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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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30

In einen weiten Umhang von rosa Tuch eingehüllt, stieg Thérèse mit Dechartre die Stufen der Terrasse hinab. Er war am Morgen in Joinville angekommen.

Es waren nur die intimsten Freunde des Hauses dort versammelt, und sie hatte ihn jetzt eingeladen, ehe die großen Parforcejagden anfingen, weil sie fürchtete, daß Le Ménil dann wie alljährlich erscheinen würde. Sie hatte schon lange nichts von ihm gehört.

Der leichte Herbstwind spielte mit ihren lockigen Haaren, und in ihren grauen Augen spiegelte sich der goldene Schein der untergehenden Sonne.

Hinter ihnen lag das Schloß. Über den dreifachen Bögen des Erdgeschosses standen zwischen den Fenstern auf schlanken Konsolen römische Kaiserbüsten. Zu beiden Seiten des Mittelbaues erhoben sich zwei hohe Eckpavillons mit Schieferdächern, die von riesigen ionischen Säulen getragen wurden. In dieser Anordnung erkannte man die Kunst des Architekten Leveau, der 1650 das Schloß Joinville-sur-Oise für den reichen Mareuilles, eine Kreatur Mazarins und glücklicheren Spießgesellen des Finanzministers Foucquet, gebaut hatte.

Vor dem Hause dehnten sich weite Teppichbeete aus, die nach Zeichnungen von Le Nôtre entworfen waren, und grüne Rasenflächen mit dem Brunnenbecken. Dann kam die Grotte mit ihren fünf Rustikabogen und den großen Hermensäulen, und dahinter ragten die mächtigen Bäume empor, die schon in herbstlichem Rot und Gold schimmerten.

»Diese blühende und grünende Geometrie hat doch ihren eigenen Reiz«, sagte Dechartre.

»Ja«, antwortete Thérèse, »aber ich muß an die Plantane in dem kleinen Hof denken, wo das Gras zwischen den Steinen wächst. Nicht wahr, wir werden dort einen schönen Springbrunnen anlegen und Blumen pflanzen?«

Sie lehnte sich gegen einen der Steinlöwen mit fast menschlichem Gesicht, die an den Stufen über den zugeschütteten Schloßgräben Wache hielten, wandte sich gegen den Bau und sagte mit einem Blick auf ein Dachfenster, das sich in Form eines Drachenmaules über dem Kranzgesims öffnete: »Dort ist dein Zimmer, gestern abend bin ich da gewesen. In derselben Etage, aber ganz am Ende auf der anderen Seite, ist Papas Büro. Es ist nichts weiter drin als ein einfacher Tisch, ein Schreibsekretär aus Mahagoni und eine Karaffe auf dem Kamin: Papas Junggeselleneinrichtung. Aber von diesem Zimmer ist unser ganzer Reichtum ausgegangen.«

Sie gingen jetzt die kiesbestreuten Wege zwischen den Beeten entlang und erreichten die kurzgeschnittene Buchsbaumhecke, die den Park nach Süden abgrenzte. Dann kamen sie an der Orangerie vorbei, deren mächtiges Tor mit dem Lothringerkreuz von Mareuilles gekrönt war, und gelangten in die große Lindenallee. Unter den schon halbentblätterten Bäumen standen steinerne Nymphen, die in dem feuchten Schatten vor Kälte zu beben schienen. Von Zeit zu Zeit, wenn ein Windhauch vorüberstrich, fiel ein Blatt zur Erde und blieb liegen wie eine goldrote Muschel, in der noch ein Regentropfen hing.

Thérèse deutete auf die Nymphen und sagte: »Wie oft haben sie mich weinen sehen, als ich noch ein Kind war und so gerne sterben wollte. Ich sehnte mich nach dem Leben und hatte doch Angst davor. Damals schon wartete ich auf dich, aber du warst noch so fern von mir.« Die Lindenallee erweiterte sich zu einem Rondell mit einem großen Bassin, in dessen Mitte sich eine Gruppe muschelblasender Nereiden und Tritonen erhob. Wenn die Wasser spielten, bildeten sie ein fließendes Diadem mit Schaumblumen.

»Das ist die Krone von Joinville«, sagte sie. Dann zeigte sie ihm einen Fußweg, der sich vom Bassin nach Osten in die Felder verlor.

