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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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12

Am Morgen, den Kopf auf dem mit einem glockenförmigen Wappen bestickten Kissen, dachte Thérèse an die Spaziergänge vom Tage vorher, an die zarten Madonnen im Kranz der Engel, an die unzähligen Kindergestalten in Stein und Farbe, alle schön, alle glücklich, die unschuldig das Halleluja der Anmut und Schönheit durch die ganze Stadt verkündeten.

In der berühmten Brancacci-Kapelle hatten sie zusammen vor den Fresken gestanden, die in ihrem bleichen Glanz wie ein überirdisches Morgenrot schimmern, und er hatte ihr von Masaccio erzählt. Er sprach so lebendig und anschaulich, daß sie den jugendlichen Meister wirklich vor sich zu sehen glaubte, mit dem leicht geöffneten Munde und den dunkelblauen Augen, die abwesend und in verzückter Ermattung blickten. Sie hatte die Wunder dieses Morgens geliebt, der bezaubernder ist als der Tag. Dechartre war für sie die Seele dieser herrlichen Formen, der Geist dieser edlen Dinge. Durch ihn, in ihm begriff sie die Kunst und das Leben. Sie interessierte sich für das Schauspiel der Welt nur, sofern es ihn interessierte.

Wie war diese Sympathie entstanden? Sie war sich selbst nicht ganz klar darüber. Damals, als Paul Vence ihn ihr vorstellen wollte, hatte sie keine Lust gehabt, ihn kennenzulernen, und keine Vorahnung davon, daß er ihr gefallen würde. Sie hatte sich nur an die zierlichen Bronzen und die feinen, mit seinem Namen gezeichneten Wachsmedaillons erinnert, die sie in den Ausstellungen des Champ-de-Mars und bei Durand-Ruel von ihm gesehen hatte. Aber es war ihr niemals in den Sinn gekommen, daß er selbst sympathisch sein oder einen größeren Reiz auf sie ausüben würde als all die andern Künstler und Kunstliebhaber, die sie manchmal zu ihrer Unterhaltung zu einem kleinen intimen Frühstück bei sich versammelte.

Als sie ihn dann sah, gefiel er ihr; sie hatte den ruhigen Wunsch, ihn an sich zu ziehen, ihn öfter zu sehen. An dem Abend, als er bei ihr dinierte, wurde sie gewahr, daß sie eine edle Neigung für ihn empfand, die ihr selbst wohltat. Aber gleich danach fing er an, sie etwas zu irritieren. Es machte sie ungeduldig, daß er so in sich selbst abgeschlossen war, nur in seiner eigenen Gedankenwelt lebte und sich zuwenig mit ihr beschäftigte. Es reizte sie, ihn aus seinem inneren Gleichgewicht aufzustören.

In diesem Zustand von Ungeduld und unter dem drückenden Gefühl ihrer Vereinsamung hatte sie ihn dann eines Abends vor dem Gitter des Musée des Religions getroffen, wo er ihr von Ravenna erzählt hatte und von der Kaiserin, die auf einem goldenen Sessel in ihrem Grabe thronte. Sein ernstes Wesen, der warme Ton seiner Stimme und der sanfte Blick seines Auges hatten sie bezaubert im Dunkel jenes Abends; aber er war zu fremd, zu fern, zu unbekannt. Fast wie körperliches Unbehagen war es über sie gekommen, und als sie damals an der Buchsbaumhecke entlangging, die die Terrasse abschließt, wußte sie nicht, ob sie sich danach sehnte, jeden Tag mit ihm zusammen zu sein oder ihn niemals wiederzusehen.

Und seit sie sich in Florenz wiedergefunden hatten, war sie nur glücklich, wenn er in der Nähe war, wenn sie seine Stimme hören konnte. Er machte ihr das Leben liebenswert, bunt und vielfältig – und neu, ganz neu. Er offenbarte ihr die erlesenen Wonnen und die süße Melancholie des Denkens; er weckte wollüstige Begierden, die in ihr schliefen. Sie war jetzt entschlossen, ihn an sich zu fesseln. Aber wie? Ihr klarer Geist sah alle Schwierigkeiten voraus. Einen Augenblick versuchte sie, sich selbst zu belügen: Er war ein Träumer und Schwärmer, ein Sonderling, der ganz in der Kunst aufging – es war ja möglich, daß er den Frauen gegenüber nicht leidenschaftlich empfand. Vielleicht würde er ihr Freund bleiben, ohne jemals mehr von ihr zu begehren. Aber sogleich schüttelte sie ihr schönes Haupt, das, von der dunklen Haarflut umwogt, auf dem Kissen ruhte; nein, mit diesem Gedanken wollte sie sich nicht beruhigen. Wenn Dechartre kein Liebender wäre, verlöre er für sie seinen ganzen Zauber.

