisung, sie nahmen ihre Mützen und gingen auf die Straße hinaus, ohne weiter zu fragen, denn sie wußten, daß der in den huronischen Wäldern aufgewachsene Amerikaner ein Meister war im Ersinnen listiger Anschläge und in deren geschickter Ausführung. Charles Clarke blieb mit Herrn von Sarkow noch einen Augenblick in dem Lokal zurück, er zog eine Anzahl frischer Eier aus seiner Tasche, übergab diese Herrn von Sarkow und erteilte ihm leise seine Instruktionen, die jener mit der Miene freudiger, verständnisvoller Zustimmung annahm.

Die ganze Gesellschaft war auf die Straße herausgetreten, laut und scheinbar harmlos sprechend, als ob alle im Begriff wären, sich zu trennen und in ihre Wohnungen zurückzukehren. Gerade der Walzschen Konditorei gegenüber lag Herrn Naumanns schmales Haus, die ungewöhnlich hohe und spitze Gibelfront der Straße zugewendet: diese ganze Front war mit hellglänzender, frischer Oelfarbe angestrichen, und in dem unsicheren Schein der in der Nähe brennenden Laterne sah man eine lange Gestalt in zugeknöpftem Ueberrock mit aufgeschlagenem Kragen auf dem Trottoir vor dem Hause auf und nieder gehen. Als die Saxoborussen aus dem hellerleuchteten Ladenzimmer auf die Straße traten, suchte sich diese dunkle Gestalt in den Schatten eines Mauervorsprungs zu drücken, aber schon war sie entdeckt und von allen scheinbar zufällig und absichtslos umringt. Fritz Helmholt trat ganz nahe heran, blickte unter den tief herabgezogenen Mützenschirm und rief dann in verwundertem Ton:

»Herr Michelmann – wahrhaftig, es ist Herr Michelmann – guten Abend. Herr Michelmann,« fuhr er, mit artigem Gruß seine Cerevismütze abnehmend, fort, »was machen Sie noch so spät auf der Straße – ja, ja, es ist ein schweres, angreifendes Amt, Sie müssen wohl noch auf böse Nachtschwärmer und Unruhstifter fahnden – es gibt ja leider gewissenlose junge Leute, die die Gesetze der hohen akademischen Obrigkeit nicht achten und die Ruhe der Bürger stören – nun, an uns müssen Sie eine rechte Freude haben, wir haben hier bei dem vortrefflichen Walz unser frugales Abendessen eingenommen und wollen jetzt friedlich nach Hause gehen, um uns in ruhigem Schlaf für unsre Studien am Morgen zu stärken, wie es ordentlichen Studenten geziemt.«

Der Pedell hatte, als er sich erkannt sah, seinen Rockkragen herabgeschlagen und hörte mit finsterer, mürrischer Miene ungeduldig dieser längeren und wohlgesetzten Rede zu.

»Guten Abend, Herr Michelmann!« riefen die andern alle, indem sie mit respektvollem Gruß ihre Mützen abnahmen.

»Wie ist Ihnen Ihre Landpartie heute Morgen bekommen, Herr Michelmann?« fragte Lord Fitzgerald in einem so treuherzigen Ton mitleidiger Teilnahme, daß der Pedell mit zornfunkelnden Blicken wütend in seinen grauen, struppigen Schnurrbart biß.

