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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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50.
Ende gut, Alles gut.

Am anderen Tage goß der schönste Maimorgen aus vollen Schalen Licht, Lust und Leben über die Landschaft. Das Thal von Glarus glich einem ungeheuren Blumenkorbe, zwischen grünen Laubzweigen, mit Blüthen aller Farben gefüllt, und von dem Kranze der Gebirge wunderbar umfangen. – Flavian und Sabine saßen schon früh beisammen, um einander früh zu haben und sich davon zu überzeugen, der vergangene Abend sei kein berauschender Traum gewesen. Unersättlich in neuen Fragen, Erklärungen und Entwürfen für die nächste Zukunft, verflog die Zeit zu schnell, und schon mahnte die Stunde zum Aufbruch nach dem nahen Hauptorte des Landes.

Sabine sprang auf, ihr leichtes Morgengewand mit zierlichen Trauerkleidern zu vertauschen. Dann hing sie sich an Flavian's Arm, und wandelte, vom kühlen Anhauch des Morgens geküßt, mit ihm durch die Wiesen, den schattigen Baumgang entlang, der von Enneda nach Glarus führt. Doch umsonst entfaltete sich dem plaudernden Pärchen das landschaftliche Prachtbild in allem Zauber der Beleuchtung; dort einsame Hütten unter blühenden Gebüschen halb versteckt; hier, in den Wiesen am Linthfluß, unter Glockenklang weidende Heerden; ringsum, wie im Dunst zerflossen, die nahen Hochalpen, von der Felsenwand des Schild, und den lichtgrünen Hängen des Frohnalpstocks, und dem von tausendjährigen Wettern zerrissenen Glärnisch an, bis zum dämmernden Hintergrunde, wo aus falbem Duft die Eisfirnen des Tödi majestätisch emporwuchsen. Die Lustwandler achteten des Paradieses draußen nicht; sie trugen es in sich. Sie bemerkten selbst eine Dame nicht, welche, von einem Lohndiener begleitet, ihnen grüßend entgegentrat. Es war Pauline von Stetten.

Die jungen Damen hatten sich, während des Austausches der ersten Höflichkeiten, mit dem Späherblick weiblicher Neugierde schnell überschaut und einander Gefallen abgewonnen. Das Fremdsein zwischen ihnen ging bald in trauliche Geselligkeit und in freundlichen Wettstreit über, ob die Eine die Andere nach Enneda oder Glarus zurückzubegleiten habe. Doch die Gründe Sabinens überwogen, weil sie auch mit Paulinens kranker Landsmännin Bekanntschaft anzuknüpfen wünschte, und Flavian noch dazu ein Geschäft mit einem namenlosen Jemand abzuthun habe, um ihnen nachher frei angehören zu können.

Aber, bestes Fräulein, fragte die Frau von Schauenstein nebenher, mit einer fast ängstlichen, oder zürnenden Miene, was für ein sonderbarer Fremdling wohnt in Ihrem Gasthofe? Ein Italiener, der noch gestern, spät Abends, meinem Bruder eine Art Cartel zuschickte? Wie konnte er so geschwinde die Ankunft desselben erfahren? Vermuthlich sah er Sie an der Table d'Hôte; vielleicht erwähnten Sie zufällig meines Bruders?

Nicht ohne Befremden antwortete Fräulein von Stetten: Wohl befand ich mich beim Abendessen in Gesellschaft einiger Herren, unter denen zwei französische Offiziere waren. Das Gespräch berührte auch die Wege über das Gebirge von Disentis, und bei dieser Gelegenheit mag ich auch dankbar des Herrn Prevost erwähnt haben. Allein ich erinnere mich nicht, daß Jemand bei der Erwähnung seines Namens besondere Aufmerksamkeit an den Tag gelegt hätte. Wirklich, ein Fehdebrief, sagen Sie?

Ganz so gestaltet, entgegnete Sabine. Vielleicht lesen Sie italienisch? Gieb ihn, Flavian, gieb ihn!

