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Die Sauhatz

Joseph von Lauff: Die Sauhatz - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Martinsgans
authorJoseph von Lauff
firstpub1920
year1938
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Sauhatz
pages1-5
created20051013
sendergerd.bouillon
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Das achte Horrido

                  Der Mensch hat seine schönen Tage,
Wo alles ein verklärter Rauch,
Jedoch indessen Pein und Plage,
Du lieber Gott! die hat er auch.
Er muß sich meistern, muß sich fügen,
Ob's stürmt und schneit, ob's blüht und lacht;
So hat, bei schicklichem Genügen,
Er schließlich doch noch Plus gemacht.
Nur muß der Wechsel allerorten
Manierlich und recht sanft geschehn
Und nicht mit den brutalen Worten:
»Hier bin ich!« plötzlich vor ihm stehn;
Denn allem Wandel des Bestehens
Wird sachlicher sich angepaßt,
Wenn man die Dinge des Geschehens
Beizeiten schon ins Auge faßt;
Wenn man zu eignem Nutz und Frommen
Und in Beschaulichkeit und Ruh
Erfährt: hier dieses Leid muß kommen
Und jener Glücksstern fällt dir zu;
Sonst wird die Phantasie zu rege,
Und dann mit eingekniffnem Schwanz,
Wie Herkules am Scheidewege,
Verliert der Mensch die Kontenanz.

Und so auch hier! – Ermeßt die Lage!
Das Schicksal kam dahergebraust
Und hielt die Glücks- und Unglückswage
Für Wieprecht lachend in der Faust.
Denn immer näher, immer näher,
Von Hussa und Hallo umtollt,
Begleitet vom Geschrei der Häher,
Kam das Verhängnis angetrollt.
Es lärmte durch die hohen Stangen,
Es lärmte hinten, lärmte vorn;
Dazwischen, daß die Funken sprangen,
Stieß Hermann Joseph wild ins Horn.
Hier fiel ein Schuß und dort ein zweiter,
Ein dritter folgte, dampfumwallt;
Von links und rechts ward hell und heiter
In Gottes schöne Welt geknallt.
Schon hatte Hiemenz Blei gegeben
Und sah verstört durch Dampf und Rauch;
Auch Hubaleck schoß forsch daneben,
Mit ihm der brave Dichter auch.
Da klang's von rechts aus lautem Munde:
»Hat mich der Satan denn geäfft?!
Ihr schießt ja wie die Himmelhunde!
Non dolet, Paete, wenn ihr trefft!«
So wetterte mit Gift und Geifer
Herr Zenz durch den verstörten Tann
Und rief alsdann in Hast und Eifer
Den leergewordnen Posten an:
»Wo hängt der Kerl denn nur am Nagel?!
Der Mensch sitzt wieder da und praßt!
Kreuzmillionen, Blitz und Hagel!
He, Meister Wieprecht, aufgepaßt!«
Doch Meister Wieprecht . . . dank der Käschen,
Er sah vom Unglück sich umtrotzt
Und hatte eben sein Gesäßchen
Im nahen Strauchwerk abgeprotzt.
So war dem Wandel des Bestehens
Sein Tun nicht richtig angepaßt,
Weil er die Dinge des Geschehens
Derzeit nicht schnell genug erfaßt.
Und so, weil ihm der Kopf zu rege,
Zu unverhofft auch Gunst und Glanz –
Wie Herkules am Scheidewege
Verlor auch er die Kontenanz.
Doch sei's nun, daß die Wut ihn packte,
Der Ehrgeiz ihn beim Wickel nahm,
Sei's, daß die Sauhatz, die vertrackte,
Bedrohlich immer näher kam,
Sei's, daß noch stolze Jägerträume
Bewohnten Herz und Jägerkleid –
Er donnerte durch alle Räume:
»Halt, halt! – ich bin noch nicht so weit!«
Dann riß er aus wie alte Pappe,
Und doch, als unerschrockner Mann
Und mit verhängter Hosenklappe,
Griff er zur Wehr und legte an.
Und legte an . . .
                            Da kam's gerasselt
Da kam's in drohender Gestalt,
Da kam's durch Eis und Schnee geprasselt
Wie Wind- und Wetterbruch im Wald.
Ein Heilighimmeldonnerwetter,
So kam's daher in Trott und Tritt,
Und Strunk und Stiel und dürre Blätter,
Die wirbelten im Troßzug mit.
Gleichwie ein Heer von Glaubensstreitern,
Bedroht durch Feuer, Schwert und Acht,
Sich aus dem Engeren zum Weitern
Verbannt sieht durch brutale Macht –
Ein Aufgebot von dunklen Mächten,
Bekuttet und in blanker Wehr,
Gewillt, das Dasein zu verfechten,
So trieb's mit Donnerlaut daher.
Ein Aufgebot, geführt vom Alten,
Das hier von Hof und Heimat schied,
Das grunzte jetzt mit Allgewalten
Und sang beim Durchbruch dieses Lied:

