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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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5

Abends beim Diner war sie mit ihrem Mann allein. Auf der Tafel standen heute weder der Blumenkorb mit den goldenen Adlern noch die geflügelten Siegesgöttinnen; die Wandleuchter warfen kein Licht auf Oudrys Hunde über den Türen. Während er von den Ereignissen des Tages sprach, versank sie in düstere Träumereien. Es kam ihr vor, als ob sie ganz allein und fern von der Welt durch einen dichten Nebel ginge. Sie litt, aber es lag ein friedliches, beinah süßes Gefühl darin. Und durch den Nebelschleier sah sie, wie das kleine Zimmer in der Rue Spontini von schwarzen Engeln auf den Himalajagipfel getragen wurde. Es war eine Art Weltuntergang, und mitten in dem Chaos war Robert plötzlich verschwunden, während er dastand und seine Handschuhe anzog.

Sie fühlte sich den Puls, um zu sehen, ob sie vielleicht Fieber habe. Aber der Klang des Silberzeugs auf der Anrichte brachte sie plötzlich wieder zu sich. Sie hörte die Stimme ihres Mannes, der gerade sagte:

»Gavaut hat heute in der Kammer eine brillante Rede über die Frage der Pensionskassen gehalten. Es ist erstaunlich, was für gesunde Ideen er in neuerer Zeit entwickelt und wie er jetzt den Nagel auf den Kopf zu treffen weiß. Er hat wirklich sehr gewonnen.« Sie konnte nicht umhin zu lächeln: »Aber, mein Lieber, Gavaut ist ein armer Teufel, der nie etwas anderes gewollt hat, als aus dem Haufen der Hungerleider herauszukommen und sich selbst vorwärtszubringen. Ideen hat er nur in den Ellbogen. Nimmt man diesen Menschen in der politischen Welt wirklich ernst? Glaube mir, bei einer Frau hat er noch nie Illusionen erweckt, nicht einmal bei seiner eigenen. Und dazu gehört doch gewiß nicht viel.«

Dann fügte sie ganz unvermittelt hinzu:

»Du weißt, Miß Bell hat mich eingeladen, auf einen Monat zu ihr nach Fiesole zu kommen. Ich habe die Einladung angenommen und reise.«

Er war nicht gerade überrascht, aber unangenehm berührt und fragte, mit wem sie denn reisen wolle.

Ihr fiel gleich jemand ein, und sie sagte: »Mit Madame Marmet.«

Er wußte nichts dagegen zu sagen. Madame Marmet war eine äußerst ehrwürdige Dame und als Reisebegleiterin für Italien ganz besonders geeignet, wo ihr Gatte, »Marmet der Etrusker«, Ausgrabungen in den Totenstädten gemacht hatte. So fragte er nur:

»Hast du sie schon benachrichtigt? Und wann gedenkst du abzureisen?«

»Nächste Woche.«

Er war klug genug, um ihr für den Augenblick nicht zu widersprechen, denn er glaubte, daß seine Opposition sie in einer, vielleicht vorübergehenden Laune nur bestärken würde, und war ängstlich darauf bedacht, dieser verrückten Idee keine Nahrung zu geben. Er ging darüber hinweg.

»Das Reisen ist wirklich eine sehr angenehme Zerstreuung. Ich habe gedacht, wir könnten im Frühjahr einmal in den Kaukasus und nach Turkestan gehen. Es ist eine interessante und noch wenig bereiste Gegend. Der General Annenkoff würde uns dort auf der Eisenbahn, die er gebaut hat, besondere Waggons oder gar Extrazüge zur Verfügung stellen. Er ist ein guter Freund von mir, und du hast ihm sehr gefallen. Am Ende gibt er uns sogar eine Eskorte von Kosaken mit. Denk dir nur, wie gut sich das ausnehmen würde.«

Er hoffte damit auf ihre Eitelkeit einzuwirken, und es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sie auf solche Dinge keinen Wert legte und nicht vom Ehrgeiz getrieben wurde wie er.

Gleichgültig erwiderte sie, daß es gewiß eine hübsche Reise sein würde.

