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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Siebentes Kapitel

Die beiden Ägypter

Ich machte mir keine weiteren Gedanken über diesen eingebildeten Sportfex und bestieg meine Maschine. Sie ging! Nicht nur nach vorne, auch in die Gegenrichtung! Ich hatte den Widerstand der Erdzeit überwunden. Hocherfreut fuhr ich los; zunächst vorsichtshalber ganz langsam. Die Sonne ging unter oder vielmehr: umgekehrt auf; und auf, indem sie umgekehrt unterging. Ich schaltete eine etwas stärkere Geschwindigkeit ein. Der Mond verlor ein Viertel nach dem andern oder vielmehr: bekam es. Allmählich begann sich auch Vegetation zu regen: umgehauene Bäume, die sich wieder aufrichteten; Früchte, die sich in Blüten verwandelten; verdorrte Blätter, die ergrünten; Sträucher, die ihre Zweige einzogen; Pilze, die in die Erde schossen. Voll Behagen sog ich die Luft ein, die wieder normal geworden war. Denn zu den vielen fatalen Eigentümlichkeiten jener gräßlichen Zeit, der ich soeben glücklich entronnen war, gehörte es auch, daß sie infolge des Mangels an jeglichem pflanzlichen Leben keinen Ozon besaß. Alles Vegetabilische: Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte und dergleichen wurde ja von Savory und ähnlichen Firmen auf mechanischem Wege erzeugt. Es gab große ›Obstwerke‹, ›Gemüsewerke‹ und so weiter: wozu also Anpflanzungen? Mit der Vegetation war natürlich auch alles tierische Leben verschwunden, das für unseren Geschmack einer Landschaft erst den letzten Reiz verleiht: Käfer und Schmetterlinge; Vögel und Bienen; Nager und Kriechtiere. Ob die Londoner von 1995 auch ihre animalische Nahrung künstlich herstellten, konnte ich in der Kürze nicht feststellen: vielleicht waren sie von ihr ebensogut abgekommen wie von den geistigen Getränken, oder vielleicht, ich traue es ihnen zu, delektierten sie sich an Fleischgas und luden einander zu Alkoholinjektionen ein.

Ich hing dergleichen müßigen Vermutungen nach, als ich plötzlich an meiner Maschine eine unheimliche Veränderung bemerkte. Sie fuhr unsicher, geriet sozusagen ins ›Schleudern‹, der Zeiger zitterte unruhig hin und her, die Bewegung kam ins Stocken. Irgendeine unbekannte Gegenkraft hemmte den bisher so glatten Ablauf des Mechanismus. Woher sie kam, war mir natürlich völlig unklar, aber ihre Wirkung war nur zu deutlich spürbar. Prinzipiell sind selbstverständlich Störungen in der vierten Dimension genausogut möglich wie in den drei anderen, aber ich hatte geglaubt, in der Praxis mit derartigem kaum rechnen zu müssen. Wirkte vielleicht die Zeitenergie der Erde sich erst jetzt auf eine geheimnisvolle Weise aus? Oder vielleicht – noch naheliegender – war ich in den Wirkungsradius einer anderen Zeitmaschine gekommen, am Ende gar mit ihr kollidiert! Ich befand mich im Jahr 1957: da mußte es schon viele Zeitmaschinen geben. Aber so oder so: ich war ganz unzweifelhaft in einen Zeitschatten geraten und hatte dadurch die Gewalt über mein Fahrzeug verloren. Eine sehr heikle Situation: etwa so, wie wenn bei einem dahinsausenden Expreßzug aus mysteriösen Gründen auf einmal die Kesselfeuerung versagt. Zum Nachdenken war da nicht viel Zeit, und in dem instinktiven Gefühl, damit das Richtige zu tun, riß ich die Maschine jäh herum, das heißt: ich drückte den Gegenhebel tief hinunter und fuhr zurück oder vielmehr vor, indem ich mit einer Geschwindigkeit von fast einem Zehntel Zeitmeter in der Sekunde, die mich schwindeln machte, in die Zukunft raste. Aber damit war ich noch rechtzeitig der gefährlichen Einflußsphäre des geheimnisvollen Zeitschattens entwichen. Der Zeiger wies auf das Jahr 2123. Aufatmend stoppte ich ab und – schwebte doppelmannshoch über der Erde! Der Boden Londons hatte sich gesenkt! In jähem Schreck dachte ich zuerst weniger an mich als an meine Maschine. Aber schon stürzten wir.