    »Die Welt ist schlimm, die Welt ist hart,
    Und Reif umspinnt die Tannen;
    Jetzt, wo der Wald im Frost erstarrt,
    Wir müssen von dannen, von dannen.
    Das Unheil lauert weit und breit,
    Es dräut von vorn und hinten;
    Die goldne Rausch- und Liebeszeit,
    Sie kommt jetzt vor die Flinten.
        Drum steh' uns bei in unsern Nöten,
        Sankt Tünnes, hilf und sei uns nah!
        Und geht die halbe Schwarte flöten –
        Wir müssen durch, hipphipp, hurra!

    Wie Eremiten lebten wir
    Genügsam von Kartoffeln
    Und wurden doch im Feldquartier
    Geplackt von Bauernstoffeln.
    Selbst hier in Gottes freiem Wald
    Gilt's Leben keinen Schilling;
    Der Doktor hat schon losgeknallt,
    Und Wieprecht hebt den Drilling.
        Drum steh' uns bei in unsern Nöten,
        Sankt Tünnes, hilf und sei uns nah!
        Und geht die halbe Schwarte flöten –
        Wir müssen durch, hipphipp, hurra!

    Und ist die Welt auch schlimm und hart,
    Spinnt Reif auch um die Tannen,
    Und müssen wir auch, frostumstarrt,
    Von dannen, von dannen, von dannen –
    Wir trutzen allem Schweinehaß
    Im Himmel und auf Erden;
    Wir wöll'n noch nicht ins Pökelfaß,
    Nicht zu Rouladen werden.
        Drum steh' uns bei in unsern Nöten,
        Sankt Tünnes, hilf und sei uns nah!
        Und geht die halbe Schwarte flöten –
        Wir müssen durch, hipphipp, hurra!«

Hipphipp, hurra! – Der Herr wird's lohnen!
Der Herr ist eine feste Burg!
Und stolz mit seinen Myrmidonen
Brach auch der edle Recke durch.
Doch Meister Wieprecht war kein Narre;
Er pulverte durch Dorn und Hag
Ihm kurzerhand aus seiner Knarre
Aufs Weidloch grobe Posten nach.
Nicht Abbruch tat's der Weiterreise;
Nur mußte jetzt beim Vorwärtsgehn
Der alte Herr auf diese Weise
Ein Tremblement du cul bestehn.
Doch Blitz und Hagel! – wie das schwirrte!
Von links ein Schuß – ein blanker Schein . . .!
'ne Kugel pfiff und sang und sirrte
Und fraß sich dicht beim Lauscher ein.
Da konnte singen man und sagen:
»Potz Wetter! – das war Zenz' Geschoß!«
Denn jählings, wie vom Blitz geschlagen,
Fuhr's in den mächtigen Koloß.
Er zeichnete und tat sich nieder
Und purzelbaumte . . . doch im Nu
Erhob der alte Herr sich wieder
Und trollte rasch den Hängen zu.
»Blast Tusch und nochmals Tusch, ihr Bläser!«
Rief Wieprecht fröhlich durchs Revier
Und funkte durch die Brillengläser
Dem Keiler nach: »Dich haben wir!
Der Kerl ist mein mit Grieß und Grütze,
Mit Haut und Haar, mit Stutz und Sterz!
Ein Schütz bin ich, ich bin ein Schütze;
Denn ich allein traf ihn ins Herz!«

