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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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47.
Die Wanderung im Sernftthal.

Sobald Beide die Reisegesellschaft erreicht hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Pauline wandelte die kurze Strecke des rauhen Weges, bis zur letzten Höhe, in Unterhaltung mit der kranken Dulderin, zu Fuß. Flavian nahm inzwischen den redseligen Tavetscher über das Wiener Nannerl in strenges Verhör. Doch des Neuen vernahm er wenig.

Nannerl, meinte ihr gewesener Anbeter, mag auch wohl die Nannette Schröter gewesen sein. Weibspersonen ändern Rock, Gesicht und Namen, und bleiben, was sie sind, Erzkomödiantinnen. Die kleine Hexe hat, wie den Grafen, wohl auch mich und ein Dutzend Andere hinter's Licht geführt. Schnürleib und Gewissen konnte sie jede Stunde an den Nagel henken, wenn's ihr zu enge wurde. Sie schluchzte zwar, wie eine bußfertige Magdalena, als sie mir, beim Abschiede, den leeren Geldbeutel zum Andenken gab und sagte: Nimm nur, er mahnt mich doch nur an nichts Gutes! – allein ich wette, sie hat gelacht und geliebäugelt, sobald sie sich auf dem Absatze umgedreht hatte.

Es wurde von Neuem Halt gemacht. Ein weiter Abgrund, von gewaltigen schwarzen Felsen eingefaßt und verschattet, der Boden mit körnigem Schnee hoch bedeckt, senkte sich, bei ziemlich schräger Abdachung des Berges, vor der kleinen Karavane nieder. Die Mannschaft versah die Füße mit Eisspornen; die hölzerne Tragbahre Clara's wurde in einen Schlitten verwandelt. Man stand vor dem Jäger-Schlunde.

Goin, Goin, Goin! schrie Therese, um ihr junges Leben zitternd, von ihrem Pferde herab. Komme Er mir zu Hülfe! Ich will nicht weiter, und lasse mir schlechterdings das Genick hier nicht brechen.

In der That war der Weg durch die schauerliche Kluft in dieser Jahreszeit nicht ohne Gefahr. Die beiden Damen bebten nicht minder, als ihre Zofe. Die Führer hielten die Pferde und den Schlitten zurück, schritten mit Vorsicht einher, und sprachen den Reisenden Muth ein. Langsam ging es über den Schnee hinunter in die Tiefe, wo sich die Felsengurgel, von hohen Kalk- und Thonschieferwänden ummauert, zum weiteren Schlunde ausdehnt. Links aus der Schlucht strömte ein Gießbach hervor, der das Schnee- und Eisgewölbe, über welches im tiefsten Schweigen die Reisenden den schlüpfrigen Weg niederstiegen, unterwühlte. Wie der galante Uli dem zaghaften Kammermädchen stets tröstend zur Seite ging: so begleitete Flavian abwechselnd bald das Fräulein von Stetten, bald die stumme Freundin derselben. Er wagte sogar, die Letztere anzureden. Ich beklage Sie, gnädiges Fräulein, sagte er, ich bewundere aber den seltenen Muth, bei Ihrem Unwohlsein, das Wagniß einer so mühseligen Reise zu bestehen.

Sie legte, einen Seufzer hauchend, die Hand auf die Brust, und flüsterte mit heiserer Stimme einige für ihn unverständliche Worte.

Fassen Sie Muth, fuhr er mitleidig fort; bald sind wir am Ende des gefährlichen Weges. Wenn Sie es mir gestatten wollen, bleibe ich Ihnen, als treuer Wächter, bis dahin zur Seite.

Sie nickte dankend mit dem Haupte, und zeigte mit der Hand auf einen immergrünen, niedrigen Strauch, der an einem Felsenvorsprung, am Fuße des Rinkenberges, aus dem Schnee hervor sah. Es waren Rhododendron mit rostfarbenen Blättern. Flavian brach einen Zweig, und überreichte ihn mit den Worten: Sie blühen noch nicht.

Aber bald, bald! Die Blätter leben; die Blätter grünen noch immer, flüsterte sie ihm leise zu, indem sie den Zweig nahm und dabei mit ihren kleinen, zarten Fingern seine Hand einen Augenblick festhielt und sanft drückte. Jeder Anderen würde er diese Herzlichkeit gern mit einem Handkusse vergolten haben; doch Ekel und Grauen befiel ihn bei dem Gedanken an ihr unheilbares Uebel. Der freundliche, unerwartete Fingerdruck aber durchschauerte ihn wunderbar. Er redete sie nun öfter an; statt der Antwort jedoch, zeigte sie auf ihren Hals, und ließ das verhüllte Köpfchen traurig hängen.

