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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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11

Am frühen Morgen machte es ihr Freude, sich mit peinlicher und unauffälliger Sorgfalt anzuziehen. Ihr Ankleidezimmer verdankte sein Entstehen einer ästhetischen. Laune Vivian Bells. Mit seiner Fülle von grobglasiertem irdenem Geschirr, von schweren Kupfergefäßen und mit seinen schachbrettartigen Kachelwänden glich es einer Küche, aber einer Küche aus dem Feenreich. Es war bäurisch und dabei märchenhaft; die Gräfin Martin sollte die angenehme Überraschung haben, sich hier wie im Zauberland zu fühlen. Während die Jungfer sie frisierte, hörte sie unter ihrem Fenster Dechartre und Choulette miteinander plaudern. Sie machte wieder auf, was Pauline aufgesteckt hatte, und entblößte kühn ihre feine und klare Nackenlinie. Dann warf sie noch einen letzten Blick in den Spiegel und ging in den Garten hinab.

Der Garten war wie ein glückseliger Friedhof mit Taxus bewachsen. Dechartre zitierte Dantes Verse angesichts von Florenz: »Zur Stunde, da der Geist dem Leibe fremder ist ...«

Choulette saß neben ihm auf der Balustrade der Terrasse, ließ die Beine baumeln, hatte die Nase, in den Bart vergraben und schnitzte an der Gestalt des Elends auf seinem Wanderstecken. Dechartre nahm die Verszeilen wieder auf: »Zur Stunde, da der Geist dem Leibe fremder ist und minder von Gedanken schwer wird, wird er zum Gotte in Visionen ...«

Sie kam in einem maisfarbenen Kleide mit ihrem Sonnenschirm die Buchsbaumhecke entlang. Die zarte Wintersonne hüllte sie in mattes Gold.

Dechartre legte Freude in das »Guten Tag«, das er ihr sagte.

»Sie zitieren da Verse, die ich nicht kenne«, sagte sie. »Ich kenne nur Metastasio. Mein italienischer Lehrer liebte ihn sehr, und eigentlich nur ihn. Was ist das für eine Stunde, da der Geist zum Gott wird in Visionen?«

»Es ist die Stunde der Morgenröte. Vielleicht auch die Morgenstunde des Glaubens und der Liebe.«

Choulette bezweifelte, daß der Dichter Morgenträume gemeint haben sollte, die doch im Erwachen so lebhafte und manchmal unangenehme Eindrücke hinterlassen und die dem Leibe nicht fremd sind. Aber Dechartre hatte die Verse nur in der Begeisterung über die goldene Morgendämmerung zitiert, die er heute über den lichten Hügeln hatte auferstehen sehen. Schon lange quälte er sich mit Bildern, die ihn im Schlafe überfielen, und er war der Ansicht, daß diese Gestalten sich nicht auf die Dinge bezögen, die uns am meisten beschäftigen, sondern im Gegenteil auf Gedanken, die man tagsüber von sich wiese.

Da gedachte Therese wieder ihres Morgentraumes: des Jägers, der sich in der tiefen Allee verlor.

»Ganz gewiß«, sagte Dechartre, »ist das, was wir des Nachts sehen, ein unglückseliger Rest dessen, was wir am Tage vorher vernachlässigt haben. Der Traum ist häufig die Rache der Dinge, die wir verachten, oder der Vorwurf der Wesen, um die wir uns nicht kümmern. Daher wohl auch sein Überraschen und oft seine Melancholie.«

Einen Augenblick dachte sie nach und sagte: »Sie mögen recht haben.« Dann fragte sie Choulette rasch, ob das Bild des Elends auf seinem Stockknauf bald fertig wäre. Das Elend war zu einer Pietà geworden. Choulette erkannte die heilige Jungfrau darin. Er hatte sogar einen Vierzeiler gedichtet, den er in Spiralen darunterschreiben wollte, einen lehrhaft moralischen Vierzeiler. Er wollte fortan nur noch im Stil der Zehn Gebote schreiben, in französischen Versen. Der Vierzeiler war von solch schlichter, guter Art. Er ließ sich bewegen, ihn zu rezitieren :

»Ich weine im Kreuzesstaube.
Weine mit und liebe und glaube
am Erlöserbaum der Erde,
daß er allbeschattend werde.«

Wie am Tage ihrer Ankunft lehnte Thérèse auf der Balustrade der Terrasse und suchte fern in der Tiefe des Lichtmeeres die Gipfel der Vallombrosa, die fast ebenso durchsichtig klar waren wie der Himmel. Jacques Dechartre schaute sie an. Er glaubte sie zum erstenmal zu sehen, so zart fand er ihr Gesicht, in das die Arbeit des Lebens und der Seele Tiefen gegraben hatte, ohne die jugendliche Anmut und Frische zu zerstören. Das Licht, das sie so liebte, meinte es gut mit ihr. Sie war wirklich schön, gebadet in der leichten Helle von Florenz, die schöne Formen liebkost und hohe Gedanken nährt. Ein leichtes Rot stieg in ihre wohlgerundeten Wangen; die blaugrauen Augen lachten, und wenn sie sprach, hatte der Glanz ihrer Zähne eine brennende Süße. Er umfaßte mit einem einzigen Blick ihren biegsamen Körper, die vollen Hüften und den kühnen Schwung ihrer Gestalt. In der linken Hand hielt sie den Sonnenschirm, die rechte, nackt wie die andere, spielte mit Veilchen. Dechartre hatte eine Vorliebe, eine Liebe, eine Leidenschaft für schöne Hände. Hände hatten in seinen Augen einen ebenso frappanten Ausdruck wie Gesichter, sie zeigten Charakter und Seele. Und diese Hände begeisterten ihn. Er fand sie sinnlich und durchgeistigt. Sie schienen ihm nackt zu sein aus Wollust. Anbetend stand er vor den schlanken Fingern, den rosigen Nägeln und der zärtlich weichen, ein wenig vollen Innenhand, die feine Linien wie Arabesken durchliefen und die sich an den Fingerwurzeln in kleinen Hügeln harmonisch wölbte. Er betrachtete sie mit so verzückter Aufmerksamkeit, daß sie sie über dem Schirmgriff schloß. Dann trat er etwas hinter sie und betrachtete sie weiter. Die zarten reinen Linien des Oberkörpers und der Arme, die vollen Hüften, die feinen Knöchel, die schöne Gestalt dieser lebenden Amphora alles gefiel ihm an ihr.

»Der dunkle Fleck dort unten, das sind doch die Boboli-Gärten, nicht wahr, Monsieur Dechartre? Ich habe sie vor drei Jahren gesehen. Und wenn sie auch fast ohne Blumen waren, ich liebte sie wegen ihrer großen, traurigen Bäume.«

Er war beinahe überrascht, daß sie sprach und dachte. Der klare Klang ihrer Stimme setzte ihn in Erstaunen, als hörte er ihn zum ersten Male.

Er sagte, was ihm gerade einfiel, und lächelte gezwungen, weil er den unzweideutig sinnlichen Kern seines Begehrens verbergen wollte. Er benahm sich linkisch und ungeschickt. Sie schien es nicht zu bemerken und war wohl glücklich. Seine tiefe Stimme, die sich verschleierte und fast erstarb, fühlte sie unbewußt wie eine Liebkosung. Und auch sie sagte wie er harmlose Dinge wie:

»Die Aussicht ist wirklich schön. Das Wetter ist angenehm.«

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