»Ins Zündloch hast du ihn geschossen!«
So schrie Herr Zenz ganz furios,
Und mit Zinnober übergossen,
Ließ er die lauten Bracken los.
Doch wie auch stöberten die Hunde,
So lang noch gutes Büchsenlicht –
Auf schroffer Höh' und tief im Grunde:
Der Weidewunde fand sich nicht.
Der Dichter schrie, der Doktor lärmte,
Und Hubaleck tat's ebenfalls,
Und Hermann Joseph fraß und härmte
Sich fast die Schwindsucht an den Hals.
Man war verstört, man war befangen,
Man war wie ein entlaubter Strauch;
Denn alles schweinliche Verlangen
Schien eitel Nichts und Schall und Rauch.

Der Tag ging hin auf weißer Decke;
Noch dreimal trieb der Treiberstock,
Und doch war schließlich nur die Strecke
Fünf Hasen und ein Gabelbock.
»Pro nihilo!« klang's um die Wette,
Als man die karge Beute sah;
Wie Marius auf der Trümmerstätte
Karthagos standen alle da.
Was aber half's? Wozu noch bleiben?
Schon lag das Weltall schwach umsonnt;
Schon rief das Horn zum Schüsseltreiben,
Und alles drängelte nach Cond.
»Nach Cond, nach Cond zur »Goldnen Traube!«
Nach Cond ins alte Stammlokal!«
Denn wohlberechtigt war der Glaube:
Dort wartete ein trefflich Mahl.
So ging's denn »ohne Sau« hinunter,
Und als man von der Höhe schied,
Da sang der Doktor puppenmunter
Ein funkelnagelneues Lied:

    »Nun hab' ich satt den trocknen Ton,
    Will Äuglein klar und hell.
    Hubertus ist mein Schutzpatron,
    Der Hund mein Trautgesell.
    Bin nit der Jager aus Kurpfalz,
    So hoch steht's mir nit an;
    Doch auf der Birsch und auf der Balz,
    Da steh' ich meinen Mann.
        Halli, hallo! – wenn's blitzt und knallt,
        Das ist, was mir gefallt, gefallt,
        Das ist, was mir gefallt!

    Und ist die Strecke ausgetan,
    Und ist sie brav und groß,
    Und geht im Wald auf freier Bahn
    Das Schüsseltreiben los –
    Ob's Ziemer gibt, der zart und weich,
    Ob Has, ob Rehragout:
    Du lieber Gott im Himmelreich!
    So'n Jager greift halt zu.
        Halli! – wenn's Bäuchlein sich nur prallt,
        Das ist, was mir gefallt, gefallt,
        Das ist, was mir gefallt!

    Potz Blitz! – und wird es grausig drauß,
    Und scheint kein Sternlein mehr,
    Und löscht die Nacht das Licht im Haus,
    Wird's düster ringsumher,
    Dann ruschelt's, raschelt's irgendwo,
    Wo, weiß ich nit genau;
    Doch schließlich springt zu mir ins Stroh
    'ne kleine Jagerfrau.
        Wenn's Weiblein nur recht wohlgestalt,
        Das ist, was mir gefallt, gefallt,
        Das ist, was mir gefallt!

    Und ruft der Herr: Genug, mein Sohn,
    Jetzt allweil Hahn in Ruh!
    Hubertus, lieber Schutzpatron,
    Nun hör' mal proper zu!
    Du weißt, viel beten kann ich nit
    Und auch nit litanein,
    Drum möcht' ich halt, und hätt' die Bitt',
    Da droben Jager sein.
        Wenn's nur im Himmel blitzt und knallt,
        Das ist, was mir gefallt, gefallt,
        Das ist, was mir gefallt!«

So ging's zu Tal mit hellem Singen,
Des Tages und des Jagens froh,
Und dann – bei lautem Gläserklingen
Ertönt das neunte Horrido.

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