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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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2

Es war schon beinah dunkel, als sie das kleine Entresol in der Rue Spontini verließen. Robert Le Ménil winkte einen der gerade vorüberfahrenden Fiaker herbei und musterte den Kutscher und seinen Gaul mit einem etwas unruhigen Blick. Dann stieg er mit Thérèse ein. Dicht aneinandergeschmiegt rollten sie dahin. Es war, als ob sie durch eine Gespensterstadt fuhren, zwischen deren schwankenden Schatten hier und da ein jäher Lichtschein aufflammt.

Die Gefühle, die beider Herzen bewegten, waren milde und verlöschend wie das Licht, das sich in den feuchten Fensterscheiben spiegelte. Die Außenwelt erschien ihnen verworren und flüchtig, im Herzen fühlten sie eine angenehme Leere. Der Wagen fuhr am Pont-Neuf vorüber zum Quai des Augustins. Hier stiegen sie aus. Ein scharfer Frost belebte den finsteren Januarabend. Thérèse atmete unter ihrem Schleier mit Genuß die frische Luft ein, vom Fluß her kamen einzelne Windstöße, die über den hartgefrorenen Boden hinfegten und einen scharfen, weißen, salzartigen Staub aufwirbelten. Es machte ihr Freude, so frei durch die unbekannten Straßen zu wandern, diese steinerne Landschaft zu sehen, die die durchsichtige und tiefe Klarheit der Luft einhüllte. Mit raschen festen Schritten ging sie den Quai entlang, das schwarze Gewirr der Baumäste hob sich von dem rauchgeröteten Himmel ab, der über der Stadt hing. Über die Brüstung gelehnt, schaute sie auf den schmalen Arm der Seine, sah ihre Wasser schwermütig vorüberziehen und spürte die Trauer des unbelebten Flusses, dessen Ufer weder Buchen noch Weiden säumten. Droben am Himmel zitterten schon die ersten Sterne.

»Man könnte meinen«, sagte sie, »daß der Wind sie wieder auslöscht.«

Ihm fiel es auch auf, daß sie so unruhig flimmerten, aber er meinte, es sei nicht, wie die Bauern behaupteten, ein Anzeichen, daß Regen käme; im Gegenteil, er habe mehr als einmal beobachtet, daß es schönes Wetter gäbe, wenn die Sterne so funkelten.

Als sie an den Petit Pont gekommen waren, entdeckte Therese auf der rechten Seite der Straße Läden mit allem möglichen Eisenkram, die von qualmenden Lampen beleuchtet wurden. Sie stürzte darauf zu und durchstöberte mit den Augen die staubigen verrosteten Gegenstände in der Auslage. Und nun, da ihr Jagdeifer einmal erwacht war, bog sie um die Straßenecke und wagte sich bis zu einer Bretterbude vor, unter deren feuchten Deckenbalken trübselige Lumpen hingen. Hinter den schmutzigen Fensterscheiben brannte ein Talglicht und beleuchtete allerhand Kasserollen, Porzellanvasen, eine Klarinette und einen Brautkranz.

Er konnte nicht begreifen, daß ihr das Spaß machte.

»Aber du wirst dir womöglich noch Ungeziefer holen. Was interessiert dich denn an dem alten Kram?«

»Alles. Ich denke an die arme Braut, deren Kranz dort unter der Glasglocke steht. Die Hochzeit hat gewiß an der Porte Maillot stattgefunden. Und im Brautzug war ein Schutzmann, wie bei allen Hochzeiten dort, die man samstags im Bois sieht. Rühren sie dich nicht, mein Freund, all diese armen Geschöpfe, die lächerlich und elend sind und doch dereinst eingehen in die Größe der Vergangenheit?«

