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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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49.
Wiedersehen.

Flavian, Flavian, scholl die süße, zitternde Stimme ihm wieder entgegen, als er die Treppe des Hauses hinaufflog.

Sabine, jauchzte er, meine liebe Sabine! und fing in seinen Armen die hinsinkende Schwester auf, welche im Uebermaß ihrer Freude die Sprache verlor. Lange hielt er sie fest an seine Brust geschlossen; lange hing sie an ihm, die Arme um seinen Hals geschlungen, das Antlitz auf seiner Schulter. Dann führte oder trug er sie in ihr Zimmer, wohin ein Kammermädchen mit brennenden Kerzen erschrocken voranleuchtete. Er ließ sie auf ein Sopha nieder; sich selbst mit ihr, ohne die Umarmung aufzulösen. Dem anhaltenden Schweigen folgte das laute, heftige Weinen der liebenden Geschwister. Erschöpft richteten sie sich zwar endlich auf; betrachteten einander in stummer Zärtlichkeit, sanken aber einander von Neuem an's Herz.

Welche Erscheinung! rief er, Du hier, meine Sabine?

Ach, Flavian, nun scheide nicht mehr von mir, seufzte sie mit thränenschweren Augen, doch voller Seligkeit. Nein, nun lasse ich Dich nicht wieder. Ich habe Dich, Dank dem Allgütigen! Ich habe Dich; ich stehe nicht mehr allein. Ich habe Vater, Mutter und Gatten verloren; nur Dich allein noch behalten. Ich weiß, Du möchtest eine Welt beglücken; beglücke doch nur eine Seele, und Du hast genug gethan!

Erst nachdem das Uebermaß der Freude, mit der ein solches Wiederfinden sie überstürzt hatte, verrauscht war, besprachen und betrachteten sie einander ruhiger. Die schöne Schwester stand von Haupt zu Füßen in Trauerkleidern vor dem Bruder, und schöner fast, als jemals.

Aber, Sabine, fragte Flavian, durch welches verhängnißvolle Wunder bist Du hierher geführt und zu dieser Stunde? Seit wann und bei wem lebst Du im Thale von Glarus? Warum hast Du Dein stilles Schloß verlassen, und Dich in die sturmvolle Schweiz gewagt?

Magst Du mich denn so noch fragen? antwortete sie. Deinetwegen flog ich hierher, Dich zu empfangen, Du meine Seele. Und es war Dein guter Engel selbst, die edle Frau von Castelberg, der ich's danke, daß ich Dir entgegeneilen konnte. Sie war's, die mir Deinen ersten Brief, eingeschlagen in den ihrigen, sandte, und mich durch ihre Mittheilungen mehr beruhigte, als Du selbst es konntest. Ich antwortete schnell Dir und ihr. Sie ist die Güte selbst. Fast jeden Posttag beglückte sie mich mit einigen, wenigen Zeilen über Dein Befinden, Thun und Treiben; und jeden Tag bestürmte ich sie mit meinen Wünschen, Fragen und Bitten. Als ich aber vor vier Tagen dieses letzte Briefchen empfing, flüchtig, mit zitternder Hand geschrieben – – – Flavian, hier nimm, lies es selbst.

Er nahm das Blatt, welches folgende Worte enthielt: »Ich wiederhole, gnädige Frau, Ihr Herr Bruder ist beim besten Wohlbefinden. Nun eine Bitte. Zwei Damen, Fremdlinge in diesem Lande des Kriegsjammers und Aufruhrs, und noch dazu Oesterreicherinnen, wollen nach Frankreich flüchten, und dort Gelegenheit erwarten, mit Sicherheit in ihre Heimath zu gelangen. Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit; ich wage es, für meine Freundinnen Ihre Gastfreundschaft anzurufen. Ich denke, der Herr Hauptmann wird die Gefälligkeit haben, schützender Begleiter der Frauen und zugleich bei Ihnen mein Fürsprecher zu werden. Entschuldigen Sie meine Kühnheit u. s. w.«

»Postscript. Es bleibt, höre ich, kein anderer Weg mehr offen, als über das Gebirge nach Glarus. In Kurzem müssen sie fort; in diesen letzten Tagen des April, oder in den ersten des Mai.«

