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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Erstes Kapitel

Zeitreisender startet

Es war am vierten Mai 1905, als der Zeitreisende seine Fahrt in die Vergangenheit antrat. Ich war über seine Pläne genauer unterrichtet als Mr. Wells, da ich noch am Abend vorher mit ihm eine längere Unterredung gehabt hatte. Er beabsichtigte durchaus nicht, zu den Sauriern zu reisen, obgleich ich etwas dergleichen gern gesehen hätte. Ich bin nämlich in meiner freien Zeit leidenschaftlicher Paläontologe, und da wäre es für mich von höchstem Interesse gewesen, zu erfahren, ob die von mir lebhaft bestrittene Hypothese Mr. Huxleys, das Ursprüngliche seien die wasserbewohnenden Tiere gewesen, sich auf diesem Wege experimentell widerlegen lasse. Ich vertrete nämlich die Ansicht, daß von allem Anfang an sowohl Landfauna wie Meeresfauna bestanden hat und... daß Landleben und Wasserleben zwei große Urtatsachen sind. Es muß also zum Beispiel in der Juraperiode von vornherein sowohl Krebstiere wie Spinnentiere gegeben haben.

Aber der Zeitreisende war durch die Abenteuer seiner Fahrt in die Zukunft mißtrauisch und nüchtern geworden. Er verwies auf die großen Gefahren einer solchen Unternehmung. Zunächst sei es völlig unsicher, ob er nicht in eine Eisperiode gelangen und sogleich bei seiner Ankunft jämmerlich erfrieren würde, denn die einzelnen Abschnitte des Jura ließen sich bei dem heutigen Stande der Wissenschaft nur mit einer Genauigkeit von zwei- bis dreimalhunderttausend Jahren berechnen. Also sei vielleicht das Turmzimmer seines Laboratoriums, in dem die Zeitmaschine steht, bei seiner Landung ein Eisblock und er mitten drin! (Ich brauche wohl kaum daran zu erinnern, daß sich die Zeitmaschine nur in der Früherspäterdimension bewegt, der Ort, an dem sie sich befindet, aber stets der gleiche bleibt.) Ja, wer verbürge ihm, ob er überhaupt auf Festland träfe? Wisse man denn auch nur annähernd, wie die Gegend von Richmond in der Jurazeit ausgesehen habe? Vielleicht war sie ein Golfstrom, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Vielleicht aber auch das Kerngebiet eines aktiven Kraters. Und ob Ertrinken oder Verkohlen dem Erfrieren vorzuziehen sei: das sei eine offene Frage. Und schließlich und vor allem interessiere ihn dieses ganze Spinnenzeug inklusive meiner Theorie überhaupt nicht. Da ich sah, daß er nicht umzustimmen sei, versuchte ich sein Interesse wenigstens auf den ersten Menschen zu lenken. Dies sei doch eine Angelegenheit von höchstens ein- bis zweihunderttausend Jahren. Er brauche bloß mit seiner Maschine in Intervallen von, sagen wir, fünftausend Jahren, das Terrain abzusuchen, bis er auf menschliche Spuren träfe. Und das sei doch gewiß eine Frage, die für jedermann von höchstem Interesse sei.

»Für jedermann«, ereiferte sich der Zeitreisende, »aber nicht für mich! Glauben Sie, ich habe Lust, mich mit der Rückständigkeit und Rechthaberei der Gelehrten herumzuschlagen? Würde das, was ich ihnen zu berichten hätte, in ihr derzeitiges System passen, so würden sie mit überlegenem Lächeln erklären, das hätten sie ja schon immer gewußt; wenn es nicht hineinpaßt, werden sie es mit demselben Dünkel als ›Dilettantismus‹ ablehnen. Ich aber halte ihre ganze Entwicklungstheorie für Dilettantismus. Natura non facit saltus!«

Er hatte überhaupt einen Widerwillen gegen alle ungarantierten Zeiten gefaßt, wie er sie nannte. Schon das Altertum lehnte er ab. »Man würde«, führte er aus, »meinen Apparat für eine römische Kriegsmaschine halten und mit einem Pfeilregen empfangen. Und überhaupt gibt es nichts Uninteressanteres als das antike Britannien. Bessere Indianer, weiter nichts! Es war eine unbegreifliche Marotte Julius Cäsars, dieses Land zu erobern, eine fast ebenso rätselhafte wie sein Mangel an Aberglauben, der ihn das Leben gekostet hat. Aber auch das englische Mittelalter kann mir gestohlen werden: lauter Raubrittereien! Und fast noch ärger sah es bei uns zur Zeit der Reformation aus: nichts als stupide und ordinäre Glaubenskämpfe! War man ein frommer Katholik, der dem Papst anhing, so wurde man als Hochverräter enthauptet; war man ein ehrlicher Protestant, der nichts von Zeremonienwesen wissen wollte, so wurde man als Kirchenschänder gehängt; war man ein strenger Calvinist, der die Brotverwandlung leugnete, so wurde man als Ketzer verbrannt. Aber auch die berühmte ›Aufklärung‹ ist mir nicht aufgeklärt genug. Erinnern Sie sich doch nur, was Papin mit seinem Dampfboot passierte! Und wenn man mir meine Zeitmaschine ebenfalls in Stücke schlüge, welcher entsetzliche Gedanke, daß ich den ganzen Rest meines Lebens in einer schweren unsauberen Haarmütze und einem verschwitzten, drahtgesteiften Samtpanzer verbringen müßte, ohne Gabel, ohne Nachthemd, ohne Straßenbeleuchtung, als Bodenbelag eine Mischung aus Kienruß und Bier, und daß ich, der ich gewohnt bin, mit der Zeitmaschine zu reisen, fortan gezwungen wäre, in einer Schneckenkutsche zu fahren, die alle zehn Minuten im Morast steckenbleibt, oder in der dunklen luftlosen Luke eines Segelschiffs, in steter Gefahr, zu stranden, von Piraten überfallen zu werden oder zumindest infolge ausschließlichen Genusses von Pökelfleisch und Dörrgemüse den Skorbut zu bekommen!«