Zwischen geblümten, halbzerbrochenen, nicht zueinander passenden Tassen entdeckte sie ein kleines Messer mit geschnitztem Elfenbeinstiel, der eine lange, glatte Frauengestalt mit einer Haartracht à la Maintenon darstellte. Sie erstand es für einige Sous und war ganz selig darüber, weil sie eine ebensolche Gabel schon besaß. Le Ménil gab zu, daß er von solchen Sachen nichts verstände. Aber seine Tante Lannoix wäre eine große Kennerin. In Caen sei sie berühmt unter den Antiquitätenhändlern. Sie hätte ihr Schloß höchst stilvoll restaurieren und einrichten lassen. Es war das ehemalige Landgut von Jean Le Ménil, der 1779 Königlicher Rat am Obersten Gerichtshof in Rouen war. Aber es bestand schon vor ihm: In einer Urkunde aus dem Jahre 1690 wurde es unter dem Namen Maison de Bouteille erwähnt. In einem Zimmer im Erdgeschoß befand sich noch heute, hinter einem Gitter, in weißen Schränken die Büchersammlung von Jean Le Ménil. Seine Tante Lannoix hatte sie in Ordnung bringen wollen; dabei waren ihr einige leichtfertige Bücher in die Hände gefallen, mit so gewagten Illustrationen, daß sie sie sofort verbrannt hatte.

»Ist deine Tante denn so dumm?« fragte Thérèse.

Die Geschichten von Madame Lannoix langweilten sie schon lange. Ihr Freund hatte in der Provinz eine Mutter, Schwestern und Tanten, eine zahlreiche Familie. Sie kannte niemanden davon, und es brachte sie auf, wenn er immer wieder mit Bewunderung von ihnen sprach. Sie konnte ganz ärgerlich darüber werden. Es machte sie nervös, daß er diese Familie häufig besuchte, und wenn er zurückkehrte, hatte sie jedesmal das Gefühl, als ob ein dumpfer Geruch an ihm hängengeblieben wäre, alle möglichen beschränkten Ideen und Empfindungen, die sie unangenehm berührten. Und er in seiner Naivität konnte das nicht begreifen und litt unter ihrer Antipathie gegen seine Verwandten.

So ließ er ihre Bemerkung unbeantwortet.

Beim Anblick eines kleinen Restaurants, dessen Fenster hinter den Gitterstäben hell erleuchtet waren, fiel ihm plötzlich der Dichter Choulette wieder ein, der ja für einen Trunkenbold galt. Er fragte deshalb etwas verstimmt, ob dieser Mensch, der im Lodenmantel und mit einem roten Halstuch um die Ohren Besuche machte, noch bei ihr verkehre.

Sie ärgerte sich, daß er genauso sprach wie der General Larivière, und erzählte ihm deshalb nicht, daß sie Choulette seit dem Herbst nicht mehr gesehen hatte und daß er sie vernachlässigte mit der ganzen Nonchalance eines vielbeschäftigten, launenhaften Menschen, der nicht zur Gesellschaft gehört.

»Er ist geistreich«, sagte sie, »er hat sehr viel Phantasie und ist originell. Mir gefällt er nun einmal.«

Auf seinen Vorwurf, daß sie einen sonderbaren Geschmack habe, erwiderte sie heftig: »Ich habe überhaupt keinen bestimmten Geschmack. Ich finde an allem möglichen Gefallen. Ich hoffe, du mißbilligst nicht alles, was mir gefällt.«

O nein, er mißbilligte durchaus nicht alles, er fürchtete nur, es sei nicht richtig von ihr, einen Bohemien von fünfzig Jahren in ihrem Hause zu empfangen, der eigentlich nicht in anständige Gesellschaft gehörte.

»Choulette nicht in anständige Gesellschaft?« rief sie ganz empört. »Weißt du denn nicht, daß er jedes Jahr einen Monat in der Vendée bei der Marquise de Rieu zubringt – ja, bei der streng katholischen, royalistisch gesinnten Marquise de Rieu, der alten Anhängerin der Chouans, wie sie sich selber nennt. Aber da du dich für Choulette interessierst, muß ich dir doch sein neuestes Abenteuer erzählen. Ich habe die Geschichte von Paul Vence, und in dieser Straße, wo man Unterjacken und Blumenstöcke in den Fenstern sieht, kann ich sie besser verstehen:

An einem regnerischen Abend im letzten Winter traf Choulette in einer Schnapsschenke, in einer Straße, deren Namen ich vergessen habe, die aber ebenso trostlos sein muß wie diese hier, ein unglückliches Mädchen, das selbst die Kellner in der Wirtschaft nicht angerührt hätten, und er verliebte sich in sie, weil sie gar so elend war. Sie nannte sich Maria, aber es war nicht einmal ihr eigener Name. Sie hatte sich nach einer Visitenkarte so genannt, die sie an der Tür ihrer Wohnung ganz oben unterm Dach in irgendeinem hôtel garni angenagelt gefunden hatte. Choulette war gerührt über diesen äußersten Grad von Armut und Schande; er nannte sie seine Schwester und küßte ihr die Hände. Er hat sie seitdem nicht wieder von sich gelassen. So wie sie ist, ohne Hut, nur mit einem Umschlagtuch, nimmt er sie mit in die Cafés des Quartier latin, wo die Studenten ihre Zeitung lesen. Er spricht milde und gut mit ihr, und dann weinen sie beide. Sie kneipen zusammen, und wenn sie betrunken sind, prügeln sie sich. Aber er liebt sie. Er nennt sie die Keusche – sein Kreuz und sein Heil. Anfangs ging sie barfuß; dann hat er ihr Stricknadeln und ein Gebinde grobe Wolle gekauft, damit sie sich Strümpfe stricken könne, und er beschlägt eigenhändig die Schuhe dieser Unglücklichen mit großen Nägeln. Und dann lehrt er sie Verse, die leicht zu verstehen sind. Bei alledem fürchtet er ihre innere Schönheit zu zerstören, wenn er sie ihrer Schande entreißen würde, in der sie mit so himmlischer Einfalt und bewundernswerter Bedürfnislosigkeit lebt.«

Le Ménil zuckte die Achseln.

»Aber dieser Choulette ist verrückt, und Paul Vence erzählt dir schöne Geschichten! Ich bin gewiß nicht prüde, aber es gibt einen Grad von Unmoral, der mich anekelt.«

Sie gingen aufs Geratewohl weiter. Thérèse war nachdenklich geworden: »Ja, ja, die Moral, ich weiß schon – die Pflicht! Aber der Teufel weiß, wie man ausfindig machen soll, wo die Pflicht eigentlich steckt. Ich versichere dich, ich weiß es fast nie. Es ist wie mit dem Igel unserer Miß in Joinville. Wir verbrachten den ganzen Abend damit, ihn unter allen Schränken zu suchen, und als wir ihn schließlich gefunden hatten, gingen wir zu Bett.«

Er fand, daß viel Wahrheit in dem steckte, was sie da sagte, mehr sogar, als sie selbst vermutete. Als er wieder allein war, dachte er noch lange darüber nach.

»Siehst du, deshalb tut es mir eigentlich leid, daß ich nicht beim Militär geblieben bin. Oh, ich weiß schon, was du mir darauf antworten wirst. Man wird stumpfsinnig bei diesem Metier. Ich gebe das zu, aber man weiß doch wenigstens immer, was man zu tun hat, und das ist viel wert im Leben. Ich finde zum Beispiel, daß mein Onkel, der General La Briche, ein sehr schönes Leben führt. Es ist ein angenehmes und ehrenvolles Dasein. Aber heutzutage, wo alles sich zum Militär drängt, gibt es eigentlich weder Offiziere noch Soldaten. Es ist wie am Sonntag auf dem Bahnhof, wenn die Schaffner die wie von Sinnen durcheinanderstürzenden Reisenden in die Abteile schieben. Mein Onkel La Briche hat sämtliche Offiziere und Soldaten seiner Brigade persönlich gekannt. In seinem Speisezimmer hängt noch ein großes Bild, wo alle ihre Namen draufstehen, und er liest sie von Zeit zu Zeit wieder durch, um sich zu zerstreuen. Aber wie soll heutzutage ein Offizier seine Leute kennen?«

Sie hörte schon längst nicht mehr zu. An der Ecke der Rue Galande hatte sie eine Frau entdeckt, die gebratene Kartoffeln verkaufte. Sie saß in einer Art Bude mit Glasscheiben. Der Schein des Kohlenfeuers fiel auf ihr Gesicht, das hell aus der Dunkelheit hervorleuchtete, während sie ihren Löffel in die brutzelnde Masse tauchte und die goldigen Scheiben in eine gelbe Papiertüte schüttete, in der Strohhälmchen glänzten. Daneben stand ein rothaariges kleines Mädchen, das ein Zweisousstück in der blaugefrorenen Hand hielt und aufmerksam ihren Bewegungen folgte.

