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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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8

Miß Bell hatte ihre Gäste in dem kleinen, englischen Wagen, den sie selbst kutschierte, vom Bahnhof in Florenz abgeholt und sie den Hügel hinauf nach Fiesole zu ihrer Villa gebracht, die rosenfarben und von einer Balustrade gekrönt auf die unvergleichlich schöne Stadt hinabschaute. Die Kammerjungfer folgte mit dem Gepäck. Auch für Choulette hatte sie Quartier besorgt. Er sollte bei einer Küsterwitwe im Schatten der Kathedrale von Fiesole wohnen. Man erwartete ihn erst zum Diner.

Die Dichterin war häßlich, aber ihr kurzgeschorener Kopf hatte etwas Anziehendes, und die zarte Gestalt mit den schmalen Hüften war nicht ungraziös. Sie trug eine Art Jackett und ein Herrenhemd über der knabenhaften Brust.

Als sie in Fiesole angekommen waren, hieß sie ihre französischen Freundinnen in ihrem Hause willkommen, das die empfindsame Glut ihres Geschmacks widerspiegelte. An den Wänden des Salons thronten friedlich inmitten von Engeln, Erzvätern und Heiligen, umrahmt von dem schönen goldenen Zierwerk der Triptychen, blasse, schmalfingrige sienesische Madonnen. Auf einem Sockel stand, erschreckend häßlich vor Magerkeit und Alter, nur mit ihrem Haar bekleidet, eine büßende Magdalena, irgendeine Bettlerin von der Straße nach Pistoia, die Sonne und Schnee ausgedörrt hatten, wie sie ein unbekannter Vorläufer Donatellos mit rührender und fürchterlicher Naturtreue in Ton nachgebildet hatte. Und überall sah man das Wappen von Miß Bell: Glocken und Glöckchen. In den Zimmerecken wölbten die größten von ihnen ihre Bronzehauben, andere reihten sich an den Sockeln der Wände eng aneinander, und die allerkleinsten bildeten einen Fries an den Gesimsen. Auf dem Ofen, auf den Truhen und auf den Koffern standen sie. Die Schränke füllten silberne und vergoldete Glocken, schwere Bronzeglocken mit der Lilie von Florenz, Renaissanceschellen in Form von Damen im Wulstrock, Sterbeglöckchen, verziert mit Tränen und Gebeinen, Filigranschellen mit symbolischen Tierfiguren und Laubwerk, wie sie in den Kirchen zur Zeit des heiligen Ludwig geläutet hatten, Tischglocken aus dem siebzehnten Jahrhundert mit einer Statuette als Handgriff, flache, blank glänzende Kuhglocken aus dem Rütlital, indische Glocken, die man mit einem Hirschhorn leise zum Klingen bringt, chinesische Schellen in Zylinderform. Aus aller Herren Ländern, aus allen Zeiten waren sie hier auf den Zauberruf der kleinen Miß Bell versammelt.

»Sie sehen sich meine sprechenden Wappen an«, sagte sie zu Madame Martin. »Ich glaube, alle diese Misses Bell fühlen sich hier recht wohl, und es sollte mich nicht wundern, wenn sie eines schönen Tages alle miteinander zu läuten anfingen. Aber Sie dürfen sie nicht alle gleichmäßig bewundern. Ihr reinstes und wärmstes Lob müssen Sie für die da aufsparen.« Und sie rührte mit dem Finger an eine dunkle, schmucklose Glocke, die einen feinen Ton gab.

»Die hier ist eine Dorfheilige aus dem fünften Jahrhundert. Sie ist eine geistige Tochter des heiligen Paulinus von Nola, der als erster den Himmel zu unseren Häupten klingen ließ. Sie ist aus einem seltenen Metall, dem sogenannten kampanischen Erz. Bald werde ich Ihnen eine ganz reizende Florentinerin daneben zeigen können, die Königin aller Glocken. Sie ist schon unterwegs. Aber, Darling, ich langweile Sie mit meinem Kram, und auch die gute Madame Marmet. Wie unrecht von mit.«

Dann führte sie die Gäste in ihre Zimmer.

