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Die Sauhatz

Joseph von Lauff: Die Sauhatz - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Martinsgans
authorJoseph von Lauff
firstpub1920
year1938
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Sauhatz
pages1-5
created20051013
sendergerd.bouillon
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Das sechste Horrido

              Hallo! nun gab's erst recht Spektakel,
Und ob auch Stein und Bein erfror,
Die Klapper schwingend und den Bakel,
Trat an das ganze Treiberkorps:
Der Cochems Franz und Karl der Kühle,
Der Jungbluth, wie ein Pferd so stark,
Der Hannes von der Lescher Mühle
Und Juppes aus der Klottner Mark
Und all die andern, brave Herren,
Die nebenher, doch nie erwischt,
So manchen Has gestrippt im Plärren
Und manches Bächlein ausgefischt.
Was tat's! – im wimmelnden Gedränge
Kam Hund bei Hund und Mann bei Mann,
Und durch die schneeverwehten Hänge
Ging's laut den Conder Berg hinan.
Die Sonne funkte helle Sterne,
Wie überzuckert lag der Pfad,
Und ringsum schmückte sich die Ferne
Mit Winterlicht und Goldbrokat.
Tief unten lag im weiten Risse
Die blanke Landschaft, frank und frei;
Zur Rechten hob sich als Kulisse
Das Felsmassiv der Brauselei.
Hocheinsam rings! – am linken Ufer,
Versteinert bis zum höchsten Knauf,
Da steilte sich als Werdarufer
Der Burgberg schroff und trotzig auf.
So licht die Schau, so weit die Runde,
So märchenschön, so silberweiß!
Und kandisglitzernd tief im Grunde
Schob knirschend sich das Moseleis.
Vom Astwerk stoben lichte Flocken,
Die Luft war eisig, scharf und rein,
Und jubelnd sangen rings die Glocken
Den großen Tag der Sauhatz ein.
Hier schafften emsige Gewalten,
Von Gottes Zauberhauch umweht,
Hier konnte man die Hände falten,
Mit Andacht sprechen ein Gebet.
Hier konnte man von hohen Stufen,
Von lichtumsonnten Moselhöh'n
Begeistert o mein Deutschland! rufen,
O du mein Deutschland, bist du schön!
Ja, du bist schön in deinen Wäldern,
In Dorf und Stadt, in Moor und Ried,
In deinen angebauten Feldern,
In deinem stolzen Stromgebiet!
Wie klirrten ringsum deine Bahnen,
Als man dein Herz zu Paaren trieb!
Wie leuchtend zogen deine Fahnen
Durch Nacht und Tod von Sieg zu Sieg!
O du warst schön in deinem Glanze,
In Bast und Borke sonder Fehl,
Und doch, aus deinem Strahlenkranze
Brach man das reichste Kronjuwel,
Brach man die Treue, gab die Hehre
Der Willkür und der Schmach zum Raub
Und zerrte Ansehn, Ruhm und Ehre
Mit Hohngelächter in den Staub.
O, du mein Deutschland, lichtumwoben,
Der Rose gleich im tiefen Hag,
Wie standest du so hoch erhoben
Und wie so grausig war die Schmach!
Trotz deiner blitzenden Geschmeide,
Um dich ist Moder, Angst und Not;
Du liegst im weißen Sterbekleide,
Du bist gestorben, du bist tot.
Und doch, kein Feind hat dich geschlagen,
Wenn er auch zehnfach dich umschart;
Dein eignes Volk, das war dein Hagen,
Dein eignes Volk hat dich gebahrt.
Was gutgemacht der Schlachtenlenker,
Dem nahm man Luft und Sonnenschein;
Das eigne Volk, das war dein Henker
Und wird dein Totengräber sein.
Herr, du mein Gott! – wann naht der Grimme,
Der Held, die Faust um Griff und Knauf,
Und weckt mit heil'ger Donnerstimme
Das hingestreckte Deutschland auf,
Daß neu durch sturmgefaßte Reiser,
Metallisch, ehern, ohnegleich,
Ertönt das Lied vom deutschen Kaiser:
Ein Gott, ein Kaiser und ein Reich?!
Ja, wann, ja, wann?! – mein Herzblut klopfte.
O Deutschland, dir gilt all mein Weh!
Und eine heiße Träne tropfte
Von heißer Wimper in den Schnee.

