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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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24

In der Glockenvilla hörte man das schwere Poltern der Koffer auf den Treppen. Daneben stieg Pauline mit Paketen beladen leichtfüßig die Stufen hinab, während die gute Madame Marmet mit ihrer ruhigen Wachsamkeit den Transport leitete und Miß Bell sich in ihrem Zimmer ankleidete.

Thérèse lehnte in ihrem grauen Reisekostüm an der Balustrade der Terrasse und warf noch einen letzten Blick auf die Stadt der Blumen.

Sie hatte sich endlich zur Abreise entschlossen. Ihr Mann bat sie in jedem Brief, bald wiederzukommen. Wenn sie, wie er inständig bat, Anfang Mai nach Paris zurückkehrte, so könnten sie vor dem Grand Prix noch zwei oder drei Diners mit großen Empfängen geben. Seine Partei wurde von der öffentlichen Meinung unterstützt, und der Strom schien ihn vorwärts zu tragen. Garain hatte gemeint, der Salon der Gräfin Martin könne von ausgezeichnetem Einfluß auf die Zukunft des Landes sein.

Alle diese Gründe machten zwar wenig Eindruck auf sie, aber sie war momentan sehr wohlwollend gegen ihren Mann gestimmt und bereit, sich ihm gefällig zu zeigen. Vorgestern hatte sie auch einen Brief von ihrem Vater erhalten. Montessuy ging weder auf die politischen Aussichten seines Schwiegersohnes ein, noch wollte er seiner Tochter irgendeinen Rat geben, aber er ließ durchblicken, daß man in der Gesellschaft anfing, sich mit dem geheimnisvollen Aufenthalt der Gräfin Martin zu beschäftigen, die sich unter Dichtern und Künstlern in Florenz aufhielt, und daß man die Glockenvilla von Paris aus in einem phantastisch-romantischen Lichte sah.

Übrigens fühlte sie selbst sich in diesem engen Kreise von Fiesole zu sehr beobachtet. Madame Marmet war ihr lästig, und der Fürst Albertinelli beunruhigte sie in ihrem neuen Leben.

Die Zusammenkünfte im Gartenhaus in der Via Alfieri wurden schwierig und gefährlich.

Professor Arrighi, den der Fürst öfters besuchte, hatte sie eines Abends getroffen, als sie dicht an Dechartre geschmiegt durch die einsamen Straßen ging. Professor Arrighi, der Verfasser eines Lehrbuchs der Landwirtschaft, war der liebenswürdigste aller Weisen. Er hatte sein schönes, heroisches Antlitz mit dem weißen Bart abgewandt und nur am nächsten Tage zu der jungen Frau gesagt: »Früher fühlte ich das Nahen einer schönen Frau schon von weitem. Jetzt, da ich über die Tage hinaus bin, wo Damen mir ihre Gunst schenken, hat der Himmel Mitleid mit mir und verhüllt sie meinem Blicke. Ich habe sehr, sehr schlechte Augen bekommen. Heute erkenne ich auch das liebenswerteste Geschöpf nicht mehr.« Sie hatte verstanden und nahm es sich zur Warnung. Sie sehnte sich danach, ihr Glück in dem großen Paris verstecken zu können.

Vivian, der sie ihre nahe Abreise angekündigt hatte, war in sie gedrungen, doch noch ein paar Tage zu bleiben. Thérèse aber hatte den Verdacht, daß ihre Freundin noch immer schockiert war über den Rat, den sie ihr eines Nachts in dem Zimmer mit den Zitronenbäumen gegeben hatte. Zum mindesten fürchtete sie, daß Miß Bell sich nicht mehr recht wohl fühlte in Gesellschaft einer Vertrauten, die ihre Wahl mißbilligte und die der Fürst ihr als kokett, vielleicht sogar als leichtsinnig dargestellt hatte. Die Abreise wurde also auf den 5. Mai festgesetzt.

Ein klarer, heitrer Tag lag über dem Arnotal. Thérèse blickte träumerisch von der Terrasse auf das blaue Becken von Florenz hinab, über dem der Himmel im roten Morgenschein leuchtete. Dann beugte sie sich vor, um am Fuß der blühenden Abhänge den winzig kleinen Erdenwinkel zu entdecken, wo sie so unsagbare Wonnen genossen hatte.