»Guten Abend, meine Herren,« sagte er giftig, indem er seine Mütze berührte und auf die Mitte der Straße vortrat, »ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten, und muß Sie dringend auffordern, sogleich nach Hause zu gehen und keinen Unfug zu machen.«

»Unfug, mein lieber Herr Michelmann?« sagte Graf Kronau, indem er auf der Seite des Naumannschen Hauses dicht vor den Pedellen hintrat; »Sie sehen ja, daß wir im Begriff sind, ruhig und friedlich nach Hause zu gehen; können Sie es einen Unfug nennen, wenn wir die Gelegenheit unsrer zufälligen und so erfreulichen Begegnung benutzen, um dem würdigen Diener des akademischen Gesetzes einen respektvollen guten Abend zu wünschen?«

Die andern alle hatten sich neben den Grafen Kronau aufgestellt, so daß sie vor dem Hause der Apotheke eine breite Front bildeten, wodurch Michelmann, der irgend ein feindliches Unternehmen hinter dieser so außergewöhnlich liebenswürdigen Begrüßung wittern mochte, veranlaßt war, dem Walzschen Lokal den Rücken zuzukehren, um die Saxoborussen im Auge zu behalten, die sich in wiederholten Grüßen und Ergebenheitsversicherungen erschöpften. Er bemerkte es nicht, daß Charles Clarke und Herr von Sarkow leise auf die Straße herausgetreten waren und sich unmittelbar hinter ihm aufgestellt hatten; während er nun fortwährend und immer drohender die Herren zum Nachhausegehen aufforderte, und diese, immer näher an ihn herandrängend, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, flog, geschickt gezielt, aus Starkes und Sarkows Händen ein Ei nach dem andern unmittelbar unter die höchste Winkelspitze des Giebels, und der Inhalt jedes dieser Eier floß in einem langen Streifen auf der frisch aufgetragenen Oelfarbe herunter. Eine kurze Zeit war das Spiel fortgesetzt worden, ohne daß Herr Michelmann, der ausschließlich die vor ihm stehenden Studenten scharf bewachte, etwas davon bemerkt hatte; da endlich tat Herr von Sarkow, nicht so geübt im sicheren Treffen wie der Hurone, einen Fehlwurf, und das von ihm geschleuderte Ei flog klirrend in die Scheibe eines Giebelfensters des Hauses.

»Ha!« rief Michelmann, auffahrend wie ein angeschossener Eber, »das war es – ich wußte es doch, daß irgend ein heilloser Verrat, irgend ein schauderhaftes Attentat im Werke sei.«

Schnell sich umwendend, erblickte er hinter sich Herrn von Sarkow und Clarke, die jedoch beide bereits ganz ruhig und harmlos ihre Hände in die Taschen gesteckt hatten.

»Halt!« rief Michelmann, die Hand ausstreckend, »wer ist das – Ihre Namen, meine Herren, Ihre Namen!«

Aber ehe er einen der Eierschleuderer erfassen konnte, hatten sich beide schnell zur Flucht gewendet und eilten die Hauptstraße entlang.

»Er hat uns nicht erkannt,« flüsterte Clarke Herrn von Sarkow zu, »fort, fort, damit er uns nicht einholt.«

Die übrigen umringten Michelmann.

»Das ist ja frevelhaft!« rief Graf Kronau. »wer kann das nur gewesen sein – es ist gar nicht zu glauben, daß so etwas vorkommen kann.«

»Sie haben Weiße Mützen auf!« rief Michelmann, »sie haben weiße Mützen auf, diesmal sollen sie mir nicht entgehen!« Und mit rücksichtsloser Hast die ihn umgebenden Saxoborussen zurückdrängend, stürmte er den beiden Flüchtlingen, die bereits einen ziemlichen Vorsprung erreicht hatten, nach, indem er seine langen Beine zu Riesenschritten auseinanderspannte.