Es geschah uns aber gar nichts. Wir sanken in einen teigweichen Lehmteppich. Ich atmete zum zweitenmal auf und betrachtete die Gegend, die mir beinahe wiederum zum ewigen Aufenthalt bestimmt gewesen wäre. Denn wäre meine Maschine zertrümmert worden, so hätte ich sie ohne Material und Tabellen nie wieder rekonstruieren können. Soweit ich blicken konnte, sproßten aus dem üppigen Boden, der sich bei näherer Betrachtung als eine Art zäher, merkwürdig goldgelber Schlamm erwies, die herrlichsten Gewächse, die einen würzigen, fast betäubend starken Duft ausströmten: kolossale gefächerte Purpurblumen von der Form eines unsymmetrischen Papierdrachens, durchsichtige Riesenpflanzen in den Farben zarter Glaspaste, die aussahen wie ans Land versetzte Glockenmedusen, und merkwürdige Stauden, die zweierlei Gewächse hervorbrachten: die einen wie große violette Ananasäpfel, die anderen wie meterlange ziegelrote Spargel.

Nichts regte sich. Nur eine große kupferglänzende Eidechse kroch an mir empor und blieb ohne die geringste Scheu auf meiner Schulter sitzen. Häuser gab es auch diesmal keine zu sehen. Ich blickte empor: aber London stand auch nicht mehr am Himmel.

»Also doch unter der Erde«, murmelte ich, und gleich darauf erblickte ich zwei männliche Gestalten, die sich mir langsam näherten. Ihre Haut hatte die Farbe tiefen Bronzebrauns, und auf ihren sanften bartlosen Gesichtern ruhte ein feierlicher entrückter Ernst. Angetan waren sie mit einem viereckigen Stück Wollstoff, das um Schultern und Hüften geschlungen war; sonst trugen sie keinerlei Kleidung: keine Schuhe, keine Kopfbedeckung. Als sie meiner ansichtig wurden, stutzten sie; dann grüßten sie zeremoniös, indem sie die flache Hand auf die Stirn legten und mich ehrerbietig umwandelten. Als diese Prozedur beendet war, sagte der ältere der beiden in einem reinen, aber sehr altertümlichen Englisch, etwa aus der Zeit Chaucers, wie ich es seit meiner Schulzeit nicht mehr gehört hatte:

»Wir können uns nicht erklären, wie der Selige hierhergekommen ist.«

Bei diesen Kolonialen konnte ich nicht gut eine Kenntnis meiner Zeitmaschine voraussetzen. Ich bemühte mich daher, ihnen, so kurz und so gut es ging, das Wesen und die bisherigen Schicksale meiner Erfindung zu erläutern. Sie hörten mir aufmerksam und mit offenkundigem Verständnis zu, und dann sagte der jüngere:

»Dann ist es der Hochselige, dessentwegen wir hierher gekommen sind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wir kommen vom sechsten Katarakt«, antwortete der ältere. »Dort ist unsere Heimat und unsere Arbeitsstätte: die Große Schule. Sie besteht seit mehr als dreitausend Jahren. Als sie gegründet wurde, herrschten über Ägypten noch die Söhne des Amon.«

»Und womit beschäftigt sich diese Schule?« fragte ich.

