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Die Saxoborussen

Oskar Meding: Die Saxoborussen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleDie Saxoborussen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
printrun48. bis 57. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070918
projectid64f3d23c
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Neuntes Kapitel

Herr von Sarkow spendete heute, ohne daß die Entscheidung des Würfelspiels angerufen wurde, den rotschimmernden und weißschäumenden Oeil de perdrix zur Feier seines Sieges.

Als er am Nachmittage nach Hause zurückkehrte, begegnete er in der Haustür Langenberg mit einem ihm unbekannten jungen Mann. Langenberg ging kalt grüßend, mit feindlichen Blicken vorüber, der Fremde und Herr von Sarkow standen sich einen Augenblick in dem nicht sehr breiten Hausgange gegenüber. Es war ein großer, hochgewachsener Mann von etwas über zwanzig Jahren, seine Kleidung war einfach und elegant, nur erinnerte der über eine schmale Krawatte weit herabgeschlagene Hemdkragen und das lange, dunkle, natürlich gelockte Haar ein wenig an die deutschtümelnde Tracht der alten Burschenschaft. Sein regelmäßiges, noch fast ganz bartloses Gesicht mit den mädchenhaft zarten Farben zeigte in den Zügen um den Mund und in den glänzenden, etwas unstät blickenden Augen jenen eigentümlichen Ausdruck des Fanatismus, wie man ihn bei religiösen Sektierern und bei politischen Revolutionären findet. Einen Augenblick schien Herr von Sarkow zweifelhaft, ob der Fremde, der ihm so Brust an Brust gegenüberstand, ihm absichtlich den Weg versperren wolle; schon zuckte seine Lippe, um ein herausforderndes Wort zu sprechen, als jener, leicht grüßend, seitwärts trat; jetzt machte auch Herr von Sarkow eine Wendung und schritt, seine Mütze berührend, an dem Fremden vorbei, doch hatte dessen ganze Erscheinung einen so überraschenden, fast unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht, daß er sich noch einmal nach ihm umsah und bemerkte, daß auch jener von der Straße aus rückwärts blickte und an Langenberg eine Frage zu richten schien.

Dorchen Treuberg eilte ihm unter der Tür des Wohnzimmers entgegen.

»Grüß Gott, Herr von Sarkow!« rief sie – »was habe ich für eine Angst gehabt – Sie sind losgegangen, ich hatte es wohl gemerkt, als Sie mit dem Herrn von Souza so früh ausfuhren zur Zeit, wo Sie sonst noch schlafen – aber nun, Gott sei Dank, sind Sie ja glücklich wieder da. Es ist gar nicht hübsch, daß Sie nicht gleich gekommen sind, um zu sagen, wie es gegangen ist – haben Sie nichts – gar nichts?« fragte sie, den jungen Mann von dem dunkeln Flur in das Zimmer hereinziehend.

»Nichts, Fräulein Dorchen, nichts habe ich, aber ich habe meinem Gegner eine Tiefquart gegeben mit achtzehn Nadeln.«

»O, ich habe so viel an Sie gedacht!« rief sie, indem sie freudig in die Hände klatschte – »wenn Sie wüßten, wie sehr –«

Sie sah so glücklich aus und stand mit ihrem freudestrahlenden Gesicht, aus dem die leuchtenden Augen lieblich zu ihm aufsahen, so nahe vor ihm, daß er in unwillkürlichem Entzücken die Arme ausbreitete, sie an seine Brust zog und seine Lippen auf ihren lächelnden Mund drückte. Sie widerstrebte nicht und schien, einen Augenblick in seinen Armen ruhend, alles andre über der Freude zu vergessen, daß er unversehrt aus dem Kampfe, der sie so ängstlich bewegt hatte, hervorgegangen sei.

»Bravo!« rief Evchen Meier, die in diesem Augenblick von den beiden unbemerkt über den Hausflur hereintrat – »bravo, ein reizendes Bild, nur scheint es mir nicht in den Rahmen einer offenen Tür zu passen.« Hocherrötend entfloh Dorchen nach ihrem Platz am Fenster, Herr von Sarkow aber faßte sich schnell und sagte:

»Ich war glücklich heute auf der Hirschgasse, Fräulein Evchen, und es ist eine alte ritterliche Sitte, daß die Damen den Sieger belohnen, Fräulein Dorchen hat mir eben den Siegespreis gegeben, und Sie werden mir denselben gewiß auch nicht versagen.«

Schnell war er zu ihr hingeeilt, hatte sie in seine Arme geschlossen, und ehe sie in ihrer Ueberraschung sich zu sammeln vermochte, herzhaft auf ihre frischen Lippen geküßt.

