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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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17

Nach dem Diner saßen sie im Salon. Miß Bell zeichnete bärtige Etruskerköpfe auf ein Kissen, das Madame Marmet sticken sollte. Fürst Albertinelli suchte die Stickwolle aus und legte dabei ein beinahe weibliches Feingefühl für Farbtöne an den Tag.

Der Abend war schon vorgerückt, als Choulette erschien, der wie gewöhnlich in einer kleinen Wirtschaft mit dem Koch Briscola gespielt hatte. Er strahlte, als ob der Geist eines Gottes über ihn gekommen wäre. Dann ließ er sich neben Madame Martin auf dem Sofa nieder und blickte sie zärtlich an, wobei ein wollüstiger Glanz in seinen grünen Augen funkelte. Er fing ein Gespräch mit ihr an und sang ihr Lob in poetischen und malerischen Redewendungen. Es klang wie der Entwurf zu einem Liebeslied, das er an ihrer Seite improvisierte. In abgerissenen, gequälten und seltsamen Sätzen sprach er ihr von dem Zauber, den sie ausströmte.

›Auch er!‹ dachte sie.

Und nun machte es ihr Spaß, ihn zu necken. Sie fragte ihn, ob er in den elenden Vierteln von Florenz nicht auch jene Sorte von Frauen gefunden habe, an die er sich am liebsten zu halten pflegte. Denn seine Vorliebe war bekannt, er mochte es leugnen oder nicht; man wußte, an welcher Tür er den Strick seiner Franziskanerkutte gefunden hatte. Seine Freunde hatten ihn öfters mit zweifelhaften Damen auf dem Boulevard Saint-Michel gesehen. Und seine Neigung für diese unglücklichen Geschöpfe ging durch seine schönsten Gedichte.

»Oh, Monsieur Choulette, soweit ich das beurteilen kann, taugen Ihre Auserwählten sehr wenig.«

Aber er antwortete in feierlichem Ton: »Sie mögen die Verleumdungen, die Monsieur Paul Vence über mich ausgestreut hat, mir mit vollen Händen ins Gesicht werfen. Das wird mich wenig kümmern. Sie brauchen nicht zu wissen, wie keusch ich bin und wie rein meine Seele ist. Aber urteilen Sie nicht so leichtfertig über die, die Sie ›jene Elenden‹ nennen. Gerade, weil sie unglücklich sind, sollten sie Ihnen heilig sein. Das verachtete und verlorene Weib ist wie weicher Ton in den Händen des himmlischen Töpfers, es ist Opferlamm und Sühnealtar zugleich. Die Prostituierten stehen Gott näher als die ehrbaren Frauen, denn sie haben allen Stolz und Hochmut von sich geworfen. Sie suchen ihren Ruhm nicht in nichtigem Schein wie die ehrbaren Frauen; dafür besitzen sie Demut, und das ist der Eckstein der Tugend, die dem Himmel wohlgefällig ist. Eine kurze Zeit der Reue genügt für sie, und dann werden sie dort die Ersten sein; denn ihre Sünden sind freudlos für sie und ohne Arg; deshalb tragen sie die Verzeihung und die Sühne in sich. Ihre Fehler sind zugleich ihr Leid, und das Leid wird ihnen zum Verdienst angerechnet werden. Als willenlose Werkzeuge der brutalen Genußsucht haben sie selbst jeder Wollust entsagt, und dadurch gleichen sie jenen Männern, die zur höheren Ehre Gottes Eunuchen wurden. Sie sind sündige Menschen wie wir alle, aber die Schande ist der Balsam, der ihre Schuld lindert, und das Leid läutert sie wie mit feurigen Kohlen. Und deshalb wird Gott sie erhören, wenn sie den Blick gen Himmel richten. Zur Rechten des Vaters ist ihnen der Thron bereitet, und im Himmelreich werden Kaiser und Königinnen glücklich sein, wenn sie zu den Füßen der Vorstadtdirnen sitzen dürfen. Denn Sie müssen nicht glauben, daß die himmlischen Wohnungen nach menschlichen Plänen eingerichtet sind. Weit gefehlt, Madame.«

Schließlich mußte er jedoch zugeben, daß es mehr als einen Weg gäbe, um das Heil zu erlangen. Die Liebe war einer von diesen Wegen.