Mit Wohlgefallen ruhten die Augen der Frau von Schauenstein auf dem lesenden Bruder. Sie umarmte und küßte ihn noch einmal, und erzählte ihm dann weiter: Nun urtheile selbst, Flavian. Meine ganze Seele war lauter Jubel beim Lesen dieser Nachricht. Es war die erste Freude seit dem Tode meines Mannes. Auf der Stelle wurde angespannt, eingepackt; Kutscher, Bedienter, Kammermädchen behielten kaum Zeit, ihr Nöthigstes mit sich zu nehmen. So ging's im rastlosen Zuge, über Basel und Zürich, hierher, Dich zu erwarten. Seit gestern schon bin ich hier.

Dies Haus aber, Sabine, scheint mir kein Gasthof zu sein.

Ach nein, es gehört einer achtbaren Kaufmannsfrau, deren Mann, in Rußland wohnhaft, vom Baron Schauenstein einige Dienstleistungen genossen hat. Ungeduld und Langeweile plagten mich; ich besuchte sie, und nun ließ sie mich nicht von sich; ich mußte bleiben. Sie wohnt mit ihren Töchtern hier. Auch für Dich und Deine Damen sind Zimmer bereit. Reisewagen und Dienerschaft ließ ich im Goldenen Adler zu Glarus, dort wird Dir aufgepaßt; Du solltest mir nicht entwischen.

Jetzt erst erinnerte sich Prevost wieder seiner Reisegefährten, und der Pflicht, sie aufzusuchen, damit sie seinetwegen nicht in Unruhe blieben. Doch Sabine gestattete ihm nicht, sie zu verlassen; verhieß, sie sogleich einzuladen, und, wären sie nicht zu ermüdet, sie noch diesen Abend, in ihrem Reisewagen, nach Enneda bringen zu lassen. Sie flog davon, ohne des Bruders Einwendungen anzuhören, und kehrte nach einiger Zeit, in Wonne lebend, zurück.

Alles besorgt und abgethan, rief sie. Nun Friede mit Dir! Jetzt ist das Fragen an mir, das Erzählen an Dir. Und alsbald begann sie damit, während das Kammermädchen für Beide den Tisch deckte und das Abendessen auftrug. Ein paar Stunden verschwanden beim Plaudern der Geschwister, wie Minuten. Flavian konnte nicht umständlich genug erzählen. Sie fragte, bei seiner abeuteuerlichen Geschichte, um jede Kleinigkeit, schalt ihn, küßte ihn; sprach von des Baron von Schauenstein letzten Stunden, seinem Testamente dazwischen; forschte sorgfältig nach Charakter und Aeußerem des Fräulein von Stetten, nach deren eigentlichem Verhältnisse zum Fräulein von Marmels, nach der kranken Reisegefährtin, nach Haushaltung, Physiognomie und gewöhnlicher Toilette der Frau von Castelberg und anderen Wichtigkeiten dieser Art.

Da meldete das Kammermädchen einen Boten aus Glarus an, der aber sogleich hinter der Anmeldung eintrat und sie nicht fortreden ließ. Wozu doch der Kram? rief er; ich bin's ja nur, ich!

Ha, Uli, Du? sagte Flavian, und stellte ihn seiner Schwester vor, indem er ihr den treuen Gefährten pries, der ihn in den Stunden der größten Gefahr nie verlassen habe. Du kennst ja den Braven schon aus meinen Briefen, fügte er hinzu. Wenn er will, soll er sein Lebelang bei uns bleiben. Ich bin sein Schuldner; er ist mein Freund und die ehrlichste Haut von der Welt.

Goin stand bei dieser Lobrede verwirrt, das Gesicht verschämt zum Lachen verzogen, da; noch mehr noch, als Frau von Schauenstein seine knorrige Hand mit ihren zarten Fingern berührte und ihn in den zärtlichsten Ausdrücken begrüßte. – Ach, nein doch! ließ er sich endlich vernehmen; glaubt kaum die Hälfte von dem, was der Hauptmann sagt. Es ist nicht halb so arg, gnädiges Fräulein, oder auch, mit allem Respekt zu melden, gnädige Frau, oder was Ihr seid. Der Herr Hauptmann will mich am Ende gar zu seines Gleichen machen. Das schickt sich aber zusammen, wie Karrenschmiere und Rossoli. Ich weiß am besten, wer in meiner Haut steckt, und daß ich etwas nach der Kaserne und dem Kuhstall schmecke. Also fort damit, und nehmt's, wie ich's geben kann.