»So!« rief er ganz vergnügt, »nun habe ich von Ihnen beiden meinen ritterlichen Siegeslohn, der schönste Reiz dabei aber ist das Geheimnis, und das ist gewahrt, wir drei sind ja ganz unter uns und niemand wird etwas ausplaudern.«

»Pfui, wie unartig sind Sie, Herr von Sarkow,« sagte Evchen Meier, indem sie vor den Spiegel trat und ihr Haar glatt strich – Dorchen Treuberg aber zupfte die Fäden ihrer Stickerei durcheinander und sagte schmollend:

»Wenn Herr von Sarkow sich von allen Damen in Heidelberg für seinen Sieg belohnen lassen will, so wird er wohl einige Tage damit zu tun haben.«

»Nicht von allen,« sagte Herr von Sarkow lachend – »man küßt nur, um das Herz zu öffnen oder den Mund zu schließen, und das ist nun, wie ich hoffe, beides besorgt!«

»Und was trifft mich davon?« fragte Evchen Meier ein wenig boshaft.

Er beugte sich zu ihrem Ohr und sagte:

»Das müssen Sie meinen Freund Hartmann fragen, – da es ihm gelungen ist Ihr Herz zu öffnen, so bleibt mir nichts übrig, als Ihren Mund zu schließen.«

Sie neigte ein wenig verwirrt den Kopf; Dorchen, die seine leise gesprochenen Worte dennoch gehört hatte, lächelte wieder ganz heiter, und ihr zu ihm herüberstreifender Blick schien zu beweisen, daß sein Mittel zur Erschließung ihres Herzens nicht erfolglos geblieben sei.

»Wer war denn das,« fragte Herr von Sarkow, »der eben mit Herrn Langenberg hier hinausging? Er trug keine Farben, und doch schien es fast, als ob es ein Student sei.« »Ich weiß es nicht,« sagte Dorchen, »ich habe den Fremden schon oft hierherkommen sehen, aber Herr Langenberg kommt nie hier herein, wenn jener bei ihm ist, und grüßt kaum; es ist etwas Unheimliches um den Menschen, zuweilen bringt er noch einen oder den andern Unbekannten mit und dann sitzen sie bis spät abends, und als ich einmal auf dem Flur an der Tür vorbeiging, hörte ich sie so laut sprechen, daß mir ganz bange wurde, ohne daß ich ein Wort verstehen konnte. Herr Langenberg gehört doch zu den Schwaben, aber beinahe niemals sehe ich ihn mit seinen Corpsbrüdern verkehren, immer hat er Besuche von fremden, geheimnisvollen Menschen; ich verstehe nichts davon, aber ich fürchte, er wird sich noch einmal unglücklich machen mit einem dunkeln Treiben, etwas Gutes steckt gewiß nicht dahinter.«

»Unglücklich ist er schon,« sagte Evchen Meier, indem sie mit prüfenden Blicken den Eindruck ihrer Worte auf Herrn von Sarkows Gesicht verfolgte – »unglücklich ist er, das weißt du am besten, er denkt an ein paar braune Augen, die aber lieber anderswohin blicken, und wenn sie wollten, ihn doch wohl von seinem geheimnisvollen Treiben abziehen könnten.«

»Er soll hinschauen, wo er will,« sagte Dorchen schnippisch, »ich kümmere mich nicht darum.«

»Du hast doch wohl unrecht,« erwiderte Evchen Meier, »es ist doch im Grunde ein guter, braver Mensch, wenn er auch oft so wilde und wüste Reden führt. Sein Vater, der Gerichtsbeamter in der Pfalz ist, war ja hier und hat euch alle gebeten, euch seiner anzunehmen, damit ihm seine tollen demokratischen Ideen vergehen – ich sah es wohl, daß der alte Herr dich dabei ganz besonders ansah –«

»Geh, ich mag nichts davon hören,« sagte Dorchen errötend, indem sie sich auf ihre Stickerei herabbeugte.

»Sonderbar,« flüsterte Herr von Sarkow sinnend, »mir ist immer, als hätte ich diesen Menschen, der mit Langenberg ging, schon einmal gesehen – wo kann das nur gewesen sein?«

Der Friseur Schreckenberger erschien in der Tür.