Die Grenze des Schneegefildes, wo an allen Seiten der Gebirge Wasserfälle, wie silbergewebte Tücher, im Winde flatterten, war jetzt erreicht. Bald gelangte man zu einem mit kurzem Rasen bewachsenen Berghange, dicht neben welchem, in Schwindel erregender Tiefe, drunten eine weit ausgedehnte Alpenlandschaft lag. In einem mit Lust gemischten Entsetzen verlor sich der Blick in dem sonnenhellen Abgrunde, über welchem Raben, klein wie Fliegen, in den Lüften schwebten, und in dessen Wiesengrün einzelne Sennhütten, wie Maulwurfshügel aussehend, lagen. Als man aber drunten endlich die schöne Wichleralp erreicht hatte, da erhob sich wieder fröhliches Jauchzen und muntere Gesprächigkeit. Uli Goin jodelte mit hohen Kehllauten das Echo wach; Flavian sammelte in den Matten Frühlingsblumen, die Damen damit zu schmücken, und das Fräulein von Stetten verließ das Pferd, um sich ihm zuzugesellen. Sie hatte noch viele Fragen an ihn, wie er an sie zu richten.

Unbefangen plaudernd, erzählte sie ihm jetzt, wie sie ihn im Schlosse Castelberg, in Begleitung der Dame des Hauses, um ein kleine, sehr verzeihliche Neugierde zu stillen, schon einmal besucht und gesehen habe. Er habe jedoch empfindungslos da gelegen, und als sie, nachdem Frau von Castelberg abgerufen worden, allein vor seinem Bett geblieben, den schwarzen Schleier zurückgeworfen hätte, um ihm von ihrem Busen eine blühende Hyacinthe anzubieten, wäre er, ohne sie seiner Aufmerksamkeit zu würdigen, eingeschlummert. –

Wie, Sie, mein Fräulein? rief er bestürzt. Muß ich die Erscheinung im Fieber nun als ein Gebilde der irren Phantasie anerkennen? Ich glaubte Elfriede zu sehen, die Rose von Disentis in ihrer Hand.

Also immer und überall Elfriede? lächelte Pauline etwas muthwillig. Gut, daß Elfriede nicht davon weiß, wie Sie jedes Frauenzimmer mit ihr verwechseln; des Mädchens alter Argwohn bekäme eine böse Bestätigung.

Argwohn? fragte er ernst, habe ich ihn je verdient?

Ja, mein schöner Herr, erwiederte sie, und blickte schalkhaft zu ihm auf. Solch ein Dorn, einmal im Herzen, läßt sich schwer wieder herausziehen. Wir Weiber dulden nicht gern andere Götter neben uns, geschweige Göttinnen.

Flavian schüttelte, düster ausschauend, den Kopf und murmelte: Argwohn. Mir. Sie kannte mich nicht. Sie war ein Kind, und ich kein Graf, kein Baron, kein großer Herr.

Nein, nein, lieber Freund, fiel Pauline ein, so arg beurtheilen Sie meine Freundin nicht. Von stärkerem Muthe und freier von allen Vorurtheilen sah ich noch kein Mädchen. Wissen Sie, was dieses Mädchen stolz und fest ihrer Stiefmutter erwiederte, als diese von ihrer standesgemäßen Vermählung sprach? Sie sagte: wäre ich eine Königin, ich würde einen geliebten Bettler festhalten; wäre ich eine Bettlerin, ich würde im Reiche meines Innern wenigstens selbstherrliche Königin bleiben. Ich lasse mich von Niemanden an Niemanden verhandeln, und wäre er der Herr der Welt. Im Kloster ist's schöner und im Grabe besser, als mit gebrochenem Willen und Herzen in einem Kaiserpalast.

Ich weiß es, bestes Fräulein, ich weiß, in diesem Geiste sprach sie einst; und dann – – Doch ich war damals ein Wahnsinniger; übersah, wie sie, den Unterschied des Ranges, Reichthums und der Religion. Ich bin geheilt; meine tollen Kinderträume sind dahin. Ich kenne das arme Leben, und bin genügsam. Ich war ein phantastischer Weltstürmer, bin aber auch das nicht mehr.

Das waren Sie nie, lieber Hauptmann. Seien Sie nicht ungerecht gegen sich selbst. Wie Elfriede Sie gekannt hat, so fand ich Sie; vielleicht zu begeistert und gut für das Gute, ein wenig zu böse gegen das Böse.