Eine Stunde später erschien Madame Martin frisch und ausgeruht in einem seidenen spitzenbesetzten Negligé auf der Terrasse, wo Miß Bell sie schon erwartete.

Die feuchte Luft, lau in der noch schwachen, aber schon wärmenden Sonne, hauchte die beunruhigende Süße des Frühlings. Thérèse lehnte mit den Armen auf der Balustrade und badete ihre Augen in dem milden Licht.

Zu ihren Füßen streckten die Zypressen ihre schwarzen Spindeln gen Himmel, und die Olivenbäume wogten über die Hänge. Drunten im Tal lag Florenz mit seinen Kuppeln und Türmen und den unzähligen roten Dächern. Und jenseits der Stadt, am andern Ufer des Arno, dessen gewundener Lauf durch das Häusermeer teilweise dem Auge entzogen wurde, blauten die fernen Hügel. Sie suchte mit dem Blick den Giardino Boboli, wo sie bei einer früheren Italienreise spazierengegangen war, die Cascinen, die sie weniger liebte, den Palazzo Pitti, den Dom Santa Maria di Fiore. Dann verlor sie sich in der zauberhaften Unendlichkeit des Himmels, in den fließenden Formen der Wolken.

Nach langem Schweigen streckte Vivian Bell die Hand aus und wies auf den Horizont: »Darling, ich kann Ihnen nicht sagen – nein, ich kann wirklich nicht sagen –, aber schauen Sie sich um, Darling, sehen Sie nur. Was Sie hier sehen, gibt es nur einmal auf der Welt. Nirgends ist die Schöpfung so fein, so durchgeistigt, so voller Anmut wie hier. Der Gott, der die Hügel von Florenz erschaffen hat, war ein Künstler. Oh, er war Juwelier, Münzenschneider, Bildhauer, Bronzegießer, Maler. Kurz, es war ein Florentiner. Es ist das einzige, was er von der Welt selbst gemacht hat. Alles andere ist unvollkommener gearbeitet, von einer gröberen Hand. Was meinen Sie dieser Hügel von San Miniato mit seinem festen, reinen Umriß und der zarten violetten Färbung, sollte der von demselben Meister herrühren wie der Montblanc? Das ist unmöglich. Diese Landschaft hat die Schönheit einer antiken Münze, eines kostbaren Gemäldes; sie ist ein vollkommenes, ein harmonisches Kunstwerk. Und wissen Sie, es ist noch etwas – aber ich weiß nicht, wie ich es in Worte kleiden soll. Ich verstehe es selbst nicht recht, und doch ist es wirklich so. Ich fühle mich hier in dieser Gegend, und Sie werden ebenso fühlen, als ob ich nur halb lebte und halb schon gestorben wäre. Es ist ein sehr erlesenes, sehr trauriges und dabei doch wohltuendes Gefühl. Sehen Sie nur – sehen Sie immer wieder hin, und Sie werden die Melancholie entdecken, die über diesen Hügeln von Florenz liegt. Sie werden fühlen, wie eine köstliche Trauer von diesen geweihten Gefilden der Toten emporsteigt.«

Die Sonne neigte sich schon dem Horizont zu. Die Berggipfel erloschen einer nach dem andern, die Wolken am Himmel standen in Flammen.

Plötzlich fing Madame Marmet an zu niesen.

Miß Bell ließ Tücher holen und sagte, die Abende seien hier immer etwas kühl, und man müsse sich sehr in acht nehmen.

Dann fragte sie plötzlich: »Darling, kennen Sie Monsieur Jacques Dechartre? Er hat mir geschrieben, daß er nächste Woche nach Florenz kommt. Ich freue mich sehr, daß Monsieur Dechartre Sie hier trifft. Er wird uns in die Kirchen und Museen begleiten, und er wird ein guter Führer sein. Er versteht die schönen Dinge, weil er sie liebt. Und er hat außerordentliches Talent für die Bildhauerei. Seine Figuren und seine Medaillons finden in England noch mehr Verehrer als in Paris. Oh, ich freue mich, Darling, daß Monsieur Dechartre Sie hier trifft.«

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