»Der Herr Baron haben befohlen,« sagte er – »ich fliege herbei, Schreckenberger ist stets zum Dienst der verehrten Herren Saxoborussen bereit – o mein Gott, wie sieht Ihr Haar aus! – freilich, der Herr Baron waren heute schon ausgegangen, als ich morgens da war – ja. ja, ein Tag ohne Schreckenberger, das bringt alles in Unordnung. Die Herren sind so gleichgültig und gehen unverantwortlich mit ihren Haaren um, und doch ist das Haar die wichtigste Schönheit des Menschen – nicht wahr, meine Damen? – und wenn der Schreckenberger nicht da wäre, so würde der Herr Baron dies herrliche Geschenk des Himmels auf eine grausame Weise verwahrlosen lassen.«

»Kommen Sie, Schreckenberger, kommen Sie,« sagte Herr von Sarkow lachend, indem er, die beiden Mädchen grüßend, nach seiner Wohnung hinaufstieg.

»Sehen Sie da,« sagte er, als sie in seinem Zimmer waren, indem er Schreckenberger seinen Kopf hinhielt, »ich habe da einige Beulen, waschen Sie mir den Kopf mit irgend einer kühlenden Essenz, denn es tut wahrhaftig teufelmäßig weh.«

»Mein Gott!« rief Schreckenberger entsetzt, »was haben Sie mit Ihrem Kopf gemacht, das sind ja ganz blaue Beulen unter den Haaren – nun, wir wollen sehen, was wir tun können.«

Er warf dem Herrn von Sarkow einen Frisiermantel um und begann leise und vorsichtig die von den flachen Hieben aufgeschwollenen Stellen mit seinen Essenzen zu waschen und dann mit Cold-Cream einzureiben, wobei er unaufhörlich sprach, ohne eine Antwort zu verlangen oder abzuwarten.

Während sich Herr von Sarkow behaglich dieser wohltätigen Operation überließ, trat Salomon Nürnberger mit einem großen, gefüllten Paket in die Tür.

»Ich habe gehört,« sagte er, sein Paket öffnend und die darin befindlichen Gegenstände auf den Tisch ausbreitend, »daß der Herr Baron heut sind losgegangen und daß alles so glücklich abgelaufen ist – zwanzig Nadeln – Gott, was sage ich, fünfundzwanzig – dreißig Nadeln. Ich bin so froh darüber, als ob ich gewonnen hätte in der Lotterie tausend Gulden – und da bin ich denn auch gleich gekommen, weil ich gerade gekauft habe da in einer Auktion von Altertümern einen florentinischen Dolch, ein herrliches Stück, das ich niemand anderm gönne als dem Herrn Baron. Sehen Sie,« sagte er, die zierliche Waffe Herrn von Sarkow vorhaltend – »sehen Sie die Klinge, so etwas gibt's nicht wieder – mit Gold ausgelegt, es ist eine wahre Herrlichkeit, und der Griff mit edlen Steinen besetzt, alles echt und ciseliert in Gold und Silber. – Leider sind keine Dokumente da über den Ursprung der Waffe, aber ich will darauf schwören, ich möchte meine Hand drauf ins Feuer legen, daß die Arbeit gemacht ist von dem großen Benvenuto Cellini Buonarotti und daß sie gehört haben muß der berühmten Königin Katharina Medicini – da ist auch ein Rostfleck auf der Klinge – das ist Blut – und wer weiß – wer weiß, ob es nicht das Blut ist von dem großen König Ludwig XIV. von Frankreich, den seine Gemahlin hat ermorden lassen durch den Mönch Ravaillac aus Eifersucht wegen der Jungfrau von Orleans.«

Herr von Sarkow lachte laut auf, während Nürnberger sich einen Augenblick in tiefes Nachdenken über das historische Problem vertiefte, das der kleine Rostfleck auf der Dolchklinge vor ihm aufsteigen ließ.