»Der verteufelte Kerl läuft wie ein Windhund.« sagte Charles, »in den Straßen wird er uns nicht aus den Augen verlieren, wir wollen zum Karlstor hinaus und uns dann in die Berge schlagen, dort in der Dunkelheit muß er unsre Spur verlieren.«

Und beide liefen mit verdoppelter Kraft auf der Hauptstraße weiter dem Karlstore zu, während Michelmann zwar schnaufend, aber durch die Riesenschritte, die ihm seine Beine erlaubten, begünstigt, sich ihnen allmählich immer mehr näherte, indem er ihnen von Zeit zu Zeit mit heiserer Stimme nachrief:

»Halt – halt, im Namen des akademischen Gesetzes!«

Die beiden Flüchtlinge hatten die Wölbung des Karlstors passiert, Michelmann verdoppelte seine Anstrengungen, denn er begriff, daß sie ihm draußen bei der völligen Dunkelheit und bei den vielen in die Berge führenden Seitenwegen entwischen müßten. Die Straße vor dem Karlstor führt fast unmittelbar am Ufer des Neckars hin, der links im Tale fließt, während rechts die Höhenzüge aufsteigen.

»Jetzt dort hinauf,« sagte Charles Clarke, der durch den langen Lauf kaum ermüdet schien, während Herrn von Sarkows Kräfte zu schwinden begannen – plötzlich aber stand er einen Augenblick still und sagte: »Halt, nein, komm hierher, das ist besser,« und er wendete sich, Sarkow mit sich fortziehend, nach der linken Seite dem Ufer des Neckars zu. Hier lag eines der Dampfschiffe, die für die Fahrten nach Heilbronn bestimmt waren, an starke Pfähle gekettet am Ufer.

»Wir wollen auf das Schiff,« sagte Herr von Sarkow, »ich glaube, er hat uns jetzt aus den Augen verloren, und dort wird er uns sicher nicht suchen.«

Das Schiff lag fast unmittelbar am Ufer, es war nicht schwer, zu demselben hinüberzuspringen, – im nächsten Augenblick befanden sich die beiden jungen Leute auf dem Verdeck. Herr von Sarkow atmete erleichtert auf.

Aber Charles Clarke hatte sich getäuscht, der Pedell hatte sie nicht aus den Augen verloren, er hatte ihre Schatten in der Dunkelheit zum Flusse hinabeilen sehen und war ihnen schnell genug gefolgt, um ihren Sprung nach dem Dampfboot hinüber noch zu bemerken. Die beiden sahen ihn am Ufer erscheinen und sich zu dem Sprunge anschicken, der bei der außerordentlichen Spannweite seiner Beine fast nur ein Schritt für ihn sein mußte.

»Komm,« flüsterte Charles Clarke, »das ist herrlich, er rennt in sein Verderben.« Er zog Herrn von Sarkow mit sich fort nach dem Hinterteil des Schiffes, beide stiegen die nach der Kajüte führende Treppe hinab und verbargen sich eng zusammengedrückt unter den Treppenstufen in dem kleinen Vorraum vor der Kajüte.

»Wir sind verloren,« sagte Herr von Sarkow, »wir hätten in die Berge gehen sollen, hier muß er uns ja finden, wir können ihm nicht entrinnen.«

»Warte,« fügte Charles Clarke, indem er seine Hand auf Herrn von Sarkows Mund legte.

Michelmann hatte seinen Sprung auf das Schiff gemacht, er mußte es auch gesehen haben, wie die beiden Studenten nach der Kajütentreppe hingeeilt waren, denn schon hörte man seine Schritte auf dem Verdeck, und unmittelbar darauf stieg er, schwer auftretend und vorsichtig in dem dunkeln Raum umhertastend, die Treppe hinab. Er öffnete den Kajütenraum, doch sein an die Dunkelheit gewöhntes Auge spähte vergebens umher; in der Kajüte befanden sich nur rings an den Wänden umherlaufende Polsterbänke und Tische in der Mitte, unter denen sich niemand verbergen konnte; so gering das Licht auch war, das durch die Fenster hereinfiel, so überzeugte sich Michelmann dennoch, daß die von ihm so eifrig Verfolgten hier nicht versteckt waren. Einen Augenblick stand er, sinnend und leise vor sich hin fluchend, auf dem kleinen Vorplatz; da entdeckte er seitwärts von der Kajüte eine kleine Tür, die mit jener wundersamen Ziffer bezeichnet war, die an sich nichts bedeutet, und die doch, in genügender Anzahl hinter die Einheit gestellt, sie zu Tausenden und Millionen zu erheben vermag. Er stieß einen halblauten, triumphierenden Ruf aus, öffnete die Tür, in deren Schloß sich ein Schlüssel befand, und beugte sich vor, um in den kleinen dunkeln Raum hineinzuspähen.

