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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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18

Am Samstag um vier Uhr fand Thérèse sich, wie sie versprochen hatte, an der Pforte des englischen Friedhofs ein. Dechartre erwartete sie vor dem Gitter. Er war ernst und etwas verwirrt und sagte kaum ein Wort. Und sie war froh, daß er seine Freude nicht an den Tag legte. Dann führte er sie an der kahlen Mauer des Kirchhofs entlang bis zu einer schmalen Straße, die ihr völlig unbekannt war. Auf einem Schild las sie: Via Alfieri. Nachdem sie etwa fünfzig Schritt weit gegangen waren, blieb er vor einem dunklen Eingang stehen. »Hier«, sagte er.

Mit unsagbarer Traurigkeit blickte sie ihn an. »Sie wollen also, daß ich mitkommen soll?«

Sie sah, daß er fest entschlossen war, und folgte ihm, ohne weiter etwas zu sagen, in den dunkelfeuchten Flur. Nun kamen sie über einen Hof, wo Gras zwischen den Steinen wuchs. Im Hintergrund erhob sich ein Gartenhaus mit drei Fenstern, dessen säulengetragener Giebel mit Ziegen und Nymphen geschmückt war. Als sie auf der moosbewachsenen Terrasse standen, steckte er den Schlüssel ins Schloß. Er knirschte und wollte nicht schließen.

»Er ist verrostet«, murmelte er.

»Hierzulande sind alle Schlüssel verrostet«, sagte sie gedankenlos und ohne etwas damit sagen zu wollen.

Dann stiegen sie die Treppen hinauf, die mit ihrem Mäandergesims so still dalag, als ob seit langem keines Menschen Fuß sie betreten hätte. Er stieß eine Tür auf und ließ Thèrése in das Zimmer treten. Ohne um sich zu blicken, ging sie gleich auf das Fenster zu, das auf den Kirchhof hinaussah. Jenseits der Mauer ragten die Wipfel der Pinien empor, die in diesem Lande, wo Schmerz und Lust sich brüderlich zueinander gesellen und das süße Leben den Menschen bis an die Pforte des Grabes geleitet, durchaus keinen düsteren Eindruck machen.

Dechartre faßte sie an der Hand und führte sie zu einem Lehnstuhl. Aber sie blieb stehen und betrachtete das Zimmer, das er eingerichtet hatte, um ihrer Liebe ein Heim zu bereiten. Die Wände waren mit schönen alten Batikstoffen behängt, auf deren gemalten Komödiantenfiguren die freundliche Wehmut vergangener Freuden sprach. In einer Ecke des Zimmers hatte er ein halbverblichenes Pastell aufgehängt, das sie zusammen bei einem Antiquar gesehen hatten und das sie wegen seiner vergänglichen Anmut den Schatten der Rosa Alba nannte. Dann war da ein großer Lehnsessel und einige weiße Stühle; auf einem kleinen Tischchen standen bunte Tassen und venezianische Gläser. In allen Ecken papierne Wandschirme bemalt mit Masken, grotesken Figuren und Schäferszenen, in denen der leichtfertige Geist des alten Florenz, Bologna und Venedig zur Zeit der Großherzöge und der letzten Dogen sich widerspiegelte.

Thérèse bemerkte, daß er das Bett sorgfältig hinter einem von diesen Schirmen mit den lustigen Bildern verborgen hatte. Dazu noch einige Teppiche und ein Spiegel, das war die ganze Einrichtung. Mehr hatte er nicht gewagt, in dieser Stadt, wo eifrige Kunsthändler ihn geradezu verfolgten.

Nun schloß er das Fenster und zündete das Feuer an. Sie setzte sich in den Lehnstuhl, und er kniete vor ihr nieder, faßte ihre Hände, küßte sie und blickte sie lange mit ängstlicher und stolzer Bewunderung an. Dann warf er sich nieder und drückte seine Lippen auf die Spitze ihres Schuhes.

»Was machen Sie da?«

»Ich küsse Ihre Füße, die zu mir gekommen sind.«

Und nun stand er auf und zog sie sanft an sich. Er suchte ihre Lippen und drückte einen langen Kuß darauf. Sie blieb regungslos mit zurückgebogenem Kopf und geschlossenen Augen. Der Hut war ihr herabgeglitten, und ihr Haar hatte sich gelöst. – Und dann gab sie sich ihm hin, ohne sich weiter zu sträuben.

Zwei Stunden später, als die Sonne unterging und die Schatten auf dem Pflaster ins Riesenhafte wuchsen, stand Thérèse, die allein hatte gehen wollen, vor den beiden Obelisken der Santa Maria Novella. Sie wußte selbst nicht, wie sie dahin gekommen war.

An der Ecke des Platzes saß der alte Schuster und zog mit ewig gleicher Gebärde seinen Pechdraht, während der Sperling auf seiner Schulter saß. Der alte Mann lächelte.

Sie trat in den Laden und setzte sich auf einen Schemel. Dann sagte sie auf französisch: »Quentin Matsys, mein Freund, was habe ich getan, und was soll daraus werden?«

Er blickte sie ruhig und mit gütigem Lächeln an, ohne zu verstehen, ohne Besorgnis. Er wunderte sich über nichts mehr.

Sie schüttelte den Kopf. »Mein guter Quentin, ich habe es getan, weil er unglücklich war und weil ich ihn liebte. Ich bereue nichts.«

Und er antwortete wie immer sein melodisches »si, si«.

»Nicht wahr, Quentin, es war nicht unrecht von mir? Aber was soll jetzt geschehen, o mein Gott.«

Sie wollte wieder gehen. Da machte er ihr ein Zeichen, daß sie noch einen Augenblick bleiben möchte. Dann pflückte er vorsichtig ein Zweiglein von seinem Basilikum und reichte es ihr. »Weil es so schön duftet, Signora.«

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