Nun begann er die kaukasischen Berge, die alten Städte, die Basare, die Nationaltrachten, die Waffen zu preisen und fügte schließlich noch hinzu:

»Wir könnten ein paar Bekannte mitnehmen, die Prinzessin Seniavine und den General Larivière, vielleicht auch Vence oder Le Ménil.«

Mit einem trocknen, kurzen Auflachen antwortete sie, es sei noch Zeit genug bis dahin, um zu bestimmen, wen man einladen wolle.

Nun fing er an, den aufmerksamen und zuvorkommenden Gatten zu spielen: »Aber du ißt ja gar nichts, du mußt mehr an deine Gesundheit denken.«

Obwohl er nicht glaubte, daß sie wirklich so bald reisen wollte, fing es an, ihn zu beunruhigen. Sie hatten sich ja beide ihre Freiheit wiedergenommen, aber er war nicht gern allein. Er fühlte sich ohne seine Frau und ohne geselliges Leben nicht wohl in seinem Hause. Noch dazu hatte er beschlossen, während der jetzigen Sitzungsperiode zwei oder drei große politische Diners zu geben. Die Partei, zu der er gehörte, wuchs immer mehr an, und es war gerade der geeignete Moment, sich in seiner Position zu festigen und glänzend hervorzutreten. So sagte er in geheimnisvollem Ton: »Es können über kurz oder lang Verhältnisse eintreten, wo wir die Beihilfe unserer sämtlichen Freunde brauchen könnten. Hast du den Gang der politischen Ereignisse in letzter Zeit nicht verfolgt, Thérèse?«

»Nein, mein Freund.«

»Das tut mir leid. Du hast eine gute Auffassungsgabe und ein richtiges Urteil. Wenn du den Gang der Ereignisse verfolgt hättest, hättest du mit Staunen bemerkt, wie die Bevölkerung wieder gemäßigteren Ansichten zuneigt. Man ist der ewigen Übertreibungen müde und will von Leuten nichts mehr wissen, die sich durch ihre radikale Politik und die Kämpfe mit der Kirche bloßgestellt haben. Es wird eines Tages dahin kommen, daß man ein zweites Ministerium Casimir-Périer mit neuen Kräften bilden wird, und dann –«

Er hielt inne, denn sie hörte wirklich nicht zu.

Traurig und ernüchtert hing sie ihren Gedanken nach. Sie sah wieder die schöne Frau in den warmen Schatten des kleinen Zimmers, wie sie mit bloßen Füßen auf dem dichten, braunen Bärenfell stand und vor dem Spiegel ihr Haar zu einem Knoten wand, während ihr Freund sie auf den Nacken küßte. Aber es kam ihr vor, als ob es eine andere sei, die sie nicht einmal näher kannte und auch lieber gar nicht kennen wollte, deren Angelegenheiten sie nicht weiter interessierten. Eine Haarnadel, die sie schlecht befestigt hatte – es war eine von den Haarnadeln aus der kleinen Glasschale –, glitt ihr in den Nacken, und es schauderte sie.

»Auf jeden Fall«, sagte Monsieur Martin-Bellème, »müssen wir unseren politischen Freunden drei oder vier Diners geben. Man könnte die einstigen Radikalen mit Leuten aus unserer Gesellschaft zusammenbringen. Und es wäre sehr gut, einige hübsche Frauen dazu zu bitten. Wenn wir zum Beispiel Madame Bérard de la Malle einlüden; seit zwei Jahren hat man ihr nichts Schlimmes mehr nachgesagt. Was meinst du dazu?«

»Aber, mein Lieber, da ich nächste Woche abreise ...«

Er war ganz starr.

Mißgestimmt und schweigend gingen sie zusammen in den kleinen Salon, wo Paul Vence sie erwartete. Er verkehrte ganz zwanglos bei ihnen und kam öfters so des Abends.

Sie reichte ihm die Hand: »Es freut mich wirklich, daß Sie gekommen sind. Ich will Ihnen nämlich Lebewohl sagen – allerdings nur für kurze Zeit. Paris ist jetzt so kalt und düster. Diese Jahreszeit macht mich müde und melancholisch, und ich will auf sechs Wochen nach Florenz zu Miß Bell.«

Monsieur Martin-Bellème hob die Augen zum Himmel, und Vence fragte, ob sie nicht schon öfter in Italien gewesen sei.

