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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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14

Als sie am nächsten Morgen erwachte, sagte sie sich, daß es Zeit sei, an Robert zu schreiben.

Es war ein regnerischer Tag; müde hörte sie zu, wie die Tropfen auf die Terrasse niederfielen.

Vivian Bell hatte ihr den Schreibtisch in raffinierter Sorgfalt mit einem ganzen Lager kunstgewerblicher Schreibwaren ausgestattet. Da waren kleine Briefbogen, die wie Pergamentblätter aus alten Gebetbüchern aussahen, und andere in Blaßviolett, die mit Silberstaub bestreut waren; leichte weiße Federn aus Zelluloid, die man wie Pinsel handhaben mußte; und die regenbogenfarbene Tinte schimmerte, sobald sie auf dem Papier stand, in Azur und Gold.

Thérèse wurde ungeduldig über all diese Zierlichkeiten und Finessen. Sie paßten so schlecht zu dem Brief, den sie schreiben wollte und der einfach und schlicht sein mußte.

Das Wort »Liebster«, mit dem sie Robert in der ersten Zeile anredete, schien ihr auf dem silbergrauen Papier zu schillern wie ein Taubenhals oder wie eine Perlmuttermuschel. Ein halbes Lächeln spielte um ihre Lippen.

Die ersten Sätze machten ihr Mühe, aber den Rest schrieb sie in aller Eile hin. Sie erzählte viel von Miß Bell und dem Fürsten Albertinelli, sprach dann etwas über Choulette und erwähnte, daß sie Dechartre auf der Durchreise in Florenz getroffen habe. Dann rühmte sie einige von den Bildern, die sie in den Museen gesehen hatte – aber ganz gedankenlos und nur um die Seiten zu füllen. Sie wußte ja, daß Robert nichts von Malerei verstand. Seine ganze Bewunderung galt einer kleinen Kürassierstatuette von Detaille, die er einmal bei Goupil gekauft hatte. Sie sah ihn wieder vor sich, den kleinen Reitersmann, den er ihr eines Tages mitten unter Familienphotographien in seinem Schlafzimmer vor dem Spiegel stolz gezeigt hatte. All das erschien ihr aus der Ferne dürftig, langweilig und trostlos.

Zum Schluß sagte sie ihm ein paar freundliche, warme Worte, die ihr wirklich von Herzen kamen. Sie hatte noch nie ein so mildes, versöhnliches Gefühl für ihn empfunden wie jetzt.

In vier Seiten hatte sie wenig gesagt und noch weniger zu verstehen gegeben. Sie teilte ihm nur noch mit, daß sie noch einen Monat in Florenz bleiben würde, da die Luft ihr guttäte. Dann schrieb sie an ihren Vater, an ihren Mann und die Prinzessin Seniavine und ging mit ihren Briefen in der Hand die Treppe hinab. Im Vorzimmer angelangt, warf sie drei auf die silberne Schale, die für die Postsachen bestimmt war. Nur den Brief an Robert Le Ménil ließ sie in die Tasche gleiten, weil sie Madame Marmets Späherblicke fürchtete. Sie dachte, es würde sich wohl bei einem Spaziergang Gelegenheit bieten, ihn in den Kasten zu werfen.

Gleich danach erschien Dechartre, um die Damen in die Stadt zu begleiten. Während er im Vorzimmer wartete, warf er einen Blick auf die Briefe.

Obwohl er nicht glaubte, daß man die Seele eines Menschen aus seiner Handschrift lesen könne, empfand er die Form der Buchstaben wie den Strich einer Zeichnung, der auch seine eigene Anmut haben kann. Und Schriftzüge der Thérèse entzückten ihn; sie kamen ihm vor wie eine Reliquie, die eben noch in ihrer Hand geruht hatte. Er betrachtete die Adressen, ohne sie zu lesen, und es gewährte ihm einen sinnlichen Genuß, den einfachen kühnen Schwung und die Offenheit, die aus ihren Schriftzügen sprach, zu bewundern.

