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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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6.
Kannegießereien.

Nun endlich stehen wir anderen Ehrenleute einmal wieder auf festen Füßen, sagte einer der letzten Kurgäste zum andern, mit dem er an einem heiteren Oktobermorgen noch allein in der hölzernen Trinklaube plauderte.

Der Ehrenmann, der dies gesprochen hatte, obgleich nur halb städtisch gekleidet, groß und stark gebaut, schien darum nicht minder eine hochwichtige Staatsperson zu sein. Wenigstens verkündeten es die Mienen seines breiten, sonneverbrannten Gesichtes, mit steifen, lederartigen Falten tapeziert. Ja, ja, auf festen Füßen, wiederholte er, und rieb sich freudig die harten Hände, welche man beinahe rauschen hörte. Nicht wahr, Ihre WeisheitDer Titel »Ihre Weisheit«, nicht schlechter oder wahrer, als Exzellenz oder Hochwürden, ward sonst den höhern Staatsbeamten des Bündnerlandes gegeben., nicht wahr, die Nachricht ist Tonnen Goldes werth? Man konnte bisher nicht ruhig schlafen, weil die Franzosen im Stande gewesen wären, über Nacht in's Land einzubrechen. Der Prevost muß noch keinen Unrath wittern. Ich wundere mich, daß er sich nicht aus dem Staube macht, wie seine übrigen landesverrätherischen Spießgesellen.

Man wird ihm bald den Weg weisen, wenn er ihn nicht finden kann, oder suchen will, erwiederte mit vornehm gleichgültigem Tone der Nebenmann, ein alter, zierlicher Herr mit gepudertem Haare, in pelzverbrämtem, aschfarbenem Ueberrock, mit einem im Knopfloche bescheiden sichtbar werdenden Ordensbändchen. Sein röthliches, übrigens nichtssagendes Gesicht war, seltsam genug, durch eine Nase geziert, die vorn in einen blauröthlichen Ballen endete. Ich wundere mich blos, fuhr er fort, indem er die Tabackspfeife mit dem silberbeschlagenen Meerschaumkopf einen Augenblick absetzte, um eine blaue Rauchwolke in Wirbeln fortzublasen; ich wundere mich blos, daß man aus dem Burschen so viel Wesens gemacht hat. Man weiß ja, Herr Landvogt, er ist von der gemeinsten Herkunft, ein bloßer Bauernkerl.

Der Landvogt schien die letzten Worte etwas empfindlich zu nehmen und meinte: Herkunft hin, Herkunft her, Ihre Weisheit. Bei uns zu Lande, denke ich, ist, wer Geld hat, Edelmann, und der Prevost da, wie man hört, besitzt Moses und die Propheten. Darum sage ich, Herkunft hin, Herkunft her! Manch uraltadeliges Bündnergeschlecht ist heutzutage froh, wenn es eine Kuh im Stalle oder einen Pflug im Haberfeld haben kann. Falls uns der Kaiser mit Jahrgeldern und Regimentern nicht wieder auf die Beine hilft, kann noch manches gute Haus, trotz dessen Wappen und Krone, zur Strohhütte werden.

Pah! Sie scheinen heute einen kleinen Anstoß von Hypochonder zu haben, Herr Landvogt?

Hypochonder, Ihre Weisheit? Meiner Treu! die heutigen Zeiten sind wohl danach, und sind es schon lange. Die schönen einträglichen Aemter in den welschen Vogteien haben wir auf ewig verloren, wenn der Kaiser zur Wiedererlangung nicht die Hand reicht. Wohlfeil konnte man zwar die Aemter des Landes schon längst nicht mehr kaufen. Ich hatte von Glück zu sagen, als ich meine Stelle in Teglio für 5000 Gulden baar erstand, ungerechnet, was ich damals den Bauern an Brod, Käse, Würsten und Wein austheilen mußte, um die Wahl in geläufigeren Gang zu bringen. Seit der Vicari Ott Singer von Katzis den Lugnetzern für die Landeshauptmannschaft von Sondrio 15,000 Gulden zahlte, ja seitdem, Ihre Weisheit, war nicht mehr viel zu profitiren.

Sie haben nicht ganz Unrecht, Herr Landvogt, bemerkte die vornehme Weisheit. Jetzt aber muß nicht mehr geklagt, sondern gewagt werden. Der Kaiser steht mit seiner ganzen Kriegsmacht auf unserer Seite. Wir vollziehen, was neulich der Bundestag von Ilanz beschlossen hat; rüsten sechstausend Mann aus; tapferes Volk und gediente Offiziere darunter. Es müßte im Himmel und auf Erden alle Gerechtigkeit ausgestorben sein, wenn die rebellische Canaille in Frankreich und der Schweiz nicht zu Paaren getrieben werden könnte. Die Stunde der Erlösung ist da, sage ich. Jeder von uns muß jetzt den letzten BlutzgerEin Name der kleinsten Scheidemünze in Graubünden. daran setzen.