»Dreimal. Aber ich habe nichts gesehen. Diesmal will ich sehen, mich hineinstürzen, eintauchen in die Dinge. Von Florenz aus will ich Ausflüge nach der Toskana und Umbrien machen, und zum Schluß gehe ich nach Venedig.«

»Da tun Sie recht daran. Venedig ist die Sonntagsruhe nach der großen Schöpfungswoche des göttlichen Italiens.«

»Ihr Freund Dechartre hat mir so schön von Venedig erzählt und von dem Himmel Venedigs, der Perlen verstreut.«

»Ja, in Venedig ist der Himmel ein Künstler der Farbe. In Florenz hat er etwas Durchgeistigtes. Irgendein alter Schriftsteller hat gesagt: Der leichte, klare Himmel von Florenz nährt in den Menschen schöne Gedanken. Ich habe in Toskana herrliche Tage verlebt und möchte sie gern wieder erleben.«

»Nun, so kommen Sie doch auch nach Florenz.«

Er seufzte: »Aber die Zeitungen, die Zeitschriften, die tägliche Arbeit!«

Monsieur Martin-Bellème meinte, diese Gründe müsse man anerkennen, es sei ein zu großes Vergnügen, die Artikel und die Bücher von Paul Vence zu lesen, als daß man ihn von seiner Arbeit abhalten dürfe.

»Ach, meine Bücher! ... In einem Buch kann man niemals das sagen, was man sagen möchte. Es ist einfach unmöglich! ... Nun ja, ich weiß schließlich ebensogut mit der Feder umzugehen wie mancher andere. Aber all dieses Reden und Schreiben ist so armselig. Wenn man darüber nachdenkt: diese kleinen Zeichen, aus denen man die Silben, die Worte, die Sätze macht, sind ein rechter Jammer. Was wird aus den Ideen, aus all den schönen Gedanken, die von diesen erbärmlichen, trivialen und dabei doch wunderlichen Hieroglyphen abhängig sind? Was macht der Leser aus meiner geschriebenen Seite? Eine Folge von Scheinsinn, Widersinn und Unsinn. Lesen und Hören ist dasselbe wie Übersetzen. Es mag ja schöne Übersetzungen geben, aber niemals getreue. Was hilft es mir, wenn die Leute meine Bücher bewundern, sie bewundern ja doch nur, was sie selbst hineinlegen. Jeder Leser schiebt uns seine eigenen Gedanken unter, unsere Bücher sind nur dazu da, um seine Phantasie zu kitzeln. Und es ist schrecklich, für so etwas Stoff zu liefern. Es ist ein niederträchtiges Handwerk.«

»Sie scherzen«, sagte Monsieur Martin.

»Das glaube ich nicht«, nahm Thérèse das Wort. »Er fühlt nur, daß kein Mensch jemals ganz in die Seele des anderen einzudringen vermag, und darunter leidet er. Er fühlt sich allein, wenn er denkt, allein, wenn er schreibt. Ja, man mag tun, was man will, man ist doch im Grunde immer allein. Das war es, was Vence sagen wollte. Und er hat recht. Man versucht immer wieder, sich auszudrücken, aber verstanden wird man niemals.«

»Vielleicht noch am ehesten durch Gesten«, meinte Vence.

»O nein, Monsieur Vence, das ist nur eine andere Art von Hieroglyphen. – Erzählen Sie mir doch etwas von Choulette. Ich sehe ihn gar nicht mehr.«

Vence sagte, Choulette sei augenblicklich damit beschäftigt, die Laienbruderschaft des Franziskanerordens zu reformieren.

