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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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27

Thérèse war jetzt schon seit sechs Wochen wieder in Paris, und sie lebte immer noch in dem fiebernden Halbschlaf des Glücks, in selig gedankenlosem Dahinträumen.

Jeden Tag sah sie Jacques in dem kleinen Haus mit der schattenspendenden Platane, und wenn sie sich dann gegen Abend endlich wieder voneinander losrissen, so nahm sie Erinnerungen mit sich fort, die ihr teuer waren. Und diese wohlige Mattigkeit, aus der immer wieder ein neues Verlangen emporwuchs, war das Band, das sich von einer Liebesstunde zur andern schlang.

Sie hatten beide dieselben Neigungen, ließen sich von denselben Einfällen leiten, von den gleichen Launen hinreißen.

So machte es ihnen Freude, die hübschen halbländlichen Gegenden am Rande der Stadt zu durchstreifen: die kleinen Gassen mit den rotangestrichenen Wirtshäusern im Schatten der Akazien, die steinigen Wege, wo Brennesseln am Fuße der Mauern wachsen, die kleinen Gehölze und die Felder mit dem hellen Himmel darüber, auf den der Rauch der Fabriken dunkle Streifen zieht. Und Thérèse fühlte sich glücklich, wenn sie an seiner Seite dahinging. Sie fand sich selbst in dieser Umgebung nicht zurecht, und es kam ihr vor, als ob sie sich mit ihm in ein fremdes Land verirrt hätte.

Heute war ihnen die Laune gekommen, das Dampfboot zu besteigen, das sie so oft von ihrem Fenster aus gesehen hatte. Sie hatte keine Angst, erkannt zu werden. Die Gefahr war auch nicht groß, und seit sie liebte, hatte sie alle Vorsicht vergessen. Sie fuhren an den Ufern entlang, die lachender und lachender wurden, während sie der staubigen Kahlheit der Vorstädte entrannen. Sie streiften Inseln mit Baumgruppen, die kleine Kneipen und zahllose an den Weiden festgebundene Ruderboote beschatteten. In Bas-Meudon stiegen sie aus. Als Thérèse über Hitze und Durst klagte, führte er sie durch eine Seitentür in ein Wirtshaus, wo möblierte Zimmer vermietet wurden. Es war ein Haus mit vielen Holzgalerien, das die Einsamkeit größer erscheinen ließ und das in der ländlichen Stille zu schlummern und nur auf die Sonntage zu warten schien, wo die Rufe der Bootsausflügler und das Gelächter der Mädchen seine Räume erfüllten, vermischt mit Bratenduft und dem Dunst der Fischgerichte.

Sie stiegen die knarrende Hühnerstiege hinauf und nahmen ein Zimmer im ersten Stock. Die Kellnerin brachte ihnen Wein und Biskuits.

Das Mahagonibett war hinter wollenen Vorhängen verborgen, und auf dem Kamin, der schräg vor einer Ecke des Zimmers angebracht war, hing ein ovaler Spiegel mit bemaltem Rahmen. Durch das offene Fenster sah man die Seine, ihre grünen Ufer und die fernen Hügel, die im warmen Lichte gebadet dalagen, während die Sonne schon fast die Spitzen der Pappeln berührte. Am Ufer des Flusses tanzten zahllose Mückenschwärme. Und die vibrierende Stille des Sommerabends lag über der Erde und über den Gewässern und erfüllte die ganze Luft.

Thérèse blickte lange auf den ruhig dahinfließenden Strom. Langsam durchschnitt das Dampfboot die Flut, die von der Schraube zu Gischt zermahlen wurde, und wenn die langen Wellen des Kielwassers das Ufer berührten, so sah es aus, als ob das kleine Haus, das über dem Fluß hing, wie ein Schiff hin und her schaukelte.

»Ich habe das Wasser gern«, sagte sie, während sie sich nach ihrem Freund umwandte. »Mein Gott, ich bin so glücklich!«

Ihre Lippen fanden sich, und während sie hinsanken in verzückter Liebesraserei, verrann die Zeit, ohne daß sie etwas davon wußten. Nur alle zehn Minuten, wenn wieder ein Dampfboot vorüberkam, drang das Plätschern der Wellen durch das halbgeöffnete Fenster zu ihnen herein.

Dann richtete Thérèse sich auf den Kissen wieder empor. Ihre Kleider lagen ungeduldig hingeworfen auf dem Fußboden umher, und nun erblickte sie im Spiegel ihren blühenden nackten Körper.

»Ja, es ist doch wahr, daß ich zur Liebe geschaffen bin«, antwortete sie auf die zärtlichen Lobsprüche ihres Freundes.