Sie wagte nicht an die Zukunft zu denken. Sie lebte im Heute; glücklich, voll Unruhe und mit geschlossenen Augen.

So lag sie träumend in dem Halbdunkel, durch das vereinzelte Lichtstrahlen huschten, als ihre Kammerjungfer eintrat und ihr mit dem Morgentee einige Briefe brachte. Auf einem Umschlag, der das Zeichen des Clubs in der Rue Royale trug, erkannte sie Le Ménils gewandte, ungekünstelte Handschrift. Sie hatte diesen Brief erwartet; sie war nur überrascht, daß das, was kommen mußte, nun wirklich kam. Es war wie in ihrer Kindheit, wenn der unausbleibliche Stundenschlag der Uhr zur Klavierstunde rief.

Robert machte ihr berechtigte Vorwürfe. Warum war sie abgereist, ohne es ihn wissen zu lassen, ohne ihm auch nur Lebewohl zu sagen? Seit er wieder in Paris war, hatte er jeden Morgen auf einen Brief von ihr gewartet, aber es war keiner gekommen. Voriges Jahr war er glücklicher gewesen, als er zwei- oder dreimal in der Woche früh beim Aufwachen Briefe von ihr vorfand, so hübsch und wohlgesetzt, daß er bedauerte, sie nicht drucken lassen zu können. Voller Unruhe war er schließlich zu ihr gegangen.

»Ich war ganz bestürzt, als ich hörte, daß Du abgereist seist. Dein Mann hat mich empfangen und mir gesagt, daß Du auf seinen Rat für den Rest des Winters nach Florenz zu Miß Bell gegangen seist. Du wärest in letzter Zeit so blaß und mager geworden, und da habe er gedacht, daß eine Luftveränderung Dir guttun würde. Du wolltest nicht reisen, aber da Dein Zustand sich nicht besserte, habe er ernstlich darauf gedrungen.

Ich habe übrigens nichts davon gemerkt, daß Du schlecht ausgesehen hast. Im Gegenteil, mir schien, Deine Gesundheit ließ nichts zu wünschen übrig. Und außerdem ist Florenz durchaus kein günstiger Winteraufenthalt. Ich verstehe nicht, weshalb Du fortgegangen bist, und es beunruhigt mich aufs höchste. Ich bitte Dich, nimm diese Unruhe von mir.

Glaubst Du, daß es angenehm für mich war, erst durch Deinen Mann etwas über Dich zu erfahren und von ihm ins Vertrauen gezogen zu werden? Deine Abwesenheit ist ihm sehr unangenehm, und er ist ganz unglücklich, daß die Ansprüche, die das öffentliche Leben an ihn stellt, ihn jetzt in Paris zurückhalten. Im Club habe ich gehört, daß er Aussichten hat, Minister zu werden. Ich habe mich sehr darüber gewundert, denn man pflegt Minister gewöhnlich nicht unter den Leuten der höheren Gesellschaft zu wählen.«

Dann erzählte er von seiner Jagd. Er hatte drei Fuchsfelle für sie mitgebracht. Das eine war ganz besonders schön, von einem tüchtigen Burschen, den er selbst am Schwanz aus seinem Bau gezogen hatte; dabei hatte sich das Tier herumgedreht und ihn in die Hand gebissen. »Eigentlich war die Bestie ganz in ihrem Recht«, fügte er hinzu.

In Paris hatte er Verdruß. Sein kleiner Vetter wollte in den Club aufgenommen werden, und er fürchtete, daß er schwarz ballotiert würde. Die Bewerbung war aber bereits publik geworden, und unter diesen Umständen wagte er ihm nicht den Rat zu geben, sie zurückzuziehen. Damit hätte er eine sehr große Verantwortung übernommen. Andererseits wäre eine Ablehnung äußerst unangenehm.

Zum Schluß bat er sie noch einmal dringend, ihm bald Nachricht zu geben und recht bald wiederzukommen.

Als Thérèse den Brief gelesen hatte, zerriß sie ihn langsam und warf ihn dann ins Feuer. Mit fühlloser Trauer, ohne Mitleid, sah sie träumerisch zu, wie er verbrannte.