Pauline nahm den Zettel, überflog mit raschem Blicke, lächelnd und kopfschüttelnd, dessen Inhalt, gab dann aber den Zettel ohne den leisesten Zug von Besorglichkeit in Flavian's Hand zurück und sagte: Allerdings, ein närrisches Schreiben. Ich weiß selbst nicht, was ich dazu sagen soll? Aller – – – Hier stockte sie ein paar Augenblicke; dann fuhr sie fort: Aber, lieber Hauptmann, machen Sie die Sache möglichst schnell ab, damit Sie uns nachher ungestört angehören. Gehen Sie voran; ich bitte. Wir folgen Ihnen gemächlich nach, und bis zu unserer Ankunft sind Sie der Geschichte los. Hier winkte sie der Frau von Schauenstein heimlich mit den Augen, beinahe schelmisch lächelnd, zu, als fordere sie diese zur Unterstützung ihrer Bitte auf.

Das Fräulein hat vollkommen Recht, stimmte Sabine, durch diesen Wink in's Einverständniß mit der neuen Bekannten gesetzt, ein. Eile voran, lieber Flavian. Fertige den Menschen kurz ab.

Und vergessen Sie nicht, meiner Clara einen Besuch zu machen, fügte Pauline hinzu. Bereiten Sie sie auf die Ankunft Ihrer Frau Schwester vor; sie wird sich Ihres Eintreffens freuen.

Wird sie für mich sichtbar sein? fragte Flavian. Haben die Anstrengungen der Reise keine Nachwehen hinterlassen?

Seit vielen Wochen sah ich das gute Kind nicht so heiter, wie diesen Morgen, erwiederte das Fräulein. Gurgel, Schlund und Multärs und wie die entsetzlichen Namen und Stellen des Berges alle heißen mögen, haben an ihr eine wahre Wunderkur gethan.

So gehorche ich mit Vergnügen, rief Flavian und entfernte sich mit hurtigen Schritten, während beide Frauen anfangs langsam nachgingen, dann in lebhafter Unterhaltung stillstanden und das Gehen ganz vergaßen. Fräulein Paulinens bewegliches Spiel der Arme verrieth Jedem, der sie von weitem sah, die Wichtigkeit ihrer Mittheilungen, sowie Sabinens Stellung ihr gegenüber den Ausdruck großer Verwunderung andeutete. Der Schützenhauptmann, welcher, in ziemlicher Entfernung, noch einmal nach ihnen zurückblickte, blieb stehen und sah mit Erstaunen, wie seine Schwester das Fräulein von Stetten an ihre Brust zog und Beide lange Zeit in der Umarmung verharrten.

Das schien ihm doch ein zu rascher Freundschaftsbund zwischen Personen, die einander kaum seit einer halben Stunde kannten. Er eilte indessen, ohne weiteres Zögern, und unter mancherlei Gedanken, dem stattlichen Hauptorte der kleinen Alpenrepublik und dem Gasthofe Zum goldenen Adler zu. Hier traf er an der Pforte des Hauses die Kammerjungfrau Paulinens, in fröhlichem Gespräch mit Bedienten und Aufwärtern. Er richtete an einen derselben seine Frage nach dem Herr im Zimmer Nr. 12.; dann an das plauderlustige Mädchen die, nach dem Befinden des Fräuleins Clara. Therese aber lächelte ihn schalkhaft an, empfahl sich mit behendem Knix und den Worten: Ich weiß, ich weiß, wen Sie suchen. Nur ein Augenblickchen Geduld, Herr Hauptmann, ich werde Sie melden. Folgen Sie mir gefälligst. Die Zofe tanzte mit leichten Füßen die Treppe hinauf und verschwand. Flavian, der ihr erwartungsvoll nachgefolgt war, sah sie wenige Minuten später aus einem anderen Zimmer zurückkehren. Sie ließ es offen, und mit den Fingern dorthin deutend, sagte sie: Hier wohnt gewiß der Herr, den Sie suchen. Treten Sie ein.

Er trat in ein geräumiges, niedliches Zimmer, dessen Thüre sich hinter ihm schloß. Am Fenster aber stand eine Dame in Trauer gekleidet, wie in tiefen Gedanken, mit gesenktem Haupte und vor sich hingefalteten, niederhangenden Händen, anscheinend ohne ihn zu bemerken. Ein schwarzer Kreppflor umhüllte vom Scheitel bis zu den Fersen ihre Gestalt.