Was bringst Du mir, Uli? unterbrach ihn Flavian. Einen Brief?

Zwei für Einen, lautete die Antwort. Ich lief im Zwielicht mit den Andern blindlings nach dem Orte und vermisse Euch erst, als wir vor dem Wirthshause Zum goldenen Adler still hielten. Das Plappermaul, das Theresel, ließ mich nicht umschauen. Dann mußte ich zu Nacht speisen; dann hielt mich Fräulein von Stetten fest, weil sie, für einen Zettel der gnädigen Frau hier, einen andern zu schicken habe. Dann, als ich meines Weges ging, kam wieder das Theresel vor die Thüre hinaus, und gab mir diesen Brief für Euch, Herr Hauptmann. Ich möchte nur wissen, was in aller Welt das Ding mit Euch zu korrespondiren habe?

Sabine nahm das Billet, las es und sagte: Deine Reisegefährtin, Flavian, lehnt für heute unsere Einladung ab; will uns aber morgen Vormittag besuchen. Wir aber, denke ich, werden ihr zuvorkommen und sie mit uns nehmen.

Und ich, was habe ich da? rief Flavian, indem er die Adresse des empfangenen Briefes las: »Al illustrissimo, onoratissimo, Signore Flaviano.« – Wer kennt mich denn hier zu Lande? Wer, sagst Du, Uli, gab Dir den Brief? Therese?

Nun. Herr, wenn der Wisch nicht von ihr kommt, denn eine Italienerin ist sie doch nicht, so ist's, beim Donner! von dem Kerl, der im Dunkeln bei ihr vor der Thüre stand, und in seinem Rock mit dem Tressenkragen, so viel ich merken konnte, einem Bedienten auf's Haar glich. Das vorwitzige Ding macht es, wie alle Mädchen, und hat Kameradschaft in aller Herren Ländern.

Prevost riß den versiegelten Zettel auf, und las einige italienische Zeilen, folgenden Inhalts: »Mein Herr, es wird Ihnen meine Handschrift sagen, wer ich bin. Wenn wir auch feindselig aus einander gingen, habe ich Sie doch immer, als ein Mann von Ehre geachtet. Ich erwarte Sie morgen, um mich mit Ihnen zu verständigen, oder ich suche Sie, doch ungern, in Enneda auf. Mein Logis Goldener Adler in Glarus; Zimmer Nr. 12. M.« –

Sabine blickte fragend ihren Bruder an und sprach: Von wem geht Dir der Brief zu? Der scheint Händel zu suchen. Es klingt halb und halb, wie eine Herausforderung.

Das geht über meinen Horizont, äußerte der Schützenhauptmann. Ich kenne weder Handschrift noch Mann. Sahst Du andere Fremde im Gasthause, Uli?

Niemand, erwiederte Goin, als den schäbigen Bedienten, und dann, auf der Treppe, zwei französische Offiziere, denen ich nicht Lust hatte, lange in die Augen zu schauen.

Ich habe, meines Erinnerns, mit keinem Italiener etwas zu schaffen gehabt, sagte Flavian, oder Malariva müßte denn von den Todten auferstanden sein und hier umherspuken.

Nein, nein, fürchtet nichts, Herr Hauptmann, fiel Uli laut lachend ein. Wer einmal auf dem Rücken zum Hause hinausgetragen worden ist, kehrt auf eigenen Beinen nicht wieder um. Und was, Herausforderung? Ja, das klingt, wenn man endlich Ruhe zu haben denkt, wohl häßlich genug, wie des Pfauen Lied vor dem Regenwetter. Aber, beim Donner! Herr Hauptmann, wir wollen's erwarten; wir Beide sind auch noch da!

Man rieth hin und her; las die räthselhafte Aufforderung wiederholt; errieth nichts und ließ es dabei bewenden.

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