Wie ein dunkler Fleck lag der Friedhof da, und dort mußte die Via Alfieri sein. Und nun sah sie sich wieder in jenem Zimmer, das ihr so teuer geworden war und das sie wohl nie wieder betreten würde. Wie die wehmütige Erinnerung an einen entflohenen Traum tauchten jene unwiederbringlich dahingeflossenen Stunden wieder vor ihr auf. Ihre Augen umflorten sich, ihre Knie zitterten, und das Herz wurde ihr schwer. Es kam ihr vor, als ob sie nicht mehr lebte, als ob sie ihr innerstes Leben dort in jenem Winkel von Florenz zurückgelassen hatte, wo die starren schwarzen Wipfel der Pinien emporragten.

Sie war unzufrieden mit sich selbst. Warum war sie so von Angst und Unruhe erfüllt, wo sie doch hätte hoffen und sich freuen sollen. Sie wußte ja, daß sie Jacques Dechartre in Paris wiedertreffen würde. Sie hätten beide gleichzeitig dort ankommen, am liebsten sogar zusammen reisen mögen. Aber wenn sie es auch für nötig gehalten hatten, daß er noch einige Tage in Florenz bleiben sollte, so stand ihre Wiedervereinigung doch nahe bevor. Das erste Rendezvous war verabredet, und sie lebte jetzt schon in dem Gedanken daran. Sie nahm ihre Liebe mit sich, sie war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Und doch blieb ein Teil ihres Selbst in dem kleinen Gartenhaus mit den Nymphen und Ziegen zurück – etwas das für immer dahin war. In der vollen Glut des Lebens sehnte sie sich nach unendlich zarten und köstlichen Dingen. Sie erinnerte sich, wie Dechartre ihr gesagt hatte: »Die Liebe ist Fetischismus. Ich habe auf der Terrasse ein paar vertrocknete schwarze Beeren von dem Ligusterstrauch gepflückt, den du einmal angeblickt hast.« – Warum hatte sie nicht daran gedacht, einen kleinen Stein von jenem Gartenhaus mitzunehmen, wo sie die Welt in ihrer Liebe vergessen hatte?

Ein Aufschrei von Pauline schreckte sie aus ihren Gedanken empor. Choulette war plötzlich aus dem Gebüsch hervorgesprungen und hatte der Kammerjungfer, die die Mäntel und Reisetaschen in den Wagen trug, einen Kuß gegeben. Und jetzt jagte er durch die Alleen, struppig und vergnügt; die abstehenden Ohren an seinem kahlen Schädel sahen beinah wie Hörner aus. Als er herankam, begrüßte er Madame Martin: »Ich muß also Abschied von Ihnen nehmen, Madame?«

Er wollte in Italien bleiben. Eine Dame hatte ihn zu sich gerufen, wie er sagte. Die Dame hieß Rom. Er wollte dort die Kardinäle aufsuchen. Der eine, der für einen äußerst verständigen alten Mann galt, würde vielleicht auf seine Idee, eine revolutionäre sozialistische Kirche zu gründen, eingehen.

Choulette hatte sein Ziel. Er wollte auf den Trümmern der ungerechten, grausamen Zivilisation das Kreuz von Golgatha aufrichten, nicht mehr das nackte, tote, sondern ein lebendiges, das mit blühenden Armen die Welt beschatten sollte. Zu diesem Zwecke wollte er einen Orden und eine Zeitung gründen. Den Orden kenne Madame Martin. Das Blatt sollte einen Sou kosten und in rhythmischer Rede und in Klageversen abgefaßt sein. Es könne, nein, müsse vorgesungen werden. Ganz schlichte und ungekünstelte, starke oder heitere Verse seien schließlich die einzige Sprache, die für das Volk passe. Prosa gefiele nur Leuten mit sehr subtilem Verstand. Er hatte sich oft genug bei den Anarchisten in den Kneipen der Rue Saint-Jacques aufgehalten, und sie hätten ihre Nächte damit verbracht, Poesie vorzutragen und anzuhören.

»Eine Zeitung«, erklärte er weiter, »die ein Liederbuch sein wird, wird dem Volk ans Herz greifen. Man spricht mir einige Begabung nicht ab. Ob man damit recht hat, weiß ich nicht. Aber man muß zugeben, daß ich einen praktischen Sinn habe.«

Miß Bell stieg, sich ihre Handschuhe anziehend, die Freitreppe herab.