Und mit zarter Lüsternheit betrachtete sie ihre eigenen Formen in dem rosigen Licht, das die blassen oder purpurnen Rosen ihrer Wangen, ihrer Lippen und Brüste erblühen ließ. »Ich liebe mich, weil du mich liebst.«

Ja, er liebte sie, und er konnte sich selbst nicht erklären, warum er so mit dieser glühenden Andacht, mit dieser heiligen Wut liebte. Es war nicht nur, weil sie so selten, so wunderbar schön war. Ihre Linien waren schön, aber die Linien des Körpers folgen jeder Bewegung. Man vermag sie niemals festzuhalten, und ihr steter Wechsel ist die Ursache aller ästhetischen Freuden und Qualen. Die schönen Linien sind wie ein Blitz, der dem Auge schmerzliches Entzücken bereitet, mit Staunen und Bewunderung weidet man sich an ihnen. Aber das, was die Liebe und das Verlangen so gebieterisch wachruft, ist eine sanfte und furchtbare Gewalt, die noch mächtiger ist als die Schönheit. Unter tausend Frauen findet man eine einzige, von der man niemals wieder lassen kann, wenn man sie einmal besessen hat, die man immer wieder und wieder besitzen will. Es ist die holde Blüte ihres Körpers, die dieses unheilbare Liebesleid in die Brust des Mannes senkt. Und es ist noch etwas anderes, das sich nicht in Worte fassen läßt, gleichsam die Seele ihres Körpers.

Thérèse war eine von jenen Frauen, die man weder betrügen noch verlassen kann.

Und nun rief sie voller Freude: »Sag, kann man wirklich nicht wieder von mir lassen?«

Sie wollte wissen, warum er sie nicht modellierte, wenn er sie doch so schön fand.

»Warum? Weil ich nur ein mittelmäßiger Bildhauer bin. Und daß ich mir selbst darüber klar bin, ist ein Beweis dafür, daß mein Geist nicht mittelmäßig ist.

Wenn du mich aber durchaus für einen großen Künstler halten willst, so werde ich dir noch einen andern Grund angeben. Um eine Figur zu schaffen, die wirklich Leben hat, muß man das Modell als untergeordnetes Material anfassen, das man hin und her kneten und bearbeiten kann, um die Essenz der Schönheit daraus zu gewinnen. Aber du – deine Formen, dein Körper, alles an dir bedeutet für mich etwas unsagbar Kostbares. Wenn ich eine Büste von dir machen wollte, müßte ich mich sklavisch an all diese Einzelheiten klammern, die für mich alles bedeuten, weil sie ein Teil von dir sind. Ich würde mich eigensinnig darin verbeißen und doch kein harmonisches Ganzes herausbringen.«

Sie sah ihn etwas erstaunt an, und er fuhr fort: »Aus dem Gedächtnis ist es etwas anderes. Ich habe eine kleine Bleistiftskizze von dir gemacht, die ich immer bei mir trage.«

Als sie sie absolut sehen wollte, zeigte er ihr die einfache, kühne Zeichnung in seinem Skizzenbuch. Aber sie erkannte sich nicht wieder, sie fand es zu hart, und es lag etwas darin, was ihr fremd vorkam.

»Also so siehst du mich? So lebt mein Bild in dir?«

Er machte das Buch wieder zu: »Nein, es ist nur ein Versuch; eine flüchtige Notiz, weiter nichts. Aber ich glaube doch, daß es richtig aufgefaßt ist. Es ist möglich, daß du dich selbst nicht so siehst, wie ich dich sehe. Überhaupt sieht jeder dasselbe Wesen mit anderen Augen an.«

Und in beinah heiterem Ton fügte er hinzu: »Und in diesem Sinn kann man auch behaupten, daß ein und dieselbe Frau niemals zwei verschiedenen Männern angehören kann. Das ist eine Idee von Paul Vence.«

»Ich glaube, er hat recht«, sagte Thérèse. Dann fragte sie: »Wie spät ist es?«

Es war sieben. Sie drängte zum Aufbruch. Sie kam jetzt jeden Tag später nach Hause. Und ihr Mann fing schon an, Bemerkungen darüber zu machen. »Wir sind jetzt bei allen Diners die letzten«, hatte er gesagt, »es ist wirklich ein Verhängnis.«

Aber da er fast täglich im Palais Bourbon bei den Budgetdebatten aufgehalten wurde und außerdem als Berichterstatter eines Unterausschusses viel zu tun hatte, ließ er selbst häufig auf sich warten.

Und so kam es, daß die Interessen des Staates Thérèses Unpünktlichkeit zum Deckmantel dienen mußten.

Sie erinnerte sich lächelnd an einen Abend, wo sie erst um halb neun bei Madame Garain erschienen war. Sie hatte schon einen Skandal befürchtet, aber es war gerade der Tag der großen Interpellation. Ihr Mann kam erst um neun Uhr mit Garain von der Kammer, und sie dinierten beide im Straßenanzug. Aber sie hatten das Ministerium gerettet.

Dann wurde sie nachdenklich.

»Wenn die Kammer Ferien macht, mein Lieber, so habe ich gar keinen Vorwand mehr, in Paris zu bleiben. Mein Vater kann jetzt schon meine Aufopferung nicht begreifen, die mich hier zurückhält. In acht Tagen muß ich zu ihm nach Dinard. Aber was soll ich ohne dich anfangen?«

Sie faltete die Hände und sah ihn unsagbar zärtlich und traurig an. Aber er entgegnete finster: »Nein, Thérèse, ich muß mich vielmehr unruhig fragen, was aus mir werden soll ohne dich. Wenn du nicht bei mir bist, kommen die schwarzen Gedanken wieder über mich und lassen mich nicht los.«

Sie fragte, was für Gedanken er meine, und er entgegnete: »Ich habe es dir ja schon gesagt, du Geliebte. Ich muß dich selbst in dir vergessen. Und wenn du fort bist, wird die Erinnerung an dich mich quälen. Aber es ist ganz in der Ordnung, ich muß eben für das Glück bezahlen, das du mir gibst.«

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