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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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6

Es regnete. Madame Martin-Bellème sah durch die berieselten Fenster ihres Wagens undeutlich die Unmenge von Regenschirmen wie schwarze Schildkröten unter den Wassern des Himmels dahinwandeln. Sie war in Nachdenken versunken. Ihre Gedanken waren grau und verschwommen wie die Straßen und Plätze, die der Regen verwischte.

Sie wußte nicht, wie sie eigentlich auf den Gedanken verfallen war, einen ganzen Monat bei Miß Bell verbringen zu wollen. Genau hatte sie es nie gewußt. Das war wie eine Quelle, die, zuerst unter ein paar Büschelchen Wegerich versteckt, nun zu einem raschen und tiefen Gewässer geworden war. Sie konnte sich noch deutlich entsinnen, daß sie am Dienstag beim Abendessen plötzlich erklärt hatte, verreisen zu wollen. Aber den ersten Faden ihres Wunsches konnte sie nicht mehr wiederfinden. Es war sicher nicht das Verlangen, ihrerseits mit Robert Le Ménil so umzuspringen wie er mit ihr. Sie fand es allerdings ausgezeichnet, in den Cascinen spazierenzufahren, während er auf seiner Fuchsjagd war. Es erschien ihr als angenehme Symmetrie. Robert, der immer sehr froh war, wenn er sie nach einer Reise wiedersah, würde sie eben diesmal nicht wiedersehen. Sie hielt es für durchaus gerecht, ihm diesen Streich zu spielen. Aber ursprünglich war das nicht ihr Grund gewesen, und auch später hatte sie eigentlich nicht daran gedacht. Wirklich, sie reiste nicht, um ihn zum Vergnügen zu ärgern und sich mutwillig zu rächen. Sie dachte nicht so sehr daran, ihn zu verletzen; aber ihr Gefühl gegen ihn war abgestumpft und verhärtet. Vor allem wollte sie ihn nicht so bald wiedersehen. Nicht daß ihre Liaison in die Brüche gegangen wäre, aber er war ihr plötzlich fremd geworden. Er erschien ihr als ein Mann wie alle anderen, besser vielleicht als die meisten; er sah sehr gut aus, hatte tadellose Manieren und einen schätzenswerten Charakter. Er gefiel ihr ja auch recht gut. Aber er beschäftigte sie nicht mehr so stark. Ganz plötzlich war er aus ihrem Leben getreten, und sie dachte nicht mehr gern daran, wie tief er damit verbunden gewesen war. Der Gedanke, daß sie ihm gehörte, beleidigte sie und schien ihr unpassend. Die Aussicht, sich in der kleinen Wohnung in der Rue Spontini wieder mit ihm treffen zu sollen, war ihr so unangenehm, daß sie den Gedanken sofort zurückwies. Sie wollte lieber an irgendein unvorhergesehenes, unbedingt nötiges Ereignis glauben, das ihre Wiedervereinigung verhindern würde: an den Weltuntergang zum Beispiel. Monsieur Lagrange von der Akademie der Wissenschaften hatte ihr am Abend vorher bei Madame de Morlaine von einem Kometen erzählt, der, eines Tages aus den Abgründen des Himmels kommend, der Erde begegnen, sie mit einem Feuerschweif umhüllen, mit seinem Atem versengen, Tieren wie Pflanzen unbekannte Gifte einhauchen und die ganze Menschheit mit dem Lachen des Wahnsinns oder in stumpfer Trauer sterben lassen würde. So etwas oder doch etwas Ähnliches brauchte sie im kommenden Monat. Es war also nicht ganz unerklärlich, daß sie hatte fortreisen wollen. Aber daß in ihren Wunsch zu entfliehen sich eine unbestimmte Freude mischte, daß sie schon im voraus unter dem Zauber des Kommenden stand, dafür wußte sie keinen Grund.

Der Wagen brachte sie bis zur Ecke der kleinen Rue de La Chaise. Dort wohnte seit dem Tode ihres Gatten in einem vielstöckigen Haus unter dem Dach, hinter fünf von der Morgensonne bestrahlten Fenstern, in einer engen, wenn auch höchst sauberen Wohnung Madame Marmet.

Gräfin Martin ging heute zu ihr, weil sie Jour hatte. In dem blitzblanken bescheidenen Salon traf sie Monsieur Lagrange. Er schlummerte in einem Fauteuil, und ihm gegenüber saß die gute alte Dame, still und sanft unter ihrer Krone von weißem Haar.

Der alte weltmännische Gelehrte war ihr treu geblieben. Er war es gewesen, der am Tage nach der Beisetzung Marmets der unglücklichen Witwe die giftgeschwollene Grabrede Schmolls gebracht hatte. Er hatte sie zu trösten vermeint und mußte sie statt dessen vor Zorn und Schmerz fast ersticken sehen. Sie wurde in seinen Armen ohnmächtig. Madame Marmet fand, daß es ihm an Verstand fehle. Er war ihr bester Freund. Häufig aßen sie zusammen in reichen Häusern.