»Mit Geschichtsforschung. Wir zählen bereits dreiundzwanzig Lehrerdynastien. Aber uns beiden fiel das Los zu, die Ufer der Heimat verlassen zu müssen. Als die ersten. Vielleicht auch die letzten.«

»Aber«, fragte ich, »wenn Sie sich niemals vom sechsten Katarakt entfernten, wie konnten Sie denn da Geschichtsforschung betreiben?«

»Wir tun es nicht nach den Methoden, die im Abendland üblich sind – oder vielmehr waren. Diese Methoden fußten auf logischen Konjekturen und auf empirischen Untersuchungen: Ausgrabungen, Archivstudien, Inschriftenentzifferungen. Diese Quellen trügen. Sie sind vieldeutig, trübe, doppelzüngig und oberflächlich. Wir versuchen, uns der geschichtlichen Wahrheit auf reineren Pfaden zu nähern, die sicherer leiten: durch Innenschau, sympathetisches Erfühlen, Fernwitterung und geistige Schlüsse, aber nicht logische, sondern intuitive. So entrollt sich den Begnadeten unter uns nach vorne und rückwärts ein klares lückenloses Bild des Weitgeschehens in Gesichten.«

»Und warum haben Sie sich dennoch schließlich zur Empirie entschlossen?« fragte ich etwas ironisch.

»Eines Tages – es war das erstemal seit den Zeiten unseres erhabenen Stifters – mußten wir zu unserem Befremden bemerken, daß unsere Intuitionen sich verwirrten, ineinanderschoben und in nebelhaftes Grau zerflossen. Irgendeine geheime Gegenkraft, etwas Fremdes, Feindliches und Auflösendes hatte sich in die Kette des Geschichtsablaufs gedrängt und drohte sie zu sprengen. Wir erfühlten seinen Sitz im Norden, und auf uns fiel die Wahl, es aufzusuchen. Wir wandern bereits seit zweieinhalb Jahren. Und nun haben wir es gefunden.«

»Und was ist es?«

»Was sonst als Ihre Zeitmaschine? Sie ist das große Unvermutbare im historischen Geschehen, das Unvorhergesehene und – der Erhabene wird verzeihen – Nichthineingehörige. Sie ist das Widergeschichtliche. Sie macht jeden Geschichtsablauf unmöglich, indem sie ihn jederzeit umkehren, rückgängig machen, verdoppeln, verschieben, in Absurdität ersticken kann.«

»Ja, aber meine Zeitmaschine ist doch nun einmal da! Und die Weltgeschichte auch! Die beiden müssen sich eben vertragen.«

»Das ist unmöglich. Es gibt nur zwei einseitige Lösungen. Entweder es gibt keine Weltgeschichte, oder es gibt keine Zeitmaschine.«

»Wenn dem wirklich so ist, so ist das für die Weltgeschichte sehr bedauerlich. Denn die Zeitmaschine gibt es doch zweifellos. Oder zweifeln Sie daran?«

Der Ägypter antwortete nicht sogleich. Dann sagte er sinnend: »Diese Frage läßt sich nur durch Innenschau lösen. Jedenfalls war es eine wunderbare Fügung, daß wir genau in dem Augenblick hier eintrafen, als Sie landeten. Wunderbar und doch im Spiegel einer höheren Kausalität sehr begreiflich, ja fast selbstverständlich.«

»Ja, ich wollte eigentlich gar nicht hierher«, sagte ich. »Die Ursache war ein unerklärlicher Zwischenfall.«

Und ich erzählte ihnen vom Zeitschatten.