»Der Gedanke zu diesem Werk«, erklärte er, »ist ihm auf ganz seltsame Weise gekommen, als er eines Tages zu seiner heiligen Marie ging, die hinter dem großen Hospital in einer immer dumpfigen Gasse mit schiefen Häusern wohnt. Sie wissen, Marie ist die Heilige und Märtyrerin, die des Volkes Sünde trägt. Er zog an dem Rehfuß der Klingelschnur, der durch die Besucher von zwei Jahrhunderten schon ganz fettig geworden ist. Ob nun die Märtyrerin gerade beim Weinwirt war, wo sie sich häuslich niederzulassen pflegt, oder in ihrem Zimmer anderweitig beschäftigt war, jedenfalls machte sie ihm nicht auf. Choulette klingelte anhaltend und so stark, daß ihm der Rehfuß samt Klingelschnur in der Hand blieb. Bei seinem Talent, Zeichen zu deuten und den verborgenen Sinn der Dinge zu durchschauen, war ihm sofort klar, daß sich die Klingelschnur nicht ohne den ausdrücklichen Willen überirdischer Mächte losgelöst haben könnte. Er dachte darüber nach. Die Hanfschnur war mit klebrig schwarzem Schmutz überzogen. Er band sie sich als Gürtel um und erkannte, daß er ausersehen war, den Franziskanerorden zu seiner ursprünglichen Reinheit zurückzuführen. Er verzichtete also auf Frauenschönheit, Dichterglück und Lorbeer und wandte sich dem Studium der Lehre und des Lebens des Heiligen von Assisi zu. Trotzdem hat er seinem Verleger ein Buch mit dem Titel ›Les Blandices‹ verkauft, das, wie er sagt, alle Arten zu lieben beschreibt. Er schmeichelt sich sogar, sich in diesem Werk nicht ohne Eleganz als großer Sünder gezeigt zu haben. Aber das Buch hat, ohne sein schwärmerisches Vorhaben zu kreuzen, es im Gegenteil noch gefördert. Er will sich durch ein späteres Werk läutern und sehr ehrbar und musterhaft werden. Außerdem aber wird ihm das Geld oder, wie er sagt, ›die Gelder‹, die er dafür bekommen hat und die für ein keuscheres Buch nie gegeben worden wären, zu einer Pilgerfahrt nach Assisi verhelfen.«

Madame Martin fragte höchst belustigt, was denn nun eigentlich wahr sei an dieser Geschichte. Vence erwiderte, daß man danach nicht forschen dürfe.

Halb und halb gestand er ein, daß er der idealisierende Historiker des Dichters sei und man seine Erzählungen von dessen Abenteuern nicht streng wörtlich nehmen dürfte. Er bestätigte aber, daß Choulette die »Blandices« jetzt veröffentliche und im Begriff stände, Grab und Zelle des heiligen Franziskus aufzusuchen.

»Aber dann nehme ich ihn mit nach Italien«, rief Madame Martin. »Vence, suchen Sie ihn auf und bringen Sie ihn mir. Ich reise nächste Woche.«

Monsieur Martin entschuldigte sich, daß er jetzt gehen müsse. Er hatte noch einen Bericht fertigzumachen, der morgen überreicht werden sollte.

Madame Martin sagte, es gäbe keinen Menschen, für den sie sich mehr interessiere als für Choulette. Vence hielt ihn ebenfalls für einen ganz seltenen Menschen.

»Er hat wirklich viel Ähnlichkeit mit den Heiligen, deren wunderbare Lebensgeschichte wir kennen. Er ist ohne Falsch wie sie, er besitzt dieselbe außerordentliche Zartheit der Empfindung und dieselbe furchtbare Heftigkeit des Herzens. Daß er durch seine Handlungsweise so oft Anstoß erregt, liegt daran, daß er schwächer und haltloser ist als sie, vielleicht auch nur daran, daß man ihn mehr von der Nähe beobachtet. Schließlich gibt es ja auch unvollkommene Heilige, ebensogut wie es gefallene Engel gegeben hat. Choulette ist solch ein unvollkommener Heiliger, voilà tout. Aber seine Gedichte sind wahrhaft religiöse Dichtungen und weit schöner als alles, was die höfischen Bischöfe und Theaterdichter des siebzehnten Jahrhunderts in dieser Art geschaffen haben.«

Hier unterbrach sie ihn. »Da ich gerade daran denke – ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihren Freund Dechartre. Er ist ein feiner Geist, nur etwas zu sehr in sich abgeschlossen.«

Vence erinnerte sie daran, daß er ihr schon vorher gesagt habe, Dechartre würde ihr gefallen.