Thérèse beneidete das Kind, als es mit seiner Tüte abzog, und fühlte plötzlich Hunger. Sie wollte durchaus auch diese gebratenen Kartoffeln probieren.

Er widersprach anfangs: »Gott weiß, womit sie gemacht werden«, aber schließlich mußte er doch hingehen und eine Tüte für zwei Sous verlangen und auch aufpassen, daß sie gehörig gesalzen wurden.

Während sie ihren Schleier zurückschlug und in die goldig glänzenden Scheiben biß, zog er sie weiter, in verödete kleine Gassen, fort vom Licht der Gaslaternen. Schließlich kamen sie wieder auf den Quai zurück und sahen jenseits des Stromes die dunkle Masse der Kathedrale emporwachsen. Der Mond hing über dem scharfzackigen First des Hochschiffs und goß sein silbernes Licht über das Kirchendach.

»Notre-Dame!« sagte Thérèse. – »Sieh doch, sie liegt so massig da wie ein Elefant und doch so feingegliedert wie ein Insekt. Und der Mond klettert auf ihr herum und betrachtet sie wie ein boshafter Affe. Der Mond ist in Paris ganz anders als bei uns zu Hause. In Joinville habe ich einen kleinen Lieblingsweg, es ist ein ganz gewöhnlicher kleiner Weg, aber man geht gerade auf den Mond zu. Natürlich ist er nicht immer da, aber er kommt doch treulich wieder mit seinem vollen, roten, wohlbekannten Gesicht – wie eine Nachbarin vom Lande, eine gute Frau aus der Umgegend. Und dann gehe ich ihm ganz ernsthaft entgegen und sage ihm höflich und freundschaftlich guten Tag; aber den Pariser Mond möchte ich nicht allzuoft besuchen. Er gehört nicht zur guten Gesellschaft. Was mag er alles gesehen haben, während er so über die Dächer hinstreicht.«

Le Ménil lächelte zärtlich: »Ja, dein kleiner Weg, den du immer allein gingst. Du behauptetest, du hättest ihn so lieb, weil man den Himmel so dicht vor sich hätte. Ich sehe ihn vor mir, als ob ich dort wäre.«

Es war in Joinville, gewesen, wo er, von ihrem Vater zur Jagd eingeladen, sie zum erstenmal gesehen hatte, und er hatte sich gleich in sie verliebt und sich nach ihrem Besitz gesehnt. Und dort am Rande des kleinen Gehölzes hatte er ihr eines Abends gesagt, daß er sie liebte, und sie hatte ihn schweigend angehört – mit schmerzhaft verzogenem Mund und vagem Blick.

Er wurde ganz gerührt, als er an diesen kleinen Weg dachte, den sie an den Herbstabenden so oft allein gegangen war. Er dachte an die seligen Stunden, da das erste Verlangen und die erste furchtsame Hoffnung in ihm erwacht war, und eine tiefe Erregung kam über ihn. Er suchte ihre Hand, die sie in den Muff gesteckt hatte, und drückte das zarte Handgelenk unter dem Pelzwerk.

Ein kleines Mädchen, das in einem von Tannenzweigen geflochtenen Korb Veilchen zum Verkauf anbot, ahnte, daß sie ein Liebespaar vor sich hatte, und kam mit ihren Blumen heran. Le Ménil kaufte ihr ein Sträußchen für zwei Sous ab und reichte es Thérèse.

Dann gingen sie auf die Kathedrale zu, und sie dachte im stillen: ›Wie ein riesenhaftes Tier sieht sie aus – wie ein Ungeheuer aus der Apokalypse.‹

Am anderen Ende der Brücke tauchte wieder eine Blumenhändlerin auf. Diesmal war es eine alte, schmutzige Frau mit welken, bärtigen Zügen, die mit einem Korb voll Mimosen und Rosen aus Nizza hinter ihnen her lief. Thérèse war gerade damit beschäftigt, sich den Veilchenstrauß an die Brust zu stecken, und antwortete heiter: »Dank' schön, ich habe alles, was ich brauche.«

Die Alte entfernte sich wieder und rief ihr unverschämt nach: »Man sieht, daß Sie noch jung sind.«

Thérèse begriff erst einen Augenblick später, was sie meinte, und konnte nicht umhin zu lächeln. Sie kamen jetzt an dem schattendunklen Portal mit den steinernen Statuen vorüber, die in den Nischen standen und Krone und Zepter trugen.