»O Darling, Stadt, Hügel und Himmel wollen von Ihnen beweint werden. Sie haben sich heute nur darum so schön gemacht, damit Sie den Abschied bedauern und sich nach ihnen zurücksehnen ...«

Choulette aber, der der zierlichen, etwas trockenen Anmut des Toskaner Landes überdrüssig war, sehnte sich nach dem grünen Umbrien und seinem feuchten Himmel. Er dachte an Assisi, das aufrecht und betend in seiner saftigen Au stand, inmitten einer weicheren und demütigeren Welt.

»Es gibt dort Wälder und Gestein«, sagte er, »Lichtungen, in denen ein Stück Himmel mit weißen Wolken sichtbar wird. Ich bin dort in den Fußstapfen des heiligen Franziskus gewandelt und habe seinen Sonnengesang in meine schlichten, armseligen französischen Reime gebracht.«

Madame Martin wollte sie hören. Miß Bell lauschte bereits, und ihr Gesicht hatte den inbrünstig andachtsvollen Ausdruck der Engel Mino da Fiesoles.

Choulette machte sie darauf aufmerksam, daß es nur eine rohe, kunstlose Arbeit sei. Die Verse wollten nicht schön sein. Sie seien einfach, manchmal uneben wegen der Leichtigkeit. Und mit schleppender, eintöniger Stimme rezitierte er den Lobgesang:

»Ich preise dich, mein Gott, weil du die Erde gemacht
in Liebe und Glanz und unser Leben darin gewollt.
Dem Maler gleich, der Bilder in ein Buch gebracht,
besätest du die Welt mit Grün und Blau und Gold.

Ich preise dich, mein Gott, weil du die Leuchterin
und Königin der Welt erschufst gleich gut und hold,
weil sie dein würdig ist und strahlenprächtig hin
nach deinem Sinn ein Flammenball durchs Weltall rollt.

Ich preise dich, mein Gott, um meinen Bruder Wind,
um Schwester Lunen und die Sternenschwesterscharen,
und weil am blauen Himmel deine Wolken sind
und Morgennebel oft wie Linnen ausgebreitet waren.

Ich preise dich, mein Gott, und will dich benedein,
um jeden Grashalm und um jede Eichenkrone,
um Feuer, mir so brüderlich gut und gemein,
um Schwester Wasser, deine köstlich keusche Nonne.

Und um die starke Erde, die die Brust in Blüten,
die Mutter samt dem Kind, in Windeln jauchzend, stillt,
und jeden, der dich liebt, den Armen, dessen Träne Engel hüten,
und zu dir tragen, wenn seinem Schmerze sie entquillt.

Um meine Schwester Leben und um den Bruder Tod
will ich dich ewig preisen, Herr, und will inmitten
des Sterbens Kind sein, das vom schönen Abendrot
zu Morgenröten schläft, die nimmermehr verglühten.«

»Ach, Monsieur Choulette«, sagte Miß Bell, »dies Gedicht steigt gen Himmel, wie der Eremit auf dem Campo santo in Pisa den von den Ziegen geliebten Berg erklimmt. Ich will es Ihnen beschreiben: Der greise Eremit steigt empor, auf den Stab des Glaubens gestützt. Seine Schritte sind ungleichmäßig, weil die Krücke ihn nur auf der einen Seite stützt, so daß dieser Fuß dem andern voraus ist. Darum sind auch Ihre Verse ungleichmäßig. Ach, ich habe Sie so gut verstanden.«

Der Dichter nahm das Lob an, in der festen Überzeugung, es unbewußt verdient zu haben.

»Sie haben den Glauben, Monsieur Choulette«, sagte Thérèse, »und wozu sollte er Ihnen dienen, wenn nicht dazu, schöne Verse zu machen?«

»Um zu sündigen, gnädige Frau.«

»Ach, wir sündigen schon ohnedies.«

Madame Marmet erschien. Sie war völlig reisefertig und freute sich im Grunde ihres Herzens darauf, ihre kleine Wohnung in der Rue de la Chaise, ihr Hündchen Toby, ihren alten Freund Monsieur Lagrange und nach all den Etruskern von Fiesole ihren heimischen Kriegersmann wiederzusehen, der inmitten der Bonbonschachteln durch das Fenster auf den Square du Bon-Marché hinaussah.

Miß Bell fuhr die Freundinnen in ihrem Wagen zum Bahnhof.

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