»Ich kenne ihn ja durch und durch. Er ist ein Jugendfreund von mir.«

»Kennen Sie seine Familie auch?«

»Freilich – er ist der einzige Sohn von Philippe Dechartre.«

»Von dem Architekten?«

»Demselben, der unter Napoleon dem Dritten so viele Schlösser und Kirchen in der Touraine und im Orléanais restauriert hat. Er hatte Kenntnisse und Geschmack. Obwohl er eine einsame und weiche Natur war, hatte er doch die Unvorsichtigkeit begangen, den damals allmächtigen Viollet-le-Duc anzugreifen. Sein Vorwurf bestand darin, daß er erklärte, Viollet wolle die Bauten nach ihrem ursprünglichen Plan, so wie sie waren oder hätten sein sollen, wiederherstellen. Philippe Dechartre dagegen wollte, daß man respektiere, was die Jahrhunderte einer Kirche, einer Abtei oder einem Schlosse nach und nach hinzugefügt hatten. Für ihn war das Beseitigen von Anachronismen und die Restauration von Gebäuden zu ihrer ursprünglichen Einheitlichkeit eine wissenschaftliche Barbarei, ebenso fürchterlich wie die Unwissenheit. Unaufhörlich wiederholte er: ›Die von Geist und Hand unserer Ahnen dem Stein aufgeprägten Spuren auslöschen wollen, ist ein Verbrechen. Neue, in einem alten Stil behauene Steine sind falsche Zeugen.‹ Er wollte die Aufgabe des restaurierenden Architekten darauf beschränkt wissen, die Mauern zu stützen und zu befestigen. Er hatte zwar recht, aber man gab ihm unrecht. Dann schadete er sich vollends dadurch, daß er jung starb, während sein Rivale triumphieren konnte. Aber trotz alledem hinterließ er seiner Frau und seinem Sohn ein beträchtliches Vermögen. Jacques wurde von seiner Mutter erzogen, und sie vergötterte ihn – ich habe selten eine so fanatische Mutterliebe gesehen. Jacques ist ein reizender Mensch, aber ein verzogenes Kind.«

»Aber er macht doch einen so gleichgültigen Eindruck, als ob er das Leben sehr leicht nehme und sich um die ganze Welt nicht kümmerte.«

»Lassen Sie sich dadurch nicht täuschen. Er lebt in Einbildungen, mit denen er sich und andere quält.«

»Liebt er die Frauen?«

»Warum fragen Sie danach?«

»Oh, ich habe nicht die Absicht, ihn zu verheiraten.«

»Nun ja, er liebt sie sehr. Ich habe Ihnen schon gesagt, er ist ein Egoist, und das sind die einzigen, die ein Weib wirklich zu lieben vermögen. Nach dem Tode seiner Mutter hatte er eine sehr lange Liaison mit Jeanne Tancrède, einer bekannten Schauspielerin.«

Madame Martin glaubte, sich an Jeanne Tancrède zu erinnern. Sie war nicht hübsch, aber tadellos gewachsen und hatte etwas von nachlässiger Grazie in ihren Liebhaberinnenrollen.

»Ja, das stimmt«, antwortete Vence. »Sie lebten fast ganz zusammen, in einem kleinen Hause im Jasminviertel in Auteuil. Ich habe sie dort oft besucht. Wenn ich hinkam, fand ich ihn meistens in Gedanken versunken, ganz allein mit sich selbst. Er hatte vollständig vergessen, an seiner Figur zu arbeiten, und ließ sie unter ihren Tüchern eintrocknen, um irgendeiner Idee nachzuhängen, völlig unfähig, jemand zuzuhören. Währenddessen büffelte sie ihre Rollen. Ich sehe sie noch vor mir, ihr Teint war durch die Schminke ganz ruiniert, aber sie hatte sanfte, zärtliche Augen und war schön durch Geist und Leben. Manches Mal beklagte sie sich bei mir, daß es so schwer sei, mit ihm auszukommen, er war meist zerstreut und schlechter Laune. Aber sie liebte ihn und betrog ihn nur, wenn es sich darum handelte, eine Rolle zu bekommen. Und wenn sie es einmal tat, hatte sie es gleich nachher wieder vergessen und dachte nicht mehr daran. Wirklich, sie war ein gescheites, ernsthaftes Mädchen; aber schließlich liierte sie sich in aller Öffentlichkeit mit Joseph Springer, weil sie durch ihn an die Comédie-Française zu kommen hoffte. Dechartre wurde böse und brach mit ihr. Jetzt findet sie es zweckmäßiger, mit ihrem jeweiligen Direktor zu leben, und er zieht es vor, Reisen zu machen.«

»Trauert er ihr nach?«

»Wie soll man wissen, was in diesem unruhigen, beweglichen Geist vorgeht. Er ist ein Egoist, aber dabei ein leidenschaftlicher Mensch. Er möchte jemand haben, dem er sich ganz hingeben kann, aber er zieht sich ebenso schnell wieder zurück. In allem Schönen, was ihm auf der Welt begegnet, liebt er eigentlich immer nur sich selbst, aber in großherziger Weise.«

Sie brach das Thema plötzlich ab.

