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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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9

Als sie am nächsten Morgen aus der Kirche Santa Maria Novella kamen und über den großen Platz gingen, auf dem, nach dem Vorbild des antiken Zirkus, zwei Marmorobelisken stehen, sagte Madame Marmet plötzlich: »Ich glaube, da ist Monsieur Choulette.«

Er saß in einem Schusterladen, mit seiner Pfeife in der Hand, machte rhythmische Gebärden und schien Verse zu rezitieren. Der florentinische Schuhflicker hörte ihm gutmütig lächelnd zu und arbeitete dabei ruhig weiter mit Ahle und Pfriem. Es war ein kleiner kahlköpfiger Mann, wie man sie in der flämischen Malerei so oft dargestellt sieht. Auf dem Tisch, mitten unter Leisten, Nägeln, Lederstücken und Pechkugeln, zeigte ein Basilikumstock sein grünes Blätterhaupt. Ein zahmer Sperling, dem ein Bein fehlte – es war durch ein Endchen Streichholz ersetzt –, hüpfte dem Alten munter bald auf die Schulter, bald auf den Kopf.

Madame Martin amüsierte sich sehr über diesen Anblick. Von der Schwelle aus rief sie Choulette, der leise und in singendem Ton deklamierte, und fragte ihn, warum er nicht mit ihr in die Spanische Kapelle gegangen sei.

Er stand auf und antwortete: »Madame, Sie jagen eitlen Bildern nach, aber ich suche das Leben und die Wahrheit.«

Dann drückte er dem alten Schuster die Hand und schloß sich den Damen an.

»Ich wollte gerade in die Kirche gehen«, sagte er, »da bemerkte ich diesen alten Greis, wie er über seine Arbeit gebeugt dasaß. Er hatte den Leisten zwischen den Knien wie in einem Schraubstock und nähte ein Paar grobe Schuhe. Ich fühlte, daß er ein einfacher und guter Mensch ist, und fragte ihn auf italienisch: ›Vater, wollen Sie ein Glas Chianti mit mir trinken?‹ Er war einverstanden und ging, um eine Flasche und Gläser zu holen, während ich seine Wohnung solange bewachte.«

Und Choulette deutete zum Ofen hin, auf dem zwei Gläser und eine Flasche standen. »Als er zurückkam, tranken wir zusammen. Dann habe ich ihm dunkle, schöne Verse vorgesagt und ihn durch die wohllautenden Töne ganz bezaubert. Ich werde noch oft in seinen Laden zurückkehren. Er soll mich lehren, Schuhe zu machen und wunschlos zu leben. Dann werde ich nichts mehr vom Leid wissen, denn das, was uns unglücklich macht, sind nur unsere Begierden und der Müßiggang.«

Die Gräfin Martin lächelte: »Monsieur Choulette, ich begehre wirklich nichts, und doch bin ich nicht froh. Soll ich etwa auch Schuhe machen?«

In tiefem Ernst antwortete Choulette: »Die Zeit ist noch nicht gekommen.«

Als sie den Garten der Oricellari erreicht hatten, sank Madame Marmet auf eine Bank nieder. Sie hatte in Santa Maria Novella die stillen Fresken Ghirlandajos, das Chorgestühl, Cimabues Madonna und die Malereien in den Kreuzgängen angesehen. Ihrem Mann zum Gedenken hatte sie es mit aller Sorgfalt getan, denn man sagte von ihm, daß er die italienische Kunst sehr geliebt habe. Sie war müde geworden. Choulette setzte sich neben sie und sagte: »Madame Marmet, können Sie mir sagen, ob es wahr ist, daß der Papst seine Gewänder bei Worth machen läßt?«

Madame Marmet glaubte es nicht, aber Choulette hatte es in den Cafés sagen hören. Madame Martin war überrascht, daß Choulette als Katholik und Sozialist so respektlos über den Papst sprach, der doch ein Freund der Republik war. Aber er konnte Leo XIII. nicht leiden.

