Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Zschokke >

Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

8.
Der Herr von Schauenstein.

Sie standen vor einem hinfälligen, alten Gebäude. Es war ihr Gasthaus; gegenüber stand ein niedriges Kirchlein, in offener Zwietracht mit dem ihm angebauten Glockenthurme. Dieser hatte sich von seinem verwitterten Gotteshause losgerissen und hing in schräger Richtung, gleich dem von Pisa, über den Gräbern eines berasten Kirchhofes, als sehne er sich hinab zu ihrer Ruhe.

Der Herr Baron hat schon zehnmal nach Euch verlangt, Herr Hauptmann, schrie die Wirthin durch's Fenster. Ihr sollt sogleich zu ihm kommen.

Prevost eilte gehorsam die Treppe hinauf und trat in's Zimmer des Barons; in ein dunkles Stübchen, dessen Wände mit alterschwarzem Holz der Zirbelnußkiefer getäfelt und mit Wäsche und Kleidern des Inhabers behangen waren. Ein Drittel des Raumes war von einem breiten, hohen Bettgestell mit hochgethürmten Kissen, ein zweites Drittel vom riesenhaft gemauerten Ofen angefüllt; den übrigen Platz nahmen ein Tisch, mit Papieren bedeckt, und ein alterthümlicher Lehnstuhl ein. Hier saß, wie ein Bild des Winters, der Herr von Schauenstein, das Haupt in seiner schwarzsammtnen Pelzmütze vergraben, unter welcher sich einzelne schneeweiße Haarbüschel über die hohlen Schläfen und Wangen des erdfahlen Gesichtes legten. Den eingesunkenen Leib verhüllte ein weiter, pelzgefütterter Nachtrock, und die Füße ein Paar filzene Pelzstiefel.

Als er Flavian's Eintritt bemerkte, zog er mit seinen dürren Fingern langsam die Brille von der Nase, richtete sich grüßend um ein Weniges in die Höhe, und nahm einen Brief. Mit einer Stimme, die zuweilen an das Knarren eines trockenen Wagenrades erinnerte, sprach er: Wichtige Nachrichten, Herr Schwager. Alea jacta est. (Die Würfel sind geworfen.) Am 19. Oktober, also vorgestern, ist der im Vorarlberg kommandirende General von Auffenberg endlich, an der Spitze von zehn Bataillonen und einer Eskadron kaiserlich-königlicher Truppen, durch den Engpaß des Luziensteiges, in unser Graubünden eingerückt, das Land zu schützen. Zwar hat er, wie üblich, Sicherheit der Personen und des Eigenthums verkündigt, ob aber der Kriegsrath in Chur damit, bezüglich der Französisch-Gesinnten, einverstanden sei, bleibt ein wenig zweifelhaft.

Der junge Schützenhauptmann stand mit geballten Fäusten, funkelnden Augen und glühenden Wangen da. Also der Hochverrath ist vollendet, murmelte er zwischen den Zähnen. O, der rachgierigen Rotte. Sie wird ihre Raserei mit Blut und Thränen büßen!

Der Ausbruch des Krieges mit Frankreich ist unvermeidlich, fuhr der Baron fort, und es scheint deshalb sehr wohlgethan, daß sich Graubünden zu guter Zeit unter die Flügel des doppelköpfigen Adlers begeben hat.

Der, die Freiheit unsers Volkes in den Krallen, davonfliegt, wenn ihm die Beute nicht unvermuthet abgejagt wird, murmelte Flavian.

Ich verstehe Sie nicht, Schwager, sagte der alte Herr, der etwas schwerhörig zu sein schien. Nehmen Sie aber besseren Rath an. Sie gehören längst zu den Verdächtigen im Lande und stehen, ich weiß es, auf der Proscriptionsliste. Schade um Ihre Talente. Machen Sie sie Ihrem Vaterlande nützlich. Gehen Sie nach Chur, in's alte Gebäude des Herr von Salis. Ich gebe Ihnen zur größeren Sicherheit einen Empfehlungsbrief. Sie sind Schützenhauptmann. Bieten Sie ohne Verzug dem Kriegsrathe, oder dem General Auffenberg, Ihre Dienste an. – Ist Ihnen Fortuna hold, können Sie bei der Armee wahrhaftig die Zierde, das praesidium et dulce decus unserer Familie werden; und die brillanteste Carriere machen. Im Kriege ist rasches Avancement.

