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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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48.
Die Stimme vom Himmel.

Sobald sie die schmale Ebene, welche der Linthfluß schäumend durchfließt, betreten hatten, und in nicht weiter Ferne den zierlichen Flecken Enneda, und dahinter den alten Kirchthurm des Hauptortes Glarus, zwischen den grünen Halden und Abhängen des Schilds und Frohnalpstocks und des hohen Glärnisch, erblickten, verließ das Fräulein von Stetten den unbequemen Sitz auf dem Pferde. Sie eilte, besorgt um das Befinden der leidenden Freundin, zur Bahre der stillen Clara. Als sie diese, in der Umhüllung ihrer Kissen, über alle Erwartung wohl gefunden hatte, wandte sie sich zum Schützenhauptmann.

Sie nahm seinen Arm, und sagte: Ich ziehe vor, diese kurze Strecke, in der Abendkühle, zu Fuß zu gehen. Clara ist ein liebes Kind, und so heiter, als wäre sie die Gesundeste von uns Allen. Kommen Sie, mir ist himmlisch wohl und leicht um's Herz, nun ich wieder stattliche Wohnungen, Blumengärten, angebaute Felder und blühende Obstbäume sehe, und das erquickende Leben und Walten einer civilisirten Welt um mich her fühle. Es ist mir fast zu Muthe, als erwachte ich von einem Traume gespenstischer Geschichten. Nun ja, der Seltenheit wegen ist's wohl der Mühe werth, das Leben da oben zu schauen. Man glaubt sich dort, unter der grauenhaften Pracht kahler Felsenspitzen und bleicher Gletscherdecken, auf denen der ewige Tod liegt, und bei den finstern Tannenwäldern, in die sich die Berge, wie in ein schwarzes Trauergewand, hüllen, ganz und gar zum Nichts geworden. Ein seltsames Land, Ihre Schweiz. Schrecken und Lust, Kraft und Milde, Zerstörung und Frieden, Alles neben einander, und verworren durch einander; ein phantastisches Quodlibet unserer Mutter Natur, und ohne Gleichen in der Welt.

Sie sind in liebenswürdiger Laune, mein Fräulein; recht poetisch und doch wahr. Rechnen Sie auch noch die hiesigen Menschen und ihre Vertheilung in allerlei kleine Gemeinwesen und Staaten, mit alterthümlichen, wunderlichen Formen dazu, die nun freilich insgesammt zerrissen und durcheinander gemengt worden sind.

O du heiliges, schönes Friedensland, seufzte Pauline, daß der Weltsturm auch dich ergreifen, und die Glückseligkeit deiner Thäler unerrettbar vernichten mußte!

Unerrettbar! Das klingt ja, mein frommes Fräulein, beinahe, als hätten Sie den Glauben an den Himmel verloren. Sogar der Blutregen ist Gottes Segen. Verzagen wir nicht. Wollten Sie sich mit der Geschichte der Schweiz ein wenig bekannter machen, dann würden Sie nicht ohne Erstaunen wahrnehmen, daß man, wie in anderen Ländern, seit Jahrhunderten, auch in diesem »heiligen Friedenslande« unaufhörlich zankt und rauft; bald um Dörfer, bald um Religionen, bald um Geldgeschäfte, bald um Gerechtsame; Sie würden anfangen, die Glückseligkeit dieser Thäler zu bezweifeln, wo ein zopfsteifer Stadtbürger-Adel, oder ein betitelter Gamaschendienst- und Lohnkrieger-Adel mit Priestern, Bischöfen und Mönchen um die Wette eifert, das arme, knechtische, zum Theil leibeigene Volk in seiner Dummheit niederzuhalten, um auf dessen Kosten zu lachen, von dessen Arbeit Wohlleben zu gewinnen, oder es in ausländische Kriegsdienste zu verhandeln.

Aber nein, Herr Hauptmann, wie sprechen Sie? Ihre Schweiz war ja von jeher eine Republik!