»Und was macht Ihr Roman?«

»Ich bin gerade beim letzten Kapitel, Madame. Mein kleiner Graveur ist bereits enthauptet. Er starb mit der Gleichmut der Jungfrauen, die ohne Begehren sind, weil sie nie auf ihren Lippen den heißen Kuß des Lebens gespürt haben. Zeitungen und Publikum billigen, wie es sich gehört, diesen Akt der Gerechtigkeit. Aber in einer Mansarde schwört ein anderer Arbeiter, ein nüchterner, trauriger Mensch, den Mord mit Mord zu sühnen.«

Dann stand er auf und verabschiedete sich. Aber sie rief ihn noch einmal zurück.

»Monsieur Vence, Sie wissen, daß es mein Ernst ist. Suchen Sie Choulette und bringen Sie ihn mir her.«

 

Als sie auf ihr Zimmer gehen wollte, stand ihr Mann oben auf der Treppe und wartete auf sie. Er sah sehr feierlich aus in seinem Schlafrock aus goldkäferfarbenem Plüsch und einer Art Dogenmütze, die sein bleiches, hageres Gesicht umrahmte. Die Tür zu seinem Arbeitskabinett hatte er hinter sich offengelassen, und man sah im Schein der Lampe einen ganzen Haufen von Aktenstößen und Dokumenten in blauen Mappen auf dem Tisch liegen, die aufgeschlagenen Quartbände der Staatshaushaltpläne. Ehe sie noch die Tür des Zimmers erreicht hatte, machte er ihr ein Zeichen, daß er ihr etwas zu sagen habe.

»Meine Liebe, ich begreife dich nicht. Du kannst dir mit deiner Unüberlegtheit außerordentlich schaden. Ohne irgendwelchen Grund, ja selbst ohne einen greifbaren Vorwand, willst du dein Haus auf einmal verlassen, um durch halb Europa zu reisen, und mit wem – mit irgendeinem Bohemien, mit diesem Trunkenbold von Choulette.«

Sie erwiderte, daß sie mit Madame Marmet reisen wolle und daß kein Mensch sich daran stoßen könne.

»Aber du hast deinen Plan schon allen möglichen Leuten angekündigt und weißt noch nicht einmal, ob Madame Marmet dich wirklich begleiten kann.«

»Oh, die gute Madame Marmet braucht nur ihre Koffer zu packen. Sie hat nichts, was sie in Paris zurückhält, außer ihrem Hund. Und den kann sie dir solange in Pflege geben.«

»Und weiß dein Vater von deinen Plänen?«

Es war immer seine letzte Zuflucht, sich auf die Autorität ihres Vaters zu berufen, wenn sie die seine nicht anerkennen wollte. Er wußte, sie fürchtete nichts mehr, als ihren Vater zu verstimmen oder schlecht von ihm beurteilt zu werden.

»Dein Vater ist so taktvoll und vernünftig«, fuhr er fort. »Ich habe es bei verschiedenen Gelegenheiten mit Freuden gesehen, daß er ganz meiner Meinung war, wenn ich mir erlaubt hatte, dir einen Rat zu geben. Er stimmte zum Beispiel völlig mit mir überein, daß Madame Meillan kein geeigneter Verkehr für eine Frau wie dich sei. Die Gesellschaft, die dort verkehrt, ist sehr gemischt, und sie protegiert alle möglichen Liebeleien. Du rechnest zuwenig mit der öffentlichen Meinung, und das ist sehr unrecht von dir – ich muß es dir einmal offen sagen. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn dein Vater es nicht zum mindesten – merkwürdig finden wird, daß du dich mit diesem Leichtsinn auf einmal auf und davon machen willst. Deine Abwesenheit wird um so mehr auffallen, meine Liebe, da ich – erlaube mir, dich daran zu erinnern – im Laufe dieser Legislaturperiode durch die politische Lage ins Licht der Öffentlichkeit gerückt worden bin. Ich bin weit entfernt davon, mir das als persönliches Verdienst auszulegen. Aber, wenn du geruht hättest, mir vorhin bei Tisch etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, so hätte ich dir auseinandergesetzt, daß die Partei, zu der ich gehöre, demnächst ans Ruder kommen wird. Es ist also sehr unangebracht, daß du gerade in diesem Moment deine Pflichten als Herrin des Hauses so links liegenläßt. Du wirst das selbst einsehen.«