Schnell wie der Blitz, dem Tiger gleich, der auf seine Beute sich stürzt, schnellte Charles Clarke aus seinem Versteck unter der Treppe hervor, mit einem kräftigen Stoß schleuderte er den Pedellen in das kleine Gemach hinein, warf die Tür zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schlosse um.

»Gute Nacht, Herr Michelmann!« rief er mit verstellter Stimme. »Jetzt komm,« sagte er dann zu Herrn von Sarkow, »der ist besorgt, wir können ruhig nach Hause gehen.«

Beide stiegen die Treppe hinauf und waren im Begriff, wieder an das Land zu springen, da blieb Charles Clarke plötzlich lauschend stehen, aus der einen Luke des Vorderverdecks ließ sich ein Geräusch wie von halblauten Worten und schweren Tritten vernehmen. Charles Clarke eilte dorthin und sah, wie unter der Luke ein menschlicher Kopf erschien; es war der Wächter, dem während der Nacht die Obhut des Schiffes anvertraut war, und der, durch die Tritte auf dem Verdeck geweckt, hervorsteigen wollte, um zu sehen, was diese ungewöhnliche Unruhe bedeute. Mit mächtigem Druck stieß Charles Clarke den heraufsteigenden Wächter von der Lukenleiter wieder in die Tiefe herab, – man hörte einen polternden Fall und einen zornigen Fluch, während von dem Hinterteil des Schiffes her der Lärm der Faustschäge herüberdröhnte, die Herr Michelmann gegen die Tür seines engen und wenig anmutigen Gefängnisses führte. Der Deckel der Luke, die zu dem Vorder- und Zwischendeck heranführte, war mit starken eisernen Angeln befestigt, ein Riegel befand sich daran; schnell hatte Charles Clarke den Deckel geschlossen, den Riegel vorgeschoben, und mit einer Geschwindigkeit, Sicherheit und Kraft, die er sich auf den wilden Jagdgebieten seiner Heimat erworben hatte, schleppte er eiserne Anker, Steine, Fässer und alles, was er unmittelbar erreichen konnte, zusammen, um es über der Luke aufzutürmen, so daß deren Oeffnung von innen heraus fast zur Unmöglichkeit wurde.

Herr von Sarkow lachte laut, denn nun begann sich das Fluchen und Lärmen des eingesperrten Wächters mit den immer wütenderen Faustschlägen Michelmanns zu vermischen. Aber schon zog ihn Charles Clarke abermals mit sich fort, und beide sprangen ans Land.

Schnell wollte Herr von Sarkow der Stadt zueilen, Charles Clarke hielt ihn zurück.

»Warte,« sagte er, »wir sind noch nicht fertig.« Mit einer Geschicklichkeit und Kraft, die dem besten Matrosen Ehre gemacht haben würde, wickelte er die Taue und Ketten, die das Dampfschiff an den beiden Pfählen des Ufers festhielten, los, die Strömung erfaßte das Fahrzeug, es trieb langsam, sich einigemal drehend, der Mitte des Flusses zu und schoß dann, von der scharfen Strömung erfaßt, rasch weiter und weiter fort, immer mehr sich von der Stadt entfernend, so daß die dumpfen Schläge, die der Wächter gegen die Verdeckluke und Michelmann gegen die Tür seines Kerkerraums führten, immer mehr zwischen den nächtlich einsamen Ufern des grünen Neckars verhallten.