»Komm, laß uns hineingehen«, sagte sie. Er hatte keine Lust dazu. Es war ihm peinlich, ja, er fürchtete sich beinahe, mit ihr in eine Kirche zu gehen, und behauptete, es sei schon geschlossen. Er glaubte es, er wollte es. Aber sie stieß die Seitentür auf und trat leise in den ungeheuren Innenraum, dessen Pfeiler wie erstorbene Riesenbäume in die Dunkelheit hinaufwuchsen. Im Hintergrund bewegten sich Kerzen vor den gespensterhaften Gestalten der Priester, und die Orgel ließ noch ein paar klagende Töne hören, ehe sie ganz verstummte.

Sie schauderte zusammen in dieser Totenstille und sagte dann: »Dies melancholische Dunkel der Kirchen erschüttert mich; hier fühle ich die Erhabenheit des Nichts.«

»Wir müssen doch schließlich an irgend etwas glauben«, antwortete er, »wenn es keinen Gott gäbe, keine Unsterblichkeit, das wäre doch zu trostlos.«

Sie blieb eine Zeitlang regungslos in den tiefen Schatten, die von den Gewölben hingen, dann sagte sie: »Mein lieber Freund, wir wissen nicht einmal, was wir mit diesem kurzen Leben anfangen sollen, und du willst noch ein zweites, das niemals endet!«

 

Sie stiegen wieder in einen Wagen, um nach Hause zu fahren, und Le Ménil sagte, daß er einen angenehmen Tag verbracht habe. Er drückte sie zärtlich an sich und war sehr zufrieden mit ihr und mit sich selbst. Aber sie vermochte seine gute Laune nicht zu teilen. Das war oft so, wenn sie zusammen waren. Die letzten Augenblicke, die sie miteinander zubrachten, wurden ihr oft durch die Ahnung verdorben, daß er beim Abschied nicht das Wort finden würde, nach dem sie sich sehnte. Gewöhnlich verließ er sie schnell; es war, als ob das, was sie gemeinsam empfunden, nicht mehr in ihm nachklänge. Und jedesmal, wenn sie sich trennten, hatte sie das unbestimmte Gefühl, als ob alles zwischen ihnen aus sei. Das quälte sie schon im voraus, und sie wurde ganz nervös. Unter den Bäumen des Cours-la-Reine faßte er ihre Hand und küßte sie zu wiederholten Malen.

»Nicht wahr, Thérèse, es kommt selten vor, daß zwei Menschen sich so lieben wie wir beide?«

»Selten? Das weiß ich nicht, aber ich glaube, du liebst mich wirklich.«

»Und du?«

»Ich liebe dich auch.«

»Wirst du mich immer liebhaben?«

»Immer? Wer kann das wissen?«

Und dann, als sie sah, daß sein Gesicht sich verdüsterte: »Würdest du dich glücklicher fühlen mit einer Frau, die dir ewige Liebe schwört?«

Er war unruhig geworden und sah ganz unglücklich aus. Sie wollte ihn nicht quälen und suchte ihn völlig zu beruhigen.

»Du weißt doch, Lieber, daß ich nicht leichtsinnig bin. Ich bin nicht frivol wie die Prinzessin Seniavine.«

Am Ende der Straße, unter den Bäumen, sagten sie sich Lebewohl. Er blieb im Wagen sitzen, da er noch nach der Rue Royale fahren wollte, um im Club zu speisen und dann ins Theater zu gehen. Er hatte keine Zeit zu verlieren.

Thérèse ging zu Fuß nach Hause. Am Trocadéro, dessen Lichter sprühten wie diamantenes Geschmeide, fielen ihr die Worte der Blumenfrau vom Petit-Pont wieder ein, diese Worte im dunklen Wind: »Man sieht, daß Sie noch jung sind.« Und sie erschienen ihr jetzt nicht mehr keck und spöttisch wie vorhin, sondern stimmten sie unruhig und traurig. »Man sieht, daß Sie jung sind.« Ja, sie war jung, sie wurde geliebt, und doch fühlte sie – es war leer in ihr.

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