Der jüngere Ägypter nickte und sagte: »Das war ein Selenit.«

»Ja«, sagte der Altere. »Aber das konnte der Erhabene in der Tat nicht voraussehen. Denn Ihre Zeit wußte ja noch nichts von den Mondbewohnern. Ich kann es Ihnen auch nicht so ganz erklären, denn um es sich richtig vorstellen zu können, muß man jene Fähigkeiten besitzen, die Sie die ›okkulten‹ nennen würden. Aber die Ursache der Störung werden Sie sofort begreifen. Die Mondbewohner leben in der vierten Dimension. Das heißt: sie haben ebenfalls nur drei Hauptdimensionen wie wir, aber drei andere, und eine davon ist die vierte. Infolgedessen können sie sich in der Zeit bewegen, aber nicht oder doch nur unmerklich in der – aber das würde zu weit führen. Das Hemmnis Ihrer Fahrt bestand ganz einfach darin, daß Sie in das Zeitfeld eines Seleniten geraten waren. Hätten Sie sich, wie Sie annahmen, mit einer anderen Zeitmaschine gekreuzt – ich habe übrigens niemals von einer anderen gehört –, so hätten Sie deren Zeitfeld glatt passiert, höchstens, wenn sie Gegenrichtung gehabt hätte, mit einer gewissen Verlangsamung; die Störung bestand vielmehr lediglich darin, daß es ein Selenit war. Denn der Mond hat eine andere Zeit als die Erde. Die Differenz ist zwar nicht bedeutend, aber sie genügte, um Ihre Maschine aus dem Gleichgewicht zu bringen.«

»Aber«, fragte ich mißtrauisch, »wenn das so ist, so kann es mir doch jederzeit wieder passieren?«

»Gewiß. Aber es gibt dagegen ein einfaches Mittel. Sie brauchen bloß hohe Geschwindigkeit einzuschalten. Dann schneiden Sie das Zeitfeld, das heißt: Sie passieren es so rasch, daß es keine Zeit hat, seine Wirkung zu äußern. Sie hätten gar nicht umzudrehen brauchen. Die Steigerung der Geschwindigkeit hätte genügt. Aber wie gesagt: es sollte wohl so sein, daß Sie hier landeten.«

»Aber«, fragte ich, »wie sind Sie hergekommen? Ohne Fahrzeuge, ohne Werkzeuge, ja sogar ohne Schuhe?«

»Wir bedürfen dieser Dinge nicht. Wie ich dem Hochseligen bereits sagte, besitzen wir die Fähigkeit, durch sympathetische Schau in das Innere alles Lebendigen zu dringen. Infolgedessen sind wir imstande, uns die vegetabilischen Kräfte ebenso zu Freunden und Dienern zu machen wie Sie durch rechnenden Verstand die mineralischen. Ihre Methode ist die mechanische, unsere Methode die vitale. Unser Material ist das Reich des Organischen, Ihr Material ist das Reich der Toten. Ihre Motoren sind elektrische, unsere Motoren sind geistige Ströme. In einem keimenden Blümchen schlummern gewaltigere und vielfältigere Kräfte als in einem Dampfkessel. Aber sie gehorchen nicht der Magie der Zahl wie die leblosen Dinge, sondern der Magie des beseelten Worts.«

»Sie verzeihen, wenn ich Ihnen nicht ganz folgen kann«, sagte ich etwas gereizt, denn das schwüle Gerede begann mir auf die Nerven zu gehen. »Haben Sie lieber die Güte, mir zu sagen, wie man nach da unten kommt. Ich habe noch nicht gefrühstückt und möchte gern nachsehen, ob man in London noch immer kein Bier bekommt. Aber Sie wissen natürlich nicht, was das ist?«

»Wie sollten wir nicht wissen, was Bier ist!« sagte der Ägypter lächelnd. »Wir haben es doch erfunden! Aber was meinen Sie mit: da unten?«

»Nun, natürlich das unterirdische London!«

Der Ägypter schüttelte den Kopf. »Es gibt kein London mehr. Es ist verschwunden.«

»Aber wieso denn?« fragte ich entsetzt.