All right!« rief Charles Clarke mit lauter, triumphierender Stimme dem davontreibenden Schiffe nach, und dann brach er mit Herrn von Sarkom in ein so jubelndes, schallendes Gelächter aus, daß die Bewohner der an dem Abhange liegenden kleinen Gehöfte, wenn sie von diesem durch die tiefe Stille hinschallenden Gelächter aus ihrem Schlummer aufgeschreckt wurden, wohl an den höllischen Spuk dämonischer Nachtgeister glauben mochten.

Arm in Arm lehrten beide durch das Karlstor nach der Stadt zurück.

Nach einiger Zeit begegneten sie den übrigen, die neugierig und besorgt gefolgt waren, um sich von dem Ausgange der sonderbaren Jagd zu überzeugen und nötigenfalls ihren Freunden, so gut sie konnten, Beistand zu leisten.

»Wo ist Michelmann?« riefen sie den Nahenden entgegen – »hat er euch eingeholt – hat er euch erkannt?«

»Auf dem Dampfboot, das morgen früh nach Heilbronn geht,« sagte Charles Clarke äußerst vergnügt, »er ist so entzückt von der Theatervorstellung heute abend, daß er das Käthchen in ihrer Vaterstadt aufsuchen will.«

Herr von Sarkow erzählte, was geschehen war; unermeßlich war der Jubel, der nun ausbrach.

»Laßt uns noch einmal nach Walz zurückkehren!« rief Graf Kronau, »darauf müssen wir noch einen Salamander reiben – auch ist es gut,« fügte er ernster hinzu, »daß wir uns einen Alibibeweis schaffen – hat er euch erkannt?«

»Gewiß nicht.« sagte Charles Clarke, »denn sonst hätte er uns nicht so eifrig verfolgt!«

»Gleichviel,« erwiderte Graf Kronau, »wir müssen einen Beweis schaffen, daß wir in der Stadt gewesen sind und also unmöglich den würdigen Herrn Michelmann in dem geheimnisvollsten Gemach des Neckardampfschiffes eingesperrt haben können.«

Man kam vor dem Walzschen Hause an, aber das Lokal war dunkel, starke Läden verschlossen die Glastür und die Fenster, gegenüber lag ebenso still und schweigend das hochgiebelige Haus, in dessen Innern der schlummernde Besitzer nichts von den gelbgrauen Streifen ahnte, die das flackernde Laternenlicht auf dem hellschimmernden Anstrich beleuchtete.

»Das ist schlimm.« sagte Graf Kronau, indem er kopfschüttelnd die verschlossenen Läden betrachtete, »es wäre vortrefflich gewesen, wenn wir hier unser Alibi hätten beweisen können.«

»Wir werden es beweisen.« sagte Charles Clarke, nachdem er einen Augenblick prüfend die eisernen Schlußstangen der Läden angesehen hatte, »paßt auf!«

Er zog seinen Hausschlüssel aus der Tasche, schob ihn durch eine der Klammern, die das Schloß an den eisernen Verschlußstangen festhielten, und mit derselben Kraft und Gewandtheit, mit der er die Ankerketten des Dampfschiffes losgewunden hatte, drehte er die eisernen Klammern eine nach der andern aus der Mauer, in der sie tief eingetrieben waren, heraus; leicht wurden nun die vorgelegten Stangen entfernt, die Türen geöffnet, man trat in das innere Lokal ein, und in wenig Augenblicken brannten alle auffindbaren Lampen und Kerzen.

Was auf dem Büfett und in den Wandgestellen an verschiedenartigen Weinflaschen vorhanden war, wurde geöffnet, die Gläser gefüllt, und bald donnerte ein mit musterhafter Präzision geriebener Salamander durch das stille Haus.

Es dauerte nicht lange, so erschien Herr Walz ganz verwundert und halb verschlafen.