»Nun,« sagte er endlich – »nun, Herr Baron, was sagen Sie – zweihundert Gulden – was sagen Sie dazu? – Zweitausend wäre nicht genug, wenn man wirklich könnte beweisen, daß der Meißel von Benvenuto Cellini diesen Dolch hätte geschmiedet. Sie werden doch gewiß ein Andenken behalten wollen an diesen glücklichen Tag, der arme Nürnberger kann es ja nicht wagen, Ihnen anzubieten ein Geschenk zur Erinnerung – aber ich habe selbst gegeben zweihundert Gulden, und wenn ich Ihnen das Prachtstück dafür überlasse, so werden Sie sich immer dabei erinnern an den Salomon Nürnberger.«

Während er noch eifrig sprach und Herr von Sarkow, auf dessen Kopf Schreckenberger inzwischen einige mit dem Brenneisen geträufelte Locken hoch emportoupierte, um die angeschwollenen Beulen zu maskieren, den kleinen Dolch betrachtete, öffnete sich abermals die Tür und Herr David Rauchthaler, einer von Nürnbergers Konkurrenten, trat ein, einen Türkensäbel in roter, goldgestickter Sammetscheide in der Hand. Nürnberger drehte sich um, als ob er den verhaßten Rivalen gar nicht bemerke; Rauchthaler fuhr zurück, als ob er plötzlich ein vor ihm aufschießendes giftiges Reptil gesehen habe, er machte eine Bewegung, als ob er wieder über die Schwelle zurücktreten wolle – aber Herr von Sarkow rief ihm unendlich belustigt über dies Zusammentreffen entgegen:

»Halt, Rauchthaler – halt, kommen Sie her. ich bedarf Ihres Rats. Sehen Sie diesen Dolch an, was meinen Sie dazu. Sie sollen ihn taxieren.«

»Herr Baron!« rief Nürnberger vor Wut erbleichend, »das ist zu viel, wie können Sie mir antun eine solche Kränkung, – Benvenuto Cellini wird sich umdrehen in seinem Grabe, wenn ein solcher Hausierer, der sich höchstens versteht auf alte Hasenfelle, soll ansehen und anfassen seine Arbeit.«

Er wollte den Dolch an sich reißen, aber Herr von Sarkow hielt die Waffe fest und sagte:

»Nun, Rauchthaler, was meinen Sie, wie hoch taxieren Sie diesen Dolch der Katharina von Medici?«

»Katharina von Medici,« fügte Rauchthaler achselzuckend, indem er einen verächtlichen Blick auf den Dolch warf; »ich will Ihnen sagen, Herr Baron, was das ist – alt ist das Wohl, aber ich kenne solche Dinger, es ist ein altes Kohlmesser, wie man es hat gebraucht in der Küche; man hat solche Dinger wohl vergoldet zu jener Zeit und auch besetzt mit unechten Steinen – nun, was wird es wert sein, wenn Sie Liebhaberei haben für alte Raritäten, so können Sie immerhin bezahlen zehn Gulden.«

»Herr Baron, geben Sie mir meinen Dolch!« schrie Nürnberger – »zehn Gulden – o Benvenuto Cellini, wo hast du deinen Blitz!«

»Wenn der Herr Baron aber ein Liebhaber sind von alten Waffen,« fuhr Rauchthaler fort, »so sollten Sie sich nicht entgehen lassen diesen Türkensäbel hier, das ist was Rares, ich habe es aufgespart für den Herrn Baron für den Tag der ersten Paukerei, die so glücklich ist abgelaufen, wozu ich gekommen bin, meinen untertänigsten Glückwunsch zu bringen. Sehen Sie,« sagte er, den Säbel, dessen Griff ebenfalls mit kleinen Steinen und Perlen besetzt war, aus der Scheide hervorziehend – »sehen Sie hier das türkische Zeichen in Gold auf der Klinge, das ist der Namenszug von dem großen Sultan Soliman, der den Polenkönig Sobiesky in die Luft gesprengt hat mit der ungarischen Festung Sigeth – was sagen Sie, zweihundertfünfzig Gulden, er hat mich selbst mehr gekostet, aber der Herr Baron soll ihn haben dafür zur Erinnerung an die erste Paukerei.«

»Nun, Nürnberger, was ist der Säbel wert?« fragte Herr von Sarkow.