»Nun, wie es immer geht... Kriege... Revolutionen... es ist immer dasselbe. Euch Abendländer erschreckt das noch, weil Ihr zu jung seid. Eure Geschichte hat kein Alter, und Euer Alter hat keine Geschichte. Aber wie sollte es denn anders sein? Jeder Krieg gebiert eine Revolution, und jede Revolution einen Krieg. Aber wenn es Sie interessiert? Es begann mit dem Streit um die Polkappen... «

»Nein!« wehrte ich hastig ab. »Es interessiert mich gar nicht! Wenn Sie mir jetzt die Geschichte der nächsten zweihundert Jahre nach rückwärts erzählen, so bleibt mir nichts übrig, als mich aufzuhängen. Wenn ich den Roman vorblättere, wie dies gewisse törichte und ungezogene Leser tun, so hat er jeden Reiz für mich verloren. Die beiden großen Mächte, die uns zwingen, unser Dasein auch unter widrigen Umständen fortzusetzen, sind die Hoffnung und die Neugierde. Sie sind die starken Fittiche, die unser Leben tragen und emportragen. Unsere Unwissenheit ist der Motor, der uns zu unseren kühnsten Abenteuern antreibt, die Wurzel unserer Tatkraft. Ein Mensch, der alle Verknotungen und Verschränkungen des Schicksals in ihrem Zusammenhange zu erblicken vermöchte, brächte nicht mehr den Mut zu einer Tat auf. Wer weiß, kann nicht mehr handeln.«

»Das ist sehr weise gesprochen«, sagte der Ägypter, »aber muß man denn handeln?«

»Ich habe«, fuhr ich fort, ohne seinen Einwand zu beachten, »obgleich ich nicht im Besitz Ihrer geheimnisvollen Intuition bin, bloß mit Hilfe meiner schlicht errechneten Maschine, einen weiteren Blick in die Geschichte getan, als er Ihnen jemals vergönnt sein wird. Und ich bedaure es tief. Denn dieser Blick war schaudererregend.« Und ich erzählte ihnen, was ich auf meiner Reise in das Jahr achthundertzweitausend gesehen hatte, deren Protokoll Mr. Wells veröffentlicht hat: eine Menschheit, die sich in zwei Spezies gespalten hatte: die einen, die Eloi, durch fortgesetzten Müßiggang zur höchsten physischen Verfeinerung und Verschönerung, aber zugleich auf ein Niveau völliger Infantilität gelangt, die anderen, die Morlocks, durch ununterbrochene manuelle Tätigkeit zu affenartigen Unterweltsgeschöpfen, stupiden Arbeitsmechanismen geworden.

Der ältere Ägypter schüttelte ungläubig den Kopf. »Daran glaube ich nicht. Leben ist Geist, und das Gesetz des Geistes ist Steigen. Rückschläge kommen immer wieder vor, aber sie bedeuten nur Scheintod, ein Einatmen und Kräftesammeln wie im Winter. Sehen Sie doch unser Ägypten an! Schon vor zwölf Jahrtausenden gab es an der Wurzel des Deltas, die damals viel näher am Meer lag, eine Riesensiedlung, die Stadt des Seth, von der aus Göttersöhne über ganz Ägypten geboten. Sie wurde zerstört, und viele, viele Metropolen wurden ihre mächtigen Nachfolgerinnen. Und dazwischen immer wieder jahrhundertelang Ruinen! Aber was Sie da erzählen, wäre etwas Definitives. Das kann ich nicht glauben.«

»Dann bleibt Ihnen nur die Wahl, mich für einen Narren oder einen Lügner zu halten!« rief ich unwillig.