Und weiter ging's, und immer freier,
Vertrotzter wurden Weg und Spur,
Und immer keuscher wob den Schleier
Die große Klöpplerin Natur.
Das war ein Glimmern und ein Glitzen,
Ein Farbenspiel um Fels und Hag,
Ein Sprühn von abertausend Spitzen,
Wie Feuerwerk am lichten Tag.
Und siegreich über Raum und Schranke,
Der Erde nicht mehr untertan,
Da zog, ein kreisender Gedanke,
Ein Falk die königliche Bahn.
Die Welt wie weit! Die Fernen glommen –
Und jetzt die Nägel eingekrallt . . .
Das Hochplateau, es war erklommen,
Und um uns lag der Conder Wald.
Der Conder Wald auf steiler Feste,
Kühn stand er über Tal und Strom!
Ein Rauschen zog durch seine Äste
Wie Orgelklang im hohen Dom.
Im Schmuck der eisigen Kristalle,
Der winterlichen Andacht voll,
Er sang dem Herrn der Welten alle
Ein brausend Dankgebet in Moll.
Er sang durch die verschneite Runde
Von Auferstehn und Morgenrot,
Bis Peter Zenz mit forschem Munde
Ein straff Silentium gebot.
Da schwieg der Treiber laut Gelichter,
Da schwieg Gekläff und Narretei,
Da schwieg der Doktor und der Dichter
Und Wieprecht und der Richter zwei.
Da schwiegen die erregten Geister,
Genau so wie das Waldgebraus;
Denn würdig gab jetzt unser Meister
Die Ordre de bataille aus.
Den Treibern bot er Ziel und Richtung,
Verständlich auch dem kleinsten Mann,
Und stellte dann in Busch und Lichtung
Die Herren Jäger selber an.
Umpeitscht von eisigen Geflechten,
Durch Dorn und Born und Gräben ging's;
Der Dichter flügelte zur Rechten
Und Hubaleck ganz weit nach links.
Den besten Platz im Waldreviere,
Von allen Kennern hoch geschätzt,
Den hielt der Meister der Klistiere
Alsbald nach altem Brauch besetzt.
Hier unter lispelndem Gesäusel
Es sich behaglich warten ließ.
Er tat's, wobei ein leicht Gekräusel
Er munter aus dem Pfeifchen blies,
Indes seitab in starren Gräsern,
Von Fichtenzweigen überdacht
Und funkelnd mit den Augengläsern,
Herr Wieprecht sich's bequem gemacht.
Sei's nun, daß er, die Zeit zu kürzen,
Ein zartes Liedchen vor sich pfiff,
Sei's, daß er, um die Jagd zu würzen,
Bedächtig nach dem Rucksack griff,
Sei's, daß ein unbewußtes Regen
Sich ihm, dem Waldessohn, genaht
Und er, der Hosenwitt'rung wegen,
Noch etwas ganz Besondres tat,
Genug – er saß da wie ein Häschen,
So mutterseelenganzallein,
Und stopfte sich diverse Käschen
Ins vordre Weidmannsloch hinein.
Dann sah er über stille Pfade
Zum eingefroren Felsenborn,
Wo Hermann Joseph kerzengrade
Auf Posten stand mit blankem Horn.
Gespannt das Ohr, gestreckt die Nasen,
So stand er, wie der Wind auch stob,
Gewillt, das Treiben anzublasen,
Wenn sich des Doktors Schnupftuch hob.

Drauf Stille rings, beredte Stille!
So fern das Leid, so fern das Weh!
Und lautlos sanken Wunsch und Wille
Wie leichte Flocken in den Schnee.
Nichts regte sich im weiten Kreise;
Die Einsamkeit war tief und echt;
Nur heimlich klopfte seine Weise
Des Waldes Zimmermann, der Specht.
Nur ringsumher verstreute Träume,
Noch von dem letzten Sommer her,
Und selbst der Wind zog durch die Bäume,
Als wenn er sonder Odem wär'.
Nur dann und wann ein zart Geriesel,
Ein leicht Gezärr, ein Amseltritt;
Nur dann und wann ein rasches Wiesel,
Das lautlos durch das Reisig glitt.
Nur dann und wann . . . da, weiß der Henker!
Bewegung rechts und weiter vorn!
Der Doktor ward zum Sacktuchschwenker,
Und Hermann Joseph stieß ins Horn.
Ins Horn, ins Horn! – und ein Rasaunen
Durchpolterte das weite All,
Als bliesen Jerichos Posaunen
Die Conder Höhe gen Walhall.
Zum Teufel war die Waldidylle,
Das Wandeln auf gedämpftem Schuh,
Zum Teufel alle Kirchenstille
Und mit ihr alle Sonntagsruh'.
Und Hinz und Kunz und Öhm und Vetter:
Die Schar der Treiber mit Getos –
Kreuzhimmelheiligdonnerwetter! –
Als Rotte Korah, sie brach los.
Hetz! hetz! hu! hu! – Die Hunde kläfften,
Wie's krachend durch die Dickung brach,
Und rauhe, rüde Stimmen äfften
Das Wutgeheul der Bracken nach.
Nun war der Augenblick gekommen;
Die Jäger krausten Stirn und Brau;
Nur Hubaleck sprach leichtbeklommen:
»O jerum, meine arme Frau!«
Und während so das laute Jagen
Durchzog den winterlichen Wald,
Habt acht! – von neuem Schwung getragen,
Das siebte Horrido erschallt.

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