»Um Gottes willen, meine Herren, was geht hier vor. wie sind Sie hereingekommen, ich habe doch das Lokal schon vor fast einer Stunde geschlossen?«

»Mein lieber Walz,« sagte Graf Kronau ruhig, »was Sie uns da erzählen, muß wohl ein Traum sein, wir sitzen ja den ganzen Abend hier und sind keinen Augenblick fort gewesen – wir haben es wohl gemerkt, daß Sie sich vor einiger Zeit stillschweigend fortgedrückt haben – nun, das tut ja auch weiter nichts,« fügte er gutmütig hinzu, »wenn man müde ist, so muß man ausschlafen – Sie sind ziemlich schnell damit fertig geworden.«

»Ja, ja, lieber Walz,« sagte Lord Fitzgerald, »wir sahen wohl, daß Sie kaum noch Ihre Augen offen halten konnten – nun. Sie können ganz ruhig sein, wir haben alles aufgeschrieben, was wir in der Zeit verzehrten.«

»Prosit, Herr Walz!« rief Franz Helmholt, »ich trinke einen Ganzen auf Ihr spezielles Wohl.« Alle übrigen folgten diesem Beispiel, alle tranken Herrn Walz zu, man drückte ihm ein Glas in die Hand und nötigte ihn, Bescheid zu tun, während er in starrem Erstaunen einen nach dem andern ansah und in der Tat zu bezweifeln schien, ob er nicht wirklich eingeschlafen sei und nur im Traum die Lichter ausgelöscht und die Läden verschlossen habe.

»Es ist spät,« sagte Graf Kronau, indem er gähnend aufstand, »ein Uhr vorbei, nicht wahr, Herr Walz, so wird es stimmen?«

Herr Walz zog wie mechanisch seine Uhr hervor und sagte:

»In der Tat, Herr Graf, ein Uhr fünf Minuten.«

»Nun, unsre Uhren stimmen also vortrefflich,« bemerkte Graf Kronau, »erinnern Sie sich genau,« sagte er, seine Hand schwer auf die Schulter des Herrn Walz legend und ihm scharf in die Augen blickend, »erinnern Sie sich genau, daß wir den ganzen Abend bis um ein Uhr fünf Minuten hier bei Ihnen waren, und,« fügte er dann wie beiläufig hinzu, »sehen Sie einmal nach, es ist mir so vorgekommen, als ob an Ihren Fensterläden nicht alles in Ordnung sei – lassen Sie das zurechtmachen, damit Sie Ihr Lokal sicher verschließen können.«

Ein Blitz des Verständnisses leuchtete in dem freundlichen Gesicht des Herrn Walz auf, und ein Lächeln zuckte um seinen Mund; wohl war ihm noch nicht ganz klar, was geschehen sei, aber er begriff doch, daß es sich um irgend einen Streich handelte, dessen Spuren durch die außerordentliche und überraschende Anwesenheit der Saxoborussen in seinem Lokal verdeckt werden sollten.

»Sehr wohl Herr Graf – sehr wohl,« sagte er, mit dem Kopf nickend – »ein Uhr fünf Minuten – ich werde es mir genau merken, daß die Herren um ein Uhr fünf Minuten hier waren.«

»Einen Salamander auf den vortrefflichen Walz!« rief Graf Kronau. »Sie sind doch ein braver Kerl und ein zuverlässiger Freund: der Kriegszustand mit Ihnen ist aufgehoben, wir schließen Frieden.«

Der Salamander wurde gerieben und dann gingen die Saxoborussen, die allmählich die Müdigkeit zu übermannen begann, in einzelnen Gruppen, die ihnen begegnenden Nachtwächter freundlich grüßend, nach Hause. Herr Walz aber weckte seinen Hausknecht und befahl ihm, heiter vor sich hinlächelnd, in dem Laden Wache zu halten, in der Frühe des nächsten Morgens aber die Handwerker kommen zu lassen, um sogleich den Schaden an den Fensterläden auszubessern und die herausgewundenen Klammern wieder in die Mauern zu treiben.

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