Die Weisheit der Fürsten ist kurzsichtig«, sagte er, »das Heil der Kirche wird von der italienischen Republik ausgehen, so wie Leo der Dreizehnte es glaubt und will. Aber dieser fromme Machiavelli schlägt nicht den richtigen Weg ein, um die Kirche zu retten. Durch die Revolution wird der Papst auch seinen unbilligen Peterspfennig verlieren und den Rest seines Patrimoniums. Und das wird das Heil sein. Erst der verarmte und seines Glanzes beraubte Papst wird wahrhaft mächtig sein. Er wird die Welt bewegen. Man wird die Petrus und Linus, Cletus, Anacletus und Clemens auferstehen sehen, die demütigen und ungelehrten ersten Heiligen, die das Antlitz der Welt verwandelten. Wenn das Unmögliche geschähe, wenn morgen auf dem Stuhle Petri wieder ein echter Bischof und echter Christ säße, so würde ich zu ihm gehen und sagen: ›Sei nicht mehr ein in seiner Goldgruft eingesargter Greis, laß deine Kämmerer, deine Nobelgarde und deine Kardinäle fahren, gib deinen Hofstaat und die Götzenbilder deiner Macht auf. Gehe an meinem Arm und erbettle dir bei den Heiden dein Brot. In Lumpen, arm, siech und sterbend, gehe über die Landstraßen und laß Jesu Ebenbild in dir sehen. Sage: ›Ich gehe betteln um mein Brot, weil ich die Reichen verdamme.‹ Gehe in die Städte und rufe mit erhabener Einfalt von Tür zu Tür: ›Seid demütig, seid sanftmütig, seid arm!‹ Verkündige in den finsteren Städten, in Spelunken und Kasernen, Frieden und Barmherzigkeit. Man wird dich mißachten, mit Steinen nach dir werfen; die Gendarmen werden dich ins Gefängnis schleppen. Du wirst für die Niedrigen wie für die Hohen, für die Armen wie für die Reichen Gegenstand des Spottes, des Ekels und einer mitleidigen Verachtung sein. Deine Priester werden dich absetzen und gegen dich den Antipapst auf den Thron erheben. Alle werden sagen, daß du ein Narr bist. Und sie sollen recht haben: Du mußt ein Narr sein; denn die Narren haben die Welt gerettet. Die Menschen werden dir die Dornenkrone reichen und das Zepter von Rohr, sie werden dir ins Antlitz speien. Aber in diesem Zeichen wirst du als Christus und wahrer König erscheinen. Mit solchen Mitteln wirst du den Sozialismus Christi errichten, der das Reich Gottes sein wird auf Erden.‹«

Nachdem er also gesprochen hatte, zündete sich Choulette eine lange, krumme, italienische Zigarre an, durch die ein Strohhalm gezogen war, tat ein paar Züge üblen Rauches und fuhr dann ruhig fort:

»Das wäre der richtige Weg. Man mag mir alles absprechen, aber nicht das klare Erfassen von Situationen. Ja, Madame Mannet, Sie wissen nicht, wie wahr es ist, daß die großen Taten auf dieser Erde stets von Narren vollbracht worden sind. Oder glauben Sie, Madame Martin, daß der heilige Franziskus, wenn er vernünftig gewesen wäre, die lebendigen Wasser des Erbarmens und die Düfte der Liebe über die Erde hingeströmt hätte zur Erfrischung der Völker?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Madame Martin, »aber vernünftige Leute sind mir immer höchst langweilig gewesen. Ihnen darf ich das ja sagen.«

Sie kehrten mit der Dampftrambahn, die sich schnaubend den Hügel hinaufwindet, nach Fiesole zurück. Es hatte angefangen zu regnen. Madame Marmet schlief unterwegs ein, und Choulette fing an, über sein Schicksal zu jammern. Alle seine Leiden fielen auf einmal wieder über ihn her: Die feuchte Luft war schuld, daß er Schmerzen im Knie hatte und das Bein nicht beugen konnte; sein Reisesack war ihm gestern auf dem Weg vom Bahnhof nach Fiesole abhanden gekommen und war nicht wiederzufinden, ein nicht wiedergutzumachendes Unglück; und zum Überfluß hatte eine Pariser Revue eines seiner Gedichte mit Druckfehlern veröffentlicht, mit Druckfehlern so groß wie Weihwasserkessel, wie die Muschel der Aphrodite. Er beschuldigte Menschen und Dinge, sich feindselig und unheilbringend gegen ihn verschworen zu haben, und dabei wurde er albern, kindisch und unerträglich.