Zweifellos hatte er recht. Er sagte, was er sagen mußte, beklagte sich, wie er sich beklagen mußte. Aber was sollte sie ihm darauf antworten? Weiter um Nichtigkeiten mit ihm streiten, immer noch mit ihm schmollen? Als ob jetzt von Schmollen die Rede wäre! Der Grund ihres damaligen Zwistes war ihr inzwischen so gleichgültig geworden, daß sie erst nachdenken mußte, um sich daran zu erinnern. O nein, sie hatte gar keine Lust mehr, ihn zu quälen. Im Gegenteil, sie war jetzt sehr milde gegen ihn gestimmt. Aber es machte sie traurig, und sie erschrak beinahe darüber, daß er ihr so völlig vertraute und sie mit einer unbeirrbaren Ruhe liebte. Er hatte sich nicht verändert, er war noch ganz derselbe wie früher. Aber sie war nicht dieselbe geblieben. Es hatte sich etwas zwischen sie gedrängt, ein fast unmerkliches und doch mächtiges Etwas, wie der Einfluß der Luft, der Leben oder Tod bringt.

Als Pauline wiederkam, um sie anzukleiden, hatte sie noch nicht angefangen, seinen Brief zu beantworten.

Bekümmert dachte sie: ›Er vertraut mir, er ist ruhig.‹ Ja, das war es ja gerade, was sie so ungeduldig machte. Diese einfachen Naturen, die weder an sich noch anderen zweifeln, brachten sie auf.

Als sie dann in den Glockensalon trat, saß Miß Bell dort und schrieb. »Wollen Sie wissen, Darling, was ich gemacht habe, bis Sie kamen? Nichts und alles. Ich habe Verse gemacht. Oh, Darling, wir müssen die Poesie haben, damit wir aussprechen können, was uns das Herz bewegt.«

Thérèse küßte ihre Freundin und legte den Kopf an ihre Schulter: »Darf ich sehen?«

»O ja, Darling, sehen Sie nur. Es sind Verse nach dem Vorbild französischer Volkslieder.«

Und Thérèse las:

»Sie warf den weißen Kiesel
wohl in die blaue Flut.
Er sank, sank in die Wellen;
wo er verloren ruht.
Doch sie, die ihn geworfen,
sie hatte Schmach und Schmerz,
daß sie den falschen Wassern
zuwarf ihr volles Herz.«

»Ist das ein Sinnbild, Vivian? Bitte, erklären Sie es mir.«

»Oh, Darling, warum erklären? Wozu? Ein poetisches Bild muß mehrere Bedeutungen haben, und die, die Sie darin finden, wird für Sie die wahre sein. Aber in diesen Versen liegt noch ein ganz bestimmter Sinn: Man soll das, was man im Herzen trägt, nicht leichtsinnig von sich werfen.«

Es war angespannt. Sie hatten verabredet, die Galerie Albertinelli in der Via del Moro zu besuchen. Der Fürst erwartete sie, und Dechartre sollte sie dort treffen. Während der Wagen über das Steinpflaster der Chaussee abwärts rollte, versprudelte Vivian Bell in munterem Gezwitscher ihre geistreich mutwillige Heiterkeit. Als sie an den rosa oder weiß gestrichenen Häusern vorbeikamen, die von terrassenförmig angelegten Gärten mit Statuen und Springbrunnen umgeben sind, zeigte sie ihrer Freundin die Villa unter den blauschwarzen Pinien, wo die Damen und Kavaliere des Decamerone Zuflucht gesucht hatten, als die Pest Florenz verheerte, und wo sie sich die Zeit vertrieben, indem sie sich galante, übermütige oder tragische Geschichten erzählten.

Dann sprach sie von einem guten Einfall, den sie gestern abend gehabt hatte. »Sie waren mit Monsieur Dechartre in die Brancacci-Kapelle gegangen und hatten Madame Marmet in Fiesole zurückgelassen. Sie ist wirklich eine angenehme alte Dame, so vernünftig und liebenswürdig. Und sie weiß so viele Anekdoten über berühmte Pariser Persönlichkeiten. Wenn sie so erzählt, macht sie es gerade wie mein Koch Pampaloni. Wenn er Spiegeleier serviert, salzt er sie nämlich nicht, sondern stellt das Salzfaß daneben. Madame Marmet spricht mit der sanftesten Zunge; aber sie gibt das Salz auch daneben – in ihren Blicken, nach Pampalonis Rezept. Und jeder kann sich bedienen, wie er mag.