Sie antwortete nur: »Du langweilst mich«, dann wandte sie ihm den Rücken und schloß sich in ihr Zimmer ein.

Als sie im Bett lag, nahm sie, wie gewöhnlich, einen Roman zur Hand, um vor dem Einschlafen noch etwas zu lesen. Zerstreut wandte sie die Blätter um, bis sie auf folgende Stelle stieß:

»Es ist mit der Liebe wie mit der Frömmigkeit. Sie kommt meist erst in späteren Jahren. Eine Frau ist mit zwanzig Jahren weder fromm noch einer leidenschaftlichen Liebe fähig, außer wenn sie besonders sinnlich veranlagt oder schon von Natur eine Heilige ist. Und selbst die Auserwählten wehren sich gewöhnlich lange gegen diese Gnade der Liebe, die noch furchtbarer ist als der Blitz, der Paulus auf dem Wege nach Damaskus erleuchtete. In den häufigsten Fällen unterliegt sie der Leidenschaft erst in dem Alter, wo sie die Einsamkeit nicht mehr fürchtet; denn die Leidenschaft ist wirklich eine Wüste, eine glühende Einöde. Sie ist Askese, ebenso streng wie die Askese der Frommen.

Man sieht auch immer wieder, daß die großen Liebenden ebenso selten sind wie die großen Büßerinnen. Wer das Leben und die Frauen kennt, weiß, daß sie nicht gern das Kreuz, das eine große Leidenschaft mit sich bringt, auf ihre zarten Schultern nehmen. Er weiß, daß nichts weniger alltäglich ist als ein großes Opfer. Und man bedenke nur, was eine Frau auf der Gesellschaft alles opfern muß, wenn sie liebt. Sie verliert alles dabei, ihre Freiheit, ihre Ruhe, all die anmutigen Spiele eines freien Herzens, Koketterie, Vergnügen und Freuden.

Flirten darf sie. Der Flirt verträgt sich mit den Anforderungen des Weltlebens. Aber die Liebe nicht. Die Liebe ist die Leidenschaft, die am wenigsten von der Gesellschaft geduldet wird – es ist die wildeste, die barbarischste Leidenschaft, die am meisten wider die soziale Ordnung verstößt.

Und die Welt verurteilt die Liebe strenger als die kleinen Liebeleien und die leichten Sitten. In einer Beziehung hat sie ja auch recht. Eine Pariserin, die wirklich liebt, verleugnet ihre Natur und verstößt gegen ihre Bestimmung: allen zu gehören, wie ein Kunstwerk. Denn sie ist eins, das wunderbarste, das Menschenfleiß je geschaffen hat; etwas Zauberhaftes, an dem alle Künste der Hand und des Geistes wetteifernd mitgewirkt haben; gemeinsames Werk und gemeinsames Gut. Ihre Pflicht ist, für alle dazusein.«

Thérèse schloß das Buch und dachte bei sich: ›Das sind Hirngespinste eines Schriftstellers, der das Leben nicht kennt.‹ Sie wußte nur zu gut, daß es in der Wirklichkeit weder das heilige Land der Leidenschaft noch das Kreuz der Liebe, noch diese schöne und schreckliche Berufung gibt, der die Auserwählte vergeblich zu widerstehen sucht. Die Liebe, das war nur ein kurzer, flüchtiger Rausch, von dem man mit etwas traurigem Herzen Abschied nahm ... Wenn sie aber doch nicht alles kannte? Wenn es doch eine Liebe gab, in der man vor Seligkeit alles andere vergessen konnte?

Sie löschte die Lampe aus, und aus den Tiefen des Vergangenen kamen die Träume ihrer ersten Jugendjahre wieder über sie.

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