Sie meinen es gut, Herr Schwager, ich danke, antwortete der junge Mann. Allein ich gebe mich nicht zum Werkzeug des verruchten Spieles her, das man heutigen Tages mit Ländern und Völkern treibt, und möchte meiner Familie nicht mit Schanden zur Ehre gereichen.

Mit Schanden zur Ehre gereichen? Was wollen Sie mit der verwirrten Rede sagen? versetzte der Baron. Sie sind ein Prevost und mit dem Hause Schauenstein verbunden; vergessen Sie das zu keiner Zeit.

Ich vergesse es nicht.

Vergessen Sie nicht, daß Sie selbst zu den ältesten adeligen Landesgeschlechtern gehören. – Nicht die Geschlechtsfolge der Salis, nicht die der Planta reicht so weit in die Vergangenheit hinauf. Wie oft muß ich Ihnen die schöne, lateinische Urkunde des siebenten Jahrhunderts in's Gedächtniß zurückrufen, die der gelehrte Herr a Porta in seinem Werke aufbewahrt hat? Und ich wiederhole es, ja, der Frankenkönig Dagobert selbst erklärte zu Ysenburg laut, daß die Prevoste, oder Praepositi, wie sie damals hießen, von den römischen Fabiern stammten, daß er dem tapfern Ritter Otto de Praepositis das Schloß Vespran in Praegallia, oder Bregell, sammt allen Rechtsamen, vom Julienberg bis zum Comersee, als Lehen, übertragen habe. Wenn Sie daran denken, Flavian, ein Flavianus de Praepositis zu sein, weckt dieses nicht Ihr edelstes Selbstgefühl?

Flavianus de Praepositis lächelte bei dieser Rede heimlich vor sich hin, und sagte zur Begütigung des warmgewordenen Freiherrn: Allerdings, nicht mein edelstes, sondern mein adeliges Selbstgefühl, trotz dem, daß ich doch nur der Sohn eines armen Bauersmannes aus Praegallia bin.

Richtig! Nun, das heiße ich einmal vernünftig gesprochen. Ein Edelmann kann nimmermehr, auch nicht im niederen Stande, seinen Adel verlieren, so wenig als ein König, wie Ludwig XVIII, sein angebornes göttliches Recht, seine Legitimität, in der Verbannung, wo er von Almosen lebt, verliert. Geblüt bleibt Geblüt. Adelig ist edel und mehr denn edel. Darum war's keine eigentliche Mesalliance, wie Mancher glauben wollte, als ich mir eine Sabine von Prevost anvermählte. Und Sie, Flavian, erkennen Sie darin einen wahrhaften Fingerzeig des Himmels. Darum mußte ich Sie in Wien studiren lassen; darum mußte Ihr Oheim, der Zuckerbäcker, nach England wandern; darum mußte er die reiche Wittwe Woole in Manchester heirathen; darum kinderloser Wittwer werden, und endlich sein großes Vermögen an Sie und Ihre Schwester vererben. Wozu aber sind Sie nun entschlossen?

Meiner Ahnen würdig zu handeln, falls es so rechtschaffene Leute, wie meine Eltern, waren, erwiederte Sabine's Bruder.

Schön! stimmte der alte Baron ein. Uebrigens, wenn man von rechtschaffenem Adel ist, kann man andere Rechtschaffenheiten ziemlich voraussetzen. Ich gebe Ihnen also heute noch das Schreiben an den Baron von Salis-Marschlins. Morgen reise ich mit meiner Frau auf meine Güter zurück; denn ich scheue das Soldatengetümmel. In einer Stunde haben Sie meinen Brief.

Und ich, sagte der Hauptmann, ich scheue nicht Soldatengetümmel, aber Menschen, welche um Fürstengunst ein freies Land und ein betrogenes Volk verkaufen. Ich will Sie wegen des Briefes gar nicht bemühen. In einer Stunde schon bin ich auf und davon. Wohin? weiß ich selbst noch nicht. Ich verlasse mein unglückseliges Vaterland. Mein Wahlspruch ist: frei leben, oder frei sterben. – Und damit empfehle ich mich Ihnen. Leben Sie wohl!

Der Herr von Schauenstein starrte ihn mit offenem Munde an, und streckte die Hand aus, als wolle er ihn zurückhalten. Flavian reichte ihm die seinige, wie zum Abschiede, und war aus dem Stübchen, ehe der Baron zu Worte kommen konnte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.