Oh, ich habe Madame Marmet sehr gerne. Gestern als Sie fort waren, fand ich sie ganz allein und traurig in einer Ecke des Salons sitzen. Sie dachte an ihren Mann, und ich sah, daß es traurige Gedanken waren. Da habe ich zu ihr gesagt: ›Madame Marmet, soll ich mit Ihnen an Ihren Mann denken? Ich möchte es sehr gerne tun. Ich habe gehört, daß er ein sehr gelehrter Mann war und Mitglied der Société Royale in Paris. Erzählen Sie mir doch etwas von ihm! Sie erzählte mir dann, daß er sein ganzes Leben den Etruskern gewidmet hatte. Oh, Darling, dieser Monsieur Marmet ist mir gleich lieb geworden, weil er für die alten Etrusker gelebt hat. Und da bin ich auf einen guten Gedanken gekommen und habe zu Madame Marmet gesagt: ›Wir haben hier in Fiesole ein kleines etruskisches Museum im Palazzo Pretorio. Wollen wir zusammen dorthin gehen?‹ Sie antwortete mir, daß es ihr mehr Freude machen würde als alle andern Kunstschätze von ganz Italien. So sind wir zusammen in den Palazzo Pretorio gegangen. Wir haben dort eine Löwin gesehen und eine ganze Menge groteske kleine Männer aus Bronze, ganz dicke und ganz dünne. Die alten Etrusker waren ein mit Ernst heiteres Volk. Sie machten Karikaturen in Erz. Und Madame Marmet betrachtete all diese Knirpse, von denen einige ihren dicken Bauch kaum mitschleppen können, während man bei andern alle Knochen zählen kann, mit einer Art schmerzerfüllter Bewunderung. Sie sah sie an, als ob – es gibt da einen sehr schönen französischen Ausdruck, den ich suche –, als ob sie die Trophäen und Denkmäler von Monsieur Marmet wären.«

Madame Martin lächelte, aber sie war bekümmert. Der Himmel kam ihr so trübe vor, die Straßen so häßlich, und die Menschen, die vorübergingen, sahen so gewöhnlich aus.

»Oh, Darling, der Fürst wird sich sehr freuen, Sie in seinem Palazzo zu empfangen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Aber warum denn, Darling?«

»Weil ich ihm nicht sehr sympathisch bin.«

Aber Vivian Bell versicherte ihr, daß der Fürst im Gegenteil ein großer Verehrer von ihr sei.

Sie hielten vor dem Palazzo Albertinelli. Im Rustikamauerwerk der düsteren Fassade waren bronzene Halteringe eingelassen, die einst in festlichen Nächten Pechfackeln trugen und die noch heute in Florenz die Wohnungen der vornehmsten Geschlechter bezeichnen. So atmete das Äußere trotzig wilden Stolz; das Innere zeigte sich leer, müßig, gelangweilt. Der Fürst eilte ihnen entgegen und führte sie durch kahle Salons in die Galerie. Er entschuldigte sich, daß er ihnen Bilder zeigte, die ihm zweifelsohne nicht viel Ehre machten. Der Kardinal Giulio Albertinelli hatte die Sammlung zu der Zeit zusammengestellt, als die heute überwundene Vorliebe für Guido Reni und die Carraccis herrschte. Sein Vorfahr hatte besonders die Werke der Bologneser Schule gesammelt. Aber er würde Madame Martin einige Bilder zeigen, die Miß Bell nicht mißfallen hatten, darunter einen Mantegna.

Die Gräfin Martin sah auf den ersten Blick, daß sie eine recht belanglose und zweifelhafte Sammlung vor sich hatte. Sie langweilte sich sofort unter der Unmenge kleiner Bildchen von Parrocel, die in ihrem gemalten Dunkel im Feuerschein ein Stückchen Rüstung und das Hinterteil eines Schimmels sehen ließen.

Dann erschien ein Kammerdiener und überreichte dem Fürsten eine Karte. Er wandte seinen Gästen den Rücken zu, während er laut Dechartres Namen las. Sein Gesicht nahm dabei jenen unzufriedenen, grausamen Zug an, den man sonst nur auf den Marmorbildern der römischen Kaiser sieht. Dann ging er lächelnd Dechartre entgegen, der die Treppe heraufkam. Nero hatte sich schon in Antinous verwandelt.

»Ich habe Monsieur Dechartre gestern aufgefordert, hierherzukommen«, sagte Miß Bell zu ihm, »ich wußte, daß Sie sich darüber freuen würden. Er möchte gern Ihre Galerie sehen.«

In Wirklichkeit war Dechartre nur gekommen, weil er hoffte, Madame Martin zu treffen.