Verlegen und nichts weniger, als mit dem naseweisen Mädchen zufrieden, welches sich's herausnahm, ein Späßchen zu treiben, blieb der Hauptmann stehen; bat um Verzeihung, durch Irrthum hieher gerathen zu sein und wandte sich wieder der Thür zu, als er hinter sich eine leise, zitternde Stimme hörte: Sie sind bei der genesenden Clara.

Clara? wiederholte Flavian, der seinen Sinnen nicht traute, mit Erstaunen. Er wagte keinen Schritt näher zu treten, ungewiß, ob nicht etwa ein fade begonnener Scherz des Kammermädchens von einer Gehülfin weiter gesponnen werden sollte. Indessen stand auf einem Tischchen unter dem Spiegel, in einem Glase Wasser, ein grüner Rhododendronzweig, dem ähnlich, welchen er am Tage zuvor auf dem Grath des Panixer-Passes für die Kranke gepflückt hatte.

Die Trauernde schien seinen Blick auf das Glas zu bemerken und sagte mit halblauter, weicher Stimme: Die Blätter leben, sie grünen noch immer.

Flavian, beim Klange dieser Stimme wie versteinert, starrte erblassend und mit verlorenen Sinnen die Erscheinung an.

Sie erwarteten eine Andere, begann diese mit etwas festerem Tone wieder. Meine Handschrift ist Ihnen, scheint es, fremd geworden; – – – vielleicht auch die Person selbst. Sei es! sei es, wenn mich Pauline täuschen konnte. Ich habe Ihnen gegenüber schwer gefehlt, lieber Prevost; nun denn, verachten Sie mich! Ich will gern büßen. In Wien war ich allein die Schuldige, und jetzt bin ich abermals Ihre Schuldnerin, der Sie mich und meine Freundin aus den Gräueln Ihres Vaterlandes gerettet haben. – Sie kennen jetzt das Blendwerk, mit dem ich hintergangen wurde, Sie wissen, wie ich hieher gerathen bin und warum.

Die Verhüllte schritt mit edler Haltung durch das Zimmer auf ihn zu, schlug den schwarzen Kreppflor zurück, reichte ihm ein Medaillon an einer schweren goldenen Kette, und sprach: Hier ist die Rose von Disentis zurück, wenn Sie mich noch verdammen können. Sprechen Sie das Urtheil!

Das Fräulein von Marmels stand in vollendeter Jungfräulichkeit und schöner, als jemals, vor ihm; ihr Gesicht trug noch dieselben kindlichzarten, seelenreichen Züge, nur war es etwas blässer und die Augenlieder, wie von eben geweinten Thränen, geröthet. Einen Augenblick nur hatte sie den stolzen Muth gehabt, ihn anzusehen; dann ließ sie die ausgestreckte Hand sinken und neigte das Haupt, wie verzagt, auf die Brust. Wie eine Sünderin stand sie verstummt da, des Richterspruchs gewärtig.

Aber auch er, wie von einem Zauber umfangen, blieb unbeweglich und sprachlos. Bei dieser beglückenden Aufregung schlug ihm das Herz in der Brust, als wolle es zerspringen; er war außer Stande, einen Gedanken zu fassen, denn zahllose durchkreuzten zu gleicher Zeit sein Gehirn. Es flirrte vor seinen Augen; er sah und hörte nicht. Dieselbe Gestalt, die ihm während seines Wundfiebers einst im Traume erschienen war, ja, der Traum war noch einmal da.

Elfriede! – Er lispelte den Namen fast bewußtlos, ohne daß sich einer der starren Züge des Gesichtes änderte. Sie antwortete nicht.

Elfriede! wiederholte er. Seine Stimme war ein Seufzer; doch in diesem Seufzer wurde es heller um ihn und in ihm. Er nahte sich langsam der Furchtsamen, die, ein Bild der Demuth, wie in sich zusammengesunken, schweigend und unbeweglich vor ihm blieb. Er ergriff ihre Hand und drückte sie bebend an seine Lippen. Tiefere und schnellere Athemzüge verkündeten das ihn zu gleicher Zeit beherrschende höchste Weh und höchste Entzücken. Er zog die kalte, zarte Hand an sich. Elfriede blickte bange und wehmüthig zu ihm auf und sank ihm laut weinend entgegen.