»Der Säbel!« sagte Nürnberger, sich mit einem verächtlichen Seitenblick abwendend – »kann man das nennen einen Säbel, was nicht einmal der Herzog Alba würde tragen können auf dem Theater in dem Trauerspiel ›Egmont‹ von dem großen Schiller, wenn er sich nicht wollte blamieren vor dem Publikum! – Gar nichts ist er wert, gar nichts, und ehe ich ein solches Ding würde in meinen Laden stellen, da wollte ich lieber handeln mein ganzes Leben mit alten Beinkleidern oder mit räudigen Hasenfellen.«

»Nun,« sagte Herr von Sarkow, »da bin ich' so klug wie vorher – aber ich will euch einen Ausweg sagen. Ihr sollt miteinander losgehen, der Nürnberger mit seinem Dolch und der Rauchthaler mit seinem Türkensäbel, und der Schreckenberger soll Unparteiischer sein, und wer den andern besiegen wird, dessen Waffe will ich zu dem geforderten Preis kaufen. Euer alter König Salomo könnte kein gerechteres Urteil fällen, also vorwärts – auf die Mensur – fertig – los! Passen Sie auf, Schreckenberger.«

»Ich bin fertig, Herr Baron.« sagte dieser, der schnell seine Flaschen, Bürsten und Schwämme in seinen Beutel gepackt hatte und es mit keinem der beiden Handelsleute verderben wollte – »ich bin fertig und bin ein zu friedfertiger Mann für ein so grausames Spiel. Ich habe die Ehre, mich untertänigst zu empfehlen.«

Er glitt mit leisen Schritten zur Tür hinaus, durch die in diesem Augenblick ein kleiner Laufbursche eintrat, der ein Billet in der Hand trug und sich Herrn von Sarkow näherte, während Rauchthaler und Nürnberger sich mit wütenden Blicken betrachteten. Ganz erstaunt ergriff der junge Mann das Billet, das in zierlicher, feiner Handschrift seine Adresse trug; er erbrach das kleine Siegel und las:

»Sie haben mich in Frankfurt verlassen und mich gezwungen, einen andern Beschützer zu suchen: gerade jetzt, da ich des Schutzes mehr als je bedarf, hat Ihre Klinge jenen auf längere Zeit dienstunfähig gemacht. Vielleicht könnte ich Ihnen diese Feindseligkeit noch leichter verzeihen als jene Gleichgültigkeit, wenn Sie mich besuchen, um persönlich mit mir Frieden zu schließen.«

Das Billet war unterzeichnet: »Klara Schönfeld« und darunter stand als Postskriptum:

»Bitte, kommen Sie sogleich, denn ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen.«

Das hübsche, pikante Gesicht der Schauspielerin schien Herrn von Sarkow zwischen den Zeilen hervor anzulächeln, die Erinnerung an die reizende Plauderstunde im Hotel de Russie stieg lebhaft vor ihm auf; schnell sprang er empor und nahm seine Mütze, um sogleich der Einladung zu folgen. Der kleine Junge war wieder verschwunden, nachdem er das Billet abgegeben.

Da fiel sein Blick auf Rauchthaler und Nürnberger, die sich noch immer finster drohend gegenüberstanden.

»Ich muß einen Augenblick ausgehen,« sagte er, indem ein plötzlicher Gedanke in ihm aufblitzte, der ihn laut auflachen ließ – »ihr könnt indessen auch ohne Schreckenberger eure Mensur ausfechten, und wenn ich wiederkomme, werde ich den Ueberlebenden belohnen.«

Schnell ging er hinaus, und während ihm beide, die um keinen Preis allein miteinander bleiben mochten, nacheilen wollten, drehte er von außen zweimal den Schlüssel im Schloß um und steckte ihn dann in seine Tasche. Er war heute ganz zufrieden damit, daß das Treubergsche Wohnzimmer leer war, Dorchen und ihre Freundin waren ausgegangen. Er ging, die Hauptstraße vermeidend, um niemand von seinen Freunden zu begegnen, nach dem Gasthof »Zum Prinzen Max«, in dessen großem Saal die Bühne aufgeschlagen war und in dem die erste Liebhaberin mehrere Zimmer im ersten Stock bewohnte. Er fand Fräulein Klara und ihre Mutter damit beschäftigt, die letzte Hand an das Kostüm des Käthchens von Heilbronn zu legen, in welcher Rolle am Abend die hübsche Schauspielerin zur Eröffnung der Bühne auftreten sollte.

Fräulein Klara, die einen weiten Schlafrock trug, der sie reizend kleidete und alle Bewegungen ihrer geschmeidigen, schlanken Gestalt anmutig hervortreten ließ, eilte Herrn von Sarkow entgegen und drückte mit der Herzlichkeit einer alten Freundin seine Hände.