Sie bezeichnen das schonend, mein Fräulein, was man gewöhnlich sonst herber zu betiteln pflegt. Ein unbesonnener, unerfahrener Knabe war ich, der die Welt nach seinen Idealen und Begriffen schulmeistern wollte. Aber ich war, was ich war, von Herzensgrunde, ohne Arg und Falsch; kein modischer Phrasenmacher und Faseler, den Mund von allem Heiligen und Edeln angefüllt, das Herz, wie bei der Masse unserer großen Geschäfts- und Staatsmänner, bis auf den Boden von Allem leer. Ich war Keiner von den politischen Schwindlern, wie man sie heutigen Tages in den Kaffeehäusern und Zeitungen lärmen hört; die mit ihrer grünen Weisheit alles Bestehende aburtheilen; die wirklichen Zustände nach ihrem Kopfe, nicht ihren Kopf nach der Wirklichkeit richten möchten, und schlechterdings mit ihrer fixen Idee eine Rolle spielen, eine Berühmtheit werden wollen, bis sie sich die Hörner an den festen Mauern der bürgerlichen Ordnung, die sie für Scheinwerk halten, abgerannt haben, und dann später wieder ihr Gegentheil werden, politische Windfahnen, Fürstenknechte, ehrsame Philister, eifrige Kirchengänger, so widerlich, wie abgelebte und abgeliebte Koketten, wenn sie Betschwestern werden.

Pauline sah ihrem Nachbar mit Verwunderung in die Augen, lächelte gutmüthig dazu und sagte: Ganz schön, was Sie da sagen; allerliebst! Aber es klingt beinahe, wie eine Vertheidigung gegen Vorwürfe, die Ihnen Niemand machte. Wozu das?

Damit Sie, Fräulein, Ihrer Freundin schreiben, Sie hätten mich nicht mehr als denselben gefunden, der ich in Wien war; sondern als Jemand, der sich bescheidet, die Kluft zwischen sich und Elfriede anzuerkennen.

Gut, Herr Prevost, ich werde ihr schreiben, Sie wären kein hochherziger Weltstürmer mehr, aber doch noch ein wenig Schwärmer.

Sie irren, Liebe. Das Eine oder das Andere zu sein, dazu fühle ich mich zu nüchtern. Seit ich vor zwei Jahren Wien verließ, bin ich zwanzig Jahre älter geworden. Glauben Sie mir's! Und ich komme eben aus einer Schule, in der ich innerhalb acht Wochen mehr gelernt habe, als seit acht Jahren aus meinen Büchern. Ich will nun, in irgend einem Erdwinkel, wieder Bauersmann werden. Das stehet bei mir fest. Um nicht von Bestien zerrissen zu werden, muß man sich in ihr Fell kleiden, oder flüchten, oder – – –

Hier wurde die Unterredung durch den Ruf der Führer gestört. Der Weg begann steil bergab zu gehen, und deshalb mußte das Fräulein das Pferd besteigen. Pauline gehorchte. Zwischen Bergen, die von allen Seiten immer höher zu wachsen schienen, zog man dem Bergdörfchen Elm, dem höchsten des Sernftthales, zu.

Zum Erstaunen unserer Reisenden, wurde am östlichen Saume des Himmels ein ungeheures Felsenbild sichtbar, wie es ihnen der Traumgott selbst im Schlafe nicht wunderbarer ausmalen konnte. Sie sahen zwischen den Riesensäulen und Pyramiden der hohen Kuppen des Fallzübers und Tschingels, eine weite, schneeweiße Wüste, und über dem blendenden Gletschermeere eine langgezogene mächtige Felsenwand, mehr, als das Werk von Cyklopen oder Titanen, und inmitten der riesigen Mauer, wie von menschlicher Kunst, eine kreisförmige Oeffnung gebrochen, durch welche der lichtblaue Himmel im vollen Glanze strahlte. Es war jenes berühmte Martinsloch der Alpen, in welchem sich, zur Frühlings- und Herbstzeit, die Scheibe der Morgensonne, wie in einem Felsen eingerahmt, den Bewohnern des Hochthals, einige Minuten lang zeigt. Und über und hinter dem dunkeln Felsen steigen, in seltsamen Gestaltungen, die Zinken, Kulmen und Firsten der Alpengipfel auf, acht- und neuntausend Fuß hoch, wie Thürme hinter dem Walle einer Riesenstadt.

Umsonst baten die Frauen, ihnen einen längeren Genuß des großen Schauspieles zu gönnen. Die dagegen gleichgültigen Männer von Panix erinnerten unbarmherzig an die schlechte Beschaffenheit des langen Weges durch's Sernftthal hinab, und rasteten nicht, bis sie nach einigen Stunden das Ende desselben erreicht hatten. Da erschloß sich vor den Augen der Ermüdeten das offene Thal des Glarnerlandes in eigenthümlicher Anmuth und Majestät. Die abendliche Dämmerung hatte schon begonnen; nur die goldrothen Firnen der Höhen lächelten der untergegangenen Sonne noch einen freundlichen Abschied zu.

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