Madame Martin trat ein, zart und fest in ihrer Zobeljacke, die halb offenstand und eine Spitzenflut sehen ließ, und weckte mit dem reizenden Glanz ihrer grauen Augen den alten Herrn, der noch immer für weibliche Anmut sehr empfänglich war. Er hatte ihr tags zuvor bei Madame de Morlaine vom kommenden Weltuntergang gesprochen und fragte sie nun, ob sie nachts im Gedanken an die flammenverzehrte oder frosterstarrte und mondweiße Erde keine Angst gehabt hätte. Während er mit seiner gekünstelten Galanterie zu ihr sprach, betrachtete sie den Mahagonibücherschrank, der die ganze Wand den Fenstern gegenüber einnahm. Es stand kaum noch ein Buch darin, aber im untersten Fach lag ausgestreckt ein Skelett in Waffen. Wie sonderbar, bei der guten alten Dame diesen etruskischen Kriegsmann zu finden mit einem grünen Bronzehelm auf dem Schädel und den zerfressenen Platten seines Panzers auf der eingesunkenen Brust. Da schlief er nun, grimmig und halbzerfallen, mitten unter Bonbonschachteln, vergoldeten Porzellanvasen, Stuckmadonnen und kleinen Holzschnitzereien, Andenken aus Luzern und vom Rigi. Madame Marmet hatte in der Bedrängnis ihres Witwentums die Handbibliothek ihres Mannes verkaufen müssen. Von seiner großen Sammlung von Altertümern hatte sie nur den Etrusker zurückbehalten. Wohl hatte man ihr geraten, ihn zu verkaufen. Die alten Kollegen Marmets hatten eine Möglichkeit gefunden, ihn unterzubringen; Paul Vence hatte bei der Museumsverwaltung seinen Ankauf für den Louvre bereits durchgesetzt. Aber die gute alte Witwe hatte sich nicht von ihm trennen können. Ihr war es, als verlöre sie mit dem Krieger im grünen Bronzehelm und dem Goldblätterkranz auch den Namen, den sie mit so viel Würde trug, und wäre dann nicht mehr die Witwe Louis Marmets von der Académie des Inscriptions.

»Seien Sie ganz ruhig, gnädige Frau; so bald wird kein Komet mit unserer Erde zusammenstoßen. Solche Begegnungen sind höchst unwahrscheinlich.«

Madame Martin entgegnete, daß sie nichts Ernstliches dagegen einzuwenden hätte, wenn Erde und Menschheit plötzlich vernichtet würden.

Der alte Lagrange wandte sich in tiefster Aufrichtigkeit heftig dagegen. Es war ihm sehr viel daran gelegen, daß der Weltuntergang sich verzögere.

Sie sah ihn an. Sein Schädel trug nur ein paar schwarzgefärbte Haare. Seine Lider hingen wie Lappen schwer über die noch immer lächelnden Augen. Die Haut hing schlaff über das gelbe Gesicht, und unter dem Anzug ahnte man einen vertrockneten Körper.

›Er hängt am Leben‹, dachte sie.

Auch Madame Marmet wollte das Weltende nicht so nahe haben.

»Monsieur Lagrange«, sagte Madame Martin, »Sie wohnen doch in dem hübschen kleinen Häuschen, das glyzinienumrankt auf den Zoologischen Garten hinaussieht. Es muß eine Lust sein, in diesem Garten zu leben, der mich an die Arche Noah meiner Kinderjahre und an das Paradies der Bibel erinnert.«

Aber er war gar nicht begeistert. Das Haus sei klein, schlecht eingerichtet und voller Ratten.

Sie gab zu, daß man sich nirgends recht wohl fühlte und daß es überall wirkliche oder symbolische Ratten, tausend kleine Wesen gäbe, die uns quälen. Aber trotzdem liebe sie den Zoologischen Garten; sie wolle immer hingehen und käme doch nie dazu. Dort wäre ja auch das Museum, das sie noch nie gesehen hätte und auf das sie so neugierig wäre.

Glücklich lächelnd bot er ihr an, sie zu führen. Es wäre sein Haus. Er würde ihr die Meteoriten zeigen. Man hätte dort prachtvolle Stücke.

Sie hatte keine Ahnung, was Meteoriten sind. Sie erinnerte sich nur daran, daß man ihr erzählt hatte, es gäbe in dem Museum Renntierknochen, die von den Urmenschen bearbeitet worden wären, elfenbeinerne Plättchen, auf denen Bilder von Tieren eingeritzt wären, deren Rasse seit Ewigkeiten ausgestorben sei. Sie fragte ihn, ob das wahr sei. Lagrange lächelte nicht mehr. Mit mürrischer Gleichgültigkeit antwortete er, daß diese Dinge einen seiner Kollegen angingen.

»Ach so«, sagte Madame Martin, »das ist nicht Ihr Schrank.« Sie wurde inne, daß Gelehrte durchaus nicht neugierig sind und daß es indiskret ist, sie nach Dingen zu fragen, die nicht in ihrem Schrank stehen. Lagrange hatte seine wissenschaftliche Karriere aus vom Himmel gefallenen Steinen aufgebaut. So war er dazu gekommen, die Kometen zu studieren. Aber er war ein Weiser geworden. Seit zwanzig Jahren tat er kaum mehr, als an Diners in der Stadt teilzunehmen.

Als er gegangen war, sagte Gräfin Martin, warum sie zu Madame Marmet gekommen war. »Ich reise nächste Woche nach Fiesole zu Miß Bell und möchte, daß sie mit mir kommen.«

Die gute Madame Marmet sah mit Augen, die unter glatter Stirn hervorspähten, einen Augenblick stumm vor sich hin, weigerte sich sanft, ließ sich bitten und willigte ein.

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