»Ich verzeihe Ihnen alles, Herr von Sarkow!« rief sie, während die Mutter sich mit einem Teile des Kostüms, das sie gerade unter ihrer Nadel hatte, diskret in das Nebenzimmer entfernte – »ich verzeihe Ihnen alles, da Sie so schnell meine Bitte erfüllt haben, Ihre schnöde Gleichgültigkeit in Frankfurt und Ihre grausame Bluttat an dem armen Prollmann,« fügte sie mit einem Lächeln hinzu, das den Verwundeten, wenn er es hätte sehen können, vielleicht noch mehr geschmerzt haben würde als seine Tiefquart von achtzehn Nadeln, die mit kühlenden Eisumschlägen bedeckt war.

»Schon die Damen der Vorzeit« – fuhr sie fort – »reichten dem siegreichen Ritter den Preis und stellten sich unter seinen Schutz; so sollen Sie denn nun auch in meiner Not mein einziger Beschützer sein.« Sie schmiegte sich so innig an ihn und blickte so schelmisch erwartungsvoll zu ihm auf, daß es eine grobe Verletzung aller ritterlichen Galanterie gewesen wäre, wenn er sie nicht in seine Arme geschlossen und die ihm rosig entgegenschwellenden Lippen geküßt hätte.

»Wie können Sie zweifeln,« sagte er, »daß ich ganz zu Ihren Diensten stehe; worin bedürfen Sie meinen Schutz, – fast scheint es mir, daß Sie meinen Beistand nicht nötig haben, um überall zu siegen und zu herrschen.«

»O,« erwiderte sie, ganz ernst den Kopf schüttelnd, »ich habe heute den Kampf aufzunehmen mit einem vielköpfigen Ungeheuer, das schlimmer ist als alle Drachen der Ritterzeit – es ist das Publikum, ich soll mein Debüt machen und ich weiß, daß meine Kollegin, die natürlich meine Feindin ist und heute die Gräfin spielt, viele Freunde hat und alles aufbieten wird, um mich in Schatten zu stellen. Wenn Sie mir beistehen wollen, wird das freilich nicht gelingen, darum bitte ich Sie um Ihren Schutz; wenn Sie und Ihre Freunde auf meiner Seite sind, wird keine Kabale durchdringen.«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte Herr von Sarkow, »es soll an nichts fehlen, wir haben noch drei Stunden, das ist Zeit genug, um Ihnen einen glänzenden Empfang vorzubereiten, meine Freunde werden mir beistehen, und ich stehe dafür, daß Ihr Triumph vollständig sein wird. Aber,« sagte er dann, seinen Arm fester um sie schlingend, »von den drei Stunden, die mir noch bleiben, darf ich wohl eine halbe in Anspruch nehmen, um mit meinem reizenden Schützling vollen Frieden zu schließen.«

Sie antwortete ihm nur mit einem halbverschleierten Blick und einem warmen Händedruck. Mitten unter den aufgebauschten Röcken, den Bändern und künstlichen Blumen, die rings umher lagen, fanden sie ein Plätzchen, das gerade groß genug war, um ihnen, nahe aneinander geschmiegt, Raum zu gewähren, und sie waren eben im Begriff, die anmutige und interessante Unterhaltung, die sie in dem Hotel de Russie in Frankfurt begonnen, eifrig fortzusetzen, als sich plötzlich nach kurzem Klopfen die Tür öffnete und zwei Herren eintraten.

Der eine derselben war ein großer schlanker Mann von vornehmer Haltung; sein bleiches, regelmäßiges Gesicht mit großen dunkeln, lebhaften Augen war von einem wohlgepflegten schwarzen Vollbart umrahmt, und sein glänzendes Haar war so sorgfältig frisiert, als ob Schreckenbergers Hand selbst daran tätig gewesen wäre. Er trug einen einfachen Anzug von tadelloser Eleganz. In seinem Begleiter, der ihm unmittelbar folgte, erkannte Herr von Sarkow zu seinem Erstaunen denselben jungen Mann, dem er kurz vorher mit Langenberg auf dem Flur des Treubergschen Hauses begegnet war.

Fräulein Klara erhob sich beim Eintritt der beiden Herren ohne alle Verlegenheit, sie hielt Herrn von Sarkows Hand fest und stellte ihn den beiden Fremden als ihren besten Freund und Beschützer vor.

»Diese Herren sind alte Bekannte,« sagte sie dann, während Herr von Sarkow, ein wenig verstimmt, mit kühler Höflichkeit deren Gruß erwiderte – »wir sind miteinander gereist und ich freue mich, sie hier wiederzufinden – aber leider kümmern sie sich wenig um das Schicksal der Künstlerin, die heute abend vor einem fremden Publikum sich ihre Stellung erringen soll.«

»Je serais désolé de déranger Mademoiselle –« sagte der Fremde mit dem schwarzen Bart in reinem Französisch, aber mit jenem scharfen Accent, den man bei den Russen und Polen zu finden Pflegt, indem er Miene machte, sich wieder zurückzuziehen.