Ganz gewiß, meine Gnädige, ungefähr wie die polnische Republik, wo Adel und Priesterschaft Alles, und das Volk Null war; ja, noch polnischer, als Polen, wo doch wenigstens nur ein Staat und mit einem königlichen Haupte bestand. Hier aber hatten wir, der Himmel weiß, fast so viel Republiken, als Thäler; so viel Häuptlinge, als Aebte, Priester, Stadt- und Dorfmagnaten; so viel politische Parteien, als Rathsherrnfamilien.

Hilf, Himmel, lachte Pauline laut. Dann lobe ich mir mein Oesterreich und meinen Kaiser. Wäre ich nur mit der armen Clara erst wieder heil und glücklich nach Wien zurück. Ich sollte eigentlich nicht so leichtsinnig-fröhlich sein; denn ich bin noch nicht aller Gefahr entronnen. Ringsum nichts als Kriegsgetümmel, ringsum der Weg von Armeen versperrt; und meine Clara bedarf so sehr der Ruhe und Pflege. Da stehen wir schutzlos in fremden Ländern, und hätte ich Sie nicht, mein Freund, gefunden, – ja, erlauben Sie, daß ich Sie so nenne, denn Sie sind es – – –

Er drückte sanft, wie zum Danke, ihren Arm an sich, und sagte: Wenn ich mich wirklich dieses Glückes freuen darf, so, hoffe ich, werden Sie mich meiner Dienste noch nicht entlassen wollen.

Sie von mir entlassen? wiederholte sie seine Worte mit flehentlichem Blick und Ton. Nein, haben Sie mit uns beiden Verlassenen noch einige Zeit Erbarmen. Zwar bin ich schon Ihre große Schuldnerin, aber Ihre Güte macht mich unersättlich, Schulden bei Ihnen anzuhäufen, wenn ich gleich nicht weiß, wie ich sie jemals abzahlen soll.

Und, Fräulein, wohin darf ich Sie von hier begleiten?

Wohin? fragen Sie mich. Ich antworte seufzend: wohin mich das Herz zieht; wohin auch vielleicht, – nein, gewiß Ihr eigenes Herz Sie zieht. Ihre ahnungsvolle Erscheinung in Disentis sagt mir's, Sie werden, Sie sollen das Fräulein von Marmels noch einmal wiedersehen. Das Trauerkleid, der schwarze Flor jener Erscheinung bedeutet Elfriedens Seelenschmerz, Sie verkannt, Sie betrübt, doch nicht vergessen zu haben. Sie zeigte Ihnen wohl die Rose von Disentis, behielt sie aber und gab sie nicht zurück. Ja, lieber Freund, Sie wurden von ihr verkannt; aber, gestehen Sie nur, haben Sie selbst nicht auch Elfriede bis vor wenigen Tagen schwer verkannt? Und doch, war es nicht Ihrer Beider Schuld? Und wagte ich mich nicht selbst in die gefährlichen Reise-Abenteuer, die ich freilich von solcher Art nicht erwarten konnte, nur um Ihre Verzeihung für Elfriede mit heimzunehmen?

Als sie so sprach, wurde Flavian unruhig. Er sah, eine Antwort suchend, mit irrem Blicke umher, athmete schneller, und rief mit bewegter Stimme: Nur Verzeihung? Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Elfriede, ja, sie ist und bleibt mir ewig – – – aber, warum wenden Sie wieder das Gespräch auf sie? Warum erwecken Sie sogar Hoffnungen? Nein! es ist unfreundlich von Ihnen.

