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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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7.
Die Rose von Disentis.

Ist er also nicht oben? fragte sie, und legte ihren Arm wieder in den seinigen.

Statt seiner ein Paar Flachköpfe, die man »Weisheiten« titulirt. Begeben wir uns in's Dorf zurück, antwortete er mißmuthig, und führte die junge Dame davon.

Flavian, sei der Flachköpfe willen kein Brausekopf, mahnte die Schwester. Du könntest ja so froh und friedlich bei uns leben, wenn Du Dich nur um die unseligen politischen Händel weniger bekümmern würdest. Eine Partei, wie die andere, wird vom bösen Geiste der Leidenschaften besessen. Lasse beide fahren.

Wenn ich mich selbst fahren lassen könnte, seufzte er. Heute reise ich wieder fort. Je eher, desto lieber; es ist hier nicht geheuer. Ja, liebe Sabine, ich fühle es; in dieser Luft darf ich nicht länger athmen. Ich gehe, wohin die übrigen Märtyrer gegangen sind. Warum bin ich in der Welt, wenn nicht für das Wahre und Rechte. Ich will es, denn Gott will es. Dafür leben, dafür sterben, macht Leben und Tod werthvoll.

So seid Ihr Männer, schalt Frau von Schauenstein, und that recht böse. Wenn Ihr nicht raufen und streiten könnt, ist Euch unwohl. Dein wildes, heißes Blut abzukühlen, Brüderchen, das sei Dir Lebensaufgabe. Deine Augen werden heller schauen, wenn sie nicht mehr zorntrunken funkeln. Glaube mir's, die Welt ist und wird, was wir in uns sind und werden. Auch in der Stille des häuslichen Kreises, durch Beglücken Anderer, würdest Du ein glücklicher Mann werden.

Glücklich, Sabine, kann ich in einem Lande nicht werden, wo mich Niemand versteht, und wo ich Niemanden verstehe. Lieben soll ich, wo Jeder nur sich, und nichts Anderes liebt. Hätte ich nicht Dich noch unterm Himmel, ich stände in einer Wüste. – Glücklich, sagst Du, armes Kind, im häuslichen Kreise? Darfst Du wohl selbst so sprechen? Bist Du glücklich? Und wer verdiente es doch mehr zu sein, als Du, liebe Seele. Ich kenne Deinen wunderlichen Eheherrn. – – – Rede die Wahrheit, bist Du glücklich?

Die junge Frau schlug die Augen nieder, und äußerte, mit anfangs unsicherer Stimme: Hörtest Du mich je mein Loos beklagen? Warum solche Frage heute? Ich liebe meinen Mann, wie einen Vater. Vater ist er auch Dir gewesen; der ist er mir. Vergiß nie, daß wir ihm unsere bessere Erziehung verdanken; daß er uns, als verwaiste, arme Kinder, in Schutz nahm; daß er Dich auf seine Kosten nach Wien schickte, und die Rechte studiren ließ; daß wir, was er gethan hat – –

Nicht doch, Sabine, unterbrach sie bittend der Bruder. Rede ganz wahr, nicht blos halb. Was er gethan, er hat es sich gethan. Dich, die seine Enkelin sein könnte; Dich, die noch ein unwissendes, rathloses Mädchen war, nahm der alte, reiche Herr zum Weibe, vernarrt in Deine kaum aufgeblühten Reize. Du brachtest ihm, was Du und ich damals nicht recht verstanden, Deine Jugend, Deine Schönheit, die Ansprüche auf das schönste Lebensglück zum Opfer. O, wären wir doch arm geblieben an den lieben Felsenufern des MairaflussesEin Fluß, der das vier Stunden lange, von Eisbergen und Felsen eingeengte Bregellerthal durchfließt.! Mich mußte er Deinetwegen wohl mit in den Kauf nehmen; freilich für seinen Adelsstolz eine widerliche Zugabe. Ja, er gab mich in den Unterricht des weisen NesemannJoh. Peter Nesemann, aus dem Magdeburgischen, Professor an der höhern, damaligen Lehranstalt zu Reichenau, früher zu Haldenstein. Er starb, 80 Jahre alt, 1802 in Chur.; schickte mich nach Wien, weil er keinen Bauernburschen Schwager nennen wollte; aber ungroßmüthig, und oft genug, rechnete er, was ich ihm gekostet. Wer uns Wohlthaten vorrechnet, hat die Blume zerquetscht, und uns blos den kahlen Stengel gelassen. Ich gab ihm den Stengel zurück, ich zahlte ihm seine Auslagen baar zurück, und wir sind quitt. Aber Dich beklage ich, Sabine. Dich betrog er um die Bestimmung des Weibes; Dich machte er am Traualtar schon zur Wittwe und Dein Leben zur freudenlosen Einöde. – – –

Halt ein, Flavian, Du bist hart, bist ungerecht. Ich bin zufrieden; mein Mann ist gutmüthig, und gerechter, als Du. In unserm stillen Schlosse wohnen stille Herzen. Mir blüht in meiner Abgeschiedenheit eine schönere Welt, als Du im aufgewühlten Staube wilden Menschengetümmels je entdecken kannst. Siehe, Brüderchen, aber lächle nicht ungläubig; einem reinen Gemüth verklären sich, in der Vereinsamung, Himmel und Erde zum Paradiese, durch welches man gleichsam Gott wandeln sieht. Da flüstern mir, wie Engelszungen, die Blätter des Gebüsches, Seelenruhe zu. Da plaudern im Getöse des Wasserfalls wunderbare Stimmen von göttlichen Dingen, oder Dingen, die einmal gewesen sind und wieder kommen wollen. Dann rinnen oft Zeit und Ewigkeit zusammen; und die fernen Geliebten treten zu mir, und die Verstorbenen leben und lächeln mich an.