Aber schon hatte Herr von Sarkow seine Mütze genommen und sagte mit einem leichten Anflug von spöttischem Unmut:

»Pas du tout, monsieur, je vous cède ma place.« Mit einer schnellen Verbeugung ging er hinaus.

Fräulein Klara eilte ihm nach, schlang ihre Arme um ihn und sagte bittend mit treuherzig offenem Ausdruck:

»Glauben Sie mir, Herr von Sarkow, diese Herren sind harmlose Bekannte, ganz harmlose Bekannte, sie gehen uns nichts an und haben keine Augen für Schönheit und Liebenswürdigkeit – wenn«, fügte sie schmeichelnd hinzu, »Sie Ihrer kleinen Freundin ein wenig von diesen Eigenschaften zugestehen wollen.«

Sie sah ihn so liebreizend an, daß Herr von Sarkow, ohne eine weitere Erklärung zu verlangen, noch einmal seine Lippen auf ihren lächelnden Mund drückte und sein Versprechen wiederholte, sie am Abend gegen alle Kabalen ihrer Feindin zu schützen.

Er fand unterwegs den roten Schiffer, der wie gewöhnlich auf der Hauptstraße auf und nieder ging, um sich von den ihm begegnenden Corpsburschen eine Zigarre, ein Glas Bier oder einen Schoppen Affenthaler zu erbitten.

»Halt, roter Schiffer,« sagte Herr von Sarkow, »ich habe besseres für dich zu tun, als hier herumzulungern; hier hast du zehn Gulden, du wirst dir sogleich bei einem Gärtner so viel Blumensträuße machen lassen, als du tragen kannst; dann wirst du heute abend pünktlich im Theater im Prinz Max sein und deinen Platz im Parterre vorn an der Bühne nehmen.«

»Sehr wohl, sehr wohl, Herr Baron!« rief der rote Schiffer, indem er, die Zehnguldennote in der Hand, einen Freudensprung machte.

»Du wirst,« fuhr Herr von Sarkow fort, »mich nicht aus den Augen verlieren, jedesmal, wenn ich die Hand erhebe, wirst du einen von deinen Blumensträußen auf die Bühne werfen, und wenn ich klatsche, wirst du ebenfalls so lange klatschen, als deine Hände es aushalten, verstehst du?«

»Ich verstehe, Herr Baron, ich verstehe!« rief der rote Schiffer, »verlassen Sie sich auf mich. – Doch halt, noch eins,« sagte er, als Herr von Sarkow weiterging – »wie wäre es, der rote Schiffer hat Durst, sehr großen Durst – wie wäre es mit einem Schoppen Affenthaler?«

»Geh zu Walz,« sagte Herr von Sarkow, »und laß dir auf meine Rechnung so viel geben, als du trinken willst, aber bleibe nüchtern und vergiß deinen Auftrag nicht.«

»Es leben die Herren Saxoborussen!« rief der rote Schiffer, indem er seine Mütze hoch in die Luft warf, und mit Riesenschritten eilte er davon, um in der Walzschen Konditorei drei Schoppen zu trinken und dann seine Aufträge auszuführen.

Als Herr von Sarkow vor seinem Hause ankam, fand er Fritz und Franz von Helmholt, den Grafen Steinborn, Charles Clarke und Hartmann, die laut lachend auf der Straße standen und nach seiner Wohnung hinaufblickten. Die Fenster seines Wohnzimmers waren geöffnet, aus dem einen derselben blickte Nürnberger nach der rechten Seite der Straße hin, während aus dem andern Rauchthaler ebenso unverwandt nach der linken Seite hinsah.