Sie besuchten heute Santa Maria Novella. Die Gräfin Martin war schon einmal mit Madame Marmet dort gewesen, aber Miß Bell hatte ihnen Vorwürfe gemacht, daß sie die schöne Ginevra von Benci nicht gesehen hatten, die auf einem der Wandgemälde im Chor dargestellt war. Vivian behauptete, man dürfe dieses morgendliche Gesicht nur bei Morgenbeleuchtung betrachten.

Während die Dichterin und Thérèse miteinander plauderten, widmete Dechartre sich der guten Madame Marmet. Geduldig hörte er ihre Anekdoten an von den Mitgliedern der Akademie, die sich bei eleganten Damen zum Diner einladen ließen. Und dann weihte sie ihn in ihre Sorgen ein: Sie ging seit einigen Tagen damit um, sich einen Schleier zu kaufen, und konnte in Florenz keinen passenden finden, so daß sie sich nach den Läden in der Rue du Bac zurücksehnte.

Als sie die Kirche wieder verließen, kamen sie an dem Laden des Schusters vorüber, den Choulette sich zum Vorbild genommen hatte. Der brave Mann flickte ein Paar Bauernschuhe; neben ihm hob das Basilikum sein grünes Haupt, und der Sperling mit dem Holzbeinchen piepste.

Madame Martin fragte den Greis, wie es ihm ginge, ob er genug Arbeit habe, um davon leben zu können, und ob er zufrieden sei. Er beantwortete alle ihre Fragen mit dem anmutigen »Ja« der Italiener, mit diesem »si«, das in seinem zahnlosen Munde so milde klang. Dann ließ sie sich die Geschichte von seinem Sperling erzählen. Das arme kleine Tier war eines Tages mit dem Bein in siedendes Pech geraten.

»Ich habe meinem kleinen Gefährten aus einem Streichholz ein Holzbein gemacht, und jetzt kann er mir wieder wie früher auf die Schulter hüpfen.«

»Bei diesem guten alten Mann«, sagte Miß Bell, »lernt Monsieur Choulette Weisheit. Im alten Athen gab es einen Schuster mit Namen Simon, der philosophische Bücher schrieb und ein Freund von Sokrates war. Ich habe immer gefunden, daß Monsieur Choulette etwas von Sokrates hat.«

Thérèse fragte den Schuster nach seinem Namen und bat ihn, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Er hieß Serafino Stoppini und war aus Stia. Er war schon sehr alt und hatte viel Schweres erlebt.

Er schob seine Brille auf die Stirn, und nun kamen seine schon fast erloschenen milden blauen Augen unter den geröteten Liedern zum Vorschein.

»Ich hatte Frau und Kinder, aber sie sind nicht mehr. Ich habe manches gewußt, aber jetzt habe ich alles vergessen.«

Miß Bell und Madame Marmet waren fortgegangen, um einen Schleier zu suchen.

›Der alte Mann hat nichts weiter auf der Welt‹, dachte Thérèse, ›als sein Werkzeug, eine Handvoll Nägel, einen Zuber, in dem er sein Leder aufweicht, und einen Blumentopf – und er ist glücklich.‹ Dann sagte sie: »Die Blume, die Sie da haben, duftet so schön, und bald wird sie blühen.«

»Wenn das arme kleine Ding blüht, muß es sterben«, antwortete er.

Dann ging sie fort und ließ ein Geldstück auf dem Tisch zurück. Dechartre begleitete sie. In ernstem, beinah strengem Ton sagte er: »Sie haben es gewußt?«

Sie sah ihn an und wartete, und er fuhr fort: »... daß ich Sie liebe.«

Sie sah ihn an, und ihre Lider zuckten. Einen Augenblick ließ sie ihre hellen Augen auf ihm ruhen, dann nickte sie bejahend mit dem Kopf. Dann ging sie rasch auf Miß Bell und Madame Marmet zu, die am Ende der Straße auf sie warteten. Er machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten.

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