Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Lauff >

Die Sauhatz

Joseph von Lauff: Die Sauhatz - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Martinsgans
authorJoseph von Lauff
firstpub1920
year1938
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Sauhatz
pages1-5
created20051013
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Das dritte Horrido

            Zu gleicher Zeit, als sich erhoben
Der Doktor und Herr Peter Zenz
Und dargetan die höchsten Proben
Ganz auserwählter Eloquenz,
Du lieber Gott! – mit einem Male,
Zu meinem größten Leid und Weh,
Verlieren sich die Prachtsignale
Der göttlichen Kalliope;
Denn singen muß ich erst und sagen,
Was ringsumher in Dorf und Stadt
Das Amtsgericht in unsern Tagen
Für dringende Geschäfte hat,
Wie in der Robe, schlicht und dunkel,
Vom Samtbarettchen überthront,
Ein feierliches Lichtgefunkel
Von grandiosem Wissen wohnt.
Hier werden Untersuchungssachen
Zu stolzen Höh'n emporgestelzt
Und Akten, um es kurz zu machen,
Wie Butterteig herumgewälzt.
Nicht Ruh bei Tag und Nacht, kein Rasten,
Ein ewig wechselnder Verkehr,
Und stündlich mehren sich die Lasten
Wie Flöhe und wie Sand am Meer.
Hier gehen Straf- und Haftbefehle
Wie die Karnickel ein und aus,
Und manche bettelfrohe Seele
Verschwindet in dem dunklen Haus.
Auch Hypotheken, ganze Seiten,
Sie werden sachlich registriert,
Inferner kleine Streitigkeiten
Geschlichtet und mit Geld saniert.
Und so da einer sich verflogen
Und rasch, weil die Versuchung nah,
Das Böse nebenher vollzogen,
Gleich ist der Amtsgerichtsrat da.
Er putzt bedächtig seine Brille,
Benimmt sich zugeknöpft und murrt:
»Der Delinquent, das ist mein Wille,
Wird hiermit feierlichst verknurrt.«
Ja, so ein Richter . . . weiß der Geier!
Er ist auf Arbeit nur erpicht.
Er kennt kein Rasten, keine Feier;
Lebt nur dem Dienst und seiner Pflicht.
Kaum hat er Zeit, sich zu ergehen
Bei seiner Gattin, lind und warm;
Drum sind die Amtsgerichtsratsehen
Auch meistens äußerst kinderarm.
Der Morgen wie der Abendschoppen
Ist ihm verhaßt mit einem Wort,
Und beut man ihm den feinsten »Troppen,«
Er wendet sich mit Abscheu fort.
Er hat nicht Zeit zum Vogelstellen,
Zum Angeln nicht auf Barsch und Stint
Und läßt die köstlichen Forellen
Im Wasser, wo sie meistens sind.
Und selbst die Jagd . . . das laute Blasen,
Es sagt ihm nicht besonders zu;
Auf Hirsche, Federwild und Hasen
Läßt meistens er den Hahn in Ruh.
Doch heute – und von allen Musen
Hebt wiederum die schönste an –
Doch heute schwillt ihm stolz der Busen,
Da fühlt er sich als Jägersmann.
Kalliope, die ewigschöne,
Sie strafft sich auf zu stolzer Höh'
Und schmettert ihre hellsten Töne
Jetzt wieder durch die Epopö.

Herr Peter Zenz, der Rechtsgelehrte,
Erwachte schon vom Hifthornschrei;
Desgleichen auch der ehrenwerte,
Der Amtsgerichtsrat Num'ro zwei.
Ihm sträubten sich die blonden Haare,
Auch ihm ward warm im trauten Nest;
Denn wißt, auch ihm klang die Fanfare:
»Im Conder Wald sind Sauen fest!«
Das weckte jagdliche Gefühle,
Das gab ihm männlichen Awek,
Und lächelnd hob sich auf vom Pfühle
Der Amtsgerichtsrat Hubaleck.
Er hob sich minnedienstbeflissen,
Ganz heimlich, mäuschenstill wie nie;
Denn neben ihm auf weichen Kissen,
Da träumte noch sein Weib Marie.
Sie träumte himmlischschöne Träume
Und daß, wie selber sie gebucht,
Ihr Gatte nur die Sitzungsräume
Und kaum ein Wirtslokal besucht,
Wie er so gänzlich ohne Schrullen,
Das Kleinste nie ihr vorgesohlt
Und aus den grünen Moselpullen
Begeisterung sich nie geholt.
Sie träumte ohne Arg und Fehle
Hinein sich in ein goldnes Vlies,
Sie träumte, ach! die gute Seele,
Sie träumte sich ins Paradies,
Indessen er die Stunde nutzte,
Sich kleidete, wie's ihm bequem,
Auch noch das blonde Bärtchen stutzte,
Teils dieserhalb, teils außerdem.
Dann sockte er beim Morgenschimmer,
Umweht von leisem Abschiedsweh,
Vom Schlafgemach ins Frühstückszimmer,
Wo seiner harrte der Kaffee.
Und hier – versteinert war der Knabe –
Ha, welche Freude, welche Lust!
Denn auf dem Tisch als Morgengabe
Stand kaltes Huhn mit Gänsebrust.
Da standen Eier, hartgesotten,
Anchovis, zart und delikat,
Da stand ein Kistchen Kieler Sprotten
Beim feinsten Selleriesalat.
»O milde Hand! – daß ich sie küsse,
Die so das Dasein mir versüßt!
Ihr sybaritischen Genüsse,
Seid mir gegrüßt, gegrüßt, gegrüßt!
Das tat mein Weib! Das tat die Gute!
O du mein Weib, so hehr und groß!«
Er sprach's und drang mit tapferm Mute
Gleich säbelnd auf die Sachen los.
Begeistert saß er auf der Matte
Und schwankte nicht und wankte nicht;
Als Amtsgerichtsrat und als Gatte
Erging er sich in ernster Pflicht.
Nachdem das Frühstück er vollendet,
Den Rest getan in Acht und Bann,
Den Blick zum Schlafgemach gewendet,
Bewegten Herzens hub er an:

    »O Weib, so reich an Ehren,
    Du meine Ruh und Rast,
    Ich will ja gern entbehren,
    Wenn du nur alles hast.
    Ich will ja gerne darben,
    Wo auch mein Odem weht,
    Wenn dir nur volle Garben
    Der Himmel zugesteht.

    O Weib, ich muß dich lassen,
    Muß ziehn durch Weh und Wind,
    Auf schneeverwehten Gassen,
    Bis dort, wo Sauen sind.
    Doch wo ich geh' und stehe
    Im rauhen Jagdgefild,
    Geliebte, ach! ich sehe
    Nur dein beseeltes Bild.

    Und ist im Waldgetriebe
    Das Jägerglück mir hold,
    Aus Dank für deine Liebe
    Sei Großes dir gezollt.
    Ja, dann bei meinem Barte –
    Ich schwör's bei Stein und Bein –
    Die dickste Keilerschwarte,
    Geliebte, sie sei dein!«

So fand bei karger Kaffeeschale
Der Amtsgerichtsrat zwei das Wort
Und wischte sich verschied'ne Male
Dabei die heißen Tränen fort.
Dann ging auch er, gleichwie die andern,
In vollem Wichs und derbem Schuh,
Mit hartem Schritt und frischem Wandern
Dem Schank der »Goldnen Traube« zu.
Und während er so herzhaft schreitet,
Von seiner Gattin Bild umwallt,
Habt acht! – die Lungen frisch geweitet,
Das vierte Horrido erschallt.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.