Als das Bewußtsein Beider zurückkehrte, fanden sie sich Hand in Hand, Stirn an Stirn gelehnt, auf einem Sopha des Zimmers beisammen sitzend. In stummer Zärtlichkeit waren Auge in Auge, Seele in Seele verloren. Sie wollten Worte aussprechen, und konnten sich nur leise ihre Namen zuhauchen. In diesen Namen jedoch lag der ganze Himmel der Gegenwart und aller Gram der Vergangenheit.

Großer Gott, verzeihe dem Seelenmörder Malariva, lispelte sie schmerzlich.

Elfriede, entweihe niemals Deine Lippen mit diesem Namen, flüsterte er zurück, und berührte mit seinen Lippen die ihrigen, als wolle er sie wieder heiligen.

Flavian, lallte sie, und legte ihren Arm schüchtern um ihn. Du hast vergeben?

Du also, Du, Elfriede, warest dennoch der Engel, der mir am Krankenlager erschien?

Flavian, ich war's, um Dich noch einmal zu sehen; ich selbst schwebte damals zwischen Leben und Tod.

O Du Unbarmherzige, schalt er leise und zog sie fester an seine Brust. Warum verbargst Du Dich, Du meine ewige Liebe, bis zu dieser Stunde vor mir?

Zürne nicht mehr, Flavian, zürne nicht, sagte sie schmeichelnd. Wenn auch Zweifel mich einschüchterten – mein Herz glaubte ja an Dich.

Die schlaue, die böse Pauline, sprach er nach einer kurzen Pause, über sich selbst lächelnd. Ein so frommes Gesicht konnte mich so arg und so lange täuschen!

Segne, Flavian, segne mit mir die Himmlischgute, die Starke, die Kluge, die Treue.

Beide flüsterten in solchen Wechselreden lange mit einander. Liebkosungen unterbrachen die Fragen; Fragen die Liebkosungen.

Draußen wurde leise an die Thür gepocht; die Glücklichen hörten es nicht. Leise wurde die Thüre geöffnet; sie sahen es nicht. Die Eingetretenen näherten sich dem Paare. Frau von Schauenstein heftete ihre Blicke neugierig und verlegen auf die schöne Fremde, und wagte kaum zu athmen. Doch das Fräulein von Stetten schaute mit fröhlichen Blicken auf die Seligen; dann neigte sie sich, mit dem Lächeln des Muthwillens, und flüsterte halblaut in Elfriedens Ohr: Ich sehe, ich sehe! – Vollendete Versöhnung!

Elfriede, bestürzt und verschämt, sprang auf, umschlang die Freundin und verbarg am Busen derselben ihr glühendes Antlitz. Flavian umarmte die Schwester küssend und rief: Sabine, nun ist mir mein Leben wieder gegeben! Aber, fuhr er, auf Pauline zeigend, schalkhaft fort, hüte Dich vor dieser bösen Fee. Sie konnte es mir so lange vorenthalten! – Er nahm dann Elfriede aus den Armen der schelmisch-triumphirenden Pauline, führte sie der Frau von Schauenstein zu und sprach: Hier, Schwester, Deine einzige Nebenbuhlerin in meinem Herzen, – – Deine Schwester.

Das Fräulein verneigte sich erröthend zu der jungen Wittwe. Beide beobachteten sich einen Augenblick mit Wohlgefallen, jede überrascht von der Anmuth der Andern; dann umschlossen sie einander, schweigend; trennten sich mit feuchten Augen, und betrachteten sich abermals mit gegenseitiger Bewunderung.

Die feierliche Stille unterbrach zuerst das Fräulein von Stetten und fragte: Soll ich hier allein die stumme Rolle spielen? Das sei ferne! Ich will bei diesen zwei lieben und liebenden Verwaisten die Stelle der Mutter vertreten. Sie ergriff Flavian's und Elfriede's Hand und legte sie in einander. Flavian zog die Liebeselige beseligt zu sich hin und senkte, mit einem Blicke, der etwas zu fragen schien, seine Stirn an die ihrige. Da nahm Pauline das Medaillon vom Sopha; warf die schwere Goldkette um Beider Nacken; küßte Beide und sprach oder stammelte in tiefer Rührung: So bleibt durch die Rose von Disentis aus ewig verbunden! –

Amen! lispelte Sabine, still weinend.

Hier können wir ohne Gefahr die Geschichte abbrechen, deren Ausgang Jeder erräth.

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