»Was zum Teufel!« rief Fritz Helmholt, als Sarkow zu seinen Freunden herantrat, »geht denn bei dir vor, wir finden die Tür verschlossen und da oben stecken die beiden Kerle ihre Köpfe zu den Fenstern heraus und machen Gesichter, als ob man ihnen Daumschrauben angesetzt hätte.«

»Ich habe sie eingeschlossen« – erwiderte Herr von Sarkom lachend – »ich war im Begriff, ein Geschäft mit ihnen zu machen, der eine wollte mir einen Dolch verkaufen, der andre einen Säbel; da sollten sie miteinander losgehen, um den Wert ihrer Waffen zu beweisen, ich mußte einen notwendigen Gang machen, und damit sie sicher auf meine Rückkehr warteten, habe ich den Schlüssel mitgenommen.«

»Herr von Sarkow!« rief Nürnberger, ohne den Kopf nach Rauchthalers Seite zu wenden – »Herr von Sarkow, lassen Sie mich heraus, es ist grausam, es ist ungerecht, mich hier einzuschließen in so schlechter Gesellschaft, wo mir nichts andres übrig bleibt, als den Kopf zum Fenster hinauszustecken – lassen Sie mich heraus oder es geschieht ein Unglück.«

»Herr Baron!« rief Rauchthaler aus dem andern Fenster, »ich werde müssen einschlagen die Tür, so leid es mir tut, wenn Sie mich nicht befreien von der Gesellschaft.«

»Ihr lebt beide!« rief Sarkow unter immer höher steigender Heiterkeit seiner Freunde hinauf, »also taugen eure beiden Waffen nichts, dann kann ich mit keinem von euch ein Geschäft machen.«

»Herr Baron,« fügte Nürnberger, indem er jetzt einen verächtlichen Seitenblick nach Rauchthaler hinüberwarf, »sechs solche Menschen wie der da würde ich haben aufgespießt auf meinen Dolch, aber wie kann ich denn vermischen so schlechtes Blut mit dem Blutstropfen von dem großen König von Frankreich, Ludwig XIV.?«

»Was soll man sagen, Herr Baron!« rief Rauchthaler aus dem andern Fenster, »glauben Sie, daß ich werde niederschlagen so einen gewöhnlichen Menschen mit dem Säbel vom großen Sultan Soliman – wie würde ich dann noch machen können jemals ein Geschäft mit der welthistorischen Waffe?«

Dorchen und Evchen lauschten lachend hinter der Fenstergardine hervor.

Herr von Sarkow stieg, von seinen Freunden begleitet, die Treppe hinauf. Als er die Tür aufschloß, stürmten ihm Rauchthaler und Nürnberger entgegen, um die Freiheit zu gewinnen; er aber führte beide, sie am Arm festhaltend, in das Zimmer zurück.

»Halt,« sagte er, »obgleich ihr euch beide miserabel gepaukt habt, so will ich doch glauben, daß es an euch gelegen hat und nicht an euren Waffen; laßt sie hier, ich will sie mir ansehen, und wenn sie mir gefallen, werden wir weiter über das Geschäft sprechen. Jetzt aber hört zu. Ihr werdet beide heute abend in das Theater gehen – ihr braucht nicht nebeneinander zu sitzen, jeder auf einer verschiedenen Seite – ihr werdet Blumen kaufen, so viel ihr wollt, auf meine Rechnung natürlich, und dann werdet ihr jedesmal ein Bouquet werfen, wenn ich die Hand erhebe, und klatschen, wenn ich klatsche, habt ihr verstanden? Wenn ihr eure Sache gut macht, so werden wir gute Freunde bleiben und Solimans Säbel und der Dolch der Katharina von Medici werden sich friedlich in meiner Waffensammlung vereinigen.«

Beide schienen plötzlich die ausgestandene Pein ihrer Gefangenschaft zu vergessen; sie versprachen feierlich, alles genau auszuführen, und eilten, einer in gemessener Entfernung hinter dem andern, die Treppe hinab. Schnell teilte Herr von Sarkow seinen Freunden mit, um was es sich handelte, und alle versprachen ihm behilflich zu sein, um seiner Schutzbefohlenen ein glänzendes Debüt zu bereiten. Man ging darauf noch zu dem Porzellanmaler Lieber; Herr von Sarkow instruierte diesen in gleicher Weise wie den roten Schiffer, Nürnberger und Rauchthaler, und Lieber verschwor sich mit vielen kräftigen Flüchen und Verwünschungen, daß noch nie ein Käthchen von Heilbronn einen solchen Triumph erlebt haben solle wie das Fräulein Schönfeld, das die Saxoborussen unter ihren Schutz genommen hätten. Die drei ersten Logen an der Bühne wurden bestellt. Man begab sich darauf zu Walz, um den Beginn der Vorstellung zu erwarten und die übrigen Freunde zu benachrichtigen, damit sie sich vollzählig und rechtzeitig im Theater einfinden möchten.

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