Madame Martin wurde durch sein Benehmen und durch den Regen niedergedrückt. Es kam ihr vor, als ob die Fahrt kein Ende nehmen wollte.

Als sie in das Haus mit den Glocken und in den Salon trat, fand sie Miß Bell damit beschäftigt, in Aldinischer Kursivschrift Verse, die ihr in der Nacht eingefallen waren, mit goldener Tinte auf ein Blatt Pergament zu schreiben. Beim Eintritt ihrer Freundin hob sie den Kopf. Aus dem unschönen Gesicht leuchteten ihre wundervollen Augen hell hervor.

»Darf ich Ihnen den Fürsten Albertinelli vorstellen, Darling?«

Der Fürst, mit seinem dichten schwarzen Bart schön wie ein junger Gott, stand an den Ofen gelehnt und verbeugte sich: »Madame, wenn wir Italiener Frankreich nicht schon längst ins Herz geschlossen hätten, müßten wir bei Ihrem Anblick anfangen, es zu lieben.«

Die Gräfin und Choulette baten Miß Bell, ihnen die Verse vorzulesen, die sie eben geschrieben hatte. Sie entschuldigte sich, daß sie als Ausländerin die unbeholfenen Strophen dem französischen Dichter, den sie nach François Villon am meisten liebte, zu hören geben wollte. Dann rezitierte sie mit ihrer feinen hellen Vogelstimme:

»Am Felsenfuße, wo die Quelle springt,
gleich der Najade, welche lacht und singt,
und feuchten Armes hin zum Arno rauscht,
hat einst ein schönes Kinderpaar den Ring getauscht.
Und Liebesglück durchströmte ihren Sinn,
ganz wie des Gießbachs Wasser an den Hängen hin.
Und sie hieß Gemma. Aber seinen Namen, wißt,
hat niemals uns verzeichnet ein Chronist.

Des Tages lagen schuldlos Mund auf Mund
die jungen Leiber in dem Thymiangrund,
der Ziegen Weide. Doch zur Abendzeit,
wenn der Werkmann müd der Muße weiht
im Lindenschatten, ging es stadtwärts für die Nacht.
Doch niemand in der Menge hatte ihrer acht.
Des Glückes Überfülle ließ sie häufig weinen.
Das Leben wollte ihnen trostlos scheinen.

Sie waren Baum und Strauch auf ihrer Wiesen,
die Rebenwinde und das Grün, und schmerzzerrissen
bog ihr Gezweig sich seufzend himmelwärts.
Daneben stand mit rotem Blütenherz
ein Kraut und schoß empor viel bleiche Blütenspeere.
Die Schäfer nannten es die Schweigebeere.

Und Gemma wußte, daß der ewige Schlummer
und Gottes Schlaf und Träumen ohne Kummer
dem käme, der von ihrer Blüte schmeckte.

Es kam ein Tag, der unterm Busch sie lachend weckte.
Da schob ein Blättchen sie dem Liebsten in den Mund.
Und als er froh auf ewig schlief, zur Stund
nahm selber sie die liebe Blätterspeise
und sank entseelt zu seinen Füßen leise.

Die Tauben flogen abends klagend zu.
Sonst störte niemand ihre Liebesruh.«

»Reizend«, sagte Choulette. »Italien unter den sanften Nebelschleiern Thules.«

»Wirklich reizend«, wiederholte die Gräfin, »aber warum wollten Ihre beiden schönen Kinder denn sterben, liebe Vivian?«

»Weil sie sich so glücklich wie irgend möglich fühlten, Darling, und weil sie sich nichts mehr wünschen konnten. Das war zum Verzweifeln, Darling, zum Verzweifeln. Wie kommt es nur, daß Sie das nicht verstehen?«

»Sie glauben also, wenn wir leben, so heißt das, daß wir noch hoffen?«

»Ja, Darling, wir leben in Erwartung des Morgen, des Königs der Feen, und dessen, was er in seinem schwarzen oder blauen, mit Blumen, Sternen und Tränen besäten Zaubermantel bringen wird. O bright king To-Morrow!«

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