»Ja, zum Donnerwetter«, rief ich ungeduldig, »warum wollen Sie denn dann überhaupt Ihren Apparat in Bewegung setzen, wenn Ihnen keine Zeit paßt?«

»Weil ich ins Jahr 1840 kommen will.«

»Was damals los war, können Sie doch in jeder alten Nummer der ›Times‹ nachlesen. Übrigens war meines Wissens damals gar nichts los.«

»Doch. In jenem Jahr hat Carlyle seine sechs Vorlesungen über ›Helden, Heldenverehrung und das Heroische in der Geschichte‹ gehalten. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, den warmen und harten Prophetenklang dieser Stimme zu hören, diesen breiten schottischen Dialekt, der wie ein Gesang ist, diesen eigentümlich holprigen und feurigen Redefluß, der dahinbraust wie ein Wildbach über Geklüft und Gestrüpp! Da es damals noch kein Grammophon gab, muß ich zur Zeitmaschine greifen.«

Ich war wie aus allen Himmeln gerissen. Dazu also hatte der Zeitreisende mit dem höchsten Aufwand an Ingenium, Scharfsinn und Geschicklichkeit seine Wundermaschine erbaut, um die überheizten Tiraden dieses barocken Landpredigers zu vernehmen! Aber sogleich mußte ich über meine eigene Besorgnis lächeln. Ich wußte: der Zeitreisende war ein viel zu kühner und wissenshungriger Forscher, als daß er dabei stehenbleiben würde. Es konnte gar nicht anders kommen, als daß er von da zu den überraschendsten und fruchtbarsten Entdeckungen fortschreiten würde. Hierin sollte ich mich freilich gründlich getäuscht haben. Das heißt, nicht in ihm: an Mut und Erkenntnisdrang fehlte es ihm tatsächlich nicht, sondern in seinen Entdeckungen, die wohl überraschend waren, aber nicht ebenso fruchtbar.

Es war schon spät geworden: »Wann reisen Sie?« fragte ich.

»Morgen punkt zehn Uhr vormittags.«

»Dann erwarte ich Sie etwas nach zehn in Ihrem Laboratorium, um zu erfahren, ob Mr. Carlyle wirklich so penetrant schottisch gesprochen hat. Und vielleicht machen Sie auch ein paar nette Aufnahmen. Aber ich glaube: damals gab es ja ohnehin schon Daguerreotype?« Ich wandte mich zur Tür.

»Nein, tun Sie das lieber nicht«, rief mich der Zeitreisende noch einmal zurück. »Erwarten Sie mich nicht zu der Zeit, von der ich ausgegangen bin.«

»Ja, wann denn sonst?« fragte ich erstaunt.

»Ja, sehen Sie«, erwiderte er etwas verlegen, »es ist vielleicht eine Schrulle von mir, aber ich möchte nicht gern als vorzeitig Gealterter herumgehen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, es könnte doch sein, daß es mir in dem gemütlichen London der Vierzigerjahre so gut gefällt, daß ich ein halbes Jahr dort bleibe oder gar noch länger: drei, vier, fünf Jahre. Jetzt denken Sie: ich komme an denselben Zeitort zurück, und alle meine Altersgenossen, aber auch meine übrigen Bekannten sind sich völlig gleichgeblieben, bloß ich bin älter geworden. Ich habe ein paar graue Haare bekommen, ein paar neue Falten, und vor allem bin ich seelisch älter geworden. Dadurch würde plötzlich ein ganz schiefes, ganz irrationales Verhältnis zu meinen Mitmenschen entstehen. Zu einem Jugendfreund müßte ich plötzlich ›junger Freund‹ sagen, und dieser würde von sich denken: ›ich habe mich doch viel besser konserviert‹. Jemand, der um fünf Jahre jünger war als ich, wäre nun auf einmal um das Doppelte jünger. Kurz, ich käme mir vor wie einer, der in der Klasse sitzengeblieben ist. Aber auch bei viel kürzeren Zwischenräumen, schon bei zehn oder zwanzig Tagen, würde seelisch etwas nicht stimmen. Die Zeit ist eben ein sehr subtiler Gegenstand, der mit feinen Fingerspitzen, ich möchte sagen: mit Takt angefaßt werden will. Nicht umsonst ist Takt auch eine Bezeichnung für Zeitmaß. Ich werde also genau so lange ausbleiben – als ich ausgeblieben bin.«

»Und woran werde ich merken, daß Sie wieder da sind?«

»Ich verständige Sie sofort. Auf dem Wege, den wir gewohnt sind. Und den nur wir gewohnt sind. Ist's recht so?«

»Danke. Guten Start!«

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