Der Landvogt nahm mit verdrießlicher Miene eine Prise aus seiner hölzernen Dose und meinte: Der letzte Blutzger wird wohl davon fliegen, wir mögen ihn daran setzen wollen, oder nicht. Sechstausend Mann kaiserliche Einquartierung unterhalten, dazu die Kriegskosten, – zuletzt sind wir insgesammt Bettler. Ich habe schon oft im Stillen bei mir gedacht, der Battistin von Salis hatte keinen dummen Einfall, als er uns das Veltlin abkaufen wollte. Wir hätten eine schöne Summe gelöst, unter uns vertheilt und so wenigstens baares Geld im Sacke gehabtEin religiöser und politischer Schwärmer. der in allem Ernst ein Memorial mit dem Vorschlag eingab, das Valtelin, die Grafschaft Chiavenna und Bormio von den Bündnern zu kaufen. Man wollte argwöhnen, daß mehrere reiche, ihm verwandte Familien dabei im Hintergrunde gestanden hätten, denen nach einem Fürstenthron gelüstet habe..

Possen, Herr Landvogt. Bricht Krieg aus, so erobern wir die Unterthanenlande zurück. Ich stehe dafür, sie sollen ihre Empörung theuer bezahlen. Bünden kommt nie und nimmer an die Schweiz, das heißt, an Frankreich. Wir bleiben die Herren. Und wenn Alles fehl schlägt, dann lieber, mit Vorbehalt unserer Rechte und Freiheiten, zu Oesterreich. Dem Volke mag's gleich sein, von wem es regiert wird; wir Anderen bleiben, die wir sind. Ich spreche, wohl gemerkt! nur vom äußersten Falle. Jetzt heißt's, Hand an's Werk gelegt. Wir sind wieder Meister im Lande. Bürger GuiotMinister-Resident der französischen Republik in Bünden., alle unsere Revolutionshelden sind landesflüchtig – – –

Nicht Alle, Ihre Weisheit, unterbrach ihn kopfschüttelnd der bedächtige Landvogt. Es erwarten noch Tausende, noch ganze Gemeinden mit Sehnsucht die Franzosen. Aufpasser giebt's ringsum. Denken Sie doch an diesen Prevost, der ungestört mit den Feinden korrespondirt.

Ich sage, Herr Landvogt, erwiederte der Magnat mit Zuversicht im Tone und Blicke. Er hat auskorrespondirt. Ich habe schon nach Chur geschrieben. Man wird den Burschen festnehmen, und ein Beispiel statuiren. Der Prevost ist nichts Anderes, als ein Spion. Nach Kriegsrecht gehört er an den Galgen, und ich möchte ihm dazu verhelfen.

Hier bin ich! Will Ihre Weisheit nicht lieber den Henkerdienst selbst verrichten? donnerte ihn unerwartet eine kräftige Stimme an. Der Schützenhauptmann war durch die offene Thür der Trinklaube eingetreten, hatte die letzten Worte gehört und stand mit drei Schritten plötzlich vor dem Staatsmann. Dieser fuhr so erschrocken im Sessel zurück, daß sein Haarzopf in die Höhe flog, und der ausstäubende Puder mit dem, dem beredten Munde entqualmten Tabacksrauche, eine gemeinschaftliche Wolke bildete. Die gewöhnliche Rothglühhitze seines Gesichtes war, ungewiß, ob aus Furcht oder Zorn, in Weißglühhitze übergegangen. Nur der Knopf an der Nasenspitze blieb standhaft veilchenfarben.

Wie – was! stammelte er endlich. Was begehren Sie, Herr? Wer sind Sie?

Hauptmann Prevost bin ich, und Ihrer Weisheit einen weisen Rath geben will ich.

Herr, – Herr – aber ich verlange keinen, rief der Magnat, sich ermannend.

Eben darum haben Sie und Ihres Gleichen das Vaterland in's Verderben gestürzt, entgegnete der Hauptmann. Ihre Faktion ist der blinde Simson, der die Säule des Hauses einreißt, um seine Feinde zu zerschmettern, und sich unter den Trümmern selbst begräbt. Das ist die ganze Weisheit der bündnischen Weisheiten von heute. Doch genug! Verzeihung, wenn ich Sie störte; ich suchte einen Anderen, als Sie.

Mit diesen Worten wandte er sich rasch um; verließ die Trinklaube und eilte die Treppe hinunter, wo ihn die schöne Schwester erwartete.

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