Nun gingen sie alle vier durch die Galerie, zwischen den Bildern von Guido Reni und Albani. Miß Bell zwitscherte dem Fürsten hübsche Sachen zu über all die Patriarchen und heiligen Jungfrauen, deren blaue Mäntel aussahen, als ob ein beständiger Wind sie aufblähte. Dechartre war blaß und nervös, er trat dicht zu Madame Martin heran und sagte leise: »Die Galerie ist nichts weiter als ein Depot, wo sämtliche Kunsthändler der Welt den Ausschuß aus ihren Läden aufhängen, und der Fürst verkauft hier, was sie nicht an den Mann bringen konnten.«

Dann zeigte er ihr eine heilige Familie, die auf einer mit grünem Samt drapierten Staffelei stand und auf dem Rahmen den Namen Michelangelos trug.

»Sehen Sie, diese heilige Familie habe ich bei den Kunsthändlern in London, Basel und Paris gesehen. Und da diese nicht einmal die fünfundzwanzig Louisdor dafür bekommen konnten, die sie vielleicht wert ist, haben sie den letzten der Albertinellis damit beauftragt, sie für fünfzigtausend Francs zu verkaufen.«

Der Fürst hatte gesehen, daß sie miteinander flüsterten. Er erriet, was sie sprachen, und trat mit liebenswürdigem Lächeln auf sie zu: »Von diesem Bild gibt es noch ein zweites Exemplar, das überall ausgeboten worden ist. Ich will nicht behaupten, daß dieses hier das Original ist, aber es ist immer in der Familie geblieben, und die alten Kataloge schreiben es Michelangelo zu. Das ist alles, was ich darüber sagen kann.«

Dann wandte er sich wieder zu Miß Bell, die nach den Primitiven suchte.

Dechartre war in einer unbehaglichen Stimmung. Seit gestern abend dachte er unaufhörlich an Thérèse. Ihr Bild hatte ihn die ganze Nacht nicht losgelassen. Und als er sie jetzt wiedersah, kam sie ihm noch ganz anders bezaubernd vor als in den langen, schlaflosen Stunden. Sie erschien ihm noch begehrenswerter, weniger weich und verschwebend; sie wirkte jetzt stärker auf seine Sinne, heftiger, brennender, und zugleich kam ihre Seele ihm geheimnisvoller und unergründlicher vor. Sie war traurig, sie schien kalt und zerstreut – und er sagte sich, daß er ihr nichts bedeute, daß er lästig und lächerlich werde.

Und bei diesem Gedanken wurde er finster und gereizt. In bitterem Tone flüsterte er ihr zu: »Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich kommen sollte. Eigentlich wollte ich nicht. Warum habe ich es doch getan?«

Sie verstand gleich, was er damit sagen wollte. Sie fühlte, daß er begann, ihre Nähe zu fürchten, und daß er dabei ungeduldig, schüchtern und verlegen war. Aber gerade so wollte sie ihn haben. Sie war ihm dankbar dafür, daß ihre Gegenwart ihn erregte und beunruhigte.

Das Herz klopfte ihr, während er so sprach, aber sie tat, als ob sie glaubte, daß er sich nur ärgere, seine Zeit mit diesen schlechten Bildern vergeudet zu haben. So antwortete sie, die Galerie sei in der Tat nicht interessant. Er hatte schon gefürchtet, ihr Mißfallen zu erregen, und war jetzt ganz beruhigt. Er dachte, daß sie in ihrer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit weder den Ton noch die Bedeutung seiner Worte verstanden habe, und sagte: »Nein, sie ist nicht interessant.«

Der Fürst hatte die Damen zum Frühstück eingeladen und forderte Dechartre auf, ebenfalls dazubleiben. Aber er entschuldigte sich.

Als er fortgehen wollte, sah er sich plötzlich mit Madame Martin allein in dem großen, leeren Salon, wo auf den Pfeilertischchen Konfektschachteln herumlagen. Eben vorher hatte er sich vorgenommen, sie zu meiden, aber jetzt dachte er nur noch daran, wann er sie wiedersehen würde. Er erinnerte sie daran, daß sie morgen den Bargello besuchen wollte: »Sie hatten mir erlaubt, Sie zu begleiten.«

Dann fragte sie, ob er nicht gefunden habe, daß sie heute langweilig und verstimmt gewesen sei.

Nein, langweilig hatte er sie durchaus nicht gefunden, aber es war ihm so vorgekommen, als ob sie traurig sei.

»Leider«, fügte er hinzu, »habe ich nicht einmal das Recht zu fragen, warum Sie traurig oder fröhlich sind.«

Sie warf ihm einen schnellen, beinahe harten Blick zu: »Sie werden wohl nicht glauben, daß ich Sie zu meinem Vertrauten machen will, hoffe ich.«

Damit wandte sie sich brüsk um.

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