»Das ist mein Weg«, sagte sie, »wie oft bin ich dort gegangen, wenn ich traurig gestimmt war. Ja, ich war traurig, ehe ich dich kannte.«

Sie folgten wieder der Allee, die jenseits des Rondells weiterlief, von neuen Linden, neuen Nymphen gesäumt. Sie gingen hinab bis zur Grotte. Es war hinten im Park ein Halbkreis von fünf tiefen balustradengekrönten Nischen, die aus Feldsteinen erbaut und durch riesige Hermensäulen voneinander getrennt waren. In ungeschlachter Nacktheit ragte die Figur an der Ecke des Bauwerks vor ihnen empor und sah mit steinernem Blick scheu und wild auf sie hernieder.

»Als mein Vater Joinville kaufte«, sagte Thérèse, »war diese Grotte nur ein einziger grasbewachsener Trümmerhaufen, in dem Schlangen und unzählige Hasen hausten. Er hat dann nach den Kupferstichen von Perrele, die man in der Bibliothek fand, die Bogen und Hermen wiederhergestellt. Er war sein eigener Architekt.«

Vom Verlangen nach Dunkel und Geheimnis getrieben, traten sie jetzt in den Buchengang, der zur Seite der Grotte lag. Aber ein Geräusch von Schritten, das von der Allee herkam, ließ sie plötzlich innehalten. Und nun erblickten sie durch die Zweige hindurch Montessuy, der die Prinzessin Seniavine umschlungen hielt. Langsam gingen die beiden auf das Schloß zu. Jacques und Thérèse hatten sich hinter einer riesigen Herme verborgen und warteten, bis sie vorüber waren.

Dann sagte sie, während er sie schweigend anblickte: »Nun, das ist doch immerhin etwas stark. Ich verstehe jetzt, weshalb die Prinzessin Papa im letzten Winter immer um Rat fragte, wenn sie sich Pferde kaufen wollte.«

Und doch bewunderte sie ihren Vater, weil er dieses schöne Weib erobert hatte. Die Prinzessin galt für sehr schwer zugänglich, und sie sollte sehr reich sein, obwohl sie durch ihre wahnsinnige Unordnung jeden Augenblick in Geldverlegenheit geriet.

Sie fragte Jacques, ob er sie nicht sehr schön fände. Er meinte, sie habe einen für seinen Geschmack zu stark sinnlichen Reiz. Hübsch war sie zweifellos, aber er hatte eine Ahnung, daß wie bei allen Brünetten ihre Haut dunkel und gelblich war. Thérèse gab zu, daß das wohl möglich sei, und doch war die Prinzessin abends so schön, daß sie alle anderen Frauen in den Schatten stellte.

Dann führte sie ihn hinter der Grotte die moosbewachsene Treppe hinauf zur großen Fontäne, mit ihrem Bündel von Schilfrohr aus Blei inmitten des rosafarbenen Marmorbeckens. Dort war der Park zu Ende, und das Gehölz begann.

Schweigend gingen sie unter den hohen Bäumen dahin, während die Blätter leise rauschten. Jenseits der hohen Wand von prächtigen Ulmen schimmerten die hellen Stämme der Espen und Birken in den letzten Sonnenstrahlen.

Er schloß sie in seine Arme und küßte ihre Augenlider.

Die Nacht begann herabzusinken, und zwischen den Zweigen hindurch funkelten die ersten Sterne. In dem feuchten Gras stimmten die Kröten ihren melancholischen Gesang an.

Weiter gingen sie nicht.

Lange nachher, als es schon Nacht geworden war, traten sie den Heimweg nach dem Schloß an. Ihr war, als ob sie seine Küsse und den frischen Duft des Waldes noch auf den Lippen fühlte. Sie sah ihn noch vor sich, wie er an einen Birkenstamm gelehnt vor ihr stand. Er sah beinah aus wie ein Faun, und sie hing an seiner Brust, die Arme um seinen Hals geschlungen, und glaubte vor Lust zu vergehen. Und nun lächelte sie den Nymphen zu, die unter den Linden standen und die einst die Tränen ihrer Kindheit hatten fließen sehen.