»Die menschliche Liebe ist staubgeboren«, sagte er, »aber durch allen Schmerz hindurch steigt sie empor und führt zu Gott.«

Der Fürst war aufgestanden. Er küßte Miß Bell die Hand und sagte: »Auf Samstag.«

»Ja, Samstag, also übermorgen«, antwortete Vivian.

Thèrése erbebte. Samstag! Sie sprachen so ruhig darüber, als ob er schon ganz nah und ein Tag wie alle andern sei. Bis jetzt hatte sie nicht daran denken wollen, daß der Samstag so bald und so ganz von selbst kommen würde.

 

Eine halbe Stunde nachdem man sich getrennt hatte, lag Thérèse müde und wie betäubt in ihrem Bett und dachte nach. Plötzlich hörte sie leise an ihre Tür klopfen, und gleich darauf kam Vivians zierlicher Kopf unter der Portiere mit den großen Zitronenbäumen zum Vorschein.

»Hoffentlich störe ich Sie nicht, Darling? Sind Sie sehr müde?«

O nein, Darling hatte keine Lust zum Schlafen. Sie richtete sich auf und stützte sich auf die Ellbogen. Vivian setzte sich zu ihr aufs Bett, so vogelleicht, daß es unter ihr kaum nachgab.

»Darling, ich weiß, daß Sie viel Verstand haben. O ja, ich weiß es sehr wohl. Sie sind ebenso vernünftig, wie Monsieur Sadler ein guter Violinspieler ist. Er spielt zuweilen auch falsch, wenn er Lust dazu hat, und Sie tun es ebenso. Wenn Sie einmal nicht ganz richtig urteilen, so tun Sie es nur, um sich einen Virtuosenscherz zu machen. O Darling, Sie haben so viel Verstand und Urteil. Und ich möchte Sie um einen Rat bitten.«

Thérèse war überrascht und fühlte sich etwas beunruhigt. Sie protestierte in aller Aufrichtigkeit dagegen, daß sie viel Verstand habe. Aber Vivian hörte nicht auf das, was sie sagte.

»Ich habe viel François Rabelais gelesen, my love, durch die Lektüre von Rabelais und Villon habe ich Französisch gelernt. Es sind zwei alte gute Sprachlehrer. Darling, kennen Sie Pantagruel? Oh, Pantagruel ist eine schöne vornehme Stadt mit vielen Palästen, die im Glanz des Morgenrotes daliegt, ehe die Straßenkehrer dagewesen sind. O nein, Darling, der Schmutz ist noch nicht weggekehrt, und die Dienstmädchen haben die Marmorfliesen der Vorhöfe noch nicht gescheuert. Und ich habe gesehen, daß die Damen in Frankreich den Pantagruel nicht lesen. Sie kennen ihn auch nicht? Wirklich nicht? Oh, es ist nicht nötig. Nun, im Pantagruel fragt Panurge, ob er sich verheiraten soll, und er macht sich damit lächerlich. Ich werde mich ebenso lächerlich machen, aber ich möchte dieselbe Frage an Sie stellen.«

Thérèse vermochte ihr Unbehagen nicht zu verbergen, während sie antwortete: »Oh, um so etwas dürfen Sie mich nicht fragen, Liebste. Ich habe Ihnen meine Meinung darüber schon gesagt.«

»Aber, Darling, Sie haben nur gesagt, daß die Männer unrecht täten, sich zu verheiraten. Und das kann ich doch nicht auf mich beziehen.«

Madame Martin warf einen Blick auf Miß Bells kleinen knabenhaften Kopf. Der Ausdruck schamhafter Verliebtheit nahm sich so sonderbar auf ihrem Gesicht aus.

Dann gab sie ihr einen Kuß und sagte: »Aber, Liebste, es gibt keinen Mann auf der ganzen Welt, der zartfühlend und edel genug für Sie wäre.« Und mit liebevollem Ernst fügte sie hinzu: »Sie sind doch kein Kind mehr. Wenn jemand Sie liebt und Sie wirkliche Neigung für ihn fühlen, so tun Sie, was Sie für das Rechte halten, aber sehen Sie sich vor, daß sich in diese Liebe nicht etwa Interessen und Berechnungen mischen, die nichts mit wahrem Gefühl zu tun haben. Das rate ich Ihnen als Ihre Freundin.«

Miß Bell verstand nicht gleich. Dann wurde sie rot und erhob sich. Sie war schockiert.

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