Der Ägypter verneigte sich respektvoll, die Hand auf der Stirn. »Ich bezweifle natürlich nicht die Wirklichkeit der Eindrücke des Hochseligen«, sagte er sanft. »Aber die Eindrücke der Menschen –«

»Darf ich«, mischte sich der Jüngere ins Gespräch, »die Vermessenheit haben, an den Liebling der Sonne eine Frage zu richten? Wissen Sie bestimmt, daß das, was Sie sahen, sich hier ereignet hat?«

»Ja, wo denn sonst? Meine Maschine fährt doch nur in die eine Dimension der Zeit! Ich hatte mich doch die ganzen achthunderttausend Jahre lang nicht vom Fleck bewegt!«

»Darf ich fragen, welche Geschwindigkeit der Erlauchte während dieser Zeit eingeschaltet hatte?«

»Selbstverständlich die stärkste! Sonst hätte ich doch diesen riesigen Zeitweg gar nicht bewältigen können. Die höchste Zeitenergie, die meine Maschine zu entwickeln vermag, ist der Zeitmeter, die Dreihundertmillionenmetersekunde, das heißt: rund zehn Jahre in der Sekunde, also brauchte ich auch mit der Maximalgeschwindigkeit immer noch über zweiundzwanzig Stunden.«

Die beiden Ägypter sahen sich an und lächelten. Der Jüngere sagte: »Dann war, was der Hochselige beobachtet hat, nicht auf dieser Erde. Die höchste Geschwindigkeit ist die des Lichts. Daher muß, beim Passieren so großer Entfernungen, die Bewegung der Zeit ganz ebenso wie die des Lichtstrahls eine Krümmung erleiden. Ihre Fahrt führte Sie auf eine andere Erde, eine Erde anderer Zeit. Was Sie sahen, war kein Ende, sondern ein Anfang, die Entstehung zweier neuer großartiger Formen des Lebens aus primitivsten Kindheitsstadien: die eine dazu erkoren, die Schönheit, den Adel, die Güte zu verkörpern, die andere dazu bestimmt, der Pflicht, der Arbeit, dem Fortschritt zu dienen, und am Ende der Entwicklung die eine ganz Seele, die andere ganz Geist! Um das Schicksal unserer Erde zu erforschen, hätten Sie geradlinig fahren müssen. Und bei der Kürze des menschlichen Lebens, zumal da ja Hin- und Rückfahrt in Betracht kommt, wären Sie nicht allzuweit gekommen. Die Möglichkeiten Ihrer Maschine sind also, zumindest für die Zukunft, ziemlich begrenzt. Wahrscheinlich auch für die Vergangenheit, obgleich die Bewegungsgesetze für negative Zeiten vermutlich andere sind.«

Ich bekam einen roten Kopf.

»Jetzt reißt mir aber die Geduld!« rief ich aufgebracht. »Erst erklären Sie meine Maschine für nicht existenzberechtigt, für etwas, das nicht in die Weltgeschichte hineingehört, und jetzt wollen Sie mir gar beweisen, daß sie überhaupt nichts taugt! Immerhin bin ich an unseren Rendezvousort etwas rascher gelangt als Sie! Denn Sie brauchten zu Ihrer Wanderung zweieinhalb Jahre, also mehr als neunhundert Erdumdrehungen, und ich vielleicht eine Hundertstelumdrehung! habe die Ehre, mich zu empfehlen.«

»Wir sind untröstlich, das Mißfallen des Götterfreundes erregt zu haben«, sagten fast gleichzeitig die beiden Ägypter.

Aber ich war nicht zu besänftigen. Mit einem Satz bemächtigte ich mich meiner Maschine, berührte den Rückhebel und fuhr davon. Immerhin hatten die superklugen Einwände der Ägypter sich schon so in meinem Unterbewußtsein verankert, daß ich unwillkürlich mit einer sehr mäßigen Geschwindigkeit ankurbelte. Die Ägypter wurden verschwommen, und als letztes Bild aus dem Jahre 2123 konnte ich noch wie durch einen Nebel erkennen, wie ihre beiden hageren Gestalten den Platz, auf dem ich mit meiner Zeitmaschine gestanden hatte, ehrfurchtsvoll umwandelten.

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