Am Himmel glänzte das Sternenkreuz des Schwans, und die schmale Mondsichel spiegelte sich in dem Bassin des Springbrunnens. Im Grase ließen die Grillen ihren zirpenden Liebesruf erschallen.

Als sie die letzte Biegung der Hecke erreicht hatten, sahen Jacques und Thérèse das Schloß vor sich liegen wie eine dunkle unheimliche Masse, und hinter den breiten Fenstern des Erdgeschosses bewegten sich flüchtige Schatten in dem roten Lichtschein hin und her. Dann ertönte eine Glocke, und nun rief Thérèse: »Ich muß mich schnell zum Diner ankleiden.«

Bei den steinernen Löwen verschwand sie, und es kam ihrem Freunde vor, als ob es eine Fee gewesen sei, die eben noch an seiner Seite ging.

Nach dem Diner waren alle im Salon versammelt.

Monsieur Berthier d'Eyzelles las die Zeitung, und die Prinzessin Seniavine saß am Spieltisch und legte Karten.

Thérèse träumte mit halbgeschlossenen Augen über einem Buch. An ihren Knöcheln fühlte sie noch die Stiche der Dornen, die sie im Gebüsch hinter der großen Fontäne geritzt hatten, und ein heißer Schauer durchlief sie, wenn sie an den Geliebten dachte, der sie dort im Walde besessen hatte wie ein Faun, der mit einer Nymphe spielt.

Jetzt fragte die Prinzessin, ob es etwas Amüsantes sei, was sie da läse.

»Ich weiß nicht. Ich habe mehr nachgedacht als gelesen. Paul Vence hat recht, daß man immer nur sich selbst in den Büchern findet.«

Vom Billardsaal hörte man durch die Portiere die abgerissenen Rufe der Spielenden und das Rollen der Kugeln.

»Ich habe Glück«, rief die Prinzessin und warf die Karten hin. Sie hatte eine große Summe auf ein Pferd gewettet, das heute bei den Rennen in Chantilly lief.

Thérèse erzählte dann, daß sie einen Brief aus Fiesole erhalten habe. Miß Bell teilte ihr mit, sie würde sich demnächst mit dem Fürsten Eusebio Albertinelli della Spina verheiraten.

Die Prinzessin fing an zu lachen. »Dieser Mann wird ihr einen ausgezeichneten Dienst leisten.«

»Inwiefern?« fragte Therese.

»Er wird ihr die Männer verleiden.«

Jetzt trat Montessuy in den Salon. Er hatte die Partie gewonnen und war sehr gut aufgelegt.

Er setzte sich neben Berthier d'Eyzelles und nahm eine von den Zeitungen, die auf dem Sofa lagen.

»Der Finanzminister kündigt an, daß er nach den Ferien seinen Gesetzentwurf über das Sparkassenwesen vorlegen wird.«

Es handelte sich darum, die Sparkassen zu ermächtigen, an die Gemeinden Geld auszuleihen, und das hätte den Banken, die Montessuy leitete, großen Abbruch getan.

»Berthier«, sagte er, »verhalten Sie sich ablehnend gegen dieses Projekt?«

Berthier neigte den Kopf. Nun stand Montessuy auf und legte seine Hand auf die Schulter des Deputierten.

»Mein lieber Berthier, ich habe eine Ahnung, daß das Ministerium beim Wiederbeginn der Saison stürzen wird.«

Dann wandte er sich an Thérèse: »Le Ménil hat mir einen ganz sonderbaren Brief geschrieben.«

Thérèse stand auf und schloß die Tür zum Billardsaal. Der Luftzug war ihr unangenehm, wie sie sagte.

»Einen ganz komischen Brief«, wiederholte Montessuy. »Er wird nicht zur Jagd kommen. Er hat sich eine Jacht von achtzig Tonnen gekauft – ›Rosebud‹ heißt sie – und schwimmt damit im Mittelmeer herum. Er will nur noch auf dem Wasser leben. Es ist wirklich schade, niemand versteht es so wie er, eine Jagd zu leiten.«

In diesem Moment trat Dechartre mit dem Grafen Martin ein, der, nachdem er ihn im Billard geschlagen hatte, sehr freundschaftlich gegen ihn gesinnt war und ihm die Gefahren einer Luxus- und Dienstbotensteuer auseinandersetzte.

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