Wie schwärmst Du wieder? Haben Dich etwa Jean Paul's, oder Tieck's Phantasiesprünge begeistert?

Nenne das nicht Schwärmerei, Flavian. Glaube mir, gewiß, es waltet zwischen dem Unsichtbaren des geistigen Alls, und dem Sichtbaren um uns, ein geheimnißvoller Verband, ein engerer, als Dir und Deiner Schulgelahrtheit ahnet. Das Irdische ist nur Zeichen und Wort des Ueberirdischen, das zu uns reden will. Du verwunderst Dich über Vieles, was Du Zufall nennst, und läßt Dir's nicht träumen, daß eine verborgene, heilige Hand mit Dir spielt. Ist Dir unsere liebe Mutter denn noch nie sichtbar aus Deiner Rose von Disentis hervorgegangen?

Ich glaube, liebes Kind, sagte der Hauptmann, indem er einen Blick voll Befremden auf das Gesicht der Schwester warf, Du bist zuletzt gar Geisterseherin geworden. Was? Rose von Disentis?

Nun, ich heiße so die Alpenrose, deren Blüthen, zu einem Kränzchen verbunden, in den beiden Medaillons liegen, die Abt Kathomen von Disentis einst unserer Mutter geschenkt hatte. Siehe, Flavian, wenn ich des Morgens die Kette des Medaillons um meinen Nacken lege, wird mir wirklich jedesmal, als fühle ich der Mutter Geisterkuß; ich sehe ihr Bild auf dem blaßrothen seidenen Grunde des Medaillons und es gewinnt Leben und Bewegung.

Hier unterbrach sich die begeisterte Sprecherin, indem sie stehen blieb, das Medaillon aus dem Busen hervorzog und fortfuhr: Sieh doch selbst; schau her! Erblickst Du sie?

In Prevost's Mienen spielte anfangs lächelnder Spott; doch bald verriethen sie sein wachsendes Erstaunen. In der That erkannte er innerhalb des weißen Kranzes der Alpenrosenblüthen, wie einen Schattenriß, einen weiblichen Kopf gebildet. Der Umriß, vom Zickzack der Rhododendronblättchen gezeichnet, glich einigermaßen dem Profil seiner verstorbenen Mutter.

Seltsam! ziemlich ähnlich, rief er, aber, fügte er, schalkhaft mit den Fingern drohend, hinzu: Sabine! Sabine! Du bist vermählt und trägst dies noch? Hast Du der Mutter Wort vergessen, als sie uns das Andenken gab? Weißt Du, wie sie sagte: ich empfing es am Vorabend meiner Hochzeit von Seiner Hochwürden Gnaden in Disentis. Eines der Medaillons, sprach er, bewahre zu meinem Gedächtniß, das andere gieb dem, dem Du mit Deiner Liebe Dein ganzes Leben giebst. So gab ich's Eurem Vater. So gebe ich's Euch wieder und zu gleicher Bestimmung. – Wie, Sabine, und Du trägst es noch? Gabst es dem Baron nicht?

Frau von Schauenstein schlug etwas verlegen die Augen nieder und sagte: Er verlangte nur mein Leben, nur meine Liebe, nicht das Medaillon. Er wußte, es war mir wegen des Mutterbildes, wie Dir das Deine, über Alles theuer. Zeigt es auch Dir in der Blüthenumfassung das Bild? Ich glaube, Du hast noch nicht einmal darauf geachtet. Trägst Du es noch auf der Brust? Zeige mir's.

Ich habe es eben nicht bei mir, versetzte er und unwillkürlich verfinsterte sich dabei sein Gesicht.

Die Schwester bemerkte es, und fragte, indem sie ihn forschend beobachtete: Hast Du es im Zimmer zurückgelassen? Komme, ich will es sehen und vergleichen.

Auch da nicht, Sabine.

Auch da nicht? wiederholte sie; blieb stehen, betrachtete ihn mit Verwunderung und Neugierde, sah ihn sich erröthend abwenden, und lachte ihn laut an, indem sie rief: Allerliebst! Also Kränzchen und Herzchen davon geflogen? Gehe, Du Unartiger, mir, die Dich so lieb hat, das zu verheimlichen. Augenblicklich bekenne, oder ich werde Dir zeitlebens gram. Wo hast Du die holde Auserwählte auf Deinen Kreuz- und Querzügen in Europa gefunden? Rede doch, gewiß eine schöne Engländerin, oder gar, – habe ich's errathen? – eine niedliche Wienerin?

Ernst, fast unwillig, nahm er die Hand der Schwester und sagte: Komme doch; wir sind schon an den ersten Häusern von St. Moriz. Es geziemt sich nicht, auf freier Landstraße oder am Markt kund zu thun, was man sich selbst gern verheimlichen möchte.

Schweigend gingen sie neben einander in's Dorf; doch von Zeit zu Zeit blickte Sabine schelmisch zum Bruder auf, und drückte in stummer Zärtlichkeit seinen Arm an sich. – Aber nicht wahr, Flavian, flüsterte sie, wenn wir unter uns sind, erzählst Du mir das Schicksal Deiner Rose. Ich errathe beinahe.

Hm! kaum der Mühe des Errathens werth, erwiederte er mit verächtlich aufgeworfener Lippe.

Und Du giebst Dein Wort, mir Alles zu erzählen? fragte sie begierig.

Es wäre eine lange Geschichte. Ihrer zu schämen zwar habe ich mich nicht; aber gestatte mir die rechte Zeit und Laune, von Sachen zu reden, an die ich nur mit Widerwillen denken mag. Frage nicht weiter.

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