Unfreundlich, und nenne ich Sie doch meinen Freund? – Unfreundlich? und bin doch Ihre Schuldnerin, die gern vergelten möchte. Wohlan, ich will die Vergeltung versuchen. Hören Sie mich. Sie lieben meine junge Freundin; jede Kluft zwischen ihr und Ihnen ist verschwunden. Sie sind geliebt; Sie waren es selbst da noch, als des Grafen Malariva schwarze Kunst den Heiligenglanz ziemlich verwischt hatte, der Sie in den Augen des Mädchens umgab und jetzt wieder umgiebt. Und fordern Sie den Beweis von mir, so sollen Sie ihn, wenn Ihnen daran gelegen ist, nach unserer Ankunft in Glarus, zu jeder Stunde erhalten. Ist Ihnen daran gelegen?

Alles! rief Flavian, und blieb vor ihr stehen, ergriff mit Inbrunst ihre beiden Hände, blickte sie träumerisch an, und seufzte leise, wie mit wehmüthigem Vorwurf: O, was wollen Sie wieder aus mir machen?

Nicht still gestanden! Kommen Sie, mein Freund; unsere Gesellschaft ist uns zu nahe. Ich habe Ihnen noch viel zu sagen. Darf ich hoffen, daß Sie mich zu der verlassenen Elfriede begleiten werden?

Wie gern! – Doch, Fräulein, dürfen wir's wagen in dieser Zeit? Wie sollen wir nach Wien kommen durch die Menge der Heeresmassen von Holland bis Italien? Und Ihre kranke Reisegefährtin! Harren wir geduldig auf einen günstigeren Augenblick. Folgen Sie mir einstweilen in ein schönes Asyl am Fuß der Vogesen, wo meine – – –

Habe ich, fiel Pauline lebhaft ein, habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß unsere herrliche Frau von Castelberg, während Sie, Herr Prevost, krank waren, mit Ihrer Frau Schwester in Briefwechsel trat? daß Ihre Frau Schwester von Ihrer Güte unterrichtet ist, mich und meine kranke Gefährtin nach Glarus und durch die Schweiz zu begleiten? daß sie so gütig war, mich einzuladen, bei – – – O ich verwirrtes, vergeßliches Geschöpf! Verzeihen Sie meine Gedankenlosigkeit; aber wir sprachen uns auch bisher so selten, und kannten uns einander noch zu wenig.

Fräulein, Fräulein, Sie führen mich von einer schönen Ueberraschung zu der anderen, rief der Schützenhauptmann mit frohem Erstaunen. Nun erst gab's rasch Frage auf Frage, Antwort auf Antwort, während die kleine Karavane langsam ihren Einzug in dem niedlichen Marktflecken Enneda hielt. Haus für Haus zeugte hier von Wohlstand, Reichthum und Gewerbthätigkeit. Mit Wohlgefallen betrachtete das Fräulein von Stetten, so viel es die Abenddämmerung gestattete, die sauberen Gebäude, hier und da von kleinen Gärten umgeben.

Doch plötzlich ließ Prevost ihren Arm, und stand wie festgewurzelt auf der Erde. Er hatte irgend woher, von oben herab, seinen Namen rufen hören, und die Stimme schien ihm wohlbekannt. Er starrte Pauline erschrocken an. Bin ich wahnsinnig? bin ich bezaubert? lallte er.

Flavian, bist Du es? o Flavian! klang abermals ein weiblicher Ton, wie eine Stimme vom Himmel, in seine Ohren.

Er schaute aufwärts und sah zwischen Blumen, die in Geschirren ein Fenster halb verdeckten, ein Gesicht. Verzeihung, Fräulein, sagte er hastig, fast athemlos; gehen Sie, gehen Sie – – – Glarus – – – Goldener Adler also – – – Ich folge bald, im Augenblick – – – Er vollendete nicht; sprang eilig davon, über die Brücke des Baches, in die offene Thür einer nahestehenden Wohnung und verschwand.

Pauline blickte ihm betroffen nach; zögerte unentschlossen eine Weile; schüttelte etwas befremdet das Köpfchen, und ging, beinahe ein wenig unzufrieden, der übrigen Reisegesellschaft entgegen.

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