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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Zehntes Kapitel

Als Fräulein Klara Schönfeld, nachdem sie Herrn von Sarkow hinausbegleitet hatte, wieder in ihr Zimmer zurückkam, fand sie die beiden Herren, die bei ihr eingetreten waren, in lebhafter französischer Unterhaltung begriffen.

»Was war das für ein junger Mensch?« fragte der jüngere der beiden, »ich bin ihm heut schon einmal begegnet, und er fiel mir auf, da ich ihn in Berlin einmal gesehen habe.«

»Es ist ein Student aus Pommern,« erwiderte die Schauspielerin, »fröhlich und lebenslustig, der sich um alles in der Welt mehr kümmert, als wer Sie sind, Herr Schlöffel, und der höchstens vielleicht einen Augenblick auf Sie eifersüchtig sein möchte, bis er sich überzeugt, wie wenig Grund er dazu hat.«

»Gleichviel, es ist mir nicht lieb, daß er uns hier gesehen hat,« erwiderte der junge Mann, während die Miene des älteren Herrn verriet, daß er von dem Gespräch nichts verstanden hatte und nur aufmerksam dem Ausdruck der Gesichter folgte – »die Polizei ist hier zwar nicht besonders zu fürchten, sie kümmert sich mehr um die nächtlichen übermütigen Streiche der Studenten als um politische Dinge; aber immerhin ist Vorsicht nötig, – auch nennen Sie mich selbst hier in Ihrem Zimmer nicht mit meinem Namen, man kann niemals wissen, ob die Wände nicht Ohren haben, und mein Name könnte dennoch vielleicht selbst die Heidelberger Polizei aus ihrem Schlaf wecken.«

»Nun, meine Herren,« sagte Fräulein Klara ein wenig gereizt, »Sie wissen, daß ich Ihnen gern förderlich bin, ich bin eine gute Demokratin und werde mich von Herzen freuen, wenn diese hochmütige Gesellschaft, die von oben auf uns herabsieht und nach ihrer Laune mit uns glaubt spielen zu können, einmal gründlich von ihrer stolzen Höhe herabgestürzt wird. Ich biete Ihren Zusammenkünften gern ein Asyl in meiner Wohnung, aber Sie können darum doch nicht verlangen, daß ich keine Besuche annehmen und ein Klosterleben führen soll, wozu ich nun einmal gar nicht geschaffen bin; ich bedarf der guten Freunde zu meinem Handwerk, das ich doch nun einmal fortführen muß, bis Ihre Pläne reif sind, und dieser Student gefällt mir außerdem noch ganz besonders.«

»Wir verlangen nicht von Ihnen,« sagte der junge Mann, den Fräulein Klara als Herr Schlüssel angeredet hatte – »wir verlangen nicht von Ihnen, daß Sie die Besuche, die Ihnen gefallen oder nützlich sind, zurückweisen sollen, im Gegenteil, es wird auch uns nützlich sein und unser Asyl bei Ihnen um so sicherer machen, je mehr Sie mit jungen Herren verkehren und nur der leichten, heiteren Galanterie zu leben scheinen. Legen Sie sich also keinen Zwang an, aber hängen Sie künftig von außen ein Zeichen an Ihre Tür, etwa eine Karte mit Ihrem Namen, wenn irgend ein Besuch bei Ihnen ist, damit wir nicht in die Verlegenheit kommen, jemand hier zu begegnen, der uns vielleicht erkennen und irgendwelchen Verdacht schöpfen könnte.«

»Gut.« sagte Fräulein Klara, »das ist eine vernünftige Bedingung, die ich einzuhalten verspreche. Sie sollen künftig immer die Karte mit meinem Namen vor meiner Tür finden, wenn Besuch bei mir ist, und ich werde nicht vergessen, sie wegzunehmen, wenn ich allein bin.«

Herr Schlüssel sprach mit seinem Begleiter französisch, dieser nickte zustimmend, als ob er den Inhalt der mit Fräulein Klara getroffenen Abmachung billige.

Dann gingen beide nach dem hinteren Zimmer, aus dem sogleich die Mutter hervorkam, um ihren Platz bei ihrer Tochter wieder einzunehmen, und während beide eifrig die letzte Hand an das für den Abend bestimmte Kostüm legten, setzten sich die beiden Männer in dem hinteren Zimmer an einen Tisch, auf dem sie Landkarten und zahlreiche Briefschaften ausbreiteten.

Sie sprachen eifrig mit gedämpfter Stimme in französischer Sprache, der ältere Herr schien auf der vor ihm ausgebreiteten Karte, über die er häufig mit der Spitze seines Fingers hinfuhr, irgendwelche militärischen Pläne festzustellen; der jüngere durchlas die fast ausschließlich in deutscher Sprache geschriebenen Briefe und übersetzte deren Inhalt seinem Gefährten.

Lange blieben sie in dieser geheimnisvollen und eifrigen Beschäftigung beieinander, und als Fräulein Klara längst ihre Garderobe, in einen Korb verpackt, nach dem in einem Flügel des großen alten Gasthofs befindlichen Theater hinübergeschickt und sich selbst, von ihrer Mutter begleitet, dorthin begeben hatte, um sich für den Beginn der Vorstellung vorzubereiten, saßen die beiden Herren noch bei dem Licht zweier Kerzen, deren Schein sie durch sorgfältig verschlossene Fenstervorhänge nach außen hin verhüllten, vor ihren Karten und Briefschaften, eifrig miteinander sprechend und verschiedene Notizen auf einem großen Bogen zusammenstellend. Spät erst, als lange schon das dumpfe Brausen eines bewegten Publikums und hin und wieder die Musik der Zwischenakte vom Theatersaal herüberklang, verließen beide die Wohnung der Schauspielerin, nachdem sie ihre Papiere in einen besonderen Schrank, zu dem sie den Schlüssel bei sich führten, niedergelegt hatten. Mit einem schweigenden Händedruck trennten sie sich vor dem Hoftor des Hotels und jeder von ihnen ging nach einer andern Richtung in der Dunkelheit davon.

Der Theatersaal hatte sich inzwischen schon ziemlich lange vor der für den Beginn der Vorstellung festgesetzten Zeit zu füllen begonnen, denn die Heidelberger Bürger mit ihren Frauen und Töchtern benutzten stets mit besonderem Vergnügen die ihnen nur zeitweise gebotene Gelegenheit, sich an theatralischen Genüssen zu erfreuen, und ihre künstlerischen Anforderungen in dieser Beziehung waren verhältnismäßig gering, da diejenigen Klassen, die Sinn und Verständnis für die wirkliche Kunst in Drama und Oper hatten, in dem vorzüglichen Mannheimer Hoftheater Vortreffliches und Mustergültiges fanden. Im Zuschauerraum waren Reihen von Stühlen und Bänken ausgeschlagen, die auf einem treppenförmigen Brettergerüst aufstiegen; numerierte Plätze befanden sich vor dem durch eine kleine Galerie begrenzten Orchester, um die Wand des Saales herum liefen, von hölzernen Säulen getragen, zwei übereinander liegende Galerien, von denen die untere durch Zwischenwände in Logen abgeteilt war, während die obere den letzten und wohlfeilsten Platz bildete. Die Bühne war ziemlich groß und durch einen roten Vorhang verdeckt, der in seiner Mitte eine goldene Lyra von einem Strahlenkranz umgeben zeigte, während man in den oberen Ecken, in grellen Farben gemalt, die beiden antiken Masken der Tragödie und der Komödie erblickte.

Unter den ersten Personen, die nach der Eröffnung der Kasse in den Saal traten, befand sich der rote Schiffer; er hatte eine festtägliche Toilette gemacht und trug über seinem weit offenen Schifferhemde einen weiten dunkeln Rock, in dem er noch merkwürdiger und origineller aussah als in seiner gewöhnlichen Tracht. Er trug am Arm einen großen, ganz mit mächtigen Bouquets gefüllten Bügelkorb, den er zu seinen Füßen niedersetzte, als er an der ersten Säule vor der Bühne seinen Platz einnahm, um kühn und herausfordernd seine Blicke in dem Zuschauerraum umherschweifen zu lassen. Bald nach ihm erschienen Nürnberger und Rauchthaler, jeder auf der entgegengesetzten Seite durch die Eingangstüren zum Parkett eintretend; beide trugen zahlreiche Blumensträuße unter den Armen und in den Händen und setzten sich rechts und links auf die äußersten Eckplätze der ersten Reihen der numerierten Stühle. Später kam auch der Porzellanmaler Lieber, ebenfalls mit Blumensträußen bewaffnet, und setzte sich in die Mitte der ersten Reihe unmittelbar hinter den Souffleurkasten. Allmählich dann erschienen auch die bunten Mützen der verschiedenen Corps, die Rhenanen und Schwaben im Parterre, einige Vandalen und Westfalen in den Logen. Lange noch blieben die ersten Seitenlogen der rechten Seite der Bühne leer, bis endlich die Saxoborussen, vollzählig und von ihren Mitkneipanten begleitet, in diesen ihre Plätze einnahmen.

Herr von Sarkow, dem der Logenschließer ein kleines Körbchen mit zierlichen Bouquets reichte, setzte sich auf den äußersten Platz neben der Bühne; er warf einen Blick in das Parterre hinab und bemerkte mit zufriedenem Lächeln, daß all' seine Hilfsvölker sich richtig auf ihrem Posten befanden. Nürnberger und Rauchthaler blinzelten verständnisvoll zu ihm hinauf, der Porzellanmaler Lieber schlug mit der Faust auf die Barriere des Orchesters, und der rote Schiffer suchte durch unablässiges Nicken und Winken zu zeigen, daß er sich der ganzen Wichtigkeit seiner Aufgabe bewußt und entschlossen sei, diese nachdrücklich auszuführen.

Immer dichter füllte sich der Zuschauerraum, die alten Philister plauderten miteinander über Geschäfte und andre Angelegenheiten, die Mütter saßen erwartungsvoll da und suchten sich in die für den Kunstgenuß erforderliche gehobene Stimmung zu versetzen, während die Töchter ihre Blicke zu den Studenten hinüberstreifen ließen und mit ihren bevorzugten Freunden in der für die Jugend so verständlichen und geläufigen Augensprache manches kleine Melodram und Intriguenspiel schon vor dem Beginn der Vorstellung auf der Bühne in Scene setzten. Auch der alte Treuberg erschien mit Dorchen und ihrer Freundin, Evchen Meier, sie nahmen numerierte Plätze ein, und die beiden Mädchen begannen, häufig miteinander flüsternd und hinter ihren Taschentüchern kichernd, ein lebhaftes Peletonfeuer von verstohlenen, aber dennoch sicher treffenden Blicken nach der Loge der Saxoborussen hinauf zu eröffnen. Nur eine Loge in der Mitte der Galerie war leer geblieben, und mancher fragende Blick aus dem Publikum richtete sich dorthin.

Die Musik begann einen heiteren Walzer zu spielen, die alten Bürger setzten leise flüsternd ihre Gespräche fort, die Mütter wiegten ernst und feierlich ihre Köpfe im Dreivierteltakt, die Mädchen kokettierten mit ungeschwächten Kräften weiter, und die Studenten teilten sich, unbekümmert um die Musik, laut sprechend und lachend ihre Bemerkungen über das Publikum mit.

Dann ging der Vorhang auf, und nun trat eine tiefe, atemlose Stille ein; das naiv empfängliche Publikum folgte mit Spannung der Handlung, und die Mütter hielten ihre Taschentücher bereit, um die zum Ueberfließen bereiten Tränen der Rührung sofort trocknen zu können.

Fräulein Klara Schönfeld trat auf. Sie sah reizend aus in ihrem geschmackvollen Kostüm der mittelalterlichen Bürgertöchter, freilich fehlte ihr in ihrer Haltung und Bewegung vollständig jeder jungfräulich zarte, geheimnisvoll anmutende Hauch, der wie eine poetische Duftwolke die Gestalt des zwischen Traum und Wirklichkeit hinschwebenden Käthchens umfließen muß, wenn sie das Bild wiedergeben soll, das des Dichters Seele erfüllte. Sie war, wie sie an die Lampen vortrippelte, mehr eine niedliche, weltlustige Soubrette, als die schwärmerisch ideale Jungfrau, die in somnambuler Verzückung den Spuren ihres Geliebten folgt. Aber das Publikum unterschied nicht so genau, ihre Erscheinung war ja reizend und anmutig, mehr verlangte man nicht. Ein Flüstern des Beifalls rauschte durch den Saal. Herr von Sarkow nahm ein kleines Bouquet und warf es auf die Bühne zu Käthchens Füßen herab; Fräulein Klara neigte sich dankend und grüßte mit ihrem reizendsten Lächeln nach der Loge hinauf. Kaum aber hatte Herr von Sarkow das erste Signal gegeben, als sogleich ein ungeheures Bouquet von dem roten Schiffer auf die Bühne geschleudert wurde und den Grafen Wetter vom Strahl mit solcher Wucht klirrend an seinen Harnisch traf, daß der stolze Ritter die Haltung verlor und schwankend einige Schritte zurücktrat. In demselben Augenblick schleuderten auch Nürnberger, Rauchthaler und Lieber ihre duftenden Wurfgeschosse, und als nun Herr von Sarkow mit den übrigen Saxoborussen leicht die Hände aneinander schlug, begann der rote Schiffer mit solcher Gewalt und so lautschallend zu klatschen, daß es Nürnbergers, Rauchthalers und Liebers Anstrengungen gar nicht bedurft hatte, um das ganze so leicht empfängliche und so günstig gestimmte Publikum zu einer schallenden Beifallssalve fortzureißen. Aus den Kreisen der Rhenanen heraus ließen sich einige Zischlaute vernehmen, aber der von dem roten Schiffer immer wieder angefachte Enthusiasmus des Publikums war so groß, daß diese Zeichen des Mißfallens nicht durchdringen konnten.

Mitten aus dem allgemeinen Bravo und Klatschen hervor hörte man die Stimme des Porzellanmalers Lieber rufen:

»Donnerwetter, das muß wahr sein, solch ein Käthchen ist noch gar nicht dagewesen – das gibt's nicht wieder – hol' mich der Teufel, aber dies Käthchen ist dem Dichter gerade aus der Seele herausgesprungen –« und um seinem beifälligen Urteil noch größeren Nachdruck zu geben, schlug er mächtig mit seiner flachen Hand auf den Rücken eines dünnen Violinspielers, der vor ihm im Orchester saß, so daß dieser, ängstlich zusammenfahrend, mit dem Bogen über die Saiten seiner Geige strich und in den allgemeinen Beifallsjubel einen wundersam krächzenden, langhallenden Mißton mischte.

Der Empfang der Debütantin war glänzend gelungen, Fräulein Klara dankte, die Hände auf ihr Herz gedrückt, nochmals durch eine tiefe Verbeugung und nahm dann ihre Rolle wieder auf. Ihr munteres, keckes Spiel paßte möglichst wenig zu ihrer Rolle, aber das Publikum war zufrieden; nach jeder effektvollen Phrase gab Herr von Sarkow sein Zeichen von neuem, und immer wieder schloß sich das Publikum dem taktmäßigen Klatschen der so mustergültig organisierten Claque an, wobei dann jedesmal zum unsäglichsten Vergnügen der Saxoborussen der rote Schiffer durch die wundersamsten Pantomimen seine kritische Befriedigung ausdrückte, während der Porzellanmaler Lieber ebenso regelmäßig dem Rücken des armen Violinspielers seinen Beifall fühlbar machte.

So weit konnte Herr von Sarkow mit seinen Arrangements vollständig zufrieden sein, aber seine eifrige Teilnahme für das hübsche Käthchen war auch im Parterre nicht unbemerkt geblieben, und Dorchen Treuberg warf erst verwunderte, dann zornige und drohende Blicke nach der Loge hinauf, bis sie endlich ganz schmollend die Augen niederschlug und ihren ungetreuen Freund gar nicht mehr zu bemerken schien, obgleich dieser sich alle Mühe gab, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und obgleich ihre Freundin Evchen ihr lachend ins Ohr flüsterte, als ob sie durch boshaften spöttischen Trost ihren Unmut zu besänftigen bemüht sei. Aber die Verlegenheit, in der sich Herr von Sarkow zwischen den dankbar und verheißungsvoll funkelnden Blicken des schönen Käthchens auf der Bühne und den zornig gesenkten Augen des kleinen Dorchens im Parterre befand, sollte sich noch vermehren, denn plötzlich öffnete sich die Tür der bisher leergebliebenen Mittelloge und in dieser erschienen drei Damen in Begleitung eines Herrn, die ziemlich geräuschvoll eintraten und mit der sicheren Unbefangenheit der vornehmen Gesellschaft ihre Plätze vorn an der Brüstung einnahmen. Herr von Sarkow fühlte an seinem Arm einen fast schmerzhaften Druck von der Hand Luiz Antonios, der neben ihm saß und der ihm mit zitternder Stimme zuflüsterte:

»Sieh doch, sieh – sie sind es.«

Er folgte dem Blick seines errötenden und erbleichenden Freundes und erkannte in den neueingetretenen Zuschauern der Mittelloge die Baronin von Starkenburg, Frau von Wartenstein, Fräulein von Herbingen und den Grafen Schwertheim. Der Graf nickte freundlich herüber, Fräulein von Herbingen winkte grüßend mit dem Fächer, und Frau von Wartenstein sah, in ihren Stuhl zurückgelehnt, Luiz Antonio mit einem langen Blick an.

»Wir müssen zu ihnen gehen,« flüsterte Luiz Antonio in Herrn von Sarkows Ohr, und schnell aufstehend verließ er seinen Platz, um sich nach der Mittelloge zu begeben. Herr von Sarkow stand ebenfalls auf, es war unmöglich, die Damen nicht zu begrüßen; Graf Steinborn, Graf Kronau und die sämtlichen in der Mannheimer Gesellschaft verkehrenden Herren folgten ebenfalls, bald war die Mittelloge der Schauplatz lebhafter Unterhaltung, und der Gegenstand neugieriger Beobachtung der Schauspieler und eines großen Teils der Zuschauer. Fräulein von Herbingen rief Herrn von Sarkow auf einen Stuhl, der an ihrer Seite unmittelbar vor der Brüstung der Loge noch frei war, – Luiz Antonio setzte sich hinter Frau von Wartenstein, die übrigen Herren unterhielten sich abwechselnd mit dem Grafen Schwertheim und der Baronin von Starkenburg.

Der erste Akt war zu Ende. Das Stück nahm seinen Fortgang, die Gesellschaft in der Mittelloge schien indes der Handlung auf der Bühne wenig Aufmerksamkeit zu schenken – Frau von Wartenstein lauschte, weit zurückgelehnt, das Gesicht halb mit dem Fächer bedeckend, den Worten, die Luiz Antonio, auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, in ihr Ohr flüsterte; Fräulein von Herbingen plauderte neckisch und reizend, bald lockend, bald abstoßend mit ihrem Schüler in der Wissenschaft der Galanterie, und Herr von Sarkow vergaß häufig, wenn Käthchen ihre effektvollen Worte sprach, das Zeichen zum Beifall zu geben, so daß dann auch das Publikum stumm blieb und Fräulein Klara zuweilen zornig mit dem kleinen Fuß auf die krachenden Bretter der Bühne trat.

Endlich kam die große Scene, in der Käthchen mit ihrer Nebenbuhlerin auf der Bühne steht, nachdem sie das verhängnisvolle Futteral aus dem brennenden Schlosse gerettet hatte. Die Rhenanen überschütteten die Schauspielerin, die das stolze Ritterfräulein darstellte, mit lautem Beifall, das Publikum stimmte, der Führung folgend, ein, und die Dame verneigte sich dankend nach allen Seiten, indem sie das neben ihr stehende Käthchen mit spöttischem Mitleid ansah. Fräulein Klara errötete unter ihrer Schminke vor Zorn, sie trat fest bis an die Lampen vor und warf einen so blitzenden, durchdringenden Blick zu Herrn von Sarkow herüber, daß dieser, bisher ganz vertieft in die Unterhaltung mit Fräulein von Herbingen, endlich sich wohl seiner so schwer versäumten Pflicht als Beschützer der Kunst erinnern mußte und, sich weit über die Brüstung der Loge hervorbiegend, in die Hände klatschte, indem er dem roten Schiffer, der erwartungsvoll zu ihm aufblickte, einen Wink gab, während er zugleich, wie von dem Eindruck des Spieles hingerissen, in das Parterre hinabrief:

»Bravo, Käthchen – bravo!« Sogleich flogen, von dem roten Schiffer geschleudert, mehrere große Bouquets zu Fräulein Klara hin, Rauchthaler und Nürnberger folgten eifrig dem gegebenen Beispiel; Lieber klopfte unermüdlich den Rücken des dünnen Violinisten, faßte diesen dann am Arm und schüttelte ihn hin und her, indem er mit Stentorstimme rief:

»Bravo, Fräulein Schönfeld, bravo – Donnerwetter, Herr, haben Sie schon mal ein solches Käthchen gesehen?«

Und von Lieber hin und her geschüttelt, fiel auch der Violinist mit seiner Stimme, die ebenso dünn war als er selbst, in den allgemeinen Beifallsruf mit ein. Es begann nun ein lebhafter Kampf, der fast zu einem Tumult ausartete; die Rhenanen versuchten zuerst durch einzelne Zischlaute die Beifallshuldigungen für Fräulein Schönfeld zu unterbrechen, da sie jedoch damit nicht durchdrangen, so begannen sie jedes Wort, das Käthchens Nebenbuhlerin sprach, um so lauter und nachdrücklicher zu beklatschen, was dann wieder dem roten Schiffer Gelegenheit gab, von Lieber, Nürnberger und Rauchthaler kräftig unterstützt, immer noch stärker zu klatschen und immer noch lauter zu schreien: »Bravo, Fräulein Schönfeld – bravo, Käthchen!«

Das Publikum verhielt sich unparteiisch zwischen beiden Teilen, das heißt, es klatschte immerfort ohne Aufhören und rief bald der einen, bald der andern der beiden Bühnenkünstlerinnen sein Bravo zu, so daß ein großer Teil der Scene weitergespielt wurde, ohne daß ein einziges Wort von dem, was auf der Bühne vorging, zu verstehen war. Die Schauspieler sahen sich verwundert und ein wenig bestürzt an, die beiden Nebenbuhlerinnen maßen sich mit zornsprühenden Blicken, das Publikum klatschte und schrie immer stärker, der dünne Violinist hatte sich vor Liebers handgreiflichem Kunstenthusiasmus unter die große Baßgeige geflüchtet, die, an die Galerie des Orchesters gelehnt, in der Nähe stand.

Fräulein von Herbingen lachte so herzlich, daß ihre großen schönen Augen zu tränen begannen, und nur Frau von Wartenstein und Luiz Antonio schienen, in ihr leises Gespräch vertieft, von dem ganzen Lärm nichts zu hören.

Da endlich faßte der Schauspieler, der den Grafen Wetter vom Strahl spielte, einen kurzen Entschluß. Er trat zwischen Fräulein Klara Schönfeld und ihre Nebenbuhlerin, faßte die Hände beider Damen und führte diese bis dicht an die Lampen vor, wo sie sich dann, ihren Zorn unter ihrem schönsten Lächeln verbergend, dankend nach allen Seiten hin verneigten. Der Kapellmeister ließ auf einen Wink des ängstlich aus der Kulisse hervorspähenden Direktors einen langhallenden Tusch blasen, und da endlich die Kräfte des Publikums erschöpft waren und auch der rote Schiffer kaum noch einen Ton in seiner Kehle hatte, so stellte sich die Ruhe im Hause wieder her.

Fräulein von Herbingen lachte noch immer, aber sie sah zugleich Herrn von Sarkow mit einem so durchdringenden, fragenden und spöttischen Blick an, daß der junge Mann immer verwirrter und verlegener wurde, da er zugleich bemerkte, daß die kleine Dorchen Treuberg ganz traurig und vorwurfsvoll zu ihm heraussah und kaum zu beachten schien, was auf der Bühne vorging.

»Ich sehe mit Vergnügen,« sagte Fräulein von Herdingen, indem sie Herrn von Sarkows Hand leicht mit dem Finger berührte, »daß die Mühe, die ich mir mit Ihrer Erziehung gegeben, nicht vergebens ist; aber ich kann Ihnen doch nicht erlauben, nach allen Seiten hin praktische Experimente über die Lehren der Galanterie zu machen, die ich Ihnen zu geben mich herbeilasse; vorläufig sollen Sie in meiner Schule bleiben und auch Ihre Uebungen nur unter meiner Aufsicht anstellen.«

Sie reichte ihm mit der Miene einer Königin, die mit der Strafe zugleich gnädige Verzeihung verheißt, die Hand. Ganz zerknirscht beugte sich Herr von Sarkow nieder und berührte mit seinen Lippen die zarte, durchsichtige, weiße Hand seiner schönen Lehrmeisterin – er beachtete es nicht, daß Fräulein Klara die Worte ihrer Rolle in diesem Augenblick zornig in zischendem Ton hervorstieß, indem der leichtgezimmerte Bretterbuden der Bühne unter dem Tritt ihres kleinen Fußes krachte, und daß von Dorchen Treubergs Platz aus dem Parterre herauf ein heftiges Husten vernehmbar wurde, das fast wie unterdrücktes Schluchzen klang.

»Nun aber müssen wir aufbrechen,« sagte Fräulein von Herbingen – »wir hatten einen Besuch bei Frau von Starkenburg auf ihrem Gut gemacht und wollten bei der Gelegenheit einmal dieses kleine, spaßhafte Theater sehen. Jetzt müssen wir zum Bahnhof, um den Zug nicht zu versäumen.«

Sie winkte den Grafen Schwertheim heran, der die übrigen Damen benachrichtigte. Die Gesellschaft stand auf, Fräulein von Herbingen nahm Herrn von Sarkows Arm und blieb, auf ihn gestützt, einen Augenblick vor der Brüstung der Loge stehen, indem sie ihre stolzen, glänzenden Blicke über die Bühne und das Parterre schweifen ließ. Dann wendete sie sich, von ihm geführt, langsam dem Ausgange der Loge zu, den übrigen zu folgen, während Herr von Sarkow im Fortgehen noch einen zornigen Blitz aus Fräulein Klaras Augen und einen traurig vorwurfsvollen Blick der kleinen Doris auffing. Man begleitete die Damen zum Bahnhofe, Herr von Sarkow führte Fräulein von Herbingen, Luiz Antonio ging in einiger Entfernung mit Frau von Wartenstein voraus. Als der Zug endlich abgefahren war, strahlte Luiz Antonios Gesicht von glücklicher Freude, und auch Herr von Sarkow hatte seine ganze fröhliche Heiterkeit wiedergefunden.

Die jungen Leute gingen, da heute keine Kneipe stattfand, zu Walz, wo bald auch die übrigen eintrafen und erzählten, daß das Stück ruhig zu Ende gespielt sei, daß am Schlusse die beiden Schauspielerinnen gerufen und in einer letzten Kraftanstrengung des ermüdeten Publikums mit allgemeinem Beifall begrüßt worden seien, so daß Fräulein Schönfeld, wenn auch keinen unbedingten Sieg über ihre Nebenbuhlerin